Rahmen
Ein Gespräch zwischen Stefan Heyne und Steffen Huck
Huck
In der Vergangenheit haben wir viel über ‚blur‘ gesprochen.
Heyne
Mit einem kleinen b …
Huck
Ja, mit einem kleinen b und nicht über Song 2. Aber da wir gleich schon bei Negation sind, ist es nicht interessant, dass es im Englischen ein positives Wort dafür gibt, während es im Deutschen negativ definiert ist – ‚Unschärfe‘, die Abwesenheit von Schärfe?
Heyne
Das stimmt. Und es erscheint mir als sehr deutsch, davon auszugehen, dass Schärfe das grundlegende Konzept ist. Man sieht das überall – diesen Drang, eine Linie zu ziehen. Die im Eigentlichen doch immer eine Grenze markieren soll.
Huck
Grenzen zu markieren scheint eine deutsche Stärke. Die Regierung Merz praktiziert das ja gerade konsequent gegen den Geist von Schengen.
Heyne
Allerdings. Und Konsequenz ist ja die deutsche Tugend schlechthin. Wir scheinen sie für alles zu brauchen – Kommunikation, Verhalten, Bürokratie, Gesetze. Überall mögen wir sehr klare Grenzen. Sie geben uns Orientierung, indem sie die Umgebung überschaubar aufbereiten. Sie ermöglichen Vergleich und Skalierung.
Huck
Ist das so? Wenn Grenzen hart sind, wird Skalierung doch eher erschwert. Weil es nur noch Schwarz und Weiß gibt und kein Grau. Und es ist ja genau das Grau, das Skalierung ermöglicht.
Heyne
Ja, ohne blurring, keine Nuance … Im deutschen Denken scheint immer eine rote Linie zu geben, eine Haltelinie oder eine gedankliche Linie im Kopf. Und entweder wird diese Linie überschritten oder nicht. Und wenn sie einmal überschritten ist, zieht man es voll durch… oder denkt das zumindest. Die Frage ist nur: Was genau zieht man dann durch? Denn so gesehen wartet ja hinter der nächsten Ecke schon die nächste Linie.
Huck
Konsequenz ist in der Praxis härter als in der Theorie.
Heyne
Absolut. Es ist ein deutsches Dilemma. Wir mögen scharfe Grenzen, und wenn sie überschritten werden, mögen wir die Eskalation.
Huck
In deiner eigenen Arbeit spielt Unschärfe eine Schlüsselrolle. Macht dich das zu einem eher undeutschen Künstler?
Heyne
Ich habe einen deutschen Pass und sicher bin auch ich kulturell im Sehen und in Sichtweisen geprägt. Aber wenn ich arbeite, also genau in der Zeitspanne des Arbeitens, spielt das eigentlich keine Rolle. Es geht sogar so weit, dass es mich eigentlich gar nicht gibt. In dem Moment bin ich das Werk, das ist eins. Es ist ja nicht so, dass es mich gibt und davon abgesondert ein Werk oder dass ich bewusst etwas tue. Ich weiß auch gar nicht, was genau ich tue. Ich überschreite einfach eine Grenze. Das passiert erst hinterher, wenn man von der Arbeit zurücktritt und anfängt zu reflektieren oder einzuordnen.
Huck
Wow. Das ist viel auf einmal. Und ich nehme Dir die Idee, dass Du erst hinter dem Werk zu Dir selbst findest, nicht ganz ab. Ich meine, Du triffst doch Entscheidungen. Winkel, Fokus, Belichtungszeit …
Heyne
Natürlich wähle ich all das. Mindestens scheint es so, wenn ich ein Stativ aufstelle und irgendwann den Auslöser drücke.
Huck
Es scheint so?
Heyne
Ja, genau, das ist das Gefühl. Bin ich es, der das Bild festhält, oder ist es das Bild, das ich sehe, das es mich festhalten lässt. Ursache und Wirkung verschmelzen im Moment des Klickens.
Huck
Die Unmöglichkeit, Ursache und Wirkung in einem Akt kreativen Schaffens auseinanderzuhalten, finde ich faszinierend, aber mein Gefühl sagt mir, dass wir das heute nicht komplett auseinanderdividieren werden.
Heyne
Ich hätte schon Lust, das zu diskutieren.
Huck
Ich auch.
Heyne
Ok, dann lass uns das festhalten für unseren nächsten Dialog,
Huck
Deal.
Heyne
Ich freu mich drauf!
Huck
Ich mich auch, aber lass uns erstmal diesen zu einem Ende führen. Und lass mich den Spieß an dieser Stelle noch einmal umdrehen und behaupten, dass Dein Werk in seiner schieren Konsequenz am Ende doch sehr deutsch ist. Du ziehst Ideen brutal durch – mit totaler Konsequenz.
Heyne
Das fasse ich erstmal als Kompliment auf.
Huck
So war es gemeint.
Heyne
Danke, aber es ist verbunden mit Zweifeln … Und an das Wort ‚brutal‘ denke ich nicht wirklich als erstes, wenn ich an meine Bilder denke.
Huck
Ich rede ja auch nicht über deine einzelnen Bilder sondern über dein Werk. Deine Bilder haben ja in ihrem Inneren eher eine große Zartheit, die ihnen die Unschärfe verleiht.
Heyne
Auch das fasse ich als Kompliment auf.
Huck
Und so war es wieder gemeint. Aber ich sollte mit dem Bauchpinseln aufhören.
Heyne
Nee, mach weiter. Ich hab gar nix dagegen.
Huck
Die Zartheit deiner Bilder hört freilich an ihren Rändern auf. Deine Fotografien sind immer sauber gerahmt oder sehr bewusst ungerahmt. Ihre Unschärfe findet im Inneren statt.
Heyne
Die Außenkante ist das, was die Unschärfe im Inneren erst zulässt.
Huck
Wenn unser Gehirn ein Bild von der Welt erzeugt, hat es keinen Rahmen, obwohl es unvollständig ist. Wir sehen nicht nach hinten und wissen, dass wir es nicht tun. Trotzdem sehen wir keinen Rand.
Heyne
Guter Punkt. Aber was ist denn Vollständigkeit für Dich? Lässt sich das definieren?
Huck
Naja, Vollständigkeit ist am Ende an Kriterien geknüpft. Und diese Kriterien legen wir meistens vorher selbst fest. Es ist eine Art und Weise, die Dinge zu betrachten. Vollständigkeit steht der Unvollständigkeit gegenüber. Sie ist, um an unser erstes Thema anzuknüpfen, eine Art von Konsequenz. In den mathematischen Modellen, die wir Volkswirte typischerweise von der Welt zeichnen, ist Vollständigkeit üblicherweise trivial.
Heyne
Wie?
Huck
Entweder ist etwas in einem Modell, oder es ist außen vor.
Heyne
Ihr habt also auch Rahmen.
Huck
Immer.
Heyne
Kein Wunder dann, dass ihr manchmal Katastrophen nicht vorhersehen könnt.
Huck
In der Tat.
Heyne
Mir scheint, dass das ein größeres Problem für euch ist als für uns.
Huck
Das ist ein Missverständnis. Forschung ist nicht gleich Wettervorhersage.
Heyne
Kunst schon gar nicht. Aber ihr habt doch die Ambition der praktikablen gesellschaftlichen Relevanz. Ich zitiere aus eurem Statut: ‚problemorientierte Grundlagenforschung‘ heißt es da, sei euer Auftrag.
Huck
Korrekt.
Heyne
Wie kann das funktionieren, wenn eure Resultate immer Rahmen haben?
Huck
Nur durch intelligente Spekulation, wie es außerhalb des Rahmens aussieht.
Heyne
Das klingt wie Raten.
Huck
Ja, wenn wir uns politisch äußern, raten wir immer.
Heyne
Warum sagt das keiner?
Huck
Weil es niemand hören will. Ich gebe dir ein Beispiel. Wenn wir ernsthaft extrapolieren wollen, von dem, was wir in einem Rahmen womöglich nahezu perfekt verstehen, zur Welt außerhalb des Rahmens, dann geht das nur glaubwürdig, indem wir keine Punktvorhersagen treffen, sondern Bereiche angeben, die wahrscheinlich sind.
Heyne
Also nicht vorhergesagtes Wachstum 1% sondern irgendwas zwischen 0 und 2?
Huck
Genau. Und ‚irgendwas zwischen 0 und 2‘ könnten wir in den meisten Fällen mit recht großer Sicherheit vorhersagen, und wir könnten auch das Restrisiko beziffern.
Heyne
Aber niemand will das hören.
Huck
Niemand. Und Politiker schon gar nicht,
Heyne
Also sagt ihr, so – und genau so! – wird es sich außerhalb des Rahmens verhalten.
Huck
Nicht ich. Aber mich fragt auch niemand. Die meisten meiner Kollegen und Kolleginnen, die mit der Politik interagieren, finden sich aber mehr oder minder zu Punktvorhersagen gezwungen.
Heyne
Du hast mal ein Vorwort zu einem meiner Bildbände geschrieben, das den Titel ‚The Illusion of the Point‘ hatte.
Huck
Stimmt.
Heyne
Hast du dabei daran gedacht?
Huck
Nein.
Heyne
Aber es passt jetzt.
Huck
Ja. Und ich hatte auch nicht darüber nachgedacht, dass die Idee eines Punkts eng verwoben ist mit der Idee des Rahmens.
Heyne
Euklid.
Huck
Ja. Die ideale Welt.
Heyne
Ideal?
Huck
Ja, ideal – weil alles intern so konsistent ist, dass man sich die Frage nach einem Äußeren, das anders sein könnte, schlechthin nicht stellen mag.
Heyne
Euklid ordnet. Mit einem an der Oberfläche vollständigen Werkzeugkasten. Alle vorher definierten Teile sind da – zum Lösen aller vorher definierten Probleme. Da wir freilich miteinander reden und keine Skizzen austauschen, lass mich eine Frage noch stellen.
Huck
Ich bin gespannt.
Heyne
Was ist mit den Wörtern?