Ich durfte nicht scheitern

Jutta Allmendinger · Steffen Huck

JADu hast neulich über deine Herkunft getweetet – dass deine beiden Eltern nur neun Jahre zur Schule gegangen sind und dass du keine peers kennst, bei denen das auch so ist. Was hat dich zu dem Tweet bewogen?

SHIch hatte den Tweet einer jungen Professorin aus Texas entdeckt, deren Doktorprüfung ich in Oxford vor Jahren mit abgenommen hatte. Sie fragte, ob wohl jemand eine Liste von „first generation economists“ habe, also Ökonomie-Professoren, deren Eltern nicht zur Uni gegangen sind. Es stellte sich heraus, dass es tatsächlich eine solche Liste auf Twitter gibt, und ich habe mich mit aufnehmen lassen.

JAHast du auf der Liste Kollegen oder Kolleginnen gefunden, die du kennst?

SHEine Handvoll.

JAWarum ist dir das Thema wichtig?

SHDas beginnt mit meinem ersten Tag an der Uni. Der war ein Schock. Ich kannte Universitäten ja nur aus Spielfilmen, und in meiner Fantasie war das alles sehr harrypotterisch, wie man es heute nennen würde. Die Realität der Wirtschaftswissenschaften in Frankfurt am Main sah ganz anders aus: 1.000 Erstsemester in einem Hörsaal mit 600 Plätzen, eine chaotische Einführungswoche. Ich entschied sofort, meine Zeit an diesem Ort zu minimieren. Das war eine Stufe vor „Da geh ich nicht mehr hin“. Ich nehme an, bei dir war das anders.

JADas erzähle ich dir gleich. Erkläre doch erst, was du mit „Zeit minimieren“ meinst.

SHNaja, ich hab mir die Kurse so ausgesucht, dass ich nur zweieinhalb Tage pro Woche an die Uni musste. Nur zwei waren empfohlene Kurse für Studienanfänger, die anderen beiden waren für höhere Semester.

JAGanz schön mutig. Hätte auch das Aus sein können.

SHStimmt. Aber ich hatte von meinen Eltern ein gewisses Durchhaltevermögen eingeimpft bekommen. Und wusste, dass Zeit Geld ist – und das war ziemlich knapp. Aber jetzt bitte du!

JAMeine Mutter hatte Abitur, mein Vater auch. Das war damals sehr selten. Von den 1930 Geborenen haben gerade 6 Prozent der Männer und 3 Prozent der Frauen Abi. Meine Großeltern mütterlicherseits waren sehr gebildet. In meinen ersten Lebensjahren lebten wir in deren Haus. Mein Wiegenlied war Schillers Lied von der Glocke. Ich erinnere mich an sehr frühe Besuche im Nationaltheater Mannheim. Im Rückblick würde ich sagen: Ich hatte das Abi schon pränatal in der Tasche.

SHDu musstest nichts dafür tun?

JAWeniger als andere, das glaube ich schon. Obgleich oder gerade weil auch bei den in den 1950er Geborenen das Abi die Ausnahme war: 15 Prozent der Männer und 13 Prozent der Frauen. Bei mir gab es Zeiten, in denen etwa Sport viel wichtiger war als die Schule. Das Leben von Kotzebue interessierte mich sehr, ich suchte ihn sogar auf dem Friedhof, später gewann ich einen Preis des Bundespräsidenten Heinemann dafür. In der Schule aber gab es tatsächlich mal einen blauen Brief. Ich wurde dann auf Bewährung versetzt.

SHAuweia! Aber es ist noch mal gut gegangen.

JADie Lehrkräfte meinten, ich sei „nur“ faul. Ich bekam also einen Vertrauensvorschuss. In den Sommerferien habe ich dann freiwillig gelernt. Ich erinnere gut, dass ich in Französisch eine 6 in der letzten Arbeit vor dem Sommer und eine glatte 1 nach den Ferien schrieb. Gewundert hat das niemanden. Bei meinem Sohn war das genauso. Zuschreibung und Vertrauen brachten uns weiter, von Meritokratie keine Spur. Er kam durch, seinen türkischen Kumpels von der Vahr zeigte man die rote Karte. Oder sie mussten durchgängig so richtig gut sein. Sicherlich warst du das auch.

SHVolltreffer. Ab der dritten Klasse war ich immer Klassenbester. Und Jüngster. Nicht unbedingt eine ideale Kombination. Das heißt nicht, dass ich besonders viel gelernt hätte; ich hatte einfach begriffen, was für gute Noten zu tun war. Was außerdem wichtig ist: Die kurze Schullaufbahn meiner Eltern lag an den Umständen der frühen 1950er. Mein Vater hatte einen messerscharfen Verstand und ein phänomenales Gedächtnis. Und meine Mutter war voller Grit. Wir wissen heute, wie wichtig diese Kombination aus Ausdauer und Leidenschaft für akademischen Erfolg ist. Aufgrund meiner Schulnoten stand auch nie außer Frage, dass ich studieren würde – auch wenn niemand in der Familie so richtig wusste, was das bedeuten würde.

JADa ich deutlich älter als du bin, ist der Bildungsaufstieg bei dir um fast zwei Generationen verschoben. Bei meinen um 1900 geborenen Großeltern war das auch so. Hohe Bildung, scharfer Verstand, viel Grit, aber kein Abitur. Dieses erreichten dann ihre Kinder. Man müsste mal empirisch untersuchen, ob es erst eine Generation mit Talenten, aber ohne entsprechende Abschlüsse braucht, damit die Kinder dann höhere Bildungschancen bekommen. Soweit sind wir in der Bildungsforschung nicht. Jedenfalls lernen wir schon aus dem Vergleich zwischen uns beiden, dass es einen gewissen Anlauf braucht, schulisch aufzusteigen. Wie ging es dann bei dir weiter? Natürlich tut auch die Bildungsexpansion das Ihre. In deinem Jahrgang hatten bereits 25 Prozent der Männer und 27 Prozent der Frauen Abitur.

SHKritisch war der Moment nach den letzten Diplomprüfungen. Ich hatte keine Ahnung, was ich als Nächstes machen sollte, und meine Eltern waren so ratlos wie besorgt. Wenn der Betreuer meiner Diplomarbeit mir nicht kurzfristig eine Stelle angeboten hätte – keine Ahnung, was aus mir geworden wäre. Ich übersetzte damals nebenbei Kurzgeschichten für Diogenes und einen Roman für Haffmans. Vielleicht wäre ich dahin gedriftet, ohne genauen Plan, wie schon bei der Studienwahl. Ich wusste damals gar nicht, was VWL ist, und war, nachdem ich mich nicht zwischen Jura und Bauingenieurwesen entscheiden konnte, erstmal bei der BWL gelandet und habe erst später zur VWL gewechselt. Das war wie blind Darts spielen.

JADas ist ja so ungewöhnlich nicht. Lange Zeit wollte ich die erste Moderatorin des aktuellen sportstudios werden. Das lag wohl auch daran, dass ich meinen Papa exklusiv nur samstagabends beim Sportstudio hatte. Aus der Familie interessierte sich sonst niemand dafür. Ich kannte alle Tabellen jeder Sportart und wollte unbedingt darüber berichten. Aber dann kam Carmen Thomas, und das Interesse war futsch. Danach ging es wild durcheinander: Architektur, Biologie, Städteplanung, Psychologie interessierten mich, ich führte sogar ein Blumengeschäft. Sozialwissenschaften studierte ich dann, weil die Uni Mannheim hier einfach absolut Spitze war. Ich lernte unter anderem bei Wolfgang Zapf, dem späteren Präsidenten des WZB. Seiner Frau, der Stadtsoziologin Katrin Zapf, verdanke ich, dass ich bei der Soziologie blieb. Früh bat sie mich, ihre Hilfskraft zu werden. Meine Eltern ließen mich machen.

SHUnd wie war es dann bei deiner Promotion?

JAMeine Herkunft hat mir auch bei der Promotion geholfen – ich hatte eine Ahnung, wie das sein würde, meine Mutter unterstützte mich, auch wenn das Geld nach dem frühen Tod meines Vaters etwas knapp war. Ich bekam ein tolles Stipendium des DAAD. In Madison, Wisconsin, nähte ich Kleider, die ich gut verkaufte. Zeitweise trainierte ich sogar eine Fußballmannschaft. In Harvard wurde ich sofort Teaching und Research Assistant, war sichtbar und erhielt ein sehr kompetitives Stipendium. Ich war richtig gut. Hätte ich abgebrochen, wäre ich dennoch weich gefallen. Eine sichere Finanzierung ist entscheidend für den Studienerfolg – für alle. Daher müssen wir auch das BAföG dringend reformieren. Wie war das denn bei dir mit der Finanzierung?

SHMir hat meine Herkunft, glaube ich, auch enorm geholfen, und zwar weil es Zuhause kein Geld gab. Weil ich einfach wusste, dass ich hart fallen würde, wenn was schief ging. Mit der Entscheidung, das Studium durchzuziehen, war klar: Ich durfte nicht scheitern. Da gab es dann auch kein langes Trauern nach den ersten Niederlagen.

JAUnd wie ist das heute? Merkst du deine Herkunft im täglichen Geschäft noch immer?

SHHeute fühle ich mich oftmals noch immer unsicherer als ich viele meiner befreundeten Kollegen wahrnehme, von denen viele Professorenkinder sind. Aber vielleicht bilde ich mir das auch nur ein. Ich habe, ehrlich gesagt, noch nie darüber gesprochen.

JAAls Bildungsforscherin ist man natürlich auch unsicher.

SHWegen des Metablicks? Weil man weiß, dass Erfolg nicht unbedingt verdient ist und oft sozial vererbt, also zugeschrieben wird?

JARichtig. Ich weiß wirklich nicht, ob ich mich wie du durchgesetzt hätte. Sehr unwahrscheinlich, sagt die Statistik. Diese Dualität spielt eigentlich täglich eine Rolle.

SHNicht für uns. Der Stil, mit dem du das WZB führst, zeigt ja, wie fantastisch es sein kann, wenn man auf deiner Ebene das persönlich Idiosynkratische mit dem wissenschaftlich Abgesicherten verbindet.

JADanke für die Blumen, aber das Thema Stil bringt mich jetzt noch mal auf etwas ganz anderes, auf unsere Begegnung damals in Bayreuth, bevor du ans WZB gekommen bist, und deinen, nun ja, unkonventionellen Kleidungsstil. Ich weiß noch, wie du und deine Frau in derselben Reihe Platz nahmt. Damals war ich fest davon überzeugt, dass du damit Akzente gegen deine Herkunft setztest. Bildungsaufsteiger der ersten Generation passen sich ja meist besonders gut an, das kennen wir aus der Diversitätsforschung. Und in Bayreuth fragte ich mich: Warum trage ich selbst eigentlich ein langes Kleid? Wie konform ist das denn? Mit anderen Worten: Ich würde gerne auf das soziale und kulturelle Kapital zu sprechen kommen.

SHIn Bayreuth hat es mir tatsächlich immer besonderen Spaß gemacht, auffällige T-Shirts anzuziehen. Es galt die ganz strenge Regel, dass das goldene Abzeichen der Freunde nur getragen werden durfte, wenn es ordentlich konterkariert wurde. Das alles ist also recht bewusst erarbeitet. Als Teenager habe ich schrecklich darunter gelitten, nicht die Markenklamotten zu tragen, die die cool kids hatten. Da gab es diesen ganz starken Impuls zur Anpassung; diesen zu überwinden, einen eigenen Stil zu entwickeln, wird dann vielleicht zur Therapie.

JADer eigene Stil umfasst bei dir aber auch Luxus, richtig?

SHAbsolut. Da bin ich volles Klischee. Und je mehr bestimmte Formen von Luxus meine Eltern entsetzt hätte, umso besser. Aber du bist den schönen Dingen des Lebens ja auch nicht abgewandt, wenn ich das mal so sagen darf. Auch ein Regelbruch?

JAÜber Luxus wird kaum geschrieben. Eine Ausnahme ist Lambert Wiesing, er lehrt Philosophie in Jena. Deutlich arbeitet er heraus, dass Luxus ein Bruch mit dem Effektivitätsdenken sein kann, mit Angemessenheitsdenken, mit Zweckrationalität. Es geht um ein Lebensgefühl, darum, sich zu beweisen, ein Mensch und keine funktionierende Maschine zu sein. Mit dem Veblen-Effekt, also einem Distinktions- oder Geltungsbedürfnis, hat das dann wenig zu tun. Es ist eher eine ästhetische Erfahrung. Aber das Wort Regelbruch passt natürlich auch. Ich selbst mache und konsumiere ja vieles im Bruch mit meinen Ansichten darüber, wie Menschen leben sollten. Und im Wissen, wie wenige sich das leisten können.

SHDann eint uns ja eines, dass die totale Konsistenz des eigenen Handelns – zumal noch mit der Herkunft – unfassbar langweilig ist.