Westschnellweg. Ein Roman aus den späten Zwanzigerjahren. TEIL 1 Kapitel 1 Was zeigen die privaten Fernsehsender, wenn ARD und ZDF eine Hinrichtung übertragen? Es stellt sich heraus: genau nichts, schwarzer Bildschirm, Sendepause. Und so erreichen die beiden Anstalten öffentlichen Rechts eine Einschaltquote von 85%. Die restlichen fünfzehn, so meint man in Berlin, befinden sich vor Ort. Schon am Vortag kommt der Verkehr auf den Autobahnen zur Hauptstadt zum völligen Erliegen. In der Nacht sinken die Temperaturen unter null, es ist ein kalter April, Polizei und Armee im Dauereinsatz, Decken verteilen, Wasser verteilen, Snacks verteilen. Im Fernsehen Bilder von fluchenden Vätern neben ihren Fahrzeugen, frierenden Kindern auf den Rückbänken, weinenden Müttern. Eine sagt, sie wollten doch nur dabei sein und jetzt das. Zum Gendarmenmarkt haben es an die fünftausend geschafft. Die meisten harren schon seit 48 Stunden aus. Lutter und Wegner und Augustiner haben die letzten beiden Nächte Sperrstunde Sperrstunde sein lassen und rund um die Uhr bedient, ob sie dafür eine Erlaubnis haben, weiß keiner, aber der Bürgermeister sagt in einem Interview, es ist okay, so seien die Berliner, immer flexibel, immer gut gelaunt. Die Bedienungen sorgen dafür, dass niemand länger als zwei Stunden am Tisch sitzt, dann ist Schichtwechsel. Wer schnell war und gut betucht ist, hat sich in eines der Hotels eingemietet. Das Unlimited Champagne Package für zwei Nächte in der Opera Suite im Sofitel kostet 44.000 Euro, Getränke inklusive, man kann auch Cola trinken statt Moet. Fünf Minuten nach der Ankündigung des Berliner Senatssprecher, das Schafott käme auf den Gendarmenmarkt, hat es ein „Berliner Unternehmer aus dem Servicebereich“ gebucht, sagen die Medien; die BZ munkelt, es handele sich um einen Starfriseur. Die Hotels halten ihre Eingänge mit Sicherheitspersonal geschlossen, reinkommt nur, wer den richtigen Barcode auf seinem Handy zeigen kann, man will sich die Toiletten nicht versauen lassen, die Mangelware sind. Auf den Zugängen via Jäger- und Taubenstraße befinden sich jeweils ein Dutzend Dixieklos. Bei einer durchschnittlichen Verweildauer von ungefähr zwei Minuten pro Besuch wären das ausreichend viele, wenn jeder nur einmal alle sieben Stunden muss. Aber die Leute müssen öfter und länger, und so werden die Gehwege hinter den Plastikklos zum kommunalen Pissoir, unisex, ist eh klar, und das leistet seinen ganz eigenen Beitrag zur Volksfeststimmung auf dem Platz. Nur die Zapfhähne fehlen, aber die Schlauen haben vorgebeugt und Flachmänner und Thermoskannen mitgebracht. Glas und Dosen sind verboten, die Sicherheitskontrollen an den Zugängen zum Gendarmenmarkt streng, und auch aus den Restaurants lassen sie niemanden mit einem Glas vor die Tür. Im Rest der Stadt, so schätzen die Reporter der ARD, sind zweieinhalb Millionen Menschen auf den Beinen. Die meisten mit Smartphones in den behandschuhten Händen, um wenigstens Bilder im Livestream zu sehen. Auf Großbildschirme und Videoleinwände hat man verzichtet, was besonders unter jenen, die es zur Straße des 17. Juni geschafft haben, Enttäuschung auslöst. Was, keine Fanmeile? Dabei sind wir doch heute alle Fans des neuen Deutschlands. Natürlich gibt es auch Proteste, kleine Gruppen schwarz Vermummter, die mit Transparenten und Megaphonen an Menschenrechte und dergleichen appellieren. Am frühen Morgen ist Kramer von der halb gesungenen, halb gebrüllten Parole aufgewacht: „Menschen sind nicht einerlei, wir wollen wieder hundertzwei!“ Er steht auf und schaut aus seinem Schafzimmerfenster im zweiten Obergeschoß auf die Schumannstraße hinab. Aus dieser Perspektive lässt sich gut erkennen, wie die Polizei mit Demonstranten verfährt. Man treibt sie gegen eine Sperre, dann schließen sich die Flanken von hinten, und es wird geknüppelt, bis keiner mehr steht. Schließlich Abtransport in die bereitstehenden Gefängniswagen, die Versorgung der gebrochenen Schulterblätter und zertrümmerten Kniescheiben muss warten. Nur einen sieht Kramer, der Aufmerksamkeit von einem herbeigerufenen Sanitäter bekommt, den hat der Knüppel gleich zweimal im Gesicht getroffen, Ohnmacht und irgendwie mehr Blut, als aus einer Nase fließen kann. Kramer macht sich einen Kaffee, an Schlaf ist nicht mehr zu denken. Auch nicht mehr daran, selbst nach draußen zu gehen und sich Richtung Gendarmenmarkt durchzuschlagen. Als Reporter, wie er sich vorgenommen hatte. Als Berichterstatter, wenn nicht für jetzt, dann für später. Er schaltet den Fernseher an. Die ARD zeigt, wie ein großer auf eine Stahlplatte montierter Holzkasten auf die Richtstätte gerollt wird, die in den letzten beiden Tagen auf der Südseite des Platzes gezimmert wurde. In der Mitte des Gerüsts angekommen, wird die Stahlplatte mit dem Boden verschraubt. Der Holzkasten bleibt vorerst geschlossen. Er denkt, von den oberen Stockwerken des Hilton wird man ziemlich gute Blicke haben. Das ZDF sendet derweil Hubschrauberaufnahmen, die die Menschenmengen nicht nur in Berlin Mitte zeigen. Selbst auf dem Kudamm ist die Hölle los. Darauf folgt ein kleiner Geschichtsbeitrag: „Im kleinen Dorf Saintes, im Südwesten Frankreichs an der Charante gelegen, erblickt am 28. Mai 1738 der spätere Arzt und Politiker Jospeh-Ignace Guillotin das Licht der Welt …“ Kleine Geschichte der französischen Revolution, Sturm auf die Bastille, Jakobinerherrschaft, die „Notwendigkeit, Hinrichtungen effektiver und menschlicher“ zu gestalten; Schauergeschichten von Scharfrichtern, die weder beim ersten noch beim zweiten Mal mit der Axt richtig treffen, und die Anekdote von Anne Boleyn, die den Henker von Thomas More am Abend vor seinem Auftritt besoffen gemacht hat. Kramer fragt sich, was Anne Boleyn in dem Beitrag zu suchen hat, zumal er die Geschichte für apokryph hält, die Erfindung einer Fernsehserie. Jedenfalls, nach weiteren Schilderungen verschiedener Formen des Verhackens – stumpfe Klingen, amputierte Arme, zertrümmerte Schädel – endlich der Blick auf „Guillotins große Erfindung.“ Als der Sprecher ein weiteres Mal „effektiver und menschlicher“ sagt, schaltet Kramer auf SAT 1 um, um den ersten der schwarzen Bildschirme zu sehen; RTL, PRO 7, VOX, alles dunkel, alles aus. Ist das freiwillig oder verordnet? Protest oder Abschaltung? Für einen Moment überlegt er, seinen Freund, Hajo Sonnens, anzurufen, der ist Programmdirektor bei RTL und wird es ihm sagen können, aber dann weiß er die Antwort selbst. Die Bundesregierung will absolute Kontrolle über die Berichterstattung. Und da sie praktischerweise gerade die Verlängerung aller privaten Sendelizenzen prüft, wird eine persönliche Bitte des Kanzlers sicher gern erhört. Vor seinem Fenster fallen Schneeflocken, ein wenig später sind sie im Fernsehen. Es ist kalt genug, dass sie liegenbleiben. Nach zehn Minuten liegt das Schafott unter einer makellosen weißen Decke. Kramer stellt sich vor, wie frisches arterielles Blut sie bemalen wird. Es ist exakt zehn Uhr, noch zwei Stunden bis zum großen Auf- und Abtritt. Knapp 41 Jahre liegt die letzte Hinrichtung auf deutschem Boden zurück. Werner Teske, Hauptmann des Ministeriums für Staatssicherheit der DDR, verurteilt wegen Spionage und versuchter Fahnenflucht, wird am 26. Juni 1981 in Leipzig erschossen. Eine Geheimsache, nicht mal die Familienangehörigen werden informiert, nicht unüblich in der DDR, die in den vierzig Jahren ihrer Existenz 166 Todesurteile vollstreckt. Die letzten Hinrichtungen in Westdeutschland liegen 77 Jahre zurück. Am 7. Juni 1951 exekutieren die Amerikaner – die Rechtslage in der zwei Jahre alten Republik geflissentlich missachtend – noch einmal sieben Kriegsverbrecher in Landsberg, danach ist Schluss, und es gilt endgültig Artikel 102 Grundgesetz: „Die Todesstrafe ist abgeschafft.“ Es ist der zweitkürzeste Artikel der Verfassung, kürzer ist nur noch Artikel 31 („Bundesrecht bricht Landesrecht“), der Artikel 102 zur vollen Geltung bringt, bleibt die Todesstrafe doch zunächst Teil des staatlichen Arsenals in verschiedenen Bundesländern. Vor sieben Tagen dann der Beschluss des Bundestags, Artikel 102 zu streichen und die Verabschiedung des Gesetzes zur Änderung von Strafmaßen auf Antrag der Bundesregierung. Es besteht aus nur drei kurzen Paragraphen: „§1 Auf Antrag der Bundesregierung können von Gerichten verhängte Freiheitstrafen von 10 Jahren und mehr in die Todesstrafe umgewandelt werden. §2 In besonders begründeten Fällen kann der Bundeskanzler eine öffentliche Hinrichtung beantragen. $3 Über die Methode der Hinrichtung entscheidet die Bundesregierung.“ Noch am Nachmittag erteilt der Bundesrat seine Zustimmung, und mit der Unterschrift der Bundespräsidentin, Johanna von Steinwangen, tritt das Gesetz am Abend des 3. Aprils 2028 in Kraft. Es ist ein flott konstruiertes Gesetz, eines das zu Verfassungsklagen einlädt, und Karlsruhe hat noch am nächsten Tag deren dutzende erhalten und in einem Eilbeschluss verfügt, dass das Gesetz bis auf eine weitere Prüfung, für die man sich Zeit nehmen müsse, Bestand habe. Der Sprecher des Bundesverfassungsgerichts spricht von einem Zeitraum von zwölf Monaten, die die weitere Prüfung in Anspruch nehmen würde. Üppig Zeit, es schon mal zum Einsatz kommen zu lassen, und der Antrag der Bundesregierung, die lebenslange Freiheitsstrafe für Shirin Fakhoury, die mit einem jordanischen Christen verheiratete Schwester Mohammed Al-Rashids, in die Todesstrafe zu verwandeln, folgt auf den Fuß. Das Wort Antrag ist freilich einigermaßen irreführend, denn es gibt niemanden, der dem Antrag zustimmen müsste, eben so wenig dem Antrag des Bundeskanzlers, Shirin vor den Augen der Bürgerinnen und Bürger des Landes zu exekutieren, und zwar mittels einer modernen Guillotine. Wie es der Zufall will, habe Thyssen-Krupp in den letzten zwölf Monaten eine solche entwickelt, vermelden die Medien, „effizient und hochmodern.“ Kramer fragt sich, was das wohl heißt, hochmodern – Laser statt Stahl? Das wäre doch irgendwie gegen die Tradition von Thyssen und Krupp, und wie die Fernsehbilder jetzt zeigen, ist die Firma ihrem Erbe auch treu. Der Holzkasten ist weg, die Kamera zoomt auf eine stählerne Klinge. Shirin Fakhoury ist der Bildung einer terroristischen Vereinigung und der Beihilfe zum Mord in zehn Fällen schuldig gesprochen worden. Ihr Strafmaß: zwölf Jahre Freiheitsentzug, gerade genug für die Änderung auf Antrag. Die Beweislage ist dünn, ihr Verschwinden in den Untergrund zwei Tage vor der Veröffentlichung des Bründlmayr-Berichts noch die beste Evidenz. Kritiker sprechen von Sippenhaft, was Justiz und Bundesregierung von sich weisen. Gleichzeitig bereitet das Justizministerium Gerüchten zufolge ein Gesetz vor, dass Sippenhaft zum legalen Instrument der Strafverfolgung machen soll. Von der „Assoziation aufgrund enger familiärer Bande“ ist mitunter die Rede, ein Ausdruck den der Kanzler selbst in leicht abgewandelter Form in seiner Weihnachtsansprache verwandt hat: „Es sind die familiären Bande, die wie nichts sonst dem inneren Zusammenhalt unserer Gesellschaft dienen, die wir fördern und nutzen müssen, um unser Land wieder neu aufzustellen. Nichts ist stärker als die Familie, weswegen wir sie fördern, wo immer sie die Grundfesten unserer Demokratie stärkt, und weswegen wir sie auch dann als Ansatzpunkt nutzen müssen, wenn sie sich aufgrund eines pervertierten Glaubens gegen uns stellt“ so Kurt von Guthügel zum Fest des Friedens. Plötzlich kommt es zu einem Handgemenge vor dem Französischen Dom. Zwei junge Frauen haben ein Transparent entrollt, auf dem „Hinrichtung ist Mord!“ steht. Sie werden niedergerungen, ob von Polizisten in Zivil oder braven Bürgern lässt sich nicht sagen, aber die Frauen sind nicht ohne Helfer und binnen weniger Sekunden prügelt sich eine größere Gruppe. Dann fallen zwei Schüsse, und es kehrt wieder Ruhe ein. Am Abend berichten die Nachrichten, dass eine der beiden Demonstrantinnen, eine gewisse Nele Schneider, 34 Jahre alt, aus Leipzig, ihren Verletzungen erlegen sei, beide abgefeuerten Schüsse hätten sie getroffen, der erste in den Oberschenkel, der zweite in den Bauch. Der Berliner Polizeipräsident habe die Wachsamkeit der Scharfschützen gepriesen, der Tod Frau Schneiders sei zwar bedauerlich, die Schützen hätten aber Schlimmeres verhindert. Auf dem Platz sorgen die Schüsse für ein paar Minuten für Unruhe, dann führen Schneeflocken und Flachmänner wieder zur Beruhigung, und die Kameras, die kurz den Tumult eingefangen haben, richten sich wieder auf die Bühne, auf der jetzt einige Helfer den Schnee wegkehren. Doch kein Pollock auf weiß. Vor der Bühne befinden sich vier Stuhlreihen, jeweils vierzig Stühle breit, mit zwei Gängen, die die Reihen in Blöcke dritteln. Ein Mittelgang hätte es für die Logistik auch getan, aber man will ja nicht die besten Plätze opfern. In Theatersälen hat sich Kramer, als er jünger war, das oft gefragt – warum man ausgerechnet auf die Mittelsitze mit dem besten Blick verzichtet, und er musste vierzig werden, um es zu verstehen: weil nichts besser ist, als ein zweitbester Blick gekoppelt mit dem schnellsten Weg nach draußen. Sei es wie es sei, heute bringen die Privilegierten offenbar genug Zeit mit, und die besten Chancen auf einen Blick in die Augen Shirins hat man nun einmal genau in der Mitte. Die Stühle sind mit einer Plastikplane verhängt. War die auch schon am Morgen da? Oder hat man sie, als der Schnee anfing zu fallen, schnell aufgezogen? Kramer kann sich nicht erinnern. Der Sprecher der ARD spekuliert derweil über die Gästeliste. Es ist unklar, wer aus der Topriege kommen wird. Nur der Regierende Bürgermeister ist confirmed. (Der Sprecher sagt tatsächlich ‚confirmed‘. Auch das wird sich auch ändern müssen, denkt Kramer.) Shirin ist – wie ihr Bruder Mohammed einst – Firmenanwältin in New York gewesen. Für Freshfields Bruckhaus Deringer hat sie gearbeitet, eine der fünf größten Anwaltskanzleien der Welt. Ihre Spezialität sind Firmenübernahmen, insbesondere sogenannte management buyouts. Ein Jahr vor ihrer Verhaftung ist sie Partner geworden mit einem garantierten Fixum von zwei Millionen Dollar. Sie ist verheiratet mit einem Kollegen, Samir Fakhoury. Die Eheschließung mit einem Christen war ungewöhnlich, aber von beiden Familien unterstützt. Sie haben drei Kinder, zwei Töchter, Julie und Mary, und einen Sohn, Francis – drei, fünf und sieben Jahre alt. Zwei Tage vor der Veröffentlichung des Bründlmayr-Berichts – genau 16 Tage nach dem Anschlag im Wappensaal des Roten Rathaus – nimmt Shirin einen Flug von New York nach Tel Aviv, von wo sie sich mit einem Taxi nach Nablus in die von Israel besetzte Westbank durchschlägt, um dort bei Freunden von Verwandten unterzutauchen. Anderthalb Jahre lang bleibt sie dort mit nur geringstem Kontakt zur Außenwelt. Mit Mann und Kindern tauscht sie alle vierzehn Tage verschlüsselte Emails. Dann erreicht sie im November 2027 die Nachricht, dass ihre Tochter Mary an einer seltenen Form akuter lymphatischer Leukämie erkrankt sei und womöglich nur noch wenige Tage zu leben habe. Noch am selben Tag bucht sie sich auf einen Flug von Tel Aviv nachhause, via London mit British Airways, und vielleicht hätte sie ihre Tochter noch gesehen, wenn das Wetter in London nicht so schlecht gewesen wäre. Die Amplitude des Jet Streams, der eine sinusförmige Kurve über Nordeuropa beschreibt, deren Ausschlag an normalen Tagen bis Edinburgh reicht, hat sich in den letzten Jahren oft verlängert, um ungewohnt harsches Wetter nach Südengland zu treiben. An diesem Tag ist der Ausschlag extrem, und es tobt ein exquisiter Wintersturm über London mit Gewitter und Hagel und orkanartigen Winden, und kurz bevor Shirins Flug den Ärmelkanal erreicht, wird er umgeleitet – zunächst nach Paris. Als sich die Maschine im Landeanflug auf Charles de Gaulle befindet, hat der Sturm jedoch auch Ile-de-France erreicht, und der Airbus wird erneut umgeleitet, diesmal nach Düsseldorf, wo die Sonne lacht. Shirin wird noch am Flughafen festgenommen und am nächsten Tag als Untersuchungsgefangene in Moabit eingeliefert. Ihre Tochter stirbt am Tag ihres Prozessauftakts. Jetzt steht ihr eigener Tod bevor, in genau 70 Minuten, die Plane über den Stuhlreihen ist gelüftet, die Ehrengäste treffen ein und werden zu ihren Sitzen geleitet. Es hat aufgehört zu schneien. Der Regierende Bürgermeister, Moritz Meier, ist unter den ersten prominenten Ankömmlingen. Er hat einen Platz im Mittelblock der ersten Reihe. Seine Frau begleitet ihn. Schon einmal ist Regierender der Hauptstadt gewesen, bevor ihn sein Parteikollege, Mohammed Al-Rashid, abgelöst hat, worauf Meier – ein karriereerhaltender Schritt, wie sich später erweist – prompt die SPD verlassen hat. Er trägt ernst Miene, lächelt aber in die Kamera, als er sie sieht. Kramer fragt sich, ob der selbsternannte ‚Freund der Polizisten und Handwerker‘ die Schreiner fürs Schafott selbst ausgesucht hat. Oder vielleicht gar den Henker? Wie aufs Gedankenkommando spielt das ZDF (Kramer schaltet noch immer hin und her zwischen den beiden Kanälen, die senden) einen Beitrag ein, der von der Besetzung der Scharfrichterstelle erzählt. Der offizielle Name der Position lautet Erster Vollzugsbeamter des Landes Berlin. Dotiert ist die Stelle mit B2, einem Oberst der Armee vergleichbar oder dem Direktor der Bundesmonopolverwaltung für Branntwein. Das ZDF sagt, es habe über 1.500 Bewerbungen auf die Stelle gegeben. Dass sie noch vor Inkrafttreten des Gesetzes zur Änderung von Strafmaßen ausgeschrieben wurde, wird nicht erwähnt. Die Stellenausschreibung hatte hinsichtlich der Aufgaben des Amtsinhabers die Klausel „im Fall einer Wiedereinführung“ benutzt. Vierzehn Kandidaten seien in die engere Wahl gekommen, darunter ein Polizeipräsident, ein Gefängnisdirektor und ein Staatssekretär aus einem der neuen Bundesländer sowie ein Berliner Starfriseur. Der jetzt aus seiner Opera-Suite zuschauen muss, denkt Kramer. Aufwendige psychologische Tests seinen durchgeführt worden (verstehe ich, denkt Kramer) ebenso wie Fitnesstests (verstehe ich nicht, denkt Kramer). Nach einem ausführlichen Assessment-Center (noch ein Begriff, der der Ersetzung harrt) habe man drei Kandidaten in eine Endrunde geschickt, in der „Einfühlungsvermögen, technisches Know-how und juristische Kenntnisse“ die Hauptrolle gespielt hätten. Der Beitrag fährt fort mit einer Beschreibung des Amts, das in einer Stunde ausgeführt werden müsse. Nach ein wenig Drumherum und Rekursion auf die Geschichte der Guillotine und ihrer „modernsten“ Inkarnation durch Thyssen-Krupp, die die späte Nachfolge des deutschen Klavierbauers Tobias Schmidt angetreten haben, der einst in Paris die erste Guillotine gebastelt hat, wird klar, dass sich die konkrete Aufgabe des Ersten Vollzugsbeamten auf das Drücken eines Knopfs beschränkt. Das heißt, sollte die Maschine funktionieren. Für den Fall eines unerwarteten Versagens des Geräts, gäbe es präzise Anweisungen für einen „nicht minder würdevollen Verzug“, den das ZDF nicht näher beschreibt. Durchgesetzt habe sich in dem kompetitiven Auswahlprozess der Dresdner Arzt, Professor Dr. Karl Bastei, ein Unfallchirurg am Universitätsklinikum Carl Gustav Carus. Bastei sei 48 Jahre alt, auf Verletzungen der Wirbelsäule spezialisiert, verheiratet mit einer Sopranistin und Vater einer vierzehnjährigen Tochter. Der Beitrag endet mit einem Interview mit dem Henker persönlich, der Glatze trägt und von „Verantwortung“ und „Ehre“ spricht. Ob die vierzehnjährige Tochter vor dem Fernsehschirm sitzt? Oder gar vor Ort ist? Er hat inzwischen mindestens fünf Minderjährige gesehen, die auf den Stühlen Platz genommen haben. Und klar, wer will sich schon später mal von den erwachsenen Kindern vorwerfen lassen, dazu nicht mitgenommen worden zu sein. Um 11.25 trifft Karl Bründlmayr ein, jetzt Innenminister in von Guthügels Kabinett, zuvor Präsident des Bundeskriminalamts und Autor des Bründlmayr-Berichts, der schon knapp drei Wochen nach dem Anschlag im Roten Rathaus die Täterschaft von Mohammed Al-Rashid attestiert hat. Im Schlepptau hat Bründlmayr zwei männliche Begleiter, von denen einer vom Fernsehsprecher als technischer Leiter der Entwicklungsgruppe Guillotine bei Thyssen-Krupp identifiziert wird. Der dritte, nimmt Kramer an, der schwule Lover von entweder dem einen oder dem anderen. Man bringt eben doch die ganze Familie, wenn man irgend kann. Wie auch Kathrin Henkel, die Aussenministerin, die neben Bründlmayr Platz nimmt. Sie hat ihren Ehemann und ihre beiden Söhne, dreizehn und vierzehn, mitgebracht. Die erste Reihe ist fast voll. Nur zwei Plätze in der exakten Mitte sind noch frei. Gegeben das Protokoll, spekuliert der Fernsehsprecher, kann das nur heißen, dass sie für den Kanzler selbst und seine Frau Selena freigehalten sind. Einen Platz für ihre siebenjährige Tochter Constanze scheint es nicht zu geben. Aber dann die Überraschung: um 11.52 trifft nicht der Kanzler ein, sondern die Bundespräsidentin, Johanna von Steinwangen, in Begleitung von Frederick Paulson, einem dänischen Schweinefarmer, mit dem sie sich vor wenigen Wochen verlobt hat. Punkt 12 schlagen die Glocken vom Französischen Dom. ARD und ZDF sind jetzt gleichgeschaltet; beide zeigen die Totale des Platzes, Schnitt auf die Glocken, Schnitt aufs Schafott, Schnitt auf die Totale. Der ARD Sprecher spricht jetzt auf beiden Sendern. Kein Raum für Mehrstimmigkeit. Es tritt auf, Kornelia Schorf, Pressesprecherin des Regierenden Bürgermeisters. Drei Meter neben der Guillotine steht ein Standmikrofon, die Symmetrie der Bühne brechend. „Meine Damen und Herren,“ sagt Kornelia, die unter einem dunkelgrauen Mantel einen hellgrauen Anzug trägt, „ich begrüße sie zu diesem ernsthaftesten Geschehen. Wir nehmen ein Leben, und ich bitte sie um die entsprechende Würdevollheit.“ Kurzes Johlen im Publikum. Ob des schiefen Neologismus? Wohl kaum, denkt Kramer, und macht sich auf weitere Wortverhunzungen gefasst. Und fühlt sich schlecht, dass ihn selbst in diesem Moment noch Sprachmissbrauch empört. „Ich übergebe das Wort an den Leiter der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz, Bischof Dr. Hermann Bischof.“ Was? Schlesische Oberlausitz? Und Bischof Bischof? Kurz fühlt sich Kramer in einem Comedy Programm von RTL. Aber dann kommt Bischof Bischof, und sein Gesichtsausdruck sagt, das ist ernst, Junge, das passiert wirklich. Hier und gleich. Bischof Bischof spricht ein Vater Unser, es folgen Gedanken an die Opfer, die Kanzlerin und die acht anderen, die der Täter mit sich gerissen hat und die jetzt an der Himmelspforte stehen. Darauf ein kurzer Verweis auf die Bergpredigt, den der Bischof jedoch gleich wieder relativiert, denn es gelte auch – nun, was schon? – Auge um Auge, so habe der Herr gesprochen, und so sei es heute exekutiert. (Er sagt tatsächlich ‚exekutiert‘, man müsste sich das aufschreiben, denkt Kramer.) Der Täter – aus der Mitte Herrschaftsklasse, ein Saul der schlimmsten Sorte – habe sich selbst überführt, seiner Schwester und Mittäterin, Shirin, würde heute der Weg bereitet, sich vor Gott zu verantworten. „Sei der Herr mit ihr“ fügt er ominös und abschließend hinzu. Er tritt ab, und Kramer denkt, ein Berliner Bär wäre jetzt passend, dem Bischof auf den Füßen folgend. Statt dessen kommt Bürgermeister Meiers Kornelia noch einmal auf die Bühne. „Meine Damen und Herren“, sagt sie, „ich übergebe an den Ersten Vollzugsbeamten des Landes Berlin.“ Professor Dr. Karl Bastei trägt eine quasi-militärische Phantasieuniform. Ob es ein Komitee war, das sie entworfen hat? Dunkelstes grün, drei schwarze Schwingen auf der Schulterklappe. Bastei prüft die Apparatur auf der Mitte der Bühne und nickt dann einem Unsichtbaren zu, worauf der Star des Tages, die Person, auf die alle gewartet haben, um sie zu verabschieden – worauf Shirin Fakhoury das Schafott betritt, begleitet von zwei Wächtern, die sie seltsam inkongruent mit dem Anlass links und rechts eingehakt haben. Nun, es ist ein erstes Mal. Seit fast acht Jahrzehnten. Da kann auch in der Choreographie noch Spielraum nach oben bleiben. Die Wächter führen sie ans Mikrofon. Shirin kriegt einen letzten Satz. Sie sagt – mit amerikanischem Akzent und fester Stimme: „Möge Gott Euch verzeihen.“ Johlen, gereckte Mittelfinger, Unruhe auf dem Platz, die Stimme Kornelias aus dem off: „Ich bitte Sie, meine Damen und Herren, ich bitte Sie um Ruhe und Würdevollheit.“ Pfiffe. Dann Stille. Die Wächter führen Shirin Fakhoury zur Thyssen-Krupp Guillotine. Kapitel 2 Am Ende ihres Lebens noch einmal Richard Wagner und ganz zum Schluss: Christoph Martin Wieland. „Die Herren dieser Art blendt oft zu vieles Licht/Sie sehn den Wald vor lauter Bäumen nicht,“ zitiert Angela Merkel, den zwei überlebenden Augenzeugen zufolge, Wielands Musarion, um darauf hinzusetzen: „Meine Damen und Herren, wenn wir einen Fehler nicht machen dürfen, dann –“ Der Rest ist nicht Schweigen sondern ein Schlag, ein Knall, den man noch in anderthalb Kilometern Entfernung hört, Am Kupfergraben 6 zum Beispiel, gegenüber dem Pergamonmuseum, wo Joachim Sauer, der Ehemann Angela Merkels seit 27 Jahren, einen Abend mit der Lektüre der neuesten Ausgabe von Science verbringt, in der einer seiner Schüler einen Artikel veröffentlicht hat, der sich mit der Topologie von Zeolithen beschäftigt. Es ist der 22.2.2026, Angela Merkel befindet sich auf dem Höhepunkt ihrer Popularität und Macht. Vier Monate zuvor hat sie – mit zweistelligen Wachstumszahlen im Rücken, wie sie seit Jahrzehnten nicht mehr gemessen worden sind – eine sechste Amtszeit mit absoluter Mehrheit gewonnen. Längst vergessen die Krise von 2017, als sie sich mit Müh und Not in ihre vierte gerettet hat, das Land im Zweifel über ihre Flüchtlingspolitik, ihre einsame Entscheidung von 2015, eine Million von Krieg und Terror bedrohte Syrer ins Land zu lassen, missbilligt und verhöhnt, sie selbst von einer wachsenden neuen Rechten verfemt. Vier Jahre später sehen die Dinge schon wieder ganz anders aus, als sich nämlich andeutet, dass eine zwar technologisch herausragende aber fantastisch überalterte Volkswirtschaft nichts mehr braucht als den massiven Zufluss junger ehrgeiziger Arbeitskräfte. Es folgen Jahre mit zweistelligen Wachstumszahlen, die die deutsche Willkommenspolitik auch international in neuem Licht erscheinen lassen und der Kanzlerin internationalen Einfluss auf höchstem Niveau bescheren. In den Zwanziger Jahren wird sie zur mächtigsten Staatschefin der Welt und nutzt ihre Spielräume, um Frieden in Kurdistan und auch im Baltikum zu sichern und wird 2024 von vielen als diejenige gesehen, die den Sieg Michelle Obamas im US Präsidentschaftswahlkampf herbeiführt – jedenfalls kürt Time Magazine Merkel und nicht etwas Michelle zur Person des Jahres 2024, das zweite Mal, das Merkel die Ehre zuteilwird. Das erste Mal war 2015, als sie sich gegen den Trend und für Deutschlands Offenheit entschied, scheint lange in der Vergangenheit zu liegen. Deutschland jubelt, und Poster mit dem Cover des Magazins verkaufen sich wie warme Semmeln. Am Abend des 22. Februars sitzt die mächtigste Frau der Welt freilich im Rollstuhl. Drei Wochen zuvor hat sie den Französischen Präsidenten Francois Marchent in Paris besucht, der sie nach einem langen Tag, in dem es vor allem um das Verhältnis der EU zu Russland geht, auf einen Besuch ins Palais Garnier einlädt – zur Premiere einer Neuproduktion von Richard Wagners Rheingold, gespielt auf historischen Instrumenten, ein Wagnis, das zuvor nur Sir Simon Rattle, der ehemalige Chefdirigent der Berliner Philharmoniker in einem Konzert bei den Londoner Proms unternommen hat. Das liegt zwei Jahrzehnte zurück. Nach der Aufführung gibt Marchent noch einen kleinen Empfang im Grand Foyer des neobarocken Opernhauses mit ausgewählten Ministern, dem Dirigenten der Aufführung und sämtlichen Sängern. Canapés und Cristal 2005, aus dem ersten Jahr ihrer ersten Kanzlerschaft, wie Marchent betont. Nach einer Stunde Plausch Abmarsch über die Große Treppe, das architektonische Glanzstück des einstmals größten Theaterbaus der Welt, das inzwischen als überaus intim und deshalb für historische Instrumente besonders geeignet gilt. Auf der zweiten Stufe abwärts stolpert die Kanzlerin und fällt die nächsten zwanzig hinab. Im Krankhaus zeigt ein Röntgenbild, dass sie sich den rechten Knöchel gebrochen hat. Zuhause herrscht derweil das tollste Tohuwabohu – indirekt ausgelöst durch Mohammed Al-Rashid. Al-Rashid ist der steilste Politaufsteiger in Deutschland. Sohn palästinensischer Flüchtlinge, aufgewachsen in Berlin, hat er an Columbia und Harvard Rechtswissenschaften studiert, um darauf eine Karriere als Firmenanwalt zu beginnen. 2018 versetzt ihn seine Firma, Michelides & Co, von New York nach Berlin, um dort ein neues Deutschland-Büro aufzubauen. 2020 trifft er bei einem Galakonzert, das seine Firma sponsert, auf Johannes Stanz, den Vorsitzenden der Berliner SPD. Bei Häppchen in der Pause finden die beiden zueinander, manche sagen später auch sexuell, aber dafür gibt es, soweit Kramer weiß, keinerlei Evidenz. Beide sind schwul, ja, aber beide haben langjährige feste Partner. Stanz den in Bau- und Umweltrecht spezialisierten Berliner Anwalt, Matthias Blau, Al-Rashid den Tänzer, Mike McCallaghan, Ensemblemitglied der New York Ballet Company. Es ist der Anfang einer Freundschaft und der Auftakt zu Al-Rashids politischer Karriere. Stanz hat selbst einen gescheiterten Griff zur Macht in Berlin hinter sich. Nach einem gelungenen Coup gegen das Establishment der Berliner SPD scheitert der Richter im zarten Alter von 35 Jahren gegen den selbsternannten Freund der Polizisten und Handwerker, Moritz Meier, in einer Urwahl für an den Mitgliedern seiner Partei. Das ist eine Wunde, die sechs Jahre später verheilt ist. In der zweiten Amtszeit Meiers, die noch vergurkter ist als die erste, gewinnt Stanz den Landesvorsitz zurück und, als er Al-Rashid trifft und dessen Potential erkennt, heckt er einen Plan aus, der so gut in die Zeit passt, dass Meier, auch wenn er sich auf den Kopf stellt, nichts gegen ihn ausrichten kann. Al-Rashid ist schlagfertig und ironiebefähigt, kann aber beide Talente im Zaum halten, um Menschen mit einem samtenen Bariton, zart schmelzenden haselnussfarbenen Augen und einer sanften Tolle, die ihm gerne über die Hornbrille lappt, auf eine Weise zu becircen, die Stanz selbst nie gegeben war. Zunächst bietet der alte und neue SPD-Landesvorsitzende seinem Freund Al-Rashid den Posten seines Stellvertreters an, ein ziemlich großes Ticket für einen Quereinsteiger, aber Stanz braucht einen fetten Köder für jemanden auf einem Gehalt von dreieinhalb Millionen Euro. Und da das Berliner Abgeordnetenhaus Parlamentarier hat, die nur halbtags dienen, kann er obendrein noch einen Landtagssitz anbieten, der sich mit der Leitung des deutschen Michelides Büro vereinbaren lässt, und zwar in einem sicheren Wahlkreis in Kreuzberg. Mohammed Al-Rashid nimmt das Angebot an, und danach passiert alles schnell. Al-Rashid zieht als Abgeordneter in den Berliner Landtag ein und wird nach zwei Jahren zum Fraktionsvorsitzenden gekürt. Wenig später gibt er seinen hochbezahlten Job bei Michelides &Co auf, um 2025 als Spitzenkandidat der Berliner SPD für das Amt des Regierenden ins Rennen zu gehen. Das Timing hätte nicht besser sein können. Binnen Wochen wird Al-Rashid zum muslimischen Posterboy der gelungenen Integration, die das Land auf eine Weise vorantreibt, die nur jene noch kennen, die die Nachkriegszeit erlebt haben. Die SPD erreicht sagenhafte 42% in Berlin, am selben Tag, an dem Angela Merkels CDU im Bund die absolute Mehrheit erringt. Al-Rashids großes Thema, das ihm schon während des Wahlkampfs bundesweite Aufmerksamkeit beschert, ist die Forderung, allen anerkannten Flüchtlingen, die sich seit wenigstens fünf Jahren in Deutschland befinden und juristisch unbescholten sind, die deutsche Staatsbürgerschaft anzubieten. Johannes Stanz hat einen entsprechenden Gesetzentwurf ausgearbeitet, den Al-Rashid als Bundesratsinitiative auf den Weg einbringen will, ein Vorhaben das ohne Zustimmung der CDU geführten Länder zur Chancenlosigkeit verdammt ist. Das weiß Al-Rashid natürlich auch, und Kommentatoren vermuten, die ganze Sache sei nicht mehr als ein Trick, um Aufmerksamkeit zu erhaschen. Dann passiert aber das Unvorhergesehene: am 2. Januar 2026 gibt die Kanzlerin dem Stern ein Interview, in dem sie ankündigt, Al-Rashids Initiative zu unterstützen, sie werde ihre Richtlinienkompetenz für eine entsprechende Gesetzesinitiative der Bundesregierung einsetzen. Am 31. Januar, einen Tag vor ihrer Parisreise, tagt das Kabinett – in den Unterlagen eine leicht abgewandelte Variante des von Johannes Stanz geschriebenen Gesetzentwurfs. Das Kabinett beschließt, den Entwurf in den Bundestag einzubringen. Als Merkel am Mittag des 2. Februar in Berlin-Tegel landet, ist die erste Nachricht, die sie auf ihrem Handy liest (wie sie in einer Pressekonferenz am nächsten Nachmittag berichtet) eine SMS ihres Kanzleramtsministers, Frider Johanson, der sie darüber informiert, dass der Minister des Innern, Alois Keller, in einer Inpromptu-Pressekonferenz seinen sofortigen Rücktritt bekanntgegeben habe – aus Protest gegen das Gesetzesvorhaben zur Vergabe der deutschen Staatsbürgerschaft an Flüchtlinge. Ein Ministerrücktritt ohne die kleinste Vorwarnung ist ein Affront, wie ihn die Kanzlerin schon lange nicht mehr erlebt hat, und sie hüllt sich gute 24 Stunden in Schweigen. Dann am 3. Februar Pressekonferenz im Kanzleramt, die Kanzlerin im Rollstuhl. Sie trägt schwarze Hosen, ein grünes Jackett. Ihr Pressesprecher hat avisiert, dass sie nur ein kurzes Statement abgeben und keine Fragen erlauben werde. Sie eröffnet mit ihrem Bedauern darüber, dass Alois Keller das Vorhaben, den vielen Flüchtlingen, die Deutschland zu ihrem Zuhause gemacht haben, eine Perspektive als Staatsbürger zu eröffnen, nicht mittrage. Ein Bedauern über seinen Rücktritt folgt nicht. Stattdessen die Ankündigung zur Nachfolge Alois Kellers, die zur sensationellsten Personalie ihrer zwanzigjährigen Regierungszeit wird: neuer Innenminister würde Johannes Stanz. Sie freue sich auf die Zusammenarbeit mit „diesem exzeptionellen Kollegen“, der ihre „Vision für das Miteinander in unserer Gesellschaft“ teile. Ein Sozialdemokrat im Kabinett bei absoluter Mehrheit der CDU im Bundestag. Als Kramer davon auf Spiegel Online liest, zieht er den Hut, sie bleibt für Überraschungen gut, so leicht könnte sie ihr eigenes Erbe risikolos verwalten, noch vier Jahre bis zu ihrem 75., die letzte Amtszeit als Segeltour auf der Welle des Erfolgs, aber nein, in der Flüchtlingsfrage bleibt sie Visionärin, Antreiberin, fraglos einmal mehr einsam an der Spitze ihrer Partei, die sich sicher schon aufs Stühlerücken gefreut hat, auf eine ganze Kaskade von Beförderungen. Aber nichts da, es zieht der großgewachsene kahlköpfig kantige Richter in ihr Kabinett, der Architekt des Aufstiegs Al-Rashids, dessen Einfluss auf die Bundespolitik mit einem Mal nicht mehr nur indirekt ist. Die Bildzeitung titelt am nächsten Tag „Dreigestirn“ und druckt eine Archivaufnahme, die Merkel zwischen Stanz und Al-Rashid zeigt, alle drei lächelnd, das muss beim Bundespresseball gewesen sein. Am Abend des 22. sitzt die Kanzlerin zu Al-Rashids Rechten, Stanz ihr gegenüber. Es ist ein kleiner Kreis, den Al-Rashid im Wappensaal des Roten Rathaus versammelt hat, dort, wo einstmals der Berliner Landtag tagte. Der ursprünglich geplante Sektempfang im prunkvolleren Säulensaal ist gestrichen, da die Kanzlerin noch immer Rollstuhl sitzt. Stattdessen begeben sich die Gäste direkt zu Tisch und trinken dort ein Glas Cuvee Marie-Louise aus dem Hause Raumland. Die Weine des Abends sind nicht nur von Al-Rashid persönlich ausgesucht, sie stammen ausnahmslos aus seinem privaten Keller, wie Heiner von Brabingen, Al-Rashids Innensenator den Gästen nach dem ersten Glas Sekt beiläufig (aber zweifelsohne sorgsam orchestriert) erklärt – nicht dass jemand auf falsche Gedanken käme, man haushalte schließlich streng im neuen Senat. Auch derlei Details finden sich exakt rekonstruiert im Bründlmayr-Bericht. Von größerer Bedeutung ist natürlich die Sitzordnung, der der Bericht eine ganzseitige Abbildung widmet. Man sitzt an einem runden Tisch, Stanz exakt gegenüber Al-Rashid, zwischen den beiden jeweils fünf weitere Gäste. Zu Al-Rashids Rechten die Kanzlerin; ihr folgen Milos Savic, Sohn serbo-kroatischer Flüchtlinge, deutscher Staatsbürger, Stellvertretender UN-Flüchtlingskommissar; Esther Klausenbach, als Chefin der Berliner Senatskanzlei Al-Rashids rechte Hand; Frider Johanson, Merkels Kanzleramtsminister; und schließlich (links neben Stanz) Mischa Trüb, stellvertretender Bundesvorsitzender der CDU und CDU-Fraktionschef im Bundestag. Zu Al-Rashids Linken Kerstin Müller, Präsidentin des Bundesverfassungsgerichts; gefolgt von Anna Schowange, Stanz‘ Staatssekretärin im Innenministerium, die dieses Amt schon unter Keller innehatte; Martin Seibert, Präsident des Bundesamts für Flüchtlinge; Imogen Wehrle, die Bundesvorsitzende der SPD, und (rechts neben Stanz) Heiner von Brabingen. Zur Marie-Louise werden Nüsse aus der Westbank gereicht. Der erste Gang ist ein Spreewälder Gurkensüppchen, dazu zehn Jahre alter weißer Chateau Musar aus dem Libanon. Für den zweiten Gang können die Gäste zwischen zwei Arten von Krautwickeln wählen: eine ist gefüllt mit Freekeh, gerösteten Zwiebeln und Pinienkernen, die andere mit Hackfleisch vom Berliner Wollstein; zu beiden gibt es roten Chateau Musar aus dem Jahr 2000. Zur Nachspeise ist Baqdash vorgesehen, die populäre syrische Eiscreme, dazu kanadischer Eiswein, drei extrem rare Flaschen Royal DeMaria 2006. Ein leichtes und fein komponiertes Menu, elegant Lokales mit Arabischem kombinierend, mit einer kleinen Schlussverneigung vor Kanada, das in den Trumpjahren Europas atlantischen Beziehungen eine bedeutsam positive Note verliehen hat, inklusive des erfolgreichen Handelsabkommens CETA. Zunächst muss die Kanzlerin natürlich von ihrem Sturz im Garnier erzählen und davon, wie das Rheingold auf alten Instrumenten klingt. Sie tut das gut gelaunt, erwähnt, wie sehr der Gips sie nerve, aber zum Glück gäbe es ja Stricknadeln. Der Sound des Barockorchesters sei seltsam leicht gewesen, schon gleich im Vorspiel von ungewohnter Transparenz und Verletzlichkeit. Und von den Sängern habe es ihr vor allem Andreas Hörls Wotan angetan, so gut wie zuletzt nur Bryn Terfel, den sie leider nur in Aufnahmen gehört habe, und Rene Pape vor einem guten Jahrzehnt in der Berliner Staatsoper, als sie im Schillertheater residierte. „Aber“, sagt sie darauf, „erlauben Sie mir, jetzt mit Fricka zu schließen: Auf aus dem Träume/wonnigem Trug!/Erwache, Mann, und erwäge!” Und so findet der Abend zu seiner eigentlichen Bestimmung, und das Gespräch kreist rasch um den inzwischen noch einmal von Stanz‘ Ministerium revidierten Gesetzentwurf zur Staatsbürgerschaft für Flüchtlinge. Kerstin Müller referiert über mögliche verfassungsrechtliche Bedenken gegen den Entwurf und präsentiert ihre Argumentation, warum eine einfache Änderung von §10 StAG die rechtlich einfachste Lösung wäre, weil sie keinen Sonderfall für Flüchtlinge generiere. Milos Savic entgegnet, dass aber gerade der Flüchtlingsstatus das Argument sei, warum man die Voraussetzungen für die Einbürgerung, die das bestehende Staatsangehörigkeitsgesetz vorsieht – acht Jahre Aufenthalt, Aufgabe anderer Staatsbürgerschaften, das Bestreiten des eigenen Lebensunterhalts auch für unterhaltsberechtigte Familienangehörige – lockern dürfe beziehungsweise müsse. Er sehe den Status der Flüchtlinge eher vergleichbar dem der Vertriebenen und von Nationalsozialisten Ausgebürgerten im Sinne von Artikel 116 Grundgesetz. Frieder Johanson wirft ein, dass die Bundesregierung nach Möglichkeit eine Grundgesetzänderung vermeiden wolle, weswegen die von Stanz entwickelte Konstruktion eines separaten Gesetzes die effizienteste sei, schließlich erwähne Artikel 116 explizit den Vorbehalt anderweitiger gesetzlicher Regelungen, wenn sie denn verfassungskonform seien. Mischa Trüb meldet sich zu Wort und berichtet, dass eine große Minderheit der CDU Bundestagsfraktion – egal bei welcher Lösung – auf ein Äquivalent der Bestimmungen von §10, Absatz 1, Punkt 3 des StAG beharren wolle, der regele, dass neue Staatsangehörige für sich selbst sorgen können müssen, ohne Leistungen nach dem Zweiten und Zwölften Sozialgesetzbuch zu beziehen. Das sei Rosinenpickerei, führt SPD Vorsitzende Imogen Wehlre ins Feld, wofür die Bundes SPD nicht zu haben sei. Und so geht es weiter, über Spreewälder Gurkensüppchen und Krautwickel hinweg. Die Kanzlerin selbst beteiligt sich auffallend wenig an der Diskussion, nur hier und da ein „das sehe ich auch so“ oder ein „was meinen Sie denn“, um darauf den stilleren Teilnehmern der Runde den Ball zuzuspielen. Um 21.35 werden die Teller des Hauptgangs abgeräumt, und der Weinkellner trägt die drei Flaschen Royal DeMaria in den Wappensaal. Er entkorkt sie, prüft jede Flasche, indem er ein paar Tropfen in ein Probierglas schenkt, nickt Al-Rashid mit einem „breiten Grinsen“ zu, wie Johannes Stanz später zu Protokoll gibt, und stellt sie neben die wartenden Lobmayrgläsern auf einen Tisch nahe der Türen des Saals. Um 21.38 befinden sich Al-Rashid und seine Gäste allein im Saal, die Eiscreme wird gerade in der Küche in kleine KPM Porzellanschälchen getan, und in einen Moment der Stille hinein zitiert Angela Merkel Wielands Musarion: „Die Herren dieser Art blendt oft zu vieles Licht/Sie sehn den Wald vor lauter Bäumen nicht.“ Kapitel 3 Shirin Fakhoury kniet und bekreuzigt sich. Pfiffe, die die Geste als Verhöhnung sehen, eine Interpretation, die die Presse am nächsten Tag teilt. Kramer wird später freilich herausfinden, dass Shirin nach der Geburt ihres ersten Kinds, Sohn Francis‘, konvertiert ist, aber das ist noch eine Weile hin, und auf dem Fernseher ist ihr Gesichtsausdruck nicht wirklich zu erkennen, weswegen auch ihm unklar ist, ob sie provoziert oder innehält, der Regisseur hat nach ihren letzten Worten zur Totale von oben geschnitten, eingefangen von einer Kamera, die sich, der Perspektive nach zu urteilen, auf einem Kran vor Schinkels Konzerthaus befinden muss. Die beiden Wächter treten ab, und Professor Karl Bastei, Erster Vollzugsbeamter des Landes Berlin, richtet ein kurzes von den Mikrofonen nicht eingefangenes Wort an Shirin, die zu nicken scheint und sich daraufhin noch einmal halb erhebt und ein paar Zentimeter nach vorne hievt, um ihren Bauch an die mit schwarzem Leder gepolsterte Wippe, die bascule, zu schmiegen. Professor Bastei greift zu den Riemen, die an der Unterseite der Wippe befestigt sind, und schnallt Shirin fest. Dann tritt er zur Seite. Kramer hat erwartet, dass sich die sitzenden Ehrengäste spätestens jetzt von ihren Plätzen erheben würden, aber sie bleiben sitzen. Nun, alles andere wäre auch unfair den Kindern gegenüber, die in den hinteren Reihen sitzen, so können sie alle bestens sehen, auch wenn sie gerade mal einen knappen Meter groß sind. Professor Bastei zieht ein kleines Gerät aus der Tasche seines dunkelgrünen Uniformjacketts, das verdächtig wie ein limettengrünes iPhone 14 aussieht. Aber genau kann man es nicht wissen, die Kamera bleibt in der Totalen. Erneutes Glockengeläut, kurz und scharf. Bastei tippt mit dem rechten Zeigefinger auf den Bildschirm seines iPhones. Nichts passiert. Er macht eine Wischgeste, von links nach rechts, und nichts passiert. Eine weitere Wischgeste von unten nach oben, und nichts passiert. Aber dann sehen wir ihn nicken und der Zeigefinger tippt erneut, und die Wippe dreht sich geschmeidig in die Horizontale. Es herrscht nun doch absolute Stille auf dem Platz. Kein Gejohle mehr und keine Pfiffe, nicht mal Murmeln hört man mehr, es herrscht tatsächlich so etwas wie Andacht. Die Wippe kommt zum Stehen, Shirin blickt jetzt, wenn sie die Augen noch geöffnet hat, auf den rechteckigen Glascontainer, in den ihr Kopf fallen soll. Aber nichts passiert. Bastei starrt noch immer auf den Bildschirm seines iPhones, Kramer fragt sich, ob das alles so geplant ist oder die Software spinnt, vorhin war doch die Rede von einem Knopfdruck. Dann tippt Bastei weiteres Mal mit dem Finger auf den Bildschirm. Es ist das letzte Mal. *** Kramer steht auf, ihm sind unerwartete Tränen in die Augen geschossen. Er flucht, geht in die Küche, nimmt sich ein Wasserglas, öffnet den Gefrierschrank und gießt das Glas halbvoll mit eisigem Vodka, eine Flasche Beluga, die ihm Peter einmal geschenkt hat. Er kippt das Glas mit drei großen Schlucken, füllt es erneut, jetzt ganz voll, trinkt, braucht vier Schlucke, füllt es erneut. Warum hat er sich das angetan, warum er hat er nicht ausgeschaltet, einmal Gesehenes lässt nicht wieder ungesehen machen, und er fürchtet, dass er diese Bilder wiedersehen wird, mehr als einmal, lange noch, und schreckt sich beim Gedanken, es könnten dereinst mal seine letzten sein. Ob Peter sie auch gesehen hat? Peter Thorbald, sein ältester Freund, der seit Monaten verschwunden ist, den er das letzte Mal gesehen hat bei der Beerdigung von Peters Tochter, Paula. In Kühlungsborn vor einem dreiviertel Jahr, Peter, der ihm an Paulas Grab einen Memory Stick in die Hand gedrückt hat, der jetzt wasserdicht verschlossen, im Innern des Abflussrohrs unter dem Waschbecken in seinem Bad befestigt ist. Den Inhalt des Sticks hat er nur ein einziges Mal gesichtet, gleich am Abend nach der Rückreise aus Kühlungsborn. Gefühlte zwei, drei Stunden überfliegt er Text und Bilder und Scans von Dokumenten, aber das Gefühl trügt, fast die ganze Nacht starrt er auf das Material und klempnert im Morgengrauen, sein erster Versuch in diesem unterschätzten Handwerk, es gibt ein wenig Sauerei, aber alles in allem läuft es okay, und nicht die kleinste Kratzspur an den Rohren. Seitdem ist er jeden Tag darauf gefasst, dass die Kripo morgens läuten wird, ein freundlicher Mann in Zivil oder vielleicht eine Frau, eine große Blondine in grauem Tweed, mit einem halben Dutzend Helfer im Schlepptau, die noch jeden Spalt und Winkel seiner Wohnung durchforsten und alles Digitale beschlagnahmen, weswegen er sicherheitshalber auch das Laptop, auf dem er sich das Material angesehen hat, einer NSA tauglichen Reinigungsaktion unterzieht. Denn eines ist ihm sofort klar in jener Nacht, entweder ist Peter aufs extravaganteste verrückt geworden, oder er, Martin Kramer, befindet sich im Besitz eines höchst toxischen Rohstoffs – geringste Kontamination so tödlich wie ein Fallbeil aus dem Hause Thyssen-Krupp. *** Er zündet sich eine Zigarette an, die erste des Tags geht ihm auf, wie seltsam eigentlich. Er trocknet sich die Tränen mit den Ärmeln seines Hemds, geht zurück ins Fernsehzimmer, das ein Durchgangszimmer zu seinem Schlafzimmer ist, der Gendarmenmarkt leert sich, die Promis sind fast komplett verschwunden, der Sprecher kündigt ein Interview mit Professor Bastei an – ernsthaft?: ja, ernsthaft, eine Handkamera ist schon unterwegs irgendwelche dunklen Gänge entlang, unter oder hinter dem Schafott, vielleicht im Keller des Hiltons, denselben Weg jedenfalls, auf dem Bastei Shirins Kopf in jenem Glascontainer getragen hat, der, so sagt der Sprecher, übrigens aus Plexiglas sei, ein leichteres Material als Glas und widerstandsfähiger dazu. Er schaltet aus, öffnet das Fenster zur Schumannstrasse, auf der er am Morgen das Verprügeln der Demonstranten beobachtet hat, und flickt seine Zigarette hinunter, geht zurück in die Küche, gießt sich einen vierten Vodka ein, nur halbvoll jetzt wieder, die Ratio scheint zurückzukehren, aber eine zweite Zigarette muss noch sein. „Nichts Niemand Nirgends Nie!“ Warum fällt ihm das jetzt gerade ein? Aber dann sieht er auch den Mähdrescher im Feld, den Mähdrescher, in den ein Junge aus seiner Schule, den er flüchtig kannte, ein oder zwei Jahre älter als er, gestürzt war, in der sechsten Klasse war das, sein Vater hatte den Unfall aufnehmen müssen und beim Abendbrot in der Küche nur davon gesprochen, dass er nicht davon sprechen könne, um darauf noch etwas zu murmeln, was in Kramers Fantasie wie „der Kopf, sein Kopf“ geklungen hat. Die schlimmsten Bilder macht man sich meist selbst, man versucht, sie wieder zu vergessen, und manchmal gelingt das auch über Jahre hinweg. 1998 sieht er den Drescher das erste Mal wieder, es ist das Jahr ihres Abiturs aber auch das Jahr von KAFF, und da sieht er den Kopf seines Mitschülers gleich auf der ersten Seite von Arno Schmidts Buch zermalmt wie ein Butterbrot. „Nichts Niemand Nirgends Nie!“ Erleichterung schafft Jean Paul, in dessen Loge, die sie gleich danach lesen, sie das Mantra wiederfinden, diesmal mit Schönerem assoziiert: „Ein singendes Wesen schwebte durch unser Tal, aber von Blättern und Dämmerung versteckt, weil der Mond noch nicht auf war. Es sang schöner, als ich noch hörte: – – Niemand, nirgends, nie.“ Was war das für ein Jahr gewesen, Arno Schmidt, Jean Paul, Undine, Gordon Pym, die Insel Felsenburg und immer wieder Schmidt … der Höhepunkt ihrer adoleszenten Freundschaft, bevor sie bald darauf getrennte Wege gehen ... Als Kramer noch selbst Ambitionen hatte, einmal einen Roman zu schreiben, war das einzige, was er wusste, dass er ihn mit der doppelten Negation beginnen wollte: „Irgendwas Irgendwer Irgendwo Irgendwann!“ Mindestens ein halbes dutzend Mal hat er die Formel auf einem leeren Bildschirm erzeugt, um sie darauf in die unterschiedlichsten Welten zu führen, die alle in ihrem Innern unerforscht geblieben sind. *** Ihre Eltern hatten, als sie sieben Jahre alt waren, am Stadtrand des niedersächsischen Celle benachbarte Reihenhäuser erworben, was die Freundschaft, die sie schon in der ersten Klasse mit einigermaßen antiquiertem Murmelspiel auf dem Pausenhof geschlossen hatte, rasch verfestigte. Und es war eben jenes von Klassenkameraden oft verlachtes Murmelspiel, das ihnen von ihren ersten gemeinsam verbrachten Stunden an, ein unstillbares Verlangen nach dem Verstehen von Ursache und Wirkung einflößte, jedenfalls war das die Geschichte, die sie sich später selbst erzählten. Im Rahmen Newtonscher Mechanik waren Ursache und Wirkung nicht nur leicht zu verstehen, es ließen sich auch wie beim Schnipsen der Murmeln überprüfbare Vorhersagen treffen, und es ließen sich die tollsten Gedankenspiele konstruieren: was, wenn eine der Murmeln eine Velozität hätte, die sie trotz Reibung um den Erdball herum fliegen ließe, um daraufhin mit einer anderen, die man mit derselben Geschwindigkeit in die Gegenrichtung geschnippt hätte, zu kollidieren? Wie groß müssten die Ausgangsgeschwindigkeiten sein, dass sich die Kugeln nach der ersten Kollision noch einmal zu einer zweiten – diesmal in entgegengesetzter Richtung – treffen würden, und zwar idealerweise, um bei diesem zweiten Zusammentreffen zum absoluten vereinten Stillstand zu kommen? So etwas ließ sich ausrechnen, wenn man bereit war, Annahmen über die Festigkeit des Murmelmaterials zu treffen. Denn für den ersten Zusammenprall waren anbetrachts der Reibung, die die Kugeln auf ihrer Reise verlangsamen würde, erhebliche Geschwindigkeiten von Nöten. Um zu einer Lösung des Problems zu gelangen, brachte sich Peter in der vierten Klasse selbständig elementare Differentialrechnung bei, Newtons größte Errungenschaft, wie sie fanden, jedenfalls groß und verwirrend genug, um Martin – so lautet Kramers Vorname – zur Aufgabe eigenständiger Erkundungen der Mathematik zu bringen. Während Peter Thorbald zunehmend komplexere Differentialgleichung zu lösen beginnt, greift sich Martin Kramer, dem die Formeln bald nur noch Bilder sind, eines Tages – sie sind inzwischen in der 5. Klasse – ein Buch über Evolutionstheorie aus der Bibliothek seines Großvaters und konfrontiert seinen Freund am Abend des ersten Weihnachtsfeiertags 89, den ihre Familien gemeinsam verbringen, mit der Frage aller Fragen, die sie die nächsten sechs Monate auf eine Weise beschäftigen wird wie nichts zuvor: Henne oder Ei? Mauerfall und Wiedervereinigung finden sie eher langweilig. Es ist gegen Ende der Sommerferien 1990 – sechs lange Wochen, in der sie jede wache Stunde (man verzeihe das Wortspiel) über der Frage gebrütet haben – es ist Sonntagnacht, drei Uhr in der Früh, und es klingelt Sturm an der Haustür der Kramers. Martins Eltern springen alarmiert aus dem Bett, wie immer bei Kontaktierung zu später Stunde das Schlimmste befürchtend (in dieser Nacht einen Autounfall von Martins zwölf Jahre älterer Schwester, der sie erlaubt haben, mit einer Freundin, die gerade ein Auto von ihren Eltern geschenkt bekommen hat, nach Italien zu fahren, oh, hätten sie doch nur nicht, wären sie doch streng geblieben …). Sie werfen sich Bademäntel über die nackten Körper, stürzen die Treppe nach unten und reißen angsterfüllt die Haustür auf – nur um vor derselben den elf Jahre alten Peter Thorbald in Pyjamas zu finden, der in größter Aufregung ein „Ich hab’s, ich hab’s!“ ausstößt, um an ihnen vorbei zu sausen und die beiden Treppen nach oben zu Martins Zimmer zu rennen, wo er ihn wachrüttelt, um ihm strahlend zu sagen „Martin, Martin, es war das Ei!“ Der Spruch ‚ich hab’s, ich hab’s!‘ wird zum geflügelten Wort in der Familie Kramer, zur Anwendung kommend in den vielfältigsten Situationen – vom Suchen und Finden der Fernbedienung bis zum zynischen Kommentar, wenn Politiker im Fernsehen apodiktisch Wahrheiten verkünden. Aber hinter Peters Erkenntnis steht natürlich eine ausgeklügelte Theorie –: über Genmutationen, die Flügel verleihen. Nach allem, was Kramer heute weiß, ziemlich plausibel, aber er ist kein Experte. Als sie zu Teenagern werden, wandern Peter Thorbalds Interessen mehr und mehr von den Natur- zu den Sozialwissenschaften, und es gibt noch einmal einen Sommer, während dem sie eine Frage auf fast dieselbe Weise beschäftigt wie 1990 Henne und Ei: Cui bono? ist ihnen im Lateinunterricht begegnet, und triggert die intensivste Auseinandersetzung mit den großen Verschwörungstheorien der Zeit, von denen sie eine besonders fasziniert. Kramers Eltern besitzen eine deutsche Ausgabe des Warren-Reports, den sie, nachdem sie Oliver Stones JFK gefühlte zwei dutzend Mal in voller Länge geschaut haben (die Szene, in der Kevin Costner die Bahn beschreibt, die die magische Kugel, CE 399, hätte nehmen müssen, noch viel öfter) über die Sommerferien 95 zerpflücken, bis nichts mehr von Warren übrigbleibt. Peter macht das beste Abitur an der Schule, ein 1,0, das eigentlich ein 0,8 wäre. Die meisten denken, dass er Medizin oder, wenn sie ihn etwas besser kennen, Mathematik oder vielleicht auch Physik studieren wird. In der Oberstufe hat er schließlich eine Goldmedaille bei der Internationalen Mathematikolympiade gewonnen, die ihm nicht nur ein automatisches Stipendium der Studienstiftung des deutschen Volkes beschert, sondern auch ein Stipendienangebot der University of Cambridge, worauf seine Eltern unendlich stolz sind. „Unser Sohn geht nach Cambridge!“ verkünden sie Kramers Eltern eines Abends, worauf diese ein zeitgleiches „Ich hab’s, ich hab’s“ anstimmen. Man lacht und freut sich. Der einzige, der nicht überrascht ist, als Peter seine Eltern, Nachbarn und Lehrer mit der Entscheidung konfrontiert, weder Mathematik noch Physik noch irgendwas studieren zu wollen, ist Martin Kramer. Auch wenn Peter es ihm nie mit letzter Entschlossenheit gesagt hat, im Innern weiß Kramer seit Jahren, dass Peter Thorbald Polizist werden würde. *** Verglichen mit Peter ist Martin immer nur ein mittelmäßiger Schüler, und sein Abiturschnitt von 1,4 fühlt sich einzig für seine Eltern, die selbst beide nur neun Jahre zur Schule gegangen sind, als Auszeichnung an; und obwohl sich auch Martin über die tausenden von Stunden, die Peter und er in ihrer Schulzeit gemeinsam verbracht haben, für Wissenschaften und Fragen der Kausalität begeistern kann, liegt seine wirkliche Vorliebe immer in den Büchern selbst, in ihren Geschichten, in ihrer Sprache und physischen Erscheinung, ihrem Papier, ihrer Bindung, in Druckverfahren und Umschlägen. Zur Zeit der Abiturprüfung hat er sich auf einen Studienplatz für Germanistik beworben, entscheidet sich aber kurz danach für eine Buchhandelslehre, die er zur Freude seiner Eltern nach anderthalb Jahren abbricht, um doch noch zu studieren, und zwar, befeuert durch eine Begeisterung für die neue englische Literatur der mittleren 80er und aktuellen frühsten 90er Jahre, die er in seiner Freizeit verschlingt, Anglistik. Die Ferne des Studiums von dem, was ihn wirklich interessiert – Amis, Banks & Co – lässt ihn jedoch erneut nach achtzehn Monaten aufgeben, diesmal zugunsten eines Verlagspraktikums in London, was seine Eltern zwischen oftmals formuliertem Stolz (‚unser Sohn geht nach London‘) und mitunter formulierter Enttäuschung (‚er hat sein Studium abgebrochen‘) changieren lässt. Für Martin Kramer entpuppt sich die, um ehrlich zu sein, nicht wirklich gut durchdachte Entscheidung jedenfalls als enormer Glücksfall. Der Verleger des mittelgroßen, damals noch unabhängigen Hauses – eine Legende in der Branche dank der Entdeckung gleich dreier Superstars, deren Erfolg sein Haus über zwei Jahrzehnte finanziert hat – frisst (man kann es nicht anders formulieren) einen Narren an Martin und überträgt ihm bald Aufgaben weit jenseits seiner Gehaltsstufe. Ein Band über die Postmoderne, die Rolle von Thatcher und den Vergleich zeitgenössischer englischer und kontinentaleuropäischer Literatur, den Kramer herausgeben und mit einem langen Vorwort begleiten darf, handelt ihm über Nacht unerwarteten internationalen Ruhm ein, worauf ihm der Verleger eine Festanstellung sowie die Herausgeberschaft einer eigenen Reihe anbietet – jeden Monat zwei Bücher, ein fiktionales, ein nicht-fiktionales, die miteinander in Dialog zu stehen haben. Jenseits dieser Vorgabe hat er carte blanche und nutzt seine Freiheit für idiosynkratischste Kombinationen längst vergessener barocker Romane mit Aufsatzsammlungen bislang unentdeckter osteuropäischer Philosophen (und umgekehrt oder ähnlich). So wie sich die Verkaufszahlen seiner Doppelreihe in Grenzen halten, so sprengt das Presseecho selbst allerkühnste Erwartungen. Und als sein Chef kurz nach der Jahrtausendwende seine Unabhängigkeit aufgibt, um sich in ein deutsch-amerikanisches Konglomerat einzufügen, wird Kramer zum Programmchef des neu strukturierten internationalen Verlags ernannt. *** Im Jahrzehnt zwischen ihrem Abitur 1998 und Kramers Umzug nach New York 2008 hat er nur sehr losen Kontakt zu Peter Thorbald. Alle zwei bis drei Monate tauschen sie einen Brief, zu einem Treffen kommt es nur ein einziges Mal, 2005, als ihn Peter mit seiner damaligen Freundin, Charlotte, in London besucht. Die Freude über ihr Wiedersehen wird rasch davon getrübt, dass Kramer und Charlotte sich auf den ersten Blick nicht mögen. Kramer hält sie – und Peter gibt ihm darin später mehr recht, als ihm lieb ist – für eine ‚egoistische Kuh‘, die auf erschreckende Weise weiß, wie man Peter spielen muss – zum Beispiel, wenn sie eine Besichtigung der Courtauld Gallery vermeiden will, um lieber auf Oxford Street einkaufen zu gehen: dann appelliert sie einfach an Peters Appetit für das Besondere. Das sich in diesem Fall durch eine Kenzo Collection bei einem High Street Fashion Dealer bietet, die man nur jetzt und hier erwerben würde können, während das Museum ja auch noch in den nächsten hundert Jahren dieselben Bilder zeigen würde. Also: auf zu Top Shop! In den verflossenen Jahren hat Peter Thorbald, wie es nicht anders zu erwarten war, seine Ausbildung zum Kriminalkommissar besten Noten absolviert und schon die erste Beförderungsstufe zum Oberkommissar genommen. Noch kurz vor seiner Abreise nach London hat er eine prestigereiche Stelle in der neu gebildeten Sonderkommission Organisierte Kriminalität in Niedersachsen zugesprochen bekommen, und Kramer erinnert sich noch an Peters Schilderungen des Übels, das so viel tiefer in die Mitte der Gesellschaft reiche, als Außenstehende es ahnen könnten. Als sie sich das nächste Mal begegnen (wieder durch eine Reise, die Peter Thorbald angetreten ist, diesmal nach New York in Begleitung einer sehr charmanten und überaus hübschen neuen Freundin kurz nach Martins Umzug dorthin) ist Peter gerade zum Hauptkommissar befördert und mit der Leitung der Soko, für die er bislang im zweiten Glied gedient hat, betraut, was einen kleinen internen Skandal ausgelöst hat, hat er doch gleich fünf Kollegen, die nach reiner Seniorität vor ihm gekommen wären, überflügelt. Sie sitzen in Kramers Büro im 53. Stockwerk eines Midtown Towers, das einen freien Blick auf die Lücke bietet, den die Zwillingstürme des World Trade Centers hinterlassen haben. Kramer gratuliert Peter zur Beförderung und sagt „cool, dann wirst du bald Antiterrorchef“, worauf Pater (was Kramer auch knapp zwanzig später mit präziser Peterscher Tonhöhe in seinem Ohr hat) mit einem kurzen „Ha!“ antwortet, um darauf in Schweigen zu verfallen, seine Augen auf den Himmel über Ground Zero geheftet. „Martin“, sagt Peter Thorbald nach einer Weile, einer halben Minute, einer ganzen oder zweien (das fällt ihm schwer zu rekonstruieren), „Martin“ (dass er seinen Namen wiederholt, das kann er beschwören, ebenso wie das dritte Mal) „Martin, ich fürchte, das wird alles noch viel unschöner, als wir jetzt denken. Erst Afghanistan, dann der Irak. Was als nächstes? Wenn du dir das genau anschaust, dann denke ich die Levante. Und wenn die Levante kommt, kommen die Flüchtlinge. Und wer weiß, was dann passiert. Das wird alles sehr unübersichtlich werden, und, klar, du hast recht, da werden Karrieren gemacht werden.“ Er legt eine kleine Pause ein, um danach fortzufahren: „Aber keiner wird wissen, was gut und böse ist, während wir das bei uns sehr klar sehen. Da gibt es Firmenvorstände, Anwälte und Richter und Polizisten“ (Kramer hört in seiner Erinnerung das ‚und‘ kursiv gesprochen, mit Abscheu und Schärfe), „denen alles am Arsch vorbeigeht, solange sie nur die Hand aufhalten können, illegale Waffen, Drogen, Menschenhandel, Kinderprostitution, allen verdammten Scheiß, den du dir vorstellen kannst, und auch den, den du dir nicht vorstellen kannst, und alles mit System. Und mit so viel mehr Opfern als Euer Elfter September. Dreitausend Tote, schrecklich, furchtbar, unverzeihlich, aber wir, wir haben diese Opferzahlen mit organisierter Kriminalität in Europa jeden verfickten Monat. Die sterben halt nicht alle am gleichen Tag und am selben Ort, aber sie sterben. Vielleicht nicht sofort, nachdem sie sich die erste Spritze gesetzt haben oder nachdem sie das erste Mal von einem fetten Vorstandsvorsitzenden gefickt worden sind, aber sie sterben.“ Er legt eine neue Pause ein und schließt dann mit einem Satz, den Kramer erneut verbürgen kann, er schließt mit dem Satz: „Sie sterben langsam und in Schmerz.“ Zwei Jahre später wird Peter Thorbald zum Rang des Ersten Kriminalhauptkommissars befördert – und versetzt zur Dienststellenleitung des Kommissariats der niedersächsischen kreisfreien Stadt Salzgitter, ein Abstellgleis. Kramer erfährt von Peter Thorbalds Versetzung in einer Email zu Weihnachten 2014, einem Weihnachten, das er ohne Eltern verbringen muss, was zu Verstimmungen führt, aber sie sind im Verlag so tief in strategischen Planungen versunken, die mit ihrer arg verspäteten Reaktion auf das Internet zu tun haben, dass er sich unabkömmlich fühlt (die Illusion eines jungen Mannes, er weiß). Zu Ostern 15 reist er freilich in die Heimat, da seine Mutter vollkommen überraschend einen Herzinfarkt erlitten hat, und er sieht Peter endlich wieder dort, wo sie ihre Kindheit und Jugend verbracht haben. Sie sind auf ein Bier in jener Kleinstadtkeipe verabredet, in der sie schon als Achtzehnjährige ihr neu erworbenes Privileg genossen haben, unbeaufsichtigt Alkohol trinken zu dürfen. Kramer ist etwas zu früh und sitzt an ihrem ehemaligen Stammplatz am Tresen und ist nervös. Was soll er Peter zum Trost zu Salzgitter sagen? Bei ihm läuft alles piccobello, er hat keine vergleichbaren persönlichen Rückschläge anzubieten, so dass alle Sentenzen, die ihm durch den Kopf gehen, schlimm klischeebehaftet klingen, à la ‚auf jedes ab folgt ein auf, also, Kopf hoch, Peter‘ und dergleichen. Zu seiner Überraschung und immensen Erleichterung stellt sich freilich heraus, dass er sich umsonst gesorgt hat. Peter Thorbald hat abgeschlossen mit der landesweit operierenden Soko und ist vollkommen befeuert von den neuen Aufgaben und lokalen Problemen, die sich ihm in Salzgitter stellten, allen voran der Rolle des dortigen Bürgermeisters und dessen Verstrickungen in ein Grundstücksgeschäft, das das Wirtshaus auf dem besten Hügel der Stadt für ein neues Einkaufszentrum geopfert hat. Anscheinend hat ein ortsansässiger Alkoholiker mit Ambitionen zum Schriftstellertum einen Plot aufgedeckt, der besagten Bürgermeister und diverse andere Honoratioren mit gleich mehreren Morden involviert. Peters Geschichte klingt so faszinierend wie fantastisch. Was aus der Geschichte am Ende wird, weiß Kramer nicht, denn nach dem Bier am vertrauten Tresen verstreicht ein ganzes Jahrzehnt, bis sie sich wiedersehen, ein Jahrzehnt, in dem sie komplett Kontakt verlieren. Kramer schiebt die Schuld dafür auf Peter, der irgendwie Emails, die zu Kramers einziger Kommunikationsform geworden sind, nicht zu mögen scheint und auch den sozialen Netzwerken fernbleibt. *** 2018 zieht Martin Kramer von New York nach Berlin. Sein Verlagskonglomerat hat den deutschen S Verlag erworben, geschichtlich bedeutend zwar aber seit Jahren potenzschwach und vor allem tief in den roten Zahlen. Kramer, der seit seinem Abitur vor über 20 Jahren nicht mehr in seinem Heimatland ansässig war, befindet sich plötzlich in der Rolle eines ‚herausragenden Intellektuellen‘ ebenda, wie die Frankfurter Allgemeine Zeitung befindet. Er findet ein Zuhause in der Schumannstrasse, direkt gegenüber der Charite, in der einstigen Wohnung eines deutschen Kinostars und lernt schnell, was seine neue Rolle verlangt – nämlich nicht nur ein die Öffentlichkeit faszinierendes Buchprogramm, sondern auch die öffentliche Stimme des Verlagschefs. Anfänglich ist er zögerlich mit Interviews oder gar Auftritten in Talkshows, zu seinem eigenen Ärger kann er der Versuchung, Anglizismen in seine Sätze zu flechten, nicht widerstehen, es ist ein Automatismus, den ihm viele in den frühen Jahren übelnehmen. „Eine Literatur, die mehr gritty ist“, betitelt zum Beispiel die Zeit ihr erstes Interview mit dem neuen Chef des S Verlags, um sich in einem Einleitungsparagraph über seine „Unfähigkeit, einen Satz zu bilden, der Bedeutung tragen will, ohne ins Englische abzudriften“ zu echauffieren. Ah!, Sätze, die Bedeutung tragen wollen, was für eine formidable Beleidung – im Gewand einer Bemerkung über seine offensichtlichen Schwäche, seiner ihm eigen gewordene Zweisprachigkeit. Er ist wütend, aber es nutzt nichts, er muss sich anpassen und lernt ‚oberstes Primat‘ statt ‚prime concern‘ zu sagen oder ‚sich im Kreis drehende Intellektuelle‘ statt ‚intellectual wankers‘. 2020 hat er die Sache im Griff und muss sich – auch das ist neu für ihn – daran gewöhnen, hofiert zu werden. Die Bücher, die er selbst verfasst (und in anderen Häusern erscheinen) schaffen es regelmäßig auf die Spiegel-Bestsellerliste; seine Analyse des Niedergangs der USA, Gott vertrumpt!, steht 2021 auf derselben über Monate hinweg auf Platz 1. Im darauffolgenden Jahr heiratet er die Dichterin und Schauspielerin, Anna Friewald, die er auf einem Premierenempfang (‚down the road‘, wie er denkt aber niemals sagt) am Deutschen Theater kennenlernt, dessen Ensemble sie angehört. Johannes Stanz ist ebenfalls vor Ort, was die sich Verliebenden jedoch nicht bemerken. Noch am selben Abend schlafen Anna und Martin miteinander – in Martins Wohnung dreihundert Meter gen Westen. Sie heiraten im Juli 23, kurz danach wird Annas Gedichtband Und da waren wir da im Hamburger Rowohlt Verlag publiziert und über Nacht zu einem Sensationserfolg. Als das Feuilleton der Zeit mit einem darunter gesetzten Foto der beiden ‚Das Power-Paar‘ titelt, hat Martin die Größe, nur im Stillen zu übersetzen. Weihnachten 23 und Anna hat einen Husten, der nicht mehr weggehen mag. Neujahr 24 und sie spuckt Blut. Ostern 24 und sie liegt im Krankenhaus. 17. Juli 24, ihr erster Hochzeitstag, und Martin weiß, dass Anna sterben wird. Ende August, in drückender Hitze, trägt er sie zu Grabe. Sie wollte verbrannt werden, und so sehr Martin Kramer Urnengräber auch hasst, fühlt er sich verpflichtet, den Wunsch seiner toten Frau zu erfüllen. Hat er Anna geliebt? Er weiß ja noch nicht einmal, was sie als Kind am liebsten gegessen hat, und auch nicht, was ihre liebste Farbe war. Er schätzt hellblau, die Farbe ihrer Augen. Oder waren das nur die Scheinwerfer, die den hellen Glanz ihrer Iris auf der Bühne erzauberten? Er weiß es nicht und weiß es auch jetzt, zwei Jahre später nicht. Selbst hellgrün kann er nach dem fünften Vodka nicht mehr ausschließen. Kapitel 4 Die erste Stimme, die den Verdacht äußert, ist die der Bildzeitung, die am Morgen des 24. Februars in ihrer Printausgabe titelt: „Nach dem Horror der Schock: War es Al-Rashid?“ Im Nachhinein erscheint es fast verblüffend, dass am 23. noch niemand auf die Idee gekommen ist – die Idee, die sechzehn Tage später, als Karl Bründlmayr, Präsident des Bundeskriminalamts, seinen Bericht einem vollgepackten Reichstag präsentiert, zur öffentlichen Gewissheit wird. Die Verletzungen Al-Rashids – der Torso am Unterleib von Hüfte und Beinen getrennt – sowie die Kontaminationen mit Sprengstoffspuren an seiner Kleidung lassen keinen Zweifel: einer islamistischen Terrororganisation sei es gelungen, einen Agenten in ein höchstes Amt der Republik zu schleusen, der die erste Möglichkeit, die sich ihm geboten habe, der Führung der Nation maximalen Schaden zu bereiten, auf erschreckendste Weise genutzt habe. Von den beiden Überlebenden, die am anderen Ende des Tisch gesessen haben, sei bislang nur der CDU Bundestagsfraktionsvorsitzende Mischa Trüb vernehmungsfähig gewesen, der berichtet habe, es sei auffällig gewesen, wie uncharakteristisch nervös und zappelig Al-Rashid an dem Abend gewesen sei. Trüb habe Verletzungen an den Beinen erlitten, die dankenswerterweise allesamt reversibel seien. Schlimmer stünde es um den zweiten Überlebenden, Innenminister Johannes Stanz, dem das rechte Bein amputiert werden musste und der aufgrund eines erlittenen Schädel-Hirn-Traumas noch immer im Koma läge. Man wisse noch nichts Genaueres über die Hintermänner Al-Rashids, vermute aber eine Splitterorganisation des Islamischen Staats, die sich mit dem Islamischen Dschihad in Palästina verbunden habe. Man habe Al-Rashids Email-Konten durchforstet, in denen sich ein Austausch mit Fathi Schakaki, einem Arzt aus Rafah und Führer des Islamischen Dschihads, befunden habe. Wie es Al-Rashid gelingen konnte, seine sinistren Verbindungen geheim zu halten, und wie die Nachrichtendienste von Bund und Ländern die Gefahr, die Al-Rashid für die öffentliche Ordnung und das Leben in der Bundesrepublik dargestellt habe, hätten übersehen können, verlange nach einer tiefgreifenden Untersuchung, die kein Stein auf dem anderen lassen dürfe. Im Juli 26 folgen Bundestagswahlen, die die politische Landschaft in der Republik auf eine Weise ändern, die bis gerade noch undenkbar gewesen wäre. Die CDU/CSU verliert unter ihrem Kanzlerkandidaten, Kurt von Guthügel, knapp zehn Prozent der Stimmen und kommt auf 42,3%. Zweitstärkste Partei wird die NFAD mit 29,7%. Die Grünen und die Linke kommen auf jeweils exakt 8,5%, die FDP rutscht gerade so in den Bundestag mit 5,0%, während die SPD mit 4,8% der Stimmen an der 5% Hürde scheitert. Die Christdemokraten gehen eine Koalition mit der von Frieda Pringsdorf geführten NFAD ein. Kurt von Guthügel wird Bundeskanzler, Pringsdorf, studierte Betriebswirtin und ehemaliges Vorstandsmitglied der Commerzbank, wird Finanzministerin und von Guthügels Stellvertreterin. Von Guthügel, geboren am 4. Dezember 1971, hat einst als Landwirtschaftsminister in Angela Merkels erstem Kabinett gedient. Er gilt damals als Aufsteiger mit größtem Potenzial, manche sagen, er sei ‚Kanzlermaterial‘ und sind schockiert, als er 2008 aus nicht näher erklärten privaten Gründen seinen Rücktritt bekannt gibt, um als Berater zu Goldman Sachs zu wechseln. Manche behaupten, er sei pleite, die Kosten der geerbten Schlösser, Wälder und Auen etc. Andere sagen, Merkel habe ihn loswerden wollen und inkriminierendes Material in ihrem Giftschrank gefunden. Eine Weile verschwindet der aristokratische Liebling von Bunte und Co aus dem goldenen Fokus, bleibt aber in den ganzen Zehner Jahren latent präsent. Mal ist es die elterliche Sammlung von Sportwagen, die er versteigert, mal die Eröffnung eines Opernballs, dann – die Pleite, wenn es sie denn gab, scheint überwunden – eine Großspende an die deutsche Krebshilfe. Ambitionen auf ein Comeback werden ihm mitunter unterstellt aber stets zurückgewiesen. 2020 heiratet er Selena Martinez, Tochter des Herzogs von Alba, zwanzig Jahre jünger als er, mit einer Karriere als Model im Rücken, sieben Mal war sie auf dem Cover von Vogue. Die deutsche Regenbogenpresse ist außer sich vor Freude. 2022 die Geburt von Zwillingen und die Frage der Nachfolge von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, der auf Druck seiner Gemahlin, wie es heißt, auf eine zweite Amtszeit verzichtet, und es gibt kein Halten mehr: wer kann sich eine schönere, eine bessere Familie in Schloss Bellevue vorstellen? Merkel erwähnt ihn freilich nicht einmal und installiert an seiner statt den relativ unbekannten Professor für Volkswirtschaftslehre, Anselm Klose, einst ihr persönlicher Wirtschaftsberater, zuletzt Präsident des Kieler Instituts für Weltwirtschaft und prophetische Stimme zur wachstumsfördernden Rolle der syrischen Flüchtlinge. Von Guthügel gibt sich gelassen – er habe nie selbst Ambitionen auf das Amt gehegt, sagt er in unzähligen Interwies – und verlegt seinen Wohnsitz nach Sachsen-Anhalt, wo ihn die dortige Landes CDU, die seit Jahren im Clinch mit Merkel liegt, zu ihrem Vorsitzenden wählt. Er wird zur ersten internen Gegenstimme der Merkelschen CDU und ihrer Integrationspolitik und verbandelt sich dafür mit der belgischen Migrationsforscherin Rut Ploopens, einer Max-Planck-Direktorin, die seit dem Beginn der Flüchtlingskrise 2015 mit formidablem Medienecho auf der Klaviatur der Rechten spielt. Sie wird zur Sonderberaterin mit Ministerbefugnissen in seinem Kabinett, ein Konstrukt, von dem böse Stimmen sagen, von Guthügel habe es bei Donald Trump abgekupfert. 2024 wird er Ministerpräsident von Sachsen-Anhalt in einer Koalition mit – exactement – der NFAD, die nur knapp weniger Stimmen als seine CDU erreicht. Kramer hat von Guthügel einmal getroffen, bei einem Fundraising-Dinner in New York, kurz nach der Wahl Donald Trumps. Von Guthügel überreicht auf der Bühne einen Scheck von Goldman über hunderttausend Dollar für ein Schulprojekt in der Bronx, über das Kramers Verlagshaus ein Buch macht. Als von Guthügel Kanzler wird, kann sich Kramer nicht mehr genau an die Worte erinnern, die er mit Kurt gewechselt hat – denn wir sind ja in Amerika, also ist er, Kramer, Martin und von Guthügel ist Kurt – how do you, Kurt? How do you do, Martin? – sicher ist er sich nur, dass Kurt irgendetwas ,splendid‘ fand, bestimmt war es das Schulprojekt oder vielleicht Kramers Buch, aber wetten will er nicht, dass Kurt nicht vielleicht doch nur einfach die Wahl Donald Trumps gemeint hat. Ex-Präsident Trump tritt jedenfalls auf im deutschen Wahlkampf anno 26 – in Frankfurt und (natürlich) in Magdeburg. Er sagt: „Let’s make Germany safe again.“ Die für die politische Agenda der neuen Regierung zentralen Positionen in von Guthügels Kabinett besetzen die vormalige stellvertretende CDU Bundestagsfraktionsvorsitzende Kathrin Henkel, die Außenministerin wird, sowie Karl Bründlmayr, BKA Präsident und Vorsitzender der Kommission, die das Attentat im Roten Rathaus untersucht hat, der das Amt des Innenministers übernimmt. Wirtschaft überlässt man ebenso wie Finanzen, Landwirtschaft und ein neu geschaffenes Migrationsministerium der NFAD. Dass letzteres von Guthügels Sachsen-Anhaltinischer Sonderberaterin, Rut Ploopens, zufällt, die bis dato keiner Partei angehört, wird von der Bildzeitung als „die ungemeine Stärke“ des Kanzlers interpretiert, der „trotz des Stimmverlusts der CDU auch in zentralen NFAD-Themen“ den Ton angebe. Ploopens tritt selbstredend noch am Tag ihres Amtsantritts der NFAD bei. Im Bundestag hat die neue Regierung eine komfortable Zweidrittelmehrheit, die das Regieren ersprießlich macht. Ihr erstes Vorhaben: die Ausweisung aller Flüchtlinge, die irgendwie ausweisbar sind. Das ist trickreicher, als es klingt, denn einmal zugesprochenes Asyl lässt sich nicht so leicht widerrufen. Also konzentriert man sich zunächst auf jene, deren Asylverfahren noch zu keinem Schluss gekommen sind. Der schnellste Weg dafür ist die Modifikation von Artikel 16a, den man durch einen sechsten Absatz ergänzt, der kurzerhand sagt, dass die Bundesregierung in Notfällen die Bestimmungen der Absätze 1 bis 5 außer Kraft setzen könne. Zwar gibt es Klagen gegen die Grundgesetzänderung, die sich vor allem auf Artikel 1 und die unantastbare Würde des Menschen beziehen, aber Karlsruhe argumentiert einleuchtend, dass wenn sich Artikel 16 aus Artikel 1 ableite, die Mütter und Väter des Grundgesetzes Artikel 16 nicht hätten formulieren müssen. Die Änderung tritt in Kraft, am nächsten Tag beschließt die Bundesregierung, dass die Republik – bis auf weiteres – kein Asyl mehr gewährleisten könne. Alle sich in der Verhandlung befindenden Verfahren, gälten durch den Beschluss als abgelehnt, neue Anträge würden automatisch negativ zu bescheiden sein. Gleichzeitig erhält das Bundesinnenministerium ein zusätzliches Budget von 100 Millionen Euro zur Einstellung von 3.000 Abschiebungsvollzugsbeamten, die Teil einer neuen Division des Bundesgrenzschutz werden. Die neue Abteilung nimmt noch im Oktober 26 ihre Arbeit auf und hat zum Weihnachtsfest 2026 die frohe Botschaft zu vermelden, man habe schon, sag und schreibe, 97.156 Flüchtlinge deportiert. Zur reibungslosen Abwicklung der Abschiebungen hat Innenminister Bründlmayr ein Budget von 30 Millionen Euro zur Kompensation von Fluglinien bereitgestellt, die Aktie der Lufthansa befindet sich in einem – nun, ja – Höhenflug. 2027 folgen ambitioniertere Gesetzesvorhaben: das am Ende vergleichsweise einfach konstruierte Gesetz zur Änderung von Strafmaßen (siehe oben) sowie das Gesetz zur Ausweisung nicht-deutscher Staatsbürger, das die Lücke schließen soll, die die Ergänzung von Artikel 16a noch offen gelassen hat – das mit Abstand aufwendigste Gesetz, das von Guthügels Kabinett in seinen Anfangsmonaten in den Bundestag einbringt. Trotz seiner Komplexität wird es noch vor der Sommerpause in dritter Lesung durchgepeitscht, und Bründlmayrs Abschiebungstruppe wird auf 6.000 Mann verdoppelt. Mit der Widereinführung der Todesstrafe muss man sich dagegen einen Ticken mehr Zeit lassen, schließlich will man Probleme mit Karlsruhe vermeiden, und da bietet es sich an, zunächst den Ruhestand dreier Richter abzuwarten, deren möglicher Widerstand mit ihren 68. Geburtstagen, die bis zur Jahreswende anstehen, aufs bequemste hinfällig wird. Sechs weitere Richter entscheiden sich dann noch im ersten Quartal 2028 zum vorzeitigen Rücktritt, sie sind alle in ihren Mitsechzigern, da hat jeder Verständnis – warum nochmal ganz neu denken so kurz vor der Pensionierung? Kathrin Henkels Außenagenda steht der Bründlmayrschen Innenagenda in ihren Ambitionen keinen Deut nach, sie stellt Deutschlands EU-Mitgliedschaft in Frage und handelt auf einem Gipfel in Brüssel als unmittelbare Reaktion einen 50% Rabatt auf den deutschen Beitrag heraus, was zuhause bejubelt wird. Im Herbst 2026 übernimmt sie, nachdem der junge Verteidigungsminister, Tom Prause, den von Guthügel von McKinsey abgeworben hat, überraschend einem Herzinfarkt erliegt, zusätzlich die Hardthöhe und kündigt in ihrer ersten Rede als Doppelministerin an, dass sie sich dafür einsetzen werde, den Haushalt ihres neuen Ministeriums – Achtung! – zu verdreifachen. Die Kassen des Bundes sind noch immer prall gefüllt, das Merkelsche Wirtschaftswunder brummt nach ihrem Tod unverdrossen weiter, und so kann Frieda Pringsdorf noch am nächsten Tag bekanntgeben, dass ihr Ministerium keine Probleme habe mit der „dringend benötigten“ Ausweitung des Verteidigungsressorts. Zu lange habe Deutschland keine „fahrenden Panzer“ gehabt, sagt sie, und da ist was dran, war die Bundeswehr unter Merkel doch tatsächlich ein Stiefkind, so sehr sich die rüstungstechnischen Katastrophen auch häuften: von Gewehren, die nicht gerade schießen, wenn sie heiß werden, über Kampflieger, die im Dunkeln unfliegbar sind, weil sich der Schein der Armaturen in den Cockpitscheiben spiegelt, bis hin zu Panzern, deren Ketten sich beim Rollen im Sand verhaken. Henkel sieht sich dennoch am nächsten Tag genötigt, das Bild der „fahrenden Panzer“ zu korrigieren – Deutschland brauche Panzer, „die fahren können, damit sie nicht fahren müssen.“ Im Gegensatz zur Betriebswirtin Pringsdorf ist sie halt Profi. Henkels erste Auslandreisen sind klug gewählt und werden von der nationalen und – je nach Gusto – auch der internationalen Presse bejubelt. Sie reist nach Israel, um ihrer Unterstützung für weitere Siedlungen kundzutun. Sie reist nach Moskau, um Präsident Malevich zu sagen, das Abkommen von Riga sei nun wirklich nicht so wichtig für Deutschland, viel wichtiger sei der Friede mit Russland. Sie reist nach China, um sich für ein neues Handelsabkommen einzusetzen. Sie reist nach Istanbul, um mit Recep Tayyip Erdogan, der sich unlängst zum Ersten Kaiser aller Türken hat krönen lassen – ein Titel, der auch die Ansprüche der Türkei Richtung Zentralasien kundtut – über Verteidigungslinien in Kurdistan zu beraten, als Geschenk hundert deutsche Panzer verschiedenen Typs im Gepäck, Panzer die auch im Sand rollen können, sagt sie lächelnd auf einer Pressekonferenz am Bosporus, während der Kaiser Recep I nur freundlich von seinem Thron lächelt. Und sie reist nach Argentinien, das sich erneut in einer tiefen Wirtschaftskrise befindet, und bekundet dort, Deutschland werde alte Gastfreundschaft nicht vergessen. Von Guthügel versucht sich derweil an den anglo-amerikanischen Beziehungen, kann aber weder mit Michelle Obama, die ihrem Entsetzen über das Gesetz zur Änderung freien Lauf lässt und ihn in einer Pressekonferenz wie einen kleinen Hund behandelt, der mal wieder nicht an sich halten konnte und den schönen Flurteppich besudelt hat. Die Bild titelt am nächsten Tag „Schwarzer Tag für den Kanzler“, darunter für die meisten Leser eher ominös: „Aber Spaziergänge in rosa Parks sind vorbei.“ Mit dem blondmähnigen britischen Premierminister Johnson läuft es nicht viel besser. Der sagt nach einer gemeinsamen Pressekonferenz im Abgehen vor noch laufenden Mikrofonen „Well, I can do a better Hitler any morning“ und entschuldigt sich am nächsten Tag mit einem Statement, das Kramer vermuten lässt, die Mikrofone waren noch absichtlich an; die deutsche Presse, allen voran wieder die Bild, nimmt die Entschuldigung selbstverständlich an: „Hitler-Johnson sagt Sorry!“ Mit Frankreich, Italien und Polen nehmen es von Guthügel und Henkel jeweils im Doppelpack auf. In Polen läuft es noch am besten. Zwar herrscht dort nach dem nationalkonservativen, nicht nur latent ausländerfeindlichen Regime der PiS Partei (über deren Namen sich nicht nur Kramer in einem Essay einst lustig gemacht hat) wieder eine gemäßigtere Regierung unter der vergleichsweise ideologiefreien PO („Nach PiS, jetzt PO“ titelte – nein, nicht die Bild – sondern die Süddeutsche), aber auch die PO weiß um die Stimmung im Land, die nach Al-Rashids Attentat in Berlin nahezu dieselbe Kurve genommen hat wie die deutsche. Fazit: wer interessiert sich schon für die Balten, wenn er zuhause seine Ruhe haben kann. Und, na klar, Dichtmachen gen Süden. Nach Italien reisen Kanzler und Außenministerin mit einer Kombination von strikten Forderungen und großzügigen Versprechen: Schluss mit der Aufnahme von Flüchtlingen, die übers Meer kommen, Marine- statt Rettungsbote, wer ertrinken will, dem sei dies bitte gestattet. Dafür Haushaltshilfen in Milliardenhöhe, und zwar jetzt und sofort. Ein Angebot, dem schwer zu widerstehen ist, wenn man nicht weiß, wie man die eigenen Staatsangestellten im nächsten Monat noch bezahlen soll. Also alles tacco auch mit Italien. Schwieriger wieder ist es in Frankreich mit dem engen Freund der toten Kanzlerin, Präsident Francois Marchent, der mit einer quasi Merkelschen Integrationsagenda den Front National in die Knie gezwungen hat und Haushaltszahlen aufweisen kann, von denen Italien trotz boomender Wirtschaft im Norden nur träumen kann. Marchents Herz hängt an der EU, und in einer Rede vor den Fernsehkameras am Abend des ersten Empfangs, der einem Tag dutzender geplanter Meetings vorausgeht, zitiert er ihre gesamte Geschichte – von der Montanunion über die Römischen Verträge zu den Verträgen von Maastricht und Lissabon. „Und apropos Maastricht“, sagt von Guthügel in seiner Entgegnung vor derselben Kameras – wobei er untypischerweise zu improvisieren scheint – „die Bundesregierung erwägt selbstredend auch, die Nützlichkeit der Währungsunion zu prüfen.“ Das ist traditionell diplomatisch gesehen (und mit einem bedrohten Anglizismus formuliert) ein fuck-up erster Güte, aber der Deutsche Aktienindex nimmt von Guthügels Bemerkung euphorisch auf, er steigt um 15% am nächsten Tag und um weitere 8% am Tag darauf, die deutschen Anleger jubeln, es ist ein Fest der Freude, an dem sich auch die beteiligen, die keine Aktien besitzen und mal eben rund zehn Prozent ärmer geworden sind, aber wer kann das schon wirklich verstehen; wenn’s bergauf geht, geht’s bergauf, und am schönsten ist es zusammen, und @realDonaldTrump tweetet: „Bravo, Kurt! Let’s make Germany rich again!“ Die Meetings am darauffolgenden Tag stehen einerseits im Schatten des Fauxpas – die französischen Diplomaten, die in den diversen Subkommittees dienen, sind verunsichert und neigen, wann immer es zu schwierigen Fragen kommt zu einem ‚non!“ – andererseits ist Marchent der Schrecken dermaßen in die Glieder gefahren, ein Zerbrechen der Eurozone übersteigt seine Vorstellungskraft, so dass er, als es um die ganz harten Fragen geht, kleinbeigibt, zuvorderst hinsichtlich der Abdichtung Europas gen Mittelmeer. Für die deutsche Presse ist nach dem Besuch klar: entweder reihen sich auch Portugal, Spanien und Griechenland in der Errichtung eines maritimen Mittelmeer-Bollwerks ein oder sie werden – um Aussenministerin Henkel zu zitieren – ,ausgehungert‘. Diese Sichtweise entpuppt sich als rational. Noch Ende November 2027 treffen sich die Staatschefs der Mittelmeeranrainer der EU mit von Guthügel in Athen, um dort einen Vertrag zu schließen, der das Meer dichtmachen soll. Henkel spendiert sagenhafte 4 Milliarden Euro für eine neue Flotille, die zur Bewachung des Meers beitragen soll. Die Maritime Allianz zur Bewachung der EU-Grenzen segelt unter deutscher Flagge, versteht sich. *** Im wegweisendem Jahr 2027 ereignet sich dann noch eine Episode, in die Martin Kramer, der sich über Monate in weitest gehendes Schweigen zu den politischen Umwälzungen gehüllt hat, direkt involviert ist. Der S Verlag hat einen griechischen Dichter unter Vertrag, Panayotis Andreadis, der sich schon in den frühen Tagen der Schuldenkrise Athens, die trotz der milliardenschweren Rettungspakete der internationalen Gemeinschaft nie komplett überwunden worden ist, dezidiert gegen Deutschland gestellt hat. Seit Jahren nutzt er die Formel der ‚verlängerten Naziherrschaft Deutschlands‘. Als die Schuldenkrise Athens unmittelbar nach von Guthügels Auftritt in Paris auf schlimmste neu entfacht, übergießt sich Andreadis, der seit über einem Jahrzehnt immer wieder als möglicher Literaturnobelpreisgewinner gehandelt wird, auf der Akropolis mit zwei Kanistern Benzin, zündet sich an und ist, als die Helfer eine Viertelstunde neben ihm stehen, zu reiner Kohle verbrutzelt. Krisenstimmung im Verlag, der in einem Neubau auf der Potsdamer Straße residiert und dessen Leitungsebene sich keine halbe Stunde, nachdem die Nachricht von Andreadis‘ Selbst-Immolation eintrifft, im Besprechungsraum mit Blick auf Mies van der Rohes Neue Nationalgalerie versammelt. Man brauche sofort etwas für die Webseite, das sei schließlich auch, so der Vertriebsleiter, „eine Gelegenheit, das Werk Andreadis‘ auch mal wieder zu verkaufen“, er müsse ja wohl kaum an die noch 14.000 Exemplare seines letzten Bands erinnern, die man im vergangenen Spätsommer, einmal mehr vergeblich auf Stockholm spekulierend, zu viel gedruckt habe, und die in der Auslieferung teuren Platz einnähmen, „Himmel, das ist die Erstausgabe in Halbleinen mit Fadenheftung, liebe Kollegen“, schließt er seinen Beitrag, dem auch Kramer zunickt, der in seinen New Yorker Tagen vor allem das gelernt hat: dass Geist, wenn er nicht der Heilige ist, der Materie bedarf für seine Verbreitung, und zwar am besten in Form von Dukaten. Philipp Muck, Kramers junger Cheflektor, wirft ein, das sei doch alles Konsens, darum gehe es doch gar nicht, natürlich brauche man etwas, und zwar am Ende dieses Meetings, die einzige Frage sei, ob man dem Dichter Andreadis oder der politischen Person Andreadis gedenken wolle oder einer Kombination von beiden, mit welchen Gewichten auch immer. Der Verlag habe sich bisher – „klug“, sagt er – aus den jüngeren Verwerfungen herausgehalten, und er plädiere dafür, dies auch weiter so zu tun. Muck ist im Vorjahr Vater Zwillingen von geworden, weiß Kramer, und hat im Unterschied zu ihm kein Anlageportfolio, das einen auch dann noch durchfüttert, wenn man nie wieder einen Job bekommt. Seit Monaten weht Angst durch den S Verlag, auch wenn von Guthügels Regierung Kunst- und Meinungsfreiheit bislang nicht einmal mit einer Pinzette angefasst hat, wieso auch, sie haben die Meinung ja meist im Rücken. Kramer hält sich aus der Diskussion heraus, er genießt es, ein Team zu haben, das auch ohne ihn denken und agieren kann, und in dem alle Stimmen versammelt sind, die derweil in seinem Inneren im Clinch miteinander liegen. Am Ende beschließen sie einen kleinen Kasten auf ihre Homepage zu legen: Zeile 1 (fett) Panayotis Aegeus Andreadis; Zeile 2 (halbfett) 4. Juni 1962 – 31. Oktober 2027, darunter in serifenloser Schrift eines von Andreadis‘ vergleichsweise neueren und konventionelleren, jedenfalls berühmteren und vor allem kürzeren Gedichte (in deutscher Übersetzung von Richard Wolf): „Wir haben der Eulen genüge/Und Importzölle verhängt/Jetzt finden wir sie müde/Die Lider stets gesenkt//Einst gab‘s noch Küken/Man erinnert sich kaum mehr/Das letzte jetzt ein alter Kauz//Der Schulden hat//Die Käuzin schmiegt sich an ihn an/Und Wärme macht Vergessen/Dass es noch Zukunft gibt.“ Auf dem Nachhauseweg durch den Tiergarten spricht Kramer das Gedicht leise vor sich hin murmelnd nach. Die letzten beiden Zeilen wiederholt er noch einmal, etwas lauter jetzt, aber immer noch so, dass ihn keiner, der zufällig vorbeiradelt, würde hören können – „Und Wärme macht vergessen/Dass es noch Zukunft gibt“ – und er denkt, oh Mann, wie hat er nur übersehen können, wie sich die Zeilen auch auf Andreadis‘ eigenes Vergessen um 12 Uhr mittags auf der Akropolis zu beziehen scheinen, Vergessen nicht bei Kuschelwärme sondern zwölfhundert Grad glühender Hitze. Kapitel 5 Nach sechs Jahren in Salzgitter wird Peter Thorbald erneut befördert – und versetzt. Ein Abstellgleis noch jenseitiger als das letzte, aber eines auf dem keine Tempobeschränkung gilt. Es geht in die Landeshauptstadt, wo er als Polizeioberrat die Leitung der neu geschaffenen Zentralen Autobahnpolizei Niedersachsen übernimmt. Es ist das Jahr 2020, das Jahr in dem Johannes Stanz auf Mohammed Al-Rashid trifft, das Jahr, in dem Martin Kramer nach seinen anfänglichen Schwierigkeiten in Berlin ins Lieblingspersonal des deutschsprachigen Feuilletons aufrückt. Gen Ende des Jahres, Mitte Dezember, findet Kramer eine Postkarte in seinem Briefkasten – ein Weihnachtsgruß von Peter, von dem er so lange nichts mehr gehört hat, dass er es gar nicht mehr genau beziffern kann. In kleiner ordentlicher Schrift wünscht ihm Peter ein frohes Fest und berichtet vom Umzug nach Hannover und der neuen Stelle und gratuliert ihm zum S Verlag. Unterschrieben ist die Karte mit „Dein Peter und“ (in anderer Handschrift) „seine Ehefrau Miriam“. Darunter noch ein kurzes PS: „Auch die Autobahnpolizei weiß, wo Du Dich aufhältst. Gib Acht, mein Freund!“ Mit Bleistift daneben eine 0511-Nummer. Wenn das nicht mal echte Neuigkeiten sind, denkt Kramer, Peter verheiratet! Und er versucht sich Miriam vorzustellen, hoffentlich ist sie keine zweite Charlotte, lieber schon eine, ihm fällt der Name Peters hübscher New York Begleiterin nicht mehr ein, Karin oder Kathrin?, beides ist komplett daneben, sie hieß Manuela, was Kramer beim Durchstöbern alter Briefe herausfindet, wie kann er nur derart danebengelegen haben, Manuela muss jemand anderem noch ähnlich gesehen haben, und, ja, natürlich, ein wenig sah sie so aus, wie Katja, die andere Auszubildende in der Celler Buchhandlung, in der er zur Lehre gegangen ist. In New York ist ihm das aber anscheinend nicht aufgefallen, egal, egal, er muss gleich anrufen, aber in Hannover nimmt niemand ab, und dann hat er noch ziemlichen Stress wie immer vor dem Fest, und an Weihnachten selbst, das er bei seinen Eltern verbringt, will er nicht stören, ein wenig hat er gehofft, Peter und Miriam würden bei Peters Eltern vorbeikommen, aber bei den Thorbalds neben an ist alles dicht, das Haus sei verkauft, sagen seine Eltern, die Thorbalds wohnten jetzt in der Stadt, sie sagen das mit einer Mischung aus Bedauern und Ärger, dessen Wurzeln Kramer nicht nachgehen möchte, es ist ja das Fest des Friedens, seine Eltern sind an und für sich gut gelaunt, aber er weiß, wie mitunter die kleinsten Ausflüge in Gefilde der Verstimmung zu großen Reisen durch dieselben werden. Zurück in Berlin ruft Kramer am Neujahrstag bei Peter an und fährt zwei Wochen später nach Hannover – mit einem neu erworbenen Porsche Boxster GTS (eine Anschaffung, die ihn Wochen innerer Zerissenheit gekostet hat – will, ja, darf, nein, will, ja, darf, nein, schließlich ja, muss, immerhin bin ich Chef, also Kindertraum erfüllen, wie oft macht man das schon). Peter Thorbald hat, so stellt es sich heraus, keine Illusionen über den neuen Job, aber die Gehaltserhöhung ist gut, und die zu schiebende Kugel ruhig, ist doch auch mal was, und besser hätte das Timing nicht sein können, schau dir Miriam an! Er ist (sozusagen) über beide Ohren verliebt, und Kramer kann das Glück schon spüren, als ihm Miriam, die wie Ende zwanzig aussieht in Wirklichkeit aber schon fast vierzig ist, die Tür des Reihenhauses öffnet, das ein wenig moderner gezeichnet ist als die Häuser, in denen er und Peter aufgewachsen sind, sonst aber ganz ähnlich proportioniert. Miriam hat ein Leuchten in den Augen, das nicht nur Kramers Ankunft geschuldet sein kann, und er sieht es die vollen zwei Tage, die er im Hause Thorbald verbringt, nie ganz verlöschen. Peter, der erste graue Haare an den Schläfen hat, ist entspannt wie nie und erzählt begeistert von der Zeit, die er wieder für Lektüre hat. Zum Aufwärmen habe er das Gesamtwerk Ian McEwans verschlungen, Ernst-Wilhelm Händlers Kongreß habe ihn begeistert und dann die großen Abenteuerromane Steffen Kopetzkys, Grand Tour und Risiko, was für ein Wurf. Martin kann dem nur zustimmen, die Wahrheit ist, dass er seit mehreren Monaten mit einem jungen Autor über ein auf mehrere Bände angelegtes Werk verhandelt, das erste Manuskript, das er seit seiner Rückkehr nach Deutschland gesehen hat, das Kopetzky in Sachen neuer Abenteuerroman das Wasser reichen kann. Es hat die Jahre der Gründung der Bundesrepublik zur Folie, die zentrale Geschichte die eines Jungen, der sich als vierzehnjähriger Schwarzhändler in den Nachkriegsjahren eine goldene Nase verdient und irgendwann zwei Stangen Zigaretten gegen „ein mechanisches Wunderwerk“ tauscht, von dessen Beschaffenheit der Autor noch nichts preiszugeben bereit ist, in Band 1 bleibt es über 500 Seiten lang in einer Obstkiste versteckt. „Es wird schon keine Uhr sein“, sagt Peter Thorbald, um Martin darauf in seine im zweiten Obergeschoß des Hauses eingerichtete Bibliothek zu führen. Vor dem Fenster ein immens großes maßgeschreinertes Stehpult. Als sie an der Tür stehen, sagt Peter: „und auf dem Pult liegt meine Übersetzung von Finnegans Wake!“ Für den klitzekleinsten Moment ist Kramer verdaddert, dann fügt Peter hinzu: „aber man darf ihr nicht zu nahe treten“ und Kramer fällt die Anekdote wieder ein, mit der der große Arno Schmidt einst seinen Verleger verhohnepiepelt hat. Statt dessen liegen auf dem bald zwei Meter breiten Pult, nebeneinander aufgeschlagen, Typoskript und gesetzte Fassung von Schmidts Zettel‘s Traum. „Martin“, sagt Peter „man muss halt irgendwann mal durch den Maschendrahtzaun steigen, um sich einen Traum zu erfüllen.“ Martin Kramer denkt an seinen nachtblauen Boxster, eine Sonderfarbe, für die er 10.000 Euro extra gezahlt hat, und fühlt sich ein weinig schlecht. Aber sehr weit ist Peter noch nicht gekommen, gerade einmalmal durch das erste Drittel des ersten Buchs, und nach einer halben Flasche Whiskey, die sie im Verlauf des späteren Abends leeren, als Miriam sich zurückgezogen hat, schlägt Peter Thorbald seinem Freund Martin Kramer vor, dass er doch noch einsteigen könne, sie das Buch, wenn schon nicht wirklich gemeinsam, so doch zumindest parallel lesen könnten, dort weitermachend, wo sie 1990 nach KAFF einst aufgehört hatten, Fortsetzung 30 Jahre später … Am zweiten Tag wandern sie vormittags, halbwegs verkatert, am Ufer des Maschsees entlang, es ist ein krisper, schneidend kalter Tag, hellblauer Himmel, auf dem – es sei erlaubt – sich kleine Wolkenhunde jagen. Am frühen Nachmittag kehren sie ins Haus zurück, Peter Thorbald zündet den Kamin an, vor dem sie sich bei einem Glas Barolo aufwärmen, dann geht es in die Küche, wo sie unter Miriams Führung ein Ottolenghi inspiriertes Gelage bereiten. Kramer schnippelt Zwiebeln und hakt Kräuter, Peter würzt Fleisch und Couscous, Miriam dirigiert und jongliert am Herd. Am frühen Abend stehen auf dem massiven Holztisch im Wohn-Esszimmer, das das Kaminfeuer inzwischen hat recht mollig werden lassen, fünf große Schüsseln, vier nicht minder große Platten und diverse kleine Schälchen mediterraner Köstlichkeiten. „Morgen freuen sich die Nachbarn“, sagt Miriam. Es fühlt sich an, denkt Kramer, wie im Klischee, „als wären wir nie voneinander fort gewesen“ ertappt er sich zu im Geiste formulieren und – und das überrascht und bewegt ihn – als wäre Miriam schon immer Teil ihrer Bande. Er kann sich an keinen besseren Abend zu dritt erinnern, dieser oftmals ja doch recht traurigen Konstellation, in der ein Paar den guten alten, jedoch leider schrecklich pickligen und zu ewigem Single-Dasein verdammten Freund aus grauer Vorzeit unterhält. Auf der Rückfahrt am nächsten Morgen stellt Kramer die Sitzheizung auf Max, dreht das Warmluftgebläse auf und lässt das Verdeck runter. Und diktiert, als er auf der sonnenbeschienen A2 mit 100km/h gen Osten gondelt, eine Email an seine Sekretärin, Jenny, die ihm doch bitte die Bargfelder Ausgabe von Zettel’s Traum bestellen möge. Das Typoskript liegt horizontal in der schrecklich teuren Erstausgabe von Stahlberg in einer Vitrine in der Schumannstraße. Er freut sich darauf, es mit Unterstreichungen zu versehen. Mit Buntstiften, versteht sich. Sie kommen in den nächsten drei Monaten immerhin bis zu Dän’s Cottage, dem dritten Buch, dann kann Kramer nicht mehr mithalten, aber immerhin: sie bleiben in Kontakt. Im Sommer kommen Peter und Miriam nach Berlin, um Kramer zu besuchen, sie gehen ins Theater (‚down the road‘) und in die Komische Oper, um Orfeo zu sehen, noch immer aufgeführt in der inzwischen legendären Inszenierung Barrie Koskys, ein Freudenfest, das seines gleichen sucht. Gekocht wird freilich nicht, Martins Küche ist furchtbar klein, lieber gehen sie essen, Panasiatisches bei Tim Raue und Regionales im Pauly-Saal. Peter Thorbald hat inzwischen das sechste Buch, ‚Rohrfrei!‘, absolviert, aber seine Beschwerden über Kramers Abschlaffen halten sich im Zaum, na klar, schade, aber wie könne ein Verleger schon mit dem Lesepensum eines Polizisten mithalten! Sie verabreden sich, Silvester und Neujahr gemeinsam an der Ostsee zu verbringen, Miriams Eltern haben eine große Villa am Strand von Kühlungsborn und sind dieses Jahr verreist, sie solle auf den Hund aufpassen, das passe alles doch ganz großartig, und das tut es auch aus Kramers Sicht, der die Stunden zu dritt in jenem Jahr mehr genießt als alles andere, aber dann verunglücken Kramers Eltern ein paar Tage vor Weihnachten in einer Massenkarambolage auf der A9. Die Verletzungen sind schwer, bei seiner Mutter schlimmer noch als bei seinem Vater, der mit einem gebrochenen Bein und mehreren Rippenbrüchen davonkommt. In den Körper seiner Mutter hat sich ein Plastikteil gebohrt, sie erleidet starken Blutverlust, ein Rettungshubschrauber kommt zum Einsatz, eine Woche lang bleibt unklar, ob sie es schaffen wird. Kramer fährt sofort nach Nürnberg, wo seine Mutter auf der Intensivstation liegt, getrennt von ihrem Mann, der mit einem Rettungswagen nach Erlangen gebracht worden ist. Er verbringt das Weihnachtsfest zwischen den beiden Spitälern pendelnd, eingemietet hat er sich ins Hotel Forsthaus Fürst, das auf halbem Weg zwischen den beiden Krankenhäusern liegt, ein Hotel, das seinem romantischen Namen zum Trotz eine Nüchternheit ausstrahlt, die dem Anlass angemessen scheint. Die Reise nach Kühlungsborn sagt er ab, zu vieles ist zu organisieren, zunächst einmal, als seine Mutter endlich aus dem gröbsten raus ist, die Verlegung der beiden nach Celle, dann Reha, dann Pflegepersonal für zuhause und womöglich ein Umbau dort, denn ob die beiden in näherer Zukunft wieder die Treppe zu ihrem Schlafzimmer werden gehen können, ist unklar. Kramer muss sich alleine um diese Dinge kümmern, seine Schwester, Maria, Professorin für Romanistik in München, hat sich vor Jahren mit den Eltern überworfen, was genau vorgefallen ist, weiß er nicht, die beiden Geschichten, die ihm erzählt werden, sind so sehr verschieden, dass sich keine natürliche Mittelversion ergibt, die der Wahrheit entsprechen könnte, und die Suche nach derselben hat er lange schon aufgegeben, irgendwann will keiner mehr darüber sprechen, nicht mal sich beschweren noch, und bei Maria sitzt der Gram so tief, dass sie selbst, als er ihr am Heiligabend sagt, dass es ihre Mutter vielleicht nicht packen werde, zu nicht mehr als einem „ das tut mir leid für euch“ fähig ist, die Mutter besuchen könne sie jedoch nicht, „vielleicht komm ich zur Beerdigung, wenn Papa sich vorher entschuldigt“, sagt sie am Ende. Bei seiner Mutter wird kurz nach ihrer Verlegung nach Celle im Rahmen von Routineuntersuchungen ein faustgroßer Tumor am Darm festgestellt, sie muss umgehend noch einmal operiert werden, auch wenn sie eigentlich zu schwach ist, man müsse die Risiken balancieren; der Arzt, mit dem Kramer spricht, ist sehr klar und drückt sich in Wahrscheinlichkeiten aus: das Risiko, dass sie die OP nicht überleben werde, läge bei unter 20%, aber wenn sie Glück hätten und den Tumor jetzt entfernen würden und er noch nicht metastasiert sei, hätte sie eine 70% Chance auf vollständige Genesung, die jedoch rasch auf null falle, wenn es einmal Lebermetastasen gäbe. Unter 20%, das kann man sich gut vorstellen, das ist wie beim Würfeln, alles nur keine eins, er rät seiner Mutter zu; sein Vater ist zu ängstlich und dagegen, aber seine Mutter hört auf ihren Sohn, und am 20. Januar ist es soweit. Kramer wohnt in diesen Tagen in seinem einstigen Kinderzimmer unterm Dach, das seine Eltern nach seinem Auszug zu einem Gästezimmer umfunktioniert haben. Zum ersten Mal seit den letzten Wochen seiner Buchhandelslehre verbringt er mehr als drei Tage am Stück im elterlichen Reihenhaus. Er vermisst Peter Thorbalds Eltern nebenan, die, wie er jetzt herausfindet, anlässlich des 65. Geburtstags von Peters Vater das Haus am Stadtrand gegen eine behindertengerechte Wohnung in der historischen Altstadt von Celle getauscht haben, man wisse ja nie, man wolle lieber vorbeugen. Kramer, der seit Tagen darüber grübelt, ob man das Erdgeschoß des Reihenhauses in eine in sich geschlossene Wohnung verwandeln kann, so dass seine Eltern nicht ausziehen müssen, selbst für den Fall, dass es mit der Treppe nichts mehr wird, fragt sich, warum es seine Eltern den Thorbalds nicht gleichgetan haben, warum sie an diesen Mauern so sehr hängen und dem kleinen Garten auch, wie sie immer sagen, obwohl ihnen das Gärtnern nie besonders Spaß gemacht hat, jedenfalls sieht der Garten nicht danach aus. *** Während seine Mutter operiert wird, spielt Kramer mit seinem Vater Offiziersskat im Wartesaal vor der Chirurgie. Sein Vater wird morgen entlassen, um in die Reha verlegt zu werden, die Vorstellung von seiner Frau für zwei Wochen getrennt zu sein, „wenn es ihr so schlimm geht“, lässt seine Stimme zittern, was ihm unangenehm ist, und so wird geschwiegen, und keiner spricht aus, was sie beiden denken, dass die Trennung, wenn der Teufel die eins wirft, nicht nur für vierzehn Tage sein wird. Anderthalb Stunden später sieht es Kramer sofort im Gesichtsausdruck des Chirurgen, die eins ist gefallen … Der Chirurg beschreibt, präzise und knapp, was passiert ist, es habe ungewöhnlich starke Blutungen gegeben, eine Belastung, die zu viel für den Kreislauf gewesen sei, Reanimationsversuche vergeblich. Er spricht sein Beileid aus. Kramers Vater nimmt schweigend die Hand des Chirurgen entgegen, setzt sich dann wieder und spielt eine Karte aus, den Kreuz-Buben, und legt den einzig verbleibenden Trumpf seines Sohnes darauf, eine Pik zehn, um darauf seine letzte, unter dem Buben verbliebene, verdeckte Karte aufzudecken, es ist die fehlende Karo zehn, für die er das passende Ass zurückgehalten hat; „Schneider“ sagt er. Er nimmt die Karten auf und mischt, dann sagt er: „Kannst du in der Reha anrufen und fragen, ob sie heute schon ein Bett für mich haben?“ Die Reha ist verständnisvoll, man müsse zwar ein wenig umplanen, aber das kriege man hin. Kramer hilft seinem Vater beim Packen, sie rufen ein Taxi; als sie Platz genommen haben, sagt sein Vater, „in die Brentanostraße“, dort steht das Reihenhaus, „ich will noch ein Bild von Mama holen.“ Sie fahren zum Haus, Kramer bittet den Taxifahrer zu warten, aber sein Vater sagt, er brauche einen Moment, eine gute Stunde, sie würden dann einen neuen Wagen rufen, der Fahrer reicht ihnen seine Karte, falls sie ihn direkt würden anrufen wollen. Kramer hilft seinem Vater die drei Stufen zur Haustür und von dort ins große Wohnzimmer, das das halbe Erdgeschoß einnimmt. Sein Vater setzt sich aufs Sofa und bittet den Sohn, aus dem Einbauschrank, Schublade unten links, den braunen Karton mit Fotos zu holen. Als er den Karton öffnet, bittet er Martin darum, eine Stunde alleingelassen zu werden, „komm einfach wieder um vier runter, dann fahren wir, ok?“ Martin Kramer nickt und geht nach oben in sein Zimmer. Er sitzt auf seinem Bett und schaut auf die Zeiger seiner Uhr. Sie ticken beinahe so, als sei nichts geschehen, unbeirrt, nur ein bisschen langsamer als sonst. Als es fünf vor vier ist, steht er auf, geht in das kleine Bad neben seinem Zimmer und wirft sich eine Handvoll Wasser ins Gesicht, sorgfältig vermeidend, in den Spiegel zu schauen. Er trocknet sich ab und geht nach unten. Auf halber Treppe hört er einen Schuss. Sein Vater, vor gut drei Jahrzehnter Dritter bei den Niedersächsischen Landesmeisterschaften im Großkaliberschießen, hat sich mit einer 44er Magnum, unterhalb des Kinns ansetzend, in den Kopf geschossen. *** Polizei, Spurensicherung, Bestatter, dreimal muss er seine Geschichte erzählen, es ist halb neun, als er seine Sachen packt und das Haus verlässt. Er nimmt sich ein Zimmer im Celler Hof, wandert durch die Stadt, trinkt hier ein Bier und dort einen Schnaps, aber Alkohol scheint keine Wirkung mehr zu haben. Irgendwann ruft er seine Schwester an, das muss sein, auch wenn er sich fürchtet, nicht so sehr vor dem Aussprechen der Nachricht, die ist so verrückt, so absurd, dass sie sich fast schon wieder leicht erzählen lässt – „Mama ist bei der OP gestorben, und Papa hat sich erschossen“ – sondern vielmehr vor dem Ausbleiben einer Reaktion, vor der Formel, die auch tatsächlich fällt: „Das tut mir leid für dich, Martin.“ Leid für dich – für dich und niemanden sonst. „Meld dich, wenn du irgendwas von mir brauchst“, fügt sie hinzu, aber es ist eine nicht ernst gemeinte Floskel, wie Kramer herausfinden muss, als er ihr zwei Tage später eine lange Email schickt mit all den Dingen, die zu erledigen sind. „Danke, dass Du Dich so kümmerst. Ich hab gerade einen derart vollen Schreibtisch, kann hier unmöglich weg. Kuss, Maria“, so ihre Antwort, ungekürzt, in voller Länge. Kramer weint zum ersten Mal seit Jahren, und es sind nicht nur ein paar kleine Tränen, die gemütlich die Wange runterfließen, er muss sich einen Schal vor den Mund halten, um die Gäste in den Nachbarzimmern nicht zu beunruhigen. Nach einer Viertelstunde geht es ihm besser, und er beschließt, das zu tun, was seine Eltern auch getan haben, den Kontakt zu Maria abzubrechen. Nur eine Todesanzeige mit Datum und Ort der Doppelbeisetzung schickt er ihr noch per Post. Als er am Abend des darauffolgenden Tags eine Email Hannas mir der Betreffzeile „Absage“ in seiner Inbox findet, löscht er sie ungelesen. Es ist ein wechselhafter Wintertag, an dem seine Eltern bestattet werden, windig, kalt, mal kommt die Sonne durch, mal erahnt man sie nur. Fast hundert Menschen sind gekommen, was Kramer überrascht, die Bänke in der kleinen Kapelle sind voll besetzt, auch Peter und Miriam Thorbald sind da, die er neben sich in die erste Reihe bittet. Miriam hat ein wenig zugelegt, ein kleines Bäuchlein zeichnet sich unter ihrem schwarzen Pullover ab, der Kreis des Lebens, er gratuliert den beiden, als sie nach dem Leichenschmaus in der Stadtwohnung der Eltern Thorbald noch ein Glas Rotwein trinken, in ungewohntem Überschwang. Es wird ein Mädchen, Paula. Keiner der dreien kann zu diesem Zeitpunkt ahnen, dass sie sich zu dritt erst sechseinhalb Jahre später wiedersehen werden, bei einer Beerdigung erneut, in Kühlungsborn in der Nähe des Strands, nur ein Sarg diesmal und nicht halb so groß. *** Es stellt sich heraus, dass Kramers Eltern ein notarielles bei Gericht hinterlegtes Testament gemacht haben, das ihn, Martin, zum Alleinerben bestimmt. Er nimmt die Verfügung als Auftrag an, eine Härte in sich entdeckend, die er bis dato allenfalls von schwierigen Verhandlungen mit Literaturagenten kennt. Er nimmt sich den teuersten Anwalt, den er in Celle finden kann, Dr. Hermann Biedermeyer, und instruiert ihn, das Ziele laute nicht Maximierung seines Gewinns sondern die Minimierung Hannas, Kosten egal. Als ihn das Schreiben einer Münchner Anwältin erreicht, in dem diese im Namen Hannas den gesetzlichen Pflichtteil einklagt, hat er längst ein Gutachten bereit, das die Sanierungsbedürftigkeit des Hauses in der Brentanostraße aufs genaueste beschreibt, der Nettowert der Immobilie belaufe sich auf maximal 150.000 Euro. Jenseits der Immobilie gibt es noch ein wenig Schmuck und einen Bausparvertrag mit einem Guthaben von etwas über 200.000 Euro, vor zehn Jahren zu Martins Gunsten abgeschlossen. Man müsse diese Positionen deklarieren, könne aber insbesondere bei dem Bausparvertrag auf den ursprünglich zum Ausdruck gebrachten Willen der Eltern rekurieren und auch spätere Einzahlungen, auf die Maria im Prinzip einen Teilanspruch geltend machen könne, als quasi nachträglich, als Ableistung einer Schuld, die man Martin gegenüber vor zehn Jahren eingegangen sei, zu interpretieren versuchen. Vor einem Gericht könne man mit etwas Glück mit dieser Argumentation durchkommen, die Frage sei eher, wen Dauer und Kosten eines solchen Verfahrens im Vorfeld mehr schrecken. „Nicht mich“, sagt Kramer und lässt seinen Anwalt ein so langes wie teures Schreiben formulieren, in dem er ihr eine Zahlung von 36.000 Euro anbietet. Hannas Anwältin kontert mit einem eigenen Gutachten über das Haus, das auf den doppelten Wert der Immobilie kommt und meldet auch Anspruch auf ein Viertel des Bausparvertrags an. Biedermeyer rät ihm, einfach erstmal gar nicht zu antworten. Erst nach dem zweiten Erinnerungsschreiben, in dem Hannas Anwalt keck mit Klageeinreichung droht, rät Biedermeyer zur Antwort, und zwar diesmal mit einem Brief, in dem er, wenn Kramer mit dieser zugegebenermaßen eher ungewöhnlichen Taktik einverstanden sei, eine Art Potemkinsches Dorf errichten würde mit einem Gewirr juristischer Gänge, die zu verstehen und zu ordnen, selbst einen guten Anwalt mindestens vier Wochen Arbeit kosten würde, beziehungsweise, erklärt er weiter, gerade einen guten Anwalt, und um einen solche handele es sich bei der Hannas, wiewohl um keine sehr gute, eine sehr gute Anwältin würde das Spiel auf den ersten Blick durchschauen. Effektiver könne man den anderen gar nicht minimieren, er sauge sich sowas locker an einem halben Nachmittag aus den Fingern, während auf der anderen Seite mal eben lustig 200 bis 300 gebührenpflichte Stunden anfielen. Außerdem könne er andeuten, man sei auf Spuren gestoßen, die auf die Existenz eines auf ihn, Martin, übertragenen Auslandsvermögen hindeuteten, was man der Vollständigkeit halber auch deklariere, um der Deklaration ein weiteres Geflecht komplexer Pseudoargumente folgen zu lassen, am besten jetzt mit diversen Verweisen auf die Rechtslage in Luxemburg und Panama. Letzteres geht Kramer ein wenig zu weit, aber zu ersterem gibt er sein Okay, das hat sie verdient, nein, eigentlich hat sie den Panamatrick auch verdient, aber den kann man sich ja auch noch für ein andermal aufsparen. Zwei Jahre später – nach Schriftwechseln, die zwei Ordner füllen – einigt man sich schließlich auf 45.000 Euro, mit der Martin Hannas Pflichtteil abgeltet. Biedermeyer schätzt, dass das nach Abzug von Hannas Anwaltskosten netto rund 10.000 Euro weniger sind, als sie bekommen hätte, hätte sie das erste Angebot einfach angenommen. Kramer lädt ihn zu einem Abendessen im besten Restaurant der Stadt ein, zu dem sie zwei Flaschen P2 trinken. Sie bleiben in Kontakt miteinander auch die folgenden Jahre, sie tauschen Postkarten und bald auch kleine Weihnachtsgeschenke, fast werden sie so etwas wie Freunde aus der Ferne. Biedermeyer sammelt Erstausgaben alter Rowohlt Taschenbücher, die in Halbleinenflexibel, allerdings nur in pristiner, idealerweise ungelesener Form, eine schöne Wahl für eine Sammlung, denkt Kramer, wenn man Taschenbücher nur heute noch so binden könnte, ohne die Wirtschaftlichkeitszwänge des Markts, jedenfalls kann er Biedermeyer zu Weihnachten 2025 eine ganz besondere Freude machen – mit einem tatsächlich taufrischen Exemplar von Hans Rueschs Rennfahrer. *** Beim Ausmisten des elterlichen Reihenhauses hat Kramer auf dem Dachboden noch eine Kiste mit Bargeld gefunden, knapp 50.000 Euro, die er auch seinem Anwalt gegenüber verschwiegen hat. Damit hat er, soweit er weiß, eine Straftat begangen, die erste in seinem Leben. Wie gut sich Kriminalität anfühlen kann, hat er nicht vermutet. Das Haus verkauft er, nachdem er die Hälfte des gefundenen Bargelds in Schönheitsreparaturen investiert hat, kurz darauf für 412.000 Euro, die Märkte haben aber auch angezogen seit dem Tod seiner Eltern, haha. Sein Gesamterbe beläuft sich nach Abzug der Zahlung an Maria und seiner eigenen Kosten auf, sage und schreibe, knapp über 600.000 Euro, ein wenig fühlt er sich schlecht seinen Eltern gegenüber, die sich, wie er findet, hätten mehr gönnen sollen in den Jahren ihres Ruhestands, zumal er das Geld nicht wirklich braucht, er hat in den New Yorker Jahren nicht nur sehr geschickt in Aktien investiert, vor allem hat er bei der Ausgründung eines Tochterunternehmens, das die neuen digitalen Dienste des Hauses unter einem Dach versammelt, einen Anteil von 5% an selbigem erhalten, was sich als veritable Goldgrube erweist, nachdem klar wird, dass ein Patent, das sie zur Unterstützung digitaler Bibliotheken entwickelt haben, auch für andere Anbieter digitaler Inhalte von erheblichem Nutzen ist, irgendwas hat das mit simpler Sortierung zu tun, um ehrlich zu sein, versteht er das nie wirklich genau; jedenfalls macht ihn der Verkauf des Patents kurz vor seinem Umzug nach Berlin zum vielfachen Millionär, selbst seine Kinder, sollte er mal welche haben, was er sich nicht vorstellen kann, selbst seine kontrafaktischen Kinder wären bis ans Ende ihrer Tage mit großem Champagner versorgt, dem einzigen Luxus, den er sich selbst leistet, den er vielleicht nicht ganz aus dem Geschäftsführergehalt, das ihm der S Verlag zahlt, bestreiten könnte. Er beschließt, sein Erbe in etwas Anfassbares, ein Objekt zu tauschen, das ihn an seine Eltern erinnern soll, eine Weile denkt er an einen Oldtimer, einen klassischen Ferrari vielleicht, aber das ist ihm dann doch zu kompliziert, wo abstellen, wann ausfahren, und außerdem stellt sich heraus, dass alles, was ihm wirklich gefallen würde, sein Budget übersteigt, was für ein Irrsinn. Am Ende entscheidet er sich für eine Patek Philippe mit ewigem Kalender und Minutenrepetition, was könnte es auch Passenderes geben – immer hören zu können, was einem die Stunde schlägt. Im Patekregister lässt er die Uhr auf den Namen seines Vaters registrieren. *** Als Paula Thorbald im Mai 2021 geboren wird, schreiben ihm Peter und Miriam einen handschriftlichen Brief, dem mehrere Fotos des blondlockigen Babys beiliegen. Sie fragen ihn, ob er Paulas Taufpate werden wolle, die Taufe sei für den 19. Juni geplant. Kramer fühlt sich zwar geehrt, ist vor allem aber auch überrascht: hat sich der Zettel’s Traum lesende seit Teenagertagen bekennende Atheist, Peter Thorbald, etwa bekehren lassen? Peter, dessen ausschließlicher Glaube den in einem materiellen Raum herrschenden Wirkungsgesetzen gegolten und der auch damit ihn, Kramer, zum Austritt aus der Kirche bewogen hat, gleich nachdem sie mit 14 Jahren religionsmündig geworden sind? Kramer hat sich jeglicher Idee der Transzendenz seitdem verweigert und bei der Beerdigung seiner Eltern nur deshalb einen Pfarrer zugelassen, da er gewusst hat, dass sie es so gewollt hätten. Und jetzt soll Klein-Paula getauft werden, wehr- und ahnungslos? Er schreibt zurück, sagt, wie er sich über die Geburt freue, darüber, wie glücklich er sei, dass Mutter und Kind gesund seien, und wie gerne er auch eine Rolle für Paula spielen wolle, aber gewiss nicht als „kirchlicher Pate“, was denn in Peter gefahren sei, er hoffe, nein, sei sich sicher, dass sei alles nur ein Scherz. Der neuen Zeitrechnung, die nun mit Paulas Geburt beginne, wolle er natürlich Rechnung tragen, weswegen er eine Uhr beilege, noch ein wenig zu groß fürs kleine Handgelenk, die ihr aber spätestens passen würde, wenn sie – und an dieser Stelle schreibt er etwas, das er später bereut – in 14 Jahren religionsmündig würde. Die Uhr ist eine Day Date in Weißgold im alten 36mm Durchmesser, ein wenig übertrieben vielleicht, aber er will damit sagen, hey, natürlich spiele ich die Rolle, die ein Pate zu spielen hat, aber nicht mit kirchlichem Brimborium. Peter Thorbald schreibt ihm zurück – wieder postalisch – und lädt ihn von der Taufe aus. Sommer 21. Binnen eines halben Jahres hat Kramer seine Familie und seinen besten Freund verloren. *** Miriam schreibt ihm mitunter in den nächsten Jahren, fast immer per Email, oft mit neuen Fotos von Paula, die prächtig zu gedeihen scheint, ab und an auch mit einem Video, und meistens fügt sie ein paar Zeilen über Peter hinzu, der weiter Schmidt liest, in umgekehrter chronologischer Reihenfolge jetzt, Julia, Abend mit Goldrand, und schließlich Die Schule der Atheisten. Miriam schreibt – es ist jetzt 2024 – sie habe den Anlass genutzt, Peter vorzuschlagen, sich doch mal wieder bei ihm zu melden, aber es habe nur schrecklichen Streit gegeben, was schwer erträglich gewesen sei, stritten sie sich doch sonst ‚eigentlich nie‘. Dann – es ist im Februar 2027, ein Jahr nach der Explosion im Wappensaal, Kurt von Guthügel ist seit einem halben Jahre neuer Bundeskanzler – plötzlich eine Nachricht von Peter, auf eine Postkarte gekritzelt, die in einem Umschlag ohne Absender steckt. „Muss mit Dir reden. Brauche Deine Hilfe. Kontakt aber nur über Whatsapp, 01004720160. Danke, Dein Peter.“ Kapitel 6 Johannes Stanz wacht exakt drei Monate nach dem Anschlag im Roten Rathaus aus dem Koma auf. Sprache da, Erinnerungen da, nur sein rechtes Bein ist fort, aber auch Mut ist da und die alte blitzende Intelligenz und Schlagfertigkeit. Bei einem Interview mit dem Stern in der Brandenburgischen Rehabilitationsklinik, in der er im Sommer mit einer Prothese wieder laufen lernt, sagt er: „Ich hoppel jetzt nur noch, aber wenn ich mir von Guthügel anschaue, kann ich nur sagen, ist doch besser als stolpern.“ Sein zur Schau getragener Optimismus ist allerdings wenig gerechtfertigt. Zwar hält er im Bundestagswahlkampf (ohne Krücken auf der Prothese stehend) gleich mehrere bemerkenswerte Reden, in denen er an Angela Merkels „Vision für ein Miteinander“ erinnert und die SPD zur natürlichen Erbin der Ideen Merkels erklärt, aber dann erscheint auf der Titelseite der Frankfurter Allgemeinen Zeitung ein Kommentar, der der Kampagne der SPD den Garaus macht. Man wisse doch, insinuiert Heiko von Hövel, der kürzlich zum Mitherausgeber des Blatts avanciert ist, wer Al-Rashid großgemacht habe und wer eben auch auf dem einen sicheren Platz im Wappensaal des Roten Rathaus gesessen habe – einen fünf Meter breiten massiven runden Holztisch zwischen sich und der Bombe zum Schutz. Man müsse sich als Bürger Fragen stellen, wenn es schon das BKA nicht tue. Eine Lüge natürlich, denn Bründlmayr hat Stanz nach dessen Erwachen aus dem Koma gleich mehrfach persönlich verhört, was Bründlmayr sich nach dem Erscheinen des Kommentars auch genötigt sieht, öffentlich zu wiederholen. Es gäbe keinerlei Verdachtsmomente gegen Johannes Stanz, tut Bründlmayr im Rahmen einer Pressekonferenz kund, die sich mit dem weiteren Stand der Ermittlungen gegen Al-Rashid und dessen Hintermännern befasst. Aber das Kind ist in den Brunnen gefallen, zumal auch Stanz nicht erklären kann, wie es denn passieren konnte, dass er einen IS Terroristen im Amt des Regierenden Bürgermeisters von Berlin installiert habe. Es gibt ein weiteres Interview mit Stanz aus den Tagen des Wahlkampfs, mit dem Berliner Tagesspiegel, in dem er seiner Ratlosigkeit Ausdruck gibt – das ist so offen wie ehrlich, stellt sich aber als der letzte Sargnagel für die SPD heraus, die sich zum ersten Mal in der Geschichte aus dem Bundesparlament verabschieden muss. 4,8%. Kurz nach der verlorenen Wahl erhält der S Verlag einen Anruf von Stanz‘ Sekretärin: der noch amtierende Innenminister bitte um ein Gespräch mit Martin Kramer, so zeitnah wie möglich. Sie treffen sich drei Tage später zu einem Lunch in der Brasserie Lumiere, direkt gegenüber von Kramers Büro. Bei einer Flasche Chablis, Sommersalat mit Krebsen und Steinbuttfilet (sie haben beide, unabhängig voneinander, dasselbe bestellt), erklärt Stanz seine Absicht, für ein halbes Jahr eine Auszeit zu nehmen, um ein Buch über seine Zeit mit Mohammed Al-Rashid zu schreiben. Auch Kramer nötigt ihm die Frage auf, wie er denn bei Al-Rashid so blind habe sein können und welche Rolle diese Blindheit im Buch spielen würde. Stanz antwortet, er sei sich nicht sicher, ob er wirklich blind gewesen sei, die Erforschung seiner eigenen Erinnerungen sei Teil des Projekts, er müsse sich selbst durchleuchten, was dabei herauskommen würde, sei unklar, wenn er das schon wisse, müsse er das Buch nicht mehr schreiben. Kramer findet diese Offenheit charmant, ist sich aber auch des verlegerischen Risikos bewusst. Ein Buch, das sich dem Versagen nicht wirklich stellt, eines das die Schuld Al-Rashids womöglich gar verschiebt, ist nicht veröffentlichbar, ist reinster verlegerischer Selbstmord, den ihm die Anteilseigner des S Verlags nicht durchgehen lassen werden. Andererseits ist ein Bericht aus der Innenansicht von Stanz in das schlimmste Verbrechen, das die Republik je heimgesucht und das Stanz ermöglicht hat, ein potentieller Knüller, und zwar nicht nur verkaufstechnisch. Er stellt sich eine Narration vor, die ohne jedes Brimborium materielle und psychologische Fakten schildert, die in ihrem Zusammenspiel ins Verderben führen. Stanz bleibt bei Fragen zum möglichen Tenor des Buchs eisern abweisend und zitiert einen „Forscherfreund, der um die Ecke arbeitet“, der anbetrachts der Formulare für Anträge zur Finanzierung neuer Forschungsprojekte, in denen man erklären müsse, was die Resultate der neuen Forschung denn sein würden, einmal gesagt habe: „Wenn wir’s schon wüssten, wär’s keine Forschung mehr.“ Das leuchtet Kramer ein, und er memoriert den Satz. Am Ende einigen sie sich auf einen Optionsvertrag: Der S Verlag zahlt Stanz einen Vorschuss von 150.000 Euro und erhält im Gegenzug das Recht, Stanz‘ Buch zu veröffentlichen, ein Recht, das sie bei Nichtausübung innerhalb von sechs Monaten an einen anderen Verlag verkaufen können, der sich zum Druck des Buchs verpflichten muss; gibt es keine Abnehmer, bleibt das Manuskript zwölf Monate unter Verschluss, danach wird es wieder Stanz‘ Eigentum. Noch am Nachmittag desselben Tags lässt Kramer den Vertrag durch die Rechtsabteilung seines Hauses ausstellen, in der Woche darauf erhalten sie ihn per Kurier, von Stanz unterzeichnet, zurück. Am Mittwoch, dem 2. September 2026, überweist der S Verlag das Vorab von 150.000 Euro auf ein Konto, das Johannes Stanz bei der Berliner Sparkasse führt – ein Betrag, dessen sofortige Abschreibung der Chefbuchhalter des Hauses nur zwei Tage später, am 4. September, veranlassen muss. Stanz ist auf seiner Fahrt gen Heimat – auch für ihn Niedersachsen, das kleine Dorf Beedenbostel (in unmittelbarer Nähe von Bargfeld, was Kramer nicht gewusst hat, sonst hätte er ihn danach gefragt) – auf der A2 bei Peine in seinem von einem Chauffeur gefahrenen Audi A8 tödlich verunglückt. Der A8 sei zwischen zwei Lastern zerquetscht worden, heißt es, der Laster vor dem Audi habe aufgrund eines Hindernisses auf der Fahrbahn plötzlich bremsen müssen, der LKW dahinter genauso spät reagiert wie der Chauffeur des A8, der zunächst lebend geborgen worden sei, ein kleines Wunder anbetrachts der knappen zwei Meter, auf die der Audi in seiner Länge reduziert worden sei, auf dem Transport ins Krankenhaus sei jedoch auch er seinen Verletzungen erlegen. Die Niedersächsische Autobahnpolizei ermittelt, am Abend sieht Kramer kurz Peter in der Tagesschau. Er schreibt einen Kondolenzbrief an Stanz‘ Partner, den Anwalt Blau, in der Hoffnung, wenigstens einen Teil seines Investments retten zu können, vielleicht mag ja Blau ein Buch schreiben, eines über seine Erinnerungen mit Stanz, er weiß das ist zynisch, aber die Zeit schöner Doppelbuchreihen, die sich nicht verkaufen müssen, die Zeit des Londoner l’art pour l’art ist lange vorbei, und 150.000 sind auch für den inzwischen wieder einigermaßen florierenden S Verlag ein Batzen, der sich in der Jahresendabrechnung zeigen wird, und so fügt er seiner Beileidsbekundung eine Einladung zum Abendessen an. *** Das Gesicht Peters im Fernsehen gesehen zu haben, geht ihm noch lange lang, und er überlegt, ihm zu schreiben, verwirft es dann aber. Im Unterschied zum Nicht-Verhältnis zu seiner Schwester, wünscht er sich, wenn er an Peter denkt, kaum mehr, als wieder einmal mit ihm zu reden, ihn zu sehen, zu hören, in einer Umarmung zu spüren auch – aber doch bitte auf gleicher Höhe, und die setzt eine Entschuldigung Peter Thorbalds voraus. Matthias Blau schickt eine Dankesnote, sieht sich aber auf längere Zeit nicht in der Lage, Kramer zu treffen. Kramer schreibt ein Memo für seine Rechtsabteilung – ob sich aus dem mit Stanz geschlossenen Vertrag irgendwelche Rechte auf den Nachlass ergäben? Notizen zum Projekt zum Beispiel oder besser noch: ein Tagebuch? *** Stanz‘ Überreste, die man, wie ihm Peter Thorbald später sagt, aus dem A8 habe kratzen müssen, werden in Berlin beigesetzt, unter den Gästen auch von Guthügel und Bründlmayr. Die SPD trauert oder jedenfalls die Teile, die noch von der guten alten Tante noch übrig sind, der Mittelfinger der linken Hand, denkt Kramer, der sich in einem Anfall von verlegerischer Sentimentalität ebenfalls unter die Besucher gemischt hat, in zweiter Reihe, was konkret heißt, in zwanzigster oder dreißigster, genau kann er das nicht zählen, nur bloß keine Kameras. In erster – und der erste, der nach Blau eine rote Rose in das Grab wirft, ist der neue SPD Bundesvorsitzende, Stefan Beier, Oppositionsführer in Baden-Württemberg, der die Zeichen der Zeit erkannt hat und versucht, die verbleibenden 80.000 Mitglieder der einstmaligen Volkspartei auf einen ‚rationalen‘ Kurs einzuschwören, der nicht besonders verschieden ist vom Kurs von Guthügels oder der Agenda der NFAD, der man in diesen Tagen zubilligen muss, das sie noch am wenigsten verlogen wirkt. Keiner spricht so Klartext Klartext Klartext wie Frieda Pringsdorf, und niemand versteht in diesen Monaten so gut, wo die Reise hingehen wird, wie jene, die Pringsdorf genau zuhören. Selbst das Wort ‚Guillotine‘ nimmt sie in den Mund, als von Guthügel und Freunde noch im streng Geheimen darüber nachdenken, wie man die Idee der Wiedereinführung der Todesstrafe am besten platzieren könne, ohne etwaige traditionelle Kernwähler zu vergrätzen. Am Ende ist natürlich alles viel einfacher, Klartext ist gefragt, und Klartext kommt. *** Als Kramer im folgenden Februar Peter Thorbalds Postkarte erhält, schickt er – nach einer Zigarette, die er sich zum Wundern erlaubt – eine Nachricht an das Konto der angegebenen Telefonnummer auf dem internet-basierten Nachrichtenservice Whatsapp, der zu diesem Zeitpunkt noch als perfekt verschlüsselt gilt. „Hallo Peter“, schreibt er, „hier Martin“. Danach tippt er ein „Ist alles klar?“ in sein iPhone und wartet geschlagene drei Wochen auf eine Antwort, die am 21. März 2027, einem Sonntag, kommt, ein gutes Jahr nach dem Attentat im Wappensaal, ein gutes Jahr vor der Exekution Shirins. „Kannst du mich übermorgen, 22 Uhr, an der Autobahnraststätte Börde Süd treffen?“ Kramer erwidert mit einem simplen „Ja“. Die Raststätte liegt knapp außerhalb von Peters Niedersächsischem Autobahnreich, in Sachsen-Anhalt, kurz vor der Ländergrenze. Kramer fährt, er will auf keinen Fall zu spät sein, viel zu früh los, und lässt den Boxster auch mal zeigen was er kann, wobei ‚er‘ streng genommen falsch ist, hat er den Wagen doch auf einen weiblichen Namen getauft, sie heißt Luise, was sie auch stolz in ihrem Kennzeichen trägt. Nach Annas Tod ist Luise, denkt Kramer manchmal, die einzige Frau in seinem Leben. *** Peter Thorbald scheint um ein volles Jahrzehnt gealtert, seit dem Kramer ihn nach Stanz‘ Unfall in der Tagesschau gesehen hat. Seine Haare sind komplett ergraut, sein Gesicht eingefallen und – jedenfalls im Licht der Parkplatzbeleuchtung auf Börde-Süd – fahl, aber vielleicht montiert er die ungesunde Blässe auch nur später in seine Erinnerungen hinein. Peter wirkt zugleich fahrig und entschlossen auf Kramer, ähnlich einem schlimm Betrunkenen, der nochmal einen letzten hellen Moment hat, bevor er auf einem fremden Sofa kollabiert und nächtens ins Gästeklo kotzt. Er sagt: „Martin, was wir in den Nachrichten gesagt haben, stimmt so nicht ganz, es gab kein Hindernis auf der Fahrbahn, jedenfalls keins, das wir hätten identifizieren können. Ich hab den Fahrer des ersten LKWs selbst vernommen, ein Magdeburger mit ziemlichem Register, vom Diebstahl als Jugendlicher angefangen. Bei der Spedition hat er gerade mal zwei Wochen vor dem Unfall angeheuert. Zuerst hat er gesagt, ein Baumstamm hätte auf der rechten Spur gelegen oder vielleicht nur ein Stück von einem Stamm, abgesägt vom Rest. Als wir ihm gesagt haben, dass ein Baum Spuren hinterlassen hätte, hat er nur genickt und gesagt, es muss ein verletztes Reh gewesen sein, dessen Leben er durch die Vollbremsung gerettet hat und das sich dann wieder humpelnd in den Wald gemacht hat.“ Kramer fühlt sich mit einmal etwas benommen, als wäre sein Hirn auf eine Schaukel gestiegen, und schlägt vor, der Fahrer sei vielleicht nur übermüdet gewesen, was er durch die Geschichten von Bäumen und Rehen verbergen wolle, das sei doch verständlich, worauf Peter Thorbald nur entgegnet: „Die Magdeburger Spedition gehört einer Holding.“ „Na und“, sragt Kramer, ein wenig frappiert von der Zusammenhanglosigkeit von Peters Feststellung. „Ich schau mir gerade deren Eigentümerstruktur an.“ „Und?“, fragt Kramer. „Und? – und nix! Aber ich hab ein komisches Gefühl, und ich sag dir, ich hab zum ersten Mal in meinem Leben Angst, eine Scheißangst, ein einziges Schauerfeld, sag ich dir, und ich will einfach nur von dir hören, dass du die Sache aufgreifst, wenn ich dir was schicke, wenn ich dir Material schicke, für ein Buch vielleicht oder nen Aufsatz.“ „Klar“, sagt Kramer. Und „Danke“, sagt Peter, und ruft ihm, nachdem sie sich zur Verabschiedung ungeschickt umarmt haben, ein „Hey, cui bono?“ hinterher. *** Eine Woche später erhält Kramer eine neue Depesche von Miriam, von der er seit über einem Vierteljahr nichts mehr gehört hat. Sie enthält böse Nachrichten. Paula habe seit November des Öfteren über Übelkeit geklagt und sich schwach gefühlt, der Hausarzt habe es zunächst auf einen Infekt geschoben, aber an Weihnachten habe sie plötzlich hohes Fieber gehabt, ihr rechter Arm sei massiv angeschwollen und über starke Schmerzen habe sie geklagt. Am zweiten Weihnachtsfeiertag sei es so schlimm geworden, dass sie zur Notaufnahme gefahren seien, wo man Paula für einen vollen Check-up dabehalten habe. Am 28. die Diagnose: fortgeschrittenes Ewing-Sarkom. Die Ärzte hätten zur vollständigen Amputation des Arms geraten, die am Silvestermorgen durchgeführt worden sei. Chemo sofort danach, die die Kleine schrecklich mitgenommen habe, über die Einarmigkeit habe sie noch mit Kinderstaunen gescherzt, aber dann habe es sie ziemlich zerrissen. Die Ärzte seien immerhin hoffnungsvoll gewesen – bis sie Ende Januar Lungenmetastasen gefunden hätten … Peter sei derweil nur noch am Arbeiten, die reine Flucht, denke sie, er esse auch kaum mehr was, zehn Kilo habe er schon abgenommen, sie versuche, mit ihm zu reden, aber er wolle nicht reden, auch ins Krankenhaus ginge er immer seltener, sie wisse kaum mehr weiter. Paulas Chancen sähen nicht gut aus, sie zwänge sich jeden Morgen zu neuer Hoffnung, die spätestens am Abend wieder zerstoben sei, und wenn Peter spät nachhause komme und sie sich an seiner Schulter ein wenig ausweine wolle, sei er abweisend und gehe in sein Lesezimmer, um meist erst um drei oder vier am Morgen neben ihr ins Bett zu fallen, oft habe er die Augen noch stundenlang auf, sie selbst schlafe auch kaum noch. Kramer googelt ‚Ewing-Sarkom‘, keine gute Lektüre. Er setzt einen Antwortbrief an Miriam auf, in dem er versucht, ihr Hoffnung zu machen, schreibt mit saloppem Optimismus, den er selbst nicht spürt, löscht am Ende alles und schreibt nach einem Schnaps nur einen Zweizeiler zurück: „So eine entsetzliche Scheiße, Miriam. Die arme Kleine. Ich hoffe auf ein Wunder, bin aber für Euch auch da, wenn’s keines gibt. Meld Dich wieder, Dein M.“ Achterbahnfahrt, die Chemo schlägt an, die Lungenmetastasen werden kleiner, Paula erholt sich sehr gut in einer ersten längeren Chemopause, hängt im nächsten Zyklus aber noch schlimmer in den Seilen als in dem zuvor, doch das Gift scheint zu wirken, fast weg seien die Metastasen schon, schreibt Miriam Mitte Mai, dann die Horrorbotschaft, neue Metastasen, im Gehirn jetzt, der Kampf sei vorbei, es gehe nur noch um Wochen jetzt, die Behandlung bräche man ab, nur palliative Versorgung noch. Miriam Thorbald, die ihren Mann Peter in diesen Wochen nur selten erwähnt hat, meistens mit der rasch zur Formel werdenden Formulierung „und Peter vollkommen“ dies oder das, „vollkommen weg“ zum Beispiel oder „vollkommen nutzlos“, „vollkommen in sich gekehrt“, „vollkommen versunken“, „vollkommen krank“ und – zuletzt – „vollkommen verloren“, Miriam Thorbald packt die Koffer und zieht mit Paula für deren letzte Wochen zu ihren Eltern nach Kühlungsborn. Ein paar Tage darauf erhält Kramer eine Email von Miriam, der ein kurzes Video beiliegt, ein zartes kahlköpfiges sechsjähriges Mädchen strahlt ihn mit grünen Augen an, sie sagt: „Hallo, Onkel Martin. Ich hab dich ja nie kennengelernt, aber Mama hat mir viel von dir erzählt, und heute hat sie mir ein Geschenk von dir gegeben, ganz schön toll“, sagt sie, und „Danke“, sagt sie und nach einer kleinen Pause „und tschüss dann“ und winkt ihm zu mit dem einen Arm, der ihr verbleibt. An ihrem schmalen Handgelenk schlackert die Day Date. Nach genau 50 Tagen in Kühlungsborn kollabiert sie an einem Julimorgen voll Sonne und vielversprechender Wärme inmitten einer Sandburg, die sie gebaut und mit vier großen Tröpfelpfeilern umringt hat, die Pfeiler exakt ausgerichtet nach den vier Himmelsrichtungen mit Hilfe eines Kompass‘, ein Geschenk ihres Vaters zu ihrem fünftem Geburtstag. Kramer fährt zur Beerdigung nach Kühlungsborn. Er sitzt am Gang der zweiten Reihe der reetgedeckten Fachwerkkapelle, Trauermusik spielt vom Band, der Platz vor ihm ist frei, es ist der Platz neben Miriam, den sie für Peter reserviert hat, der exakt in dem Moment eintrifft, als die Musik verhallt. Er setzte sich vor ihn, den Blick starr auf den kleinen Sarg geheftet, in dem seine tote Tochter liegt. Auch als Miriam ihre linke Hand auf seinen rechten Unterarm legt, schaut er sie nicht an. Der Pfarrer hält eine kurze einfühlsame Rede, der man ihre Professionalität nicht anmerkt. Er spricht über seine Eindrücke von Paula aus den letzten sieben Wochen, er spricht von Miriam und der schwersten Aufgabe, die eine Mutter haben kann, und er spricht auch von Peter und dessen Last und davon, wie sehr Paula ihn, den Vater, bei sich gefühlt habe, und sieht Peter in die Augen dabei, worauf auch Miriam ihm den Kopf zuwendet, aber Peter hält den Blick des Pfarrers, der schließlich fortfährt mit Psalm 139: „Du hast mich geschaffen – meinen Körper und meine Seele,/im Leib meiner Mutter hast Du mich gebildet./Herr, ich danke Dir dafür,/dass Du mich so wunderbar und einzigartig gemacht hast!/Großartig ist alles, was Du geschaffen hast – das erkenne ich!/Schon als ich im Verborgenen Gestalt annahm,/unsichtbar noch,/kunstvoll gebildet im Leib meiner Mutter,/da war ich Dir dennoch nicht verborgen./Als ich gerade erst entstand,/hast Du mich schon gesehen./Alle Tage meines Lebens hast Du in Dein Buch geschrieben –/noch bevor einer von ihnen begann!“ Es geschieht während dieses Psalms, dass Miriam ihre Hand zurückzieht, um sich mit einem Taschentuch die Tränen zu trocknen, die rückhaltlos zu fließen beginnen, und Peter seinen Kopf senkt. Er hebt ihn erst wieder, als sich die Trauergemeinde eine Viertelstunde später aufrichtet, um den Auszug aus der Kapelle anzutreten. Als der von vier Gemeindeangestellten getragene Kindersarg an ihnen vorüberzieht und sie sich bereitmachten, ihm zu folgen, verhaken sich Peter Thorbalds und Kramers Augen. Es ist nur ein winziger Moment, aber Kramer vergisst die ans Stählerne grenzende Glasigkeit Peters blauer Augen nicht mehr, deren Fokus von nächster Nähe zu tiefster Unendlichkeit zu reichen scheint. Er weiß nicht, ob Peter ihn oder einen ihm unsichtbaren Fleck zwischen ihnen ansieht oder schlicht durch ihn hindurch. An Paulas Grab drück Peter ihm im Gehen den Memory Stick in die Hand. *** 10. April 2028, Shirin Fakhourys Kopf ist gerollt, und Kramer hat sich mit Vodka betäubt, der Memory Stick noch immer im Rohr unter dem Waschbecken. TEIL 2 Kapitel 1 Am Morgen des 11. Aprils wacht Kramer mit einem Kater auf, der sich gewaschen hat. Es ist viertel vor neun, für elf hat er eine Besprechung der Leitungsebene des Verlags anberaumt, er ruft Jenny an und sagt ihr, sie soll das Meeting absagen. Seine Sekretärin entgegnet, das habe sie auch schon vorschlagen wollen, in der Stadt herrsche noch immer völliges Chaos, Muck habe sich vor einer halben Stunde aus dem Stau gemeldet, auch der Vetriebsleiter habe sich schon entschuldigen lassen, ob sie nicht am besten eine Email an alle schicken solle, dass das Büro auch heute nochmal geschlossen bleibe, man solle zuhause arbeiten. Kramer pflichtet ihr bei und greift sich ein Tütchen mit Aspiringranulat aus dem Nachttisch, Colageschmack, ein wenig eklig eigentlich aber nicht so eklig wie der Geschmack in seinem Mund. Die komplette Flasche Vodka hat er noch geleert und, als das Päckchen Filterzigaretten aufgebraucht war, noch angefangen, sich welche zu drehen, mit viel zu trockenem Tabak, aber irgendwie hat sich das Kratzen im Hals auch gut angefühlt, eine Weile jedenfalls. Ihm fällt ein, dass er sich im Gästebad übergeben hat und weiß nicht mehr, ob er danach noch geputzt hat. Er dreht sich nochmal um und nimmt den kleinen Frottee-Elefanten in den Arm, den ihm Anna zum Geburtstag geschenkt hat, seinem einen Geburtstag, den sie als Ehepaar verbringen durften, er erinnert sich an Annas Lachen, als er den Elefanten verblüfft aus der Schachtel genommen hat, weiß aber gerade nicht mehr, der wievielte Geburtstag das eigentlich war. Er schläft noch einmal ein. Als er zum zweiten Mal aufwacht, um kurz vor zwölf, ist das Kopfweh weg, er hat von Anna geträumt, sie hat für Peter und Miriam Schnitzel gebacken, Anna, die Vegetarierin, die nicht einmal ein Frühstücksei hat kochen können. Er fühlt sich vollkommen benommen, steht auf, um sich einen Kaffee zu machen, und prüft auf dem Weg in die Küche den Zustand des Gästebads, Gottseidank, es blitzt und riecht nach Zitrusreiniger. Im Gefrierschrank findet er eine Tiefkühlpizza, Biopolar mit Shrimps, wirft sie in den Ofen, verspeist sie mit Heißhunger, trinkt eine ganze Flasche Sprudel mit Apfel-Cranberry-Geschmack dazu, setzt sich danach, einem Automatismus folgend, an seinen Schreibtisch, um sein Laptop aufzuklappen, dessen Homepage seit vielen Jahren auf Spiegel Online eingestellt ist, schlägt es aber wieder zu, er will sich keine Nachrichten ansehen jetzt, nein, er kann keine Nachrichten anschauen, streng genommen, muss er sich gestehen, fühlt er sich, als könne er heute gar nichts tun, also nochmal ins Bett zum kleinen blauen Elefanten, den Anna auf den Namen Monsieur Bleu getauft hat. Er schläft noch einmal ein, versinkt in tiefen und dankenswerterweisen traumlosen Schlaf, aus den ihm zwei Stunden später erst die Türklingel schreckt. Er wirft sich einen Bademantel über, schaut kurz aus dem Fenster, vor der Charite ein Mannschaftswagen der Polizei, und er denkt, ah, jetzt ist es soweit, drückt den Summer im Flur und ärgert sich darüber, nicht wenigstens ordentlich angezogen zu sein, aber dann ist es nur ein Paketbote, der eine Bestellung von Amazon bringt, eine neue Fernsehserie, die er in den USA geordert hat, ein Neowestern, den die deutschen Streamingdienste noch nicht im Angebot haben, bestens, da hat er doch endlich eine Aufgabe. Er wirft die erste SUHD-Scheibe ein und beginnt die erste Episode von A Creek and Fall, sie spielt vollständig in einem dunklen Saloon, Beleuchtung wie bei Fassbinders Alexanderplatz, auf dem 16K Fernseher schimmern die Farben in einer einzigen Orgie von Braun. Die Dialoge sind kryptisch und minimal, irgendwann gen Ende der Folge öffnet sich die Tür des Raums, grellstes Licht dringt ein, Auftritt einer Prostituierten mit Heiligenschein, sie flirtet mit ein paar Männern, die an einem der runden Tische sitzen, wir erfahren ihren Namen, sie heißt Nana und ist Mexikanerin, die Männer am Tisch schieben ihr einen Schnaps zu, den sie ext, um sich danach per Kusshand von ihnen zu verabschieden und Richtung Tresen zu gehen. Schnitt auf ihr Strumpfband, Schnitt auf eine kleine Pistole, die darin steckt. Ende des Piloten. Obwohl fast nichts passiert ist, ist die Zeit aufs herrlichste verflogen, Kramer schaut gleich noch die nächste Episode an, die die Geschichte einer im Osten der USA ankommenden irischen Flüchtlingsfamilie erzählt, Vater, Mutter, vier Kinder, mehr Action diesmal und Grau- statt Brauntöne, die Schwierigkeiten Arbeit zu finden, Überleben, indem man die Kinder Brot Klauen schickt, am Ende entscheiden sich Vater und Mutter zum Treck gen Westen. Folge 3 bietet einen Rückblick auf Nanas Kindheit in Mexiko, strahlendes Licht, tollste Buntheit jetzt, man ist arm, weiß sich aber zu helfen, Nanas Vater ein rechtes Schlitzohr, diesmal sind die Dialoge schnell und man muss schön achtgeben, wenn man verstehen will, wie er den Gringo austricksen will. Folge 4 spielt auf einer Farm, mit mildem Sonnenschein durchflutetes Herbstlicht. Die Macher der Serie verlangsamen jetzt die Zeit noch mehr als im Piloten, eine zehnminütige Sequenz zeigt Erntearbeiten bei denen kein einziges Wort gewechselt wird, eine klug komponierte Klanglandschaft dazu, elektronische und klassische Musik mit den Geräuschen von Wind und raschelndem Gras dazu, in die sich irgendwann ein von Pferden gezogener Mähdrescher mischt … *** Im Verlag tritt am nächsten Tag – man kann die Stadt wieder ohne Kalamitäten durchqueren, die Aufräumungsarbeiten sind in vollem Schwang – die Leitungsebene zu einem Lunchmeeting zusammen, der zentrale Punkt der Tagesordnung die Entscheidung über gleich drei Manuskripte, allesamt als exzellent befunden, verfasst von „echten Edelfedern“, wie der Vertriebschef sagt, das erste von einem inzwischen 101 Jahre alten Romanschriftsteller, dessen Output im letzten Jahrzehnt zwar an Menge nicht aber an Güte nachgelassen hat, das zweite von einem schon prominent auf die Welt gekommenen Herausgeber eines linken Wochenblatts, das dritte von einer Berliner Professorin für Volkswirtschaftslehre, die in den frühen Zwanziger Jahren des Öfteren als Beraterin für die Kanzlerin fungiert hat. So unterschiedlich ihre Verfasser sind, so ähnlich sind die Grundtöne ihrer Manuskripte, an das Erbe der Aufklärung appellierend, Xenophobie verurteilend, die neue Regierung der Kurzsichtigkeit und des Populismus verurteilend. Kramer spricht sich entgegen seiner üblichen Taktik, das hat er noch am Vorabend beschlossen, gleich zu Anfang des Meetings dafür aus, alle drei zu drucken, in identischer Ausstattung und identischem Format, als Triptychon gewissermaßen, eventuell auch komplett in einem Schuber zu erwerben. Unterstützung erhält er von seinem Vertriebschef, der sagt, „wir werden sowas von zerrissen werden, die Dinger werden weggehen wie warme Semmeln, ich würde sagen, wir können problemlos mit jeweils hunderttausend Startauflage beginnen, vielleicht können die drei ja auch auf eine gemeinsame Lesetour gehen“, das Alter des Schriftstellers, der seit zehn Jahren im Rollstuhl sitzt und fast vollständig erblindet ist, scheint er dabei zu vergessen, spielt aber eh keine Rolle, die anderen sind dagegen, und zwar geschlossen, allen voran Cheflektor Muck, der Vater einjähriger Zwillinge, der ein Haus in Rudersdorf abzubezahlen hat, die langfristigen Auswirkungen könnten verheerend sein, argumentiert er, warum so unverhohlen sich auf eine Seite stellen, wenn man doch auch Romanmanuskripte vorliegen hätte, die sich mit der Situation „nicht minderkritisch aber subtiler“ auseinandersetzten, ein paar ziemlich gute Krimis auch. Kramer benutzt das Wort ‚Verantwortung‘ und beobachtet sich dabei von außen, es ist ein Wort, das er als Verleger bislang nur benutzt hat, wenn von der Verantwortung gegenüber den Anteilseignern die Rede gewesen ist. Seine Erfahrung sagt ihm, dass es immer eine Kombination aus wachsamer Kritik und den Kräften des Marktes ist, die Bewegung in die Dinge bringen, so ja auch zuletzt in den USA, in denen sein Stammhaus, das er in den ersten beiden Jahren der ersten Amtszeit Donald Trumps noch geleitet hat, nie müde geworden ist, Bücher gegen die Agenda und Person des Präsidenten zu veröffentlichen, und zwar in erster Linie einmal, um damit Geld zu verdienen, und erst in zweiter, um einen Beitrag zu leisten zur Verhinderung von Schlimmeren, zumal zur Verhinderung einer dritten Amtszeit des Gelbmähnigen, die sich nach einer Verfassungsänderung plötzlich im Reich des Möglichen befindet. Was sein Nachfolger zum Anlass nimmt, Michelle Obama zum Schreiben einer Autobiographie zu überreden. White House Memories (& Dreams) lässt die Verlagskassen klingeln wie kein anderes Buch in der Verlagsgeschichte zuvor und wird von vielen als der der Startschuss zu ihrer Präsidentschaftskandidatur interpretiert, was für ein herrliches Beispiel für das Zusammenspiel von Gewinnstreben und gesellschaftlichem Einfluss! Aber das scheint lange zurückzuliegen, und von Guthügels Umwälzungen scheinen bislang auch die Marktkräfte auf ihrer Seite zu haben. Selbst Spiegel und Süddeutsche leisten ja schon Gehorsam. Der S Verlag selbst hat vorsichtig agiert, das Programm zwar auch dort gepflegt, wo sich bestehende Autoren in Romanen und Poesie andeutungsweise gegen die Entwicklungen gestellt haben, aber das Haus hat keine neuen Stimmen veröffentlicht, keine deutlichen, keine, die jenseits von Erfundenem und Lyrik sich klar geäußert hätten. Womit heute Schluss ist, sagt Kramer, und sagt „Verantwortung“ – und verliert vier Stunden später, die Abstimmung, die er durchführen lässt, 2:5. Er bedankt sich bei den Kollegen, steht auf, geht in sein Büro, wirft sich den Mantel über, verabschiedet sich von Jenny und marschiert nachhause, auf dem direkten Weg durch den Tiergarten – ein Fehler, wie sich herausstellt, haben die Besucher der vermeintlichen Fanmeile den Park doch in eine einzige Kloake verwandelt. In der Schumannstrasse angekommen, wirft er seine Schuhe gleich draußen noch in die Mülltonne, auf dem Rückweg in Socken sorgsam seine eigenen Abdrücke im Hof vermeidend, geht die zweit Treppen nach oben, geht direkt zu seinem Laptop, klappt es auf, liest auf Spiegel online von fünfzehn neuen Anträgen der Bundesregierung auf Änderung des Strafmaß, ruft seine Email auf, schreibt einen Zweizeiler an den Aufsichtsratsvorsitzenden des S Verlags, um zu kündigen, und geht in den Keller, die Klempnerzange holen. Kapitel 2 Als Martin Kramer die Zange unter dem Waschbecken in seinem Bad ansetzt, erhitzt sich Peter Thorbald in der kleinen Küche einer Ein-Zimmer-Wohnung, die er mit falschem Personalausweis in Rerik angemietet hat, einem Dorf keine vier Kilometer südwestlich von Kühlungsborn, eine Fertigsuppe. Er hat wieder ein paar Kilo zugenommen, die grauen Haare fallen auf seine Schultern seit kurzem, und neulich hat er bemerkt, dass sie sich zu locken beginnen. Auch einen Bart hat er sich wachsen lassen, so grau wie sein Kopfhaar, und wenn er in den Spiegel schaut, kann er sich selbst kaum mehr erkennen, was der Zweck der Übung ist. Er denkt viel an Miriam, genau genommen, denkt er jede Stunde, die er wach ist, an sie, und wenn er an Paulas Grab vorbeigeht (stehenbleiben will er nicht, das ist ihm gleich zweifach zu gefährlich) denkt er an das Unrecht, das er Frau und Tochter getan hat, er würde dann gern weinen, aber seine Tränendrüsen scheinen vertrocknet zu sein. Mit dem gefälschten Personalausweis hat er in einer Filiale der Volksbank in Bremen ein Konto eröffnet, auf das er die 20.000 Euro, die er vor seinem Verschwinden in Hannover noch vom ehelichen Konto abgehoben hat, in bar eingezahlt hat, in mehrere kleineren Tranchen gestückelt, versteht sich, und nicht alle am selben Ort. Seine Monatsmiete beträgt 500 Euro (inklusive Umlagen und Wifi), er ernährt sich von 150, dazu Auslagen für eine Zeitung mitunter oder ein kleines Vergnügen wie einen Kinobesuch in Rostock, dafür fallen rund fünf Euro für die Busfahrt an und zehn für die Karte, ins Ostseekino Kühlungsborn, wo die Tickets die Hälfte kosten und in das er zu Fuß gehen könnte, traut er sich nicht, es ist schon riskant genug, ab und an über den Friedhof zu gehen. Seit sechs Monaten ist er hier, auf seinem Konto befinden sich noch exakt 15.434 Euro und 17 Cent, und in seiner Hosentasche hat er 11 Euro 35, auch das er hat er am Nachmittag gezählt. Macht noch achtzehn Monate Zeit, falls (und es ist ein großes falls) – falls er in Rerik bleiben kann und keine Zugtickets braucht oder einen Mietwagen irgendwann. Jeder Umzug wird ihn locker drei vierhundert Euro kosten, vorausgesetzt er findet am neuen Ort gleich eine Wohnung, die er zur Dauer anmieten kann, um die horrenden Preise von Airbnb Ferienwohnungen oder gar Hotels zu vermeiden. Selbst der glatteste Umzug kostet ihn also fast einen Monat Zeit, ein Umzug mit Schwierigkeiten wird sich schnell auf zwei Monate beziffern. Natürlich hätte er sich einen Unterschlupf an einem Ort suchen können, an dem es leichter gewesen wäre, eine Arbeit aufzunehmen, schwarz und unter der Hand, als Aushilfe in einem Kiosk oder Handlanger auf einem Bauernhof oder als Nachtportier vielleicht, aber das hätte bedeutet, auf die Besuche an Paulas Grab zu verzichten, und so weit ist er noch nicht, das wird er machen, wenn er runter ist auf die letzten 5.000 und noch immer nichts von Martin Kramer gehört hat. Er fragt sich des Öfteren, ob er Martin einen Hinweis schicken soll, irgendwie verschlüsselt, eine Art Schnitzeljagd, als Kindern hätte ihnen das Spaß gemacht, aber er weiß ja nicht mal, ob Martin versucht, ihn zu finden. Die Abende, an denen er sich vorstellt, Martin könnte den Memory Stick verloren oder nach einem ersten Blick hinein weggeworfen haben, sind seine zweitschwärzesten. Die schlimmsten sind die, an denen er sich vorstellt, Miriam könne so etwas wie Sehnsucht nach ihm empfinden. Die Suppe, die vorgibt eine thailändische Hühnersuppe zu sein, ist ausreichend mit Glutamat oder ähnlichem versetzt, um seine Geschmacksnerven anzuregen und seinen Appetit zu verstärken, und er gönnt sich noch eine halben Ring Fleischwurst mit Ketchup und Tabasco, dazu einen Kanten altes Brot, schön trocken und fest, da hat man länger dran zu kauen. Danach ein kleines Glas billigen Vodka, 4cl, genau abgemessen, man sollte meinen, das sei ein Luxus, ist es aber nicht, hat er herausgefunden, die Flasche kostet bei Lidl neun Euro neunzig und hält fast einen Monat vor und hilft ihm nicht nur, sich satt zu fühlen, sondern auch, besser zu schlafen danach. Auf Zigaretten hat er dagegen zu verzichten gelernt, denn er weiß, raucht er eine, raucht er ein Päckchen (in den schlimmsten Tagen, als sich Paulas Krankheit manifestiert und er sich wie ein Berserker in seine Recherchen über Johannes Stanz‘ Unfall vertieft hat, sind es fulminante drei gewesen), und ein Päckchen am Tag wären 200 Euro im Monat, was nach einem Jahr bedeuten würde, dass er seine vom ehelichen Konto abgebuchte Zeit um fast drei Monate reduziert haben würde. Ob sein Gehalt noch überwiesen wird? Er hat keine Ahnung, die EC-Karte existiert zwar noch, aber in einen Automaten kann er sie nicht schieben und selbst mit VPN traut er sich nicht, online ins alte Konto zu schauen. Er ist froh zu wissen, dass Miriam, die nach der Geburt Paulas ihren Job als Programmiererin aufgegeben hat, im Notfall von ihren Eltern Unterstützung erhalten wird. Neulich hat er seine Schwiegereltern aus dem Augenwinkel gesehen, als sie eingehakt auf das Gelände des Friedhofs spaziert sind, er auf dem Weg nachhause. Beinahe hätte er sie gegrüßt. Er schaut noch ein wenig Fernsehen nach seinem Vodka, die Nachrichten enthalten eine neue Todesliste. Die meisten Namen, die der Sprecher verliest und zu denen verhuschte, grobkörnige Portraits auf dem Bildschirm flackern, kennt er schon seit Monaten. Kapitel 3 Der siebte Name auf der Liste derer, für die die Bundesregierung den Antrag auf Änderung des Strafmaßes gestellt hat, lautet Tala Kleineisen. Der Nachrichtensprecher stellt sie als IT Spezialistin des Deutschen IS vor. Miriam Thorbald zuckt unwillkürlich zusammen, als sie den Namen hört und schaut von ihrem iPhone auf, auf dem sie eben eine kurze Nachricht an ihre Eltern verfasst hat. Sie blickt auf den Fernseher, um gerade noch das zu Tala Kleineisen gehörende Schwarzweißfoto zu sehen. Sie erkennt das Bild sofort als das ihrer einstigen Kommilitonin, Tala Khatib, mit der sie in den späten Nuller Jahren Informatik an der Technischen Universität Darmstadt studiert hat. Und Kleineisen, das war doch der Name des Assistenzprofessors, der das Seminar über Computerforensik geleitet hat? Ein nur dem Namen nach getarntes Seminar über die wichtigsten Hackermethoden der Zeit, immens populär, sehr schwer reinzukommen. Tala ist eine von drei Frauen in Kleineisens Seminar, die ehrgeizig verklemmte Dörte Schneider die zweite, sie selbst, Miriam, die dritte. Das Seminar ist ziemlich anspruchsvoll und beinhaltet Praxisübungen, die sich am Rande der Legalität abspielen (oder, so hoffen sie immer wieder, wenn sie versuchen, in fremde Netzwerke einzudringen, sorgsam von Kleineisen inszeniert und mit ihren Opfern abgesprochen). Sie, Tala und Hubert Krause, der nebenbei in der Tischtennisbundesliga spielt, bilden eine Lerngruppe, wie das offiziell heißt, aber in Wirklichkeit fühlen sie sich wie eine kleine verschworene Hackertruppe – ihr anspruchsvollstes Ziel: das Onlinebanking der Postbank. Für die Kontoauszüge des Darmstädter Oberbürgermeisters erhalten sie ein sehr gut. Tala ist die Tochter eines schwerreichen Unternehmers, dem Verbindungen zur Witwe Yassir Arafats nachgesagt werden. Sie bewegt sich mit einer Art von Selbstverständlichkeit durchs Leben, von der Miriam sich weit entfernt fühlt. Sie ist fast einsachtzig groß, Doppel D, und der Schalk sitzt ihr im Nacken. Sie weiß zu flirten und setzt abends beim Bier im munteren Parlando mit den Kommilitonen auch mal gerne Anzüglichkeiten ein, zu denen sich Miriam niemals trauen würde, aus Angst vorm Erröten vor allem. Sie bewundert Tala mehr als sie sie beneidet, und als sich die Tore der Postbank für sie öffnen und ihr Tala in der Sekunde ihres Triumphs eine Hand auf den Oberschenkel legt, bemerkt sie, dass sie einen crush hat, was sie recht verwirrend findet. Auf einer Party am Semesterende kommt es sogar noch zu einem Kuss, von dem Miriam bis heute nicht weiß, ob er, wenn sie sich nicht zurückgezogen hätte, zu mehr hätte führen können oder nicht. Auch weiß sie nicht, ob sie die verpasste Möglichkeit, wenn es denn eine gewesen ist, bereuen soll. Im darauffolgenden Semester lernen Miriam und Tala noch einmal gemeinsam für eine Prüfung in Peer-to-Peer Methods, aber Miriam ist innerlich auf Abstand zu ihrer palästinensischen Kommilitonin, sie hat ihren ersten festen Freund, den sie beim Fechten kennengelernt hat, Markus Kohnz, der Wirtschaftsingenieurwesen studiert und mit dem sie noch ein Jahr, nachdem sie und Tala ihre Zeugnisse erhalten haben, zusammen ist. Miriam hat einen Job in Kopenhagen angenommen, bei einem kleinen Start-up, das auf web scraping basierende Evaluierungsmethoden für, jawohl, Start-ups entwickelt, die sie anhand ihrer eigenen Bewertung kalibrieren, irgendwie sehr meta und sehr hip; jedes Mal, wenn sich ihre eigene Bewertung verdoppelt, gibt es die knalligsten Partys, zu deren ersten beiden auch Markus noch kommt, zur dritten sagt er ab, und Miriam lädt spontan Tala ein, aber Tala ist zuhause in Jordanien, wo sie in der elterlichen Firma zu arbeiten begonnen hat, und muss ebenfalls absagen, sie unterzeichnet mit einem xoxo. Es ist das letzte Mal, dass Miriam von Tala hört. Und auch mit Markus ist bald Schluss, sie besucht ihn in Darmstadt, um ihm zu sagen, dass sie sich neu verliebt hat, er nimmt es nicht besonders gut, obwohl er, wie sie später von Dörte erfährt (neben Tischtennis-Ass Hubert der einzigen aus Darmstädter Tagen, mit der sie auch heute noch Kontakt hat), längst eine Affäre mit der angeblich hochbegabten anorektischen Mathematikerin, Anna Zuwange, begonnen hat, Studentin im zweiten Semester, Fechterin auch sie. Für Miriam folgen zwei Jahre mit Morten, dem CFO des Start-ups, der mit einem der bekanntesten dänischen Starköche verschwägert ist und sie zu verschwenderischsten Abendessen ausführt, Kalorien, die sie morgens vor Arbeitsbeginn mit gemeinsamem Sport (Sessions im Gym, die sich mit Joggen Im Stadtpark abwechseln) und nächstens mit nicht minder schweißtreibendem Sex verbrennen. Morten kann irgendwie nicht kommen oder will nicht, vielleicht hat er sich den PC Muskel besonders dolle trainiert, sie recherchiert das irgendwann im Internet, scheut aber davor zuück, ihn zu fragen. Nach Morten John und nach John Peter. Peter Thorbald, mit dem sie Paula gezeugt hat, Peter, mit dem sie noch immer verheiratet ist, den sie aber seit einem halben Jahr nicht mehr gesehen hat. Sie lernt ihn auf die ‚wirklich dümmste Weise‘ kennen, wie sie beide später sagen. Sie arbeitet inzwischen in Dublin, wo sie nach dem Untergang ihres Start-ups (der dem Untergang ihrer Beziehung mit CFO Morten wie Donner auf Blitz gefolgt ist) als Chief Technical Officer bei der schon damals legendären Mahoney Gruppe angeheuert hat und für die sie die Koordination der ehrgeizigsten Projekte übersieht, darunter ‚absurderweise‘, wie sie üblicherweise später hinzufügen, die mögliche Übernahme eines Ein-Mann-Outfits in Salzgitter, genau genommen, eines Ein-Teenager-Outfits. Der Teenager hat eine Routine geschrieben, die die initiale Triage komplexen, auf verschiedene Quellen verstreuten Datenmaterials bei der Suche nach beliebig definierbaren Mustern auf verblüffende Weise simplifiziert, potentiell lassen sich mit ihr Rechenzeiten für eine Triage um Faktor 100 verkürzen; er hat erfolgreich ein Patent angemeldet und steht nun in Kontakt mit Google, Cisco und Mahoney. Miriam reist für ein Sondierungsgespräch mit Teenager Hans nach Salzgitter, wo sie nach einem ersten freundlichen Gespräch entscheidet, noch zwei Wochen zu bleiben, um Hans‘ Code, wenn schon nicht zu lesen (da kann sie noch sie mit ihm flirten – und inzwischen kann sie flirten, mindestens so gut wie Tala einst) so doch wenigstens an einigen Beispielen zu testen. Sie kauft sich zur Fortbewegung in der Stadt ein Fahrrad, es gibt keines zu mieten, das ihr gefallen würde, und der Kauf geht eh auf Spesen. Am dritten Tag wird es geklaut, sie geht zur Polizei, auf die Hauptwache, wie sich herausstellt, in deren Gebäude auch die neue Zentrale Autobahnpolizei Niedersachsens untergebracht ist und wo gerade, wie es der Zufall will, deren Leiter am Besuchertresen steht. „And the rest is history“, sagen Miriam und Peter später, gerne unisono. Miriam trennt sich von John (einem Neffen Mahoneys, den sie noch in der Woche ihrer Ankunft in einer Bar in Dublin kennengelernt hat) und tauscht ihren Job als CTO gegen eine Position als freie feste Beraterin für Mahoney, um nach Salzgitter zu ziehen. „Wo die Liebe hinfällt.“ Sie heiraten, sie haben einen besonders glücklichen Sommer, in dem Peters ältester Freund, Martin Kramer, wieder in dessen Leben tritt und rasch auch zu ihrem Freund avanciert, sie bringt eine Tochter mit grünen Augen auf die Welt, beide wissen sie nicht, woher die Farbe kommt, Miriam vermutet von ihrem Großvater mütterlicherseits, aber ihre Mutter kann sich seltsamerweise nicht wirklich an die Augenfarbe ihres Vaters erinnern, was sie oft zu wilden Spekulationen verführt – vielleicht gibt es da ein Geheimnis, das sie nicht erahnen kann – aber ihre Mutter sagt nur, er sei halt so früh gestorben und auf den wenigen bunten Kodakabzügen, die es von ihm gibt, ist die Augenfarbe nicht wirklich zu erkennen, alle anderen sind schwarzweiß, wie das, das sie eben von Tala im Fernsehen gesehen hat. Sei es wie es sei, die grünäugige Paula wächst, Paula lernt, Paula lacht, Paula liebt, ihr und ihr gemeinsames Glück ist größer als man schreien kann, zu bedauern nur eines, Peters Entzweiung von Martin, mit dem sie, Miriam, heimlich in Kontakt bleibt, immer auf Versöhnung hoffend, auch wegen Paula, deren Pate Martin hätte sein sollen und deren Pate er am Ende auch ist, Onkel Martin, wie sie Paula beibringt, was mit Peter nicht abgesprochen ist, er wird das erst ganz am Ende lernen. Am Ende. Paulas Ende, dem ihr Ende mit Peter vorausgegangen ist. Alles jetzt nur ein danach. Kapitel 4 Wärme mit einmal. Eine feiste Sonne, die auf unschuldig tut. War doch gerade nur mal weg. Sechzehn Grad, 15. April, Kramer im Boxster, nicht mal die Sitzheizung braucht man noch. Blauer Himmel, Ferien, die Taschen voller Bargeld, was könnte schöner sein. Also auf nach Süden! 530 Kilometer A9, tiefenentspannt bei Tempo 120, Berlin-München bei geöffnetem Verdeck, der Frühling riecht gut, vor Leipzig verbürgt sich der Geruch von Dung für Ernten der Zukunft. Im Gepäck ein dutzend T-Shirts, ein dutzend Socken, ein dutzend Unterhosen, zwei weiße Hemden und, man weiß ja nie, ein Anzug, und Waschzeug, Pillen, Charger, Laptop, Kindle, Memory Stick, Kreditkarten, Pass, Monsieur Bleu und dreihundertfünfzigtausend Euro in bar. Obwohl sich das Anlagevermögen, das Kramer bei zwei Banken unterhält, auf etwas über nördlich von 40 Millionen Euro beläuft, sind 350.000 das Maximum, das er seinen Bankern in den letzten 48 Stunden aus dem Kreuz hat leiern können. Sie liegen in Fünfzigern in einer Adidas-Sporttasche, die sie sich mit Monsieur Bleu teilen, der sich am Abend, als sie sich ins Sporthotel Singer unweit der Zugspitze einquartieren, ein wenig über den Geruch in der Tasche beschwert. Kramer findet das sehr etepetete, muss dem kleinen Elefanten, als er ihn vorm Einschlafen unter die Nase hält, aber Abbitte leisten. *** Bei seiner ersten Durchforstung des Memory Sticks, damals nach Paulas Beerdigung, übersieht er das index file im root directory des Sticks, der Stick ist ein einziges Chaos, keinerlei Ordner, nur eine ewig lange Liste von Files mit vielfältigsten extensions: wirre ungeordnete Aktenkopien, die sich mit obskuren Notizen, Fotos und Videos abwechseln. Er hat schon fast jegliche Hoffnung auf das Finden irgendeiner Spur aufgegeben, einer Spur, die andeuten würde, dass sein Freund ob des Sterbens seiner Tochter nicht einfach nur durchgedreht ist, als sein Blick beim xten Überfliegen des Inhaltsverzeichnisses auf ein File fällt, dessen Name ihn sofort an den Sommer erinnert, den er und Peter dem Warren-Report gewidmet haben, und an Peters letzten Gruß auf der Autobahnraststätte Börde-Süd – es heißt cuibono.html und enthält immerhin so etwas wie eine Art logisch strukturierter Zusammenfassung, ein Anzeichen vom Versuch der Ordnung, der Ordnung eines Verrückten vielleicht, aber eines Verrückten, der sich noch zusammenreißen kann, um wenn schon nicht seine Unterlagen, so doch wenigstens das Großbild in eine Reihe zu bringen: „CUI BONO? (heute:::Wem nützt der Tod von JS?) ALLE Kandidaten: Matthias Blau (der sicher was zu erben hat, irre viel kanns nicht sein, aber vielleicht Liebesscharmützel? (keine Evidenz bislang, aber potentiell Geliebt=Gehasste immer ganz oben!)) Nora und Stefan Stanz, Geschwister J’s (um mehr vom elterlichen Haus in Beedenbostel zu erben?, viel kann auch das nich sein, aber:::mehrismehr!) Ansgar Pritt (der, klar, sonst nie im Leben Landesvorsitzender der Berliner SPD wird) Stefan Beier (der nie SPD Bundesvorsitzender wird ohne Stanz im Koma. Größeres Ticket als Pritts, aber Timing stimmt nicht. Allerdings: mit lebendem JS ist der Vorsitz womöglich nicht zu verteidigen, also trotzdem ernst nehmen!!) Siegmund Steir (Mieter der Kreuzberger Eigentumswohnung, die JS 2021 erworben hat, seit Jahren im Rechtsstreit mit JS, es geht um KATZEN (auch nicht zu unterschätzen, aber Autobahnmethode vielleicht etwas zu elaboriert) ALLE NAZIS (um auch noch die letzte Stimme für AM auszumerzen) Karl Bründlmayr (Nachfolger von JS, gutes Motiv im Prinzip, isser aber eh schon. Then again::::Ministerium besser umzustruktieren in absentio des Vorläufers, Gesetzesänderungen etc. Trickreiche Verfassungsprobleme? Spekulatives Fass ohne Boden.) Mischa Trüb (auf einmal einziger Überlebender im RR, komplette Erzähler=Hoheit, Interviews, Stardom, Buch- und Filmrechte, $$$$!! Story & Plattform, um demnächst selbst Guthügel Konkurrenz zu machen) Summa summarum::::am meisten gewinnt Trüb, echte Sichtbarkeit, echtes Geld, echte Möglichkeiten – alles andere im Vgl. läppisch, komplex, spekulativ (wiewohl nicht vollständig auszuschließen) – oder es ist alles ganz anders (noch jemanden übersehen? Oder es war einer, dem’s nix gebracht hat. Letzteres und ich geh in Pension. NIEMALS!!!) TRÜB = ich:::in der Kacke.“ *** Mischa Trüb ist von seinem Amt als Vorsitzender der CDU Bundestagsfraktion als Minister für Besondere Aufgaben in von Guthügels Kabinett aufgerückt, eine Ernennung, die Beobachter der neuen Berliner Szene unterschiedlich beurteilen. Manche sehen sie als verdiente Ehrbezeugung für den Überlebenden, andere als Degradierung, wieder andere als beides. Die Wahrheit ist jedenfalls, dass Trüb mit seinem beim Münchner Schwarzgold Verlag erschienen Buch „Mit einem Schlag“ kurz vor Paulas Beerdigung einen Megaseller gelandet hat, 2 Millionen verkaufte Exemplare in den ersten vier Wochen, was sie beim S Verlag laut aufstöhnen lässt – mit dem kontrahierten Manuskript von Stanz hätte das ihr Umsatz sein können, zumal Trübs Buch keinen einzigen originellen Gedanken enthält. Nicht einmal eine Beobachtung, die den Geschehnissen im Roten Rathaus etwas Neues abringen würde. Kramer weiß, es wäre kein Contest gewesen. Mit beiden Büchern am Start wäre auf Trübs Machwerk maximal ein Viertel der Gesamtnachfrage entfallen; blieben, selbst wenn man von möglichen Doppelkäufern absieht, mindestens 1,5 Millionen Exemplare, die sie hätten verkaufen können – ein Erfolg, der das schwächelnde Haus auf komplett neue Beine gestellt hätte. Hätte, wäre, wenn. Egal. Nach der ersten Lektüre von cuibono.html ist Kramer hin und hergerissen. Einerseits ist ihm klar, dass Dokumente, die nahelegen, der Minister für Besondere Aufgaben könne Drahtzieher eines elaborierten – man muss sich das Wort auf der Zunge zergehen lassen – Autobahnmords sein, das frische Gleichgewicht, das von Guthügel und Freunde soeben im Land ausrollen, aufs prekärste gefährden können, andererseits hat er noch immer den irren Blick Peters vor Augen, und das Klicken auf andere Dokumente auf dem Stick hilft nicht, er findet keine Logik, keine Stringenz – und entscheidet sich deshalb für die klassische Salamitaktik: den Stick mal sicherheitshalber aufheben, aber eben doch besser gut versteckt. Und einerseits ist er sich in den folgenden Monaten zu 90% sicher, dass das alles Quatsch ist, erwartet aber andererseits bei jedem Aufwachen, gleich von der Polizei für eine Wohnungsdurchsuchung besucht zu werden. *** Nach dem erneuten Öffnen des Abflussrohrs durchzuckt ihn ein Schock, ein plötzliches Stechen in Solar-Plexus-Nähe, Gänsehaut an den Unterarmen, Schwindel – der Stick ist weg, der Stick ist weg – er ist sich sicher, dass er ihn auf der ihm zugewandten Seite des Rohrs befestigt hat, dann stellt sich heraus, seine Erinnerung ist falsch, er ist einfach gegenüber, trocken, unbeschadet, und als er ihn wieder seinem Laptop einführt und auf die Dokumentenübersicht geht, sind die Files plötzlich nicht mehr wie damals alphabetisch sondern chronologisch geordnet, ganz oben index.html. Er klickt es an und versteht mit einem Mal, dass die Files auf dem Stick nicht nur nicht ungeordnet sind, sondern sich vielmehr zu einem elaborierten Hypertext verbinden, der dem Leser zwar die genaue Reihenfolge offenlässt, in der er sich das Konvolut zu Gemüte führt, ihn aber doch auf all den möglichen verschlungenen Pfaden mit bestechender Kohärenz zur immer selben Schlussfolgerung führt. Was wir in den Nachrichten gesagt haben, stimmt so nicht ganz … Alle Wege führen am Ende zu der einen Seite, die Peter Thorbalds Kernbelastungsmaterial enthalt, zur Seite, wie könnte es anders sein, Peter hat es ihm ja auf der Raststätte schon gesagt, er, Kramer, hat es nur nicht ernst genommen, zur Seite also, auf der Peter die Eigentümerstruktur der Spedition des ersten Lasters darstellt, des Lasters, der plötzlich vor Stanz gebremst hat, in dessen Hinterachse sich der A8 gebohrt hat, um Bruchteile einer Sekunde später, von Laster Nummer zwei zusammengeschoben zu werden. Peter hat die Seite, die er auf cui_est.html getauft hat, sorgfältig mit Belegen versehen, vor allem Kopien von Handelsregisterauszügen, und sie lassen keinen Zweifel: der LKW gehört der Glückauf GmbH, deren letztlicher, durch diverse verschachtelte Konsortien verschleierter Eigentümer die Trüb-Sahl KG ist. Deren Gesellschafter: Franz-Heiner Sahl, ehemaliger Chef einer Bayerischen Unternehmensberatung, sowie Bernd Trüb, Unternehmer, wie Wikipedia sagt, und älterer Bruder des Ministers für Besondere Aufgaben. *** Die Trüb-Sahl KG hat ihren Sitz in Oberammergau, der Heimat von Bernd und Mischa, die beide, wie Wikipedia verrät, in ihrer Jugend in Nebenrollen jeweils einmal in den Passionsspielen aufgetreten sind, und wie es der Zufall will, hat Kramer einen Bekannten dort, Wolfgang Blüter, Musikwissenschaftler, Schmidt-Experte und Schriftsteller, dessen ins romanhafte verschwimmenden Essay Field & Games er einst im Rahmen seiner Londoner Doppelreihe mit einer Neuübersetzung von Romain Rollands Jean-Christophe gepaart hat, inspiriert durch den simplen Gleichklang der Vornamen der jeweils im Mittelpunkt stehenden Komponisten, John und Jean, Field und Krafft, ein Doppel, das ihnen einen halbseitigen Artikel in der Zeit beschert, nicht nur über Blüter und Rolland, sondern über die ganze Doppelreihe, überschrieben mit der schönen Zeile ‚Ein einziges Krafftfeld‘ – ein Echo, das vor allem den Effekt hat, Kramers Eltern ein für alle Mal mit der Entscheidung ihres Sohnes zu versöhnen, das Studium abgebrochen zu haben, um nach London zu gehen. „Schaut mal, eine halbe Seite in der Zeit! Tja, unser Sohn!“ hat er seinen Vater im Ohr, obwohl er es ihn nie hat selbst sagen hören. Er weiß das nur von seiner Mutter. *** Das Singer Sporthotel & Spa liegt in Berwang, einen Steinwurf von Oberammergau, gerade jenseits der deutsch-österreichischen Grenze. Kramer hat eine kleine Juniorsuite mit Balkon gebucht, ein Upgrade beschert ihm die große Loreakopf Suite mit Erker und Balkon und dem besten Blick, den das Haus auf die Gartnerwand zu bieten hat, ein vergleichsweise einfallslos gestalteter Klops von Berg, knapp 2.400 Meter hoch, beeindruckend in seiner schieren Masse und Ödnis. Er hat für eine Woche gebucht und bezahlt beim Einchecken die komplette Summe im Voraus in bar, inklusive Halbpensionszuschlag, ein fescher Deal, wie er gelesen hat und bald selbst wird bestätigen können. *** Wolfgang Blüter ist Anfang 70, könnte aber optisch gern als ein Jahrzehnt älter durchgehen, keine kleine Errungenschaft in Zeiten, in denen es heißt, 70 sei das neue 60, aber Blüter ist schon immer gegen den Strom geschwommen. Sie treffen sich an der Basisstation der Eibsee-Seilbahn, Kramer hat ein Taxi für Blüter organisiert, seit Field & Games haben sie sich nicht mehr gesehen, und Kramer erschrickt ein wenig, als ein kleines, eingetrocknet verhutzeltes Männchen dem cremefarbenen Mercedes entsteigt, ein Schrecken, der sich legt, als er Blüters Stimme hört, der ihn mit einem vertrauten sonoren Bariton begrüßt, eine Stimme, wie gemacht fürs Radio, hat er schon damals in London gedacht. Auf der Fahrt hinauf zur Zugspitze fragt Kramer nach Blüters Arbeit, sie ersparen sich Privates, Geschichten nur vom Tod für beide. Blüter schreibt an einem Roman über Natalie Bauer-Lechner, die langjährige Vertraute Gustav Mahlers, Bratschistin, Feministin, Pazifistin, ein altes Projekt, vor zehn Jahren schon einmal begonnen, aber jetzt hat er neuen Schwung und imaginiert eine Liebesnacht zwischen den beiden, der ein Sohn entspringt, der in der zweiten Hälfte des Buchs zum eigentlichen Helden werde, Alma auf der Flucht nach Kalifornien begleitend. Oben auf dem Berg trinken sie Kaffee und rauchen draußen Zigaretten, man meint bis nach Flensburg gucken zu können, ist das nicht vielleicht tatsächlich das Meer dort am Horizont? Blüter dreht noch immer selbst und lehnt Kramers Filterzigaretten ab. Irgendwann nach dem zweiten Kaffee, sie stehen wieder draußen und suchen den Strand, zieht Blüter einen Flachmann aus seinem Mantel, sie nehmen beide einen Schluck, neue Zigaretten, der Tabak schmeckt in der Höhe irgendwie besonders gut, noch einen Schluck für beide, und Blüter sagt schließlich, Blick in die Ferne: „Aber jetzt erzähl mal, was dich hierher in die Berge treibt.“ Kapitel 5 Miriam träumt von Tala, sie marschieren gemeinsam durch eine sich verästelnde Höhle, seit Stunden schon das einzige Licht das einer Petroleumlampe, die wildeste Schatten macht aber auch immer wieder auf Talas Gesicht fällt, ihre ebenen Züge, von einer stolzen Nase gekrönt, genau in der richtigen Größe, um ein schönes Antlitz in ein interessantes zu verwandeln, aber der Brennstoff geht langsam zu Neige, sie müssen sich bald entscheiden, ob sie noch einmal umkehren wollen. Dann stoßen sie nach einem scharfen Rechtsknick im Gestein plötzlich auf einen unterirdischen See, der den Schein der Lampe silbern reflektiert, und … es weckt sie ihr iPhone. Sie schreckt hoch, der See verschimmert. Als sie es in der Hand hält, sieht sie eine unbekannte Nummer auf dem Display, sicher ein Marketinganruf, wie sehr sie das hasst. Sie dreht sich noch einmal um – war da nicht ein uriges Geschöpf im See?, das würde sie doch gerne nochmal sehen, aber es klappt nicht mehr, sie ist hellwach. Und beginnt die Routine. Eine Viertelstunde Stretching, Duschen danach, das Wasser erst warm, Haare waschen, dann heiß, dann kalt, dann abtrocknen, in den Bademantel schlüpfen, Zähne putzen, Gesicht waschen, Gesicht eincremen, raus aus dem Bademantel, Körper eincremen, Bademantel wieder an, Haare föhnen. Schlüpfer wählen, BH wählen, Bluse wählen, Hose wählen, noch einmal Haare bürsten, anziehen und los in die Küche: Joghurt, Müsli, Espresso. Miriam hat sich nach Paulas Tod eine kleine Altbauwohnung in Hannover genommen, zwei Zimmer, Küche, Bad, freundlicher Vermieter, alles gut in Schuss. Eine Runde durch Ikea mit einem Team fleißiger Studenten und die Wohnung hat alles, was sie braucht und kein Stück mehr. Aus dem ehelichen Haus hat sie nur mitgenommen, was in zwei Koffer passt, Klamotten hauptsächlich, ein Fotoalbum, ein bisschen Schnick und Schnack, danach hat sie das Haus komplett räumen lassen, alles lagert in einem Stahlcontainer, auch Peters Bibliothek. Das Haus hat sie an ein junges Paar vermietet, beide Ende zwanzig, er Fluglotse, sie ehemalige Flugbegleiterin, zwei Kinder, ein Junge und ein Mädchen, drei und vier Jahre alt. Die Miete kommt pünktlich jeden Monat und deckt die Raten ihrer Hypothek. Sie arbeitet wieder für Mahoney als Beraterin für ein Firewallprojekt im Auftrag eines deutschen Großunternehmens, dessen genau Identität sie nicht kennt. Das Projekt befindet sich in der Konzeptionsphase, die Idee ist, dass das System aus Angriffen lernen soll, um selbständig neue Abwehrstrategien zu entwickeln, die Verschmelzung künstlicher Intelligenz mit Cyber Security, ein Thema, an dem Mahoney schon länger arbeitet, das Projekt die erste Chance des Unternehmens, die neuen Methoden auch außerhalb des Labors zur Anwendung zu bringen. Sie findet das sehr spannend, muss aber ohne Ende büffeln, nach so vielen Jahren Pause glaubt sie manchmal, den Anschluss verpasst zu haben und kommt sich, wenn sie eine Rechnung für Mahoney schreibt, als Hochstaplerin vor. Aber nach zwölf Wochen Intensivstudium, sie arbeitet vierzehn Stunden am Tag, ist sie wieder drin, und als sie einen bug in einer Routine findet, die ein junger Superstar aus dem Valley geschrieben hat, den Mahoney für ein Jahresgehalt von einer Millionen Euro eingekauft hat (schreibt ihr ihr Ex John), kommt auch ihr Selbstvertrauen zurück. Nach dem Espresso liest sie die hundert Zeilen neuen Code, die sie gestern programmiert hat, ein Baustein, der dem selbstlernenden ‚intelligenten‘ Teil des Abwehrsystems helfen soll, Muster in Attacken zu erkennen, und überlegt, wie man ihn am besten in die Architektur der Firewall einbauen kann. Sie malt ein paar Skizzen auf, ist aber mit jeder bald unzufrieden, dann fällt ihr plötzlich Teenager Hans ein und dessen Triagemethode. Hans hat zwar damals an Google verkauft, vielleicht auch, weil sie nach dem Fahrraddiebstahl nicht mehr voll konzentriert auf ihn war, aber sie hat das System in den Tagen in Salzgitter doch oft genug getestet, um irgendwann eine Hypothese über den Trick zu formulieren, auf dem Hans‘ Algorithmus womöglich beruht. Sie meint, sie habe sich damals Notizen gemacht und sucht in ihrer privaten Cloud und, et voila, da ist das File. Sie braucht einen Moment, ihre eigenen Gedanken zu verstehen, ist ja auch fast ein volles Jahrzehnt her und mit Triage-Optimierung hat sie nie wieder etwas zu tun gehabt, aber ihre Notizen sind mit der Absicht formuliert, sie später mit Kollegen zu teilen. Dazu ist es zwar nicht mehr gekommen, aber die wohlwollende Didaktik ihrer Zeilen hilft auch beim Teilen mit ihrem jetzigen Selbst. Ganz sicher ist sie sich nicht, ob die Sache wirklich funktionieren kann, aber wenn, Mensch, wenn dann wäre das eine Steilvorlage für das Artificial-Intelligence-Modul, wenn nicht ein Elfmeter! Sie setzt sich an ihren Rechner und fängt wie in Trance an zu tippen, sie will ein kleines Beispiel programmieren, das vollkommen abstrakt und ohne jede konkrete Anwendung das Zusammenspiel zwischen Schnipseln von Code, die sich in ein System einnisten, mit dynamischen Datenbanken, die den Code klassifizieren, und einer einfachen Black Box abbilden, die ihr das AI-Modul ersetzt. Am frühen Abend lässt sie das Programm ein erstes Mal mit simuliertem Code und simulierten Daten laufen, erst hängt es sich noch kurz auf, ein kleiner Tippfehler, der beim Debuggen nicht auffällig geworden ist und eine Art Missverständnis zwischen verschiedenen Programmteilen hervorruft, sie findet den Fehler aber auf Anhieb, drückt wieder die Entertaste, und diesmal läuft es sauber durch und spuckt die grüne Kontrollziffer aus, die bedeutet, das jedenfalls bei dieser Simulation alles so geklappt hat, wie sie es sich vorgestellt hat. Sie bestellt eine kleine Portion Pasta und einen Salat bei Deliveroo, sie hat seit Paulas letztem Abend nicht mehr selbst gekocht, erst hat ihre Mutter übernommen, in Hannover dann die Bringdienste. Als ihr Mahl kommt, gönnt sie sich ein kleines Glas Weißwein dazu, danach setzt sie sich wieder an den Schreibtisch, diesmal eine Routine programmierend, die ihr kleines Toy Modul über Nacht mit einer ganzen Batterie von Simulationen testen soll. Gegen neun am Abend ist auch dieser Arbeitsschritt vollbracht, die Simulation läuft, geschätzte Bearbeitungszeit acht Stunden, perfektes Timing für den nächsten Morgen. Sie wirft sich ihr Sportzeug über, zieht die Laufschuhe an und geht auf eine Runde Joggen durch die Nachbarschaft. Angenehm, dass es nicht mehr so kalt ist. Wieder zuhause ein wenig Nachschwitzen, dann nochmal unter die Dusche. Als sie sich abtrocknet, hört sie das iPhone klingeln, sie hastet ins Schlafzimmer und schaut aufs Display – es ist dieselbe Nummer wie am Morgen schon. Hinter der Nummer eine 9 in Klammern, ein ziemlich hartnäckiger Anrufer, also wohl doch kein Marketing. Komisch, dass sie es nicht hat klingeln hören. Aber sie war ja auch ziemlich vertieft. Sie hebt ab und meldet sich mit vollem Namen: „Miriam Thorbald.“ „Guten Abend, Frau Thorbald“, sagt eine männliche Stimme, „mein Name ist Thünen, Polizeihauptkommissar Thünen von der Zentralverwaltung der Niedersächsischen Polizei. Es tut mir leid, dass ich Sie zu so später Stunde noch störe, aber unter Tags habe ich kein Glück gehabt, und die Sache ist einigermaßen dringend. Wie Sie wahrscheinlich wissen, ist Ihr Ehemann seit einigen Monaten nicht zum Dienst erschienen.“ Er legt eine Pause ein, auf Antwort wartend. „Ja“, sagt Miriam. „Und?“ „Und uns liegt auch keinerlei aktuelle Krankmeldung vor.“ Er stockt erneut. „Aha“, sagt Miriam. „Und wir können Ihren Mann nirgends erreichen, Diensthandy, privates Handy, Email, er meldet sich einfach nicht. Wir sind natürlich vor allem um das Wohl ihres Mannes besorgt, aber ich verstehe, dass es keine Vermisstenanzeige gibt.“ „Nein“, sagt Miriam. „Ja, also“, sagt Polizeihauptkommissar Thünen, „wenn Sie Ihren Mann erreichen können, dann sagen Sie ihm doch bitte, dass er sich bei uns melden soll.“ „Das mache ich“, sagt Miriam. „Weil, ähm, wir befinden uns in einer Situation, in der wir ein, also, ein Amtsenthebungsverfahren gegen Ihren Mann einleiten müssen, was unter anderem damit einhergeht, dass, das ist mir jetzt sehr peinlich, Frau Thorbald, aber dass wir die Gehaltszahlungen an Ihren Mann einstellen müssen.“ „Ich verstehe“, sagt Miriam. „Wobei wir, Ihr Mann ist ja ein alter Recke und hochverdient, wir uns Sorgen um ihn machen.“ Er stockt erneut. „Und auch um Sie, Frau Thorbald, das ist alles ja sicher nicht leicht, wenn Ihr Mann einfach verschwunden ist.“ „Ist es nicht“, sagt Miriam. „Ja, ist es nicht. Weswegen ich mich auch persönlich dafür eingesetzt habe, das Verfahren noch einen Monat rauszuzögern, Ihr Mann ist ja ein wirklich hochgeschätzter Beamter der Niedersächsischen Polizei, und wir wissen um Ihre, um, wie soll ich sagen, Ihre persönlichen Nöte, weswegen ich Ihnen auch noch mein Beileid aussprechen darf. Eine Tochter, äh, zu verlieren, das muss schlimm sein. Ich hab selbst einen Sohn, der ist jetzt neun, und wenn ich mir vorstelle …“ „Wenn Sie sich vorstellen“, sagt Miriam. „Dass ihm etwas passieren würde, dass er krank werden könnte, da weiß ich gar nicht …“ „Wie Sie damit umgehen könnten“, sagt Miriam, als ihr die Pause zu lang wird. „Ja, genau, und deshalb auch bitte nochmal mein Beileid noch, Frau Thorbald.“ „Danke“, sagt Miriam. „Jedenfalls, wie gesagt, wir warten noch einen Monat, mehr geht aber leider nicht, dann müssen wir, äh, loslegen müssen wir dann, dann müssen wir das Gehalt stoppen und das Verfahren einleiten, und das wird dann anbetrachts der Umstände sehr schnell gehen. Aber ich hoffe wirklich, dass es dazu nicht kommt, Frau Thorbald, wir denken ja alle hier, dass Ihr Mann nur eine Pause nimmt, etwas Schlimmeres wollen wir uns wirklich nicht vorstellen, Gott behüte, auch wenn wir in diese Richtung ermitteln, er hat sich ja in seiner Laufbahn nicht nur Freunde gemacht, weder bei der Soko noch in Salzgitter, die Versetzung zur Autobahnpolizei … das war ja auch eine Schutzmaßnahme, wenn Sie verstehen, was ich meine.“ „Verstehe ich“, sagt Miriam. „Gut“, sagt der Polizeihauptkommissar, „dann sind wir ja auf einer Linie. Melden Sie sich einfach bei mir, unter dieser Nummer, sehen Sie ja auf Ihrem Display?“ „Absolut“, sagt Miriam. „Gut, gut. Also melden Sie sich, ja? Selbst wenn er’s nicht tut, wir können ihn sicher auch länger krankschreiben und das Fernbleiben vom Dienst vergessen wir dann einfach, dafür hab ich das Okay von ganz oben, da können wir drüber wegsehen, einfach so tun, als wär nie was gewesen. Aber dazu brauchen wir ein, Sie wissen schon, ein Lebenszeichen, nicht mal von ihm direkt, das muss nicht mal sein, Frau Thorbald, es reicht erst mal vollkommen, wenn Sie sich melden und wir wissen, dass alles gut ist.“ „Okay“, sagt Miriam. „Okay, das ist gut, Frau Thorbald. Sie haben meine Nummer. Gern zu jeder Tages- und Nachtzeit. Für Sie beide bin ich immer da.“ „Das ist großzügig“, sagt Miriam. „Bestens, bestens, Frau Thorbald“, sagt PHK Thünen, „hoffen wir gemeinsam auf das Beste und eine angenehme Nachtruhe Ihnen dann noch, Frau Thorbald.“ „Ihnen auch“, sagt Miriam und legt auf. Sie zieht ein Nachthemd an, geht in die Küche und schenkt sich noch ein kleines Glas vom nachmittags geöffneten Soave ein. Im Wohn-/Arbeitszimmer läuft ihr Rechner still vor sich hin und wirft alle paar Minuten eine grün leuchtende Kontrollziffer auf dem Bildschirm aus. Sie nimmt einen Notizblock, blättert ihn in der Mitte auf einer weißen Seite auf, nimmt sich einen Stift und schreibt: „16/4/28. Anruf PHK Thünen. Wo Peter sei. Vier Dinge, die ich nicht verstehe: (i) warum erst jetzt? (ii) warum am Telefon? (iii) warum reicht ihm, dass ich mich melde? (iv) und WhyTF hat er meine neue Handynummer?“ Kapitel 6 Peter, der sich zur selben Zeit seine täglichen 4cl Vodka gönnt, könnte die Fragen seiner Frau, wenn er sie nur hören würde, zum Teil beantworten, aber er ist auch so schon beunruhigt genug. Heute hat er kurz vor dem Tor zum Friedhof zwei Männer in schwarzen Mänteln gesehen, die sich für seinen Geschmack ein wenig zu ziellos bewegen. Er kennt den Typus, und kehrt um, bevor sie ihn sehen können. Auch er hat sich danach gefragt, warum erst jetzt? Hat tatsächlich niemand vorher etwas bemerkt? Hat niemand etwas mitbekommen, als er seine Ermittlungen in der Unfallsache Stanz nach Berlin ausgeweitet hat? Und niemand ihn gesehen, als er sich mit Lorenz Zuse in Potsdam getroffen hat? Ist er die ganze Zeit nicht viel zu blauäugig und leichtsinnig gewesen, sich ausgerechnet immer wieder in Kühlungsborn zu zeigen? Dem ersten Ort, an dem noch der dümmste Polizist nach ihm suchen würde? Also warum erst jetzt? Dann liest er am Abend auf FAZ.NET unter Vermischtes vom Tod von Lorenz Zuse. Der Ministerialbeamte sei in der Nacht am Berliner Alexanderplatz überfallen und zu Tode getreten worden. Von einer „Gang Jugendlicher mit Migrationshintergrund“, berichtet das Online-Portal, die Beute ein Portemonnaie mit Kreditkarten und 500 Euro in Cash, wie die Berliner Polizei anhand einer Abbuchung am Geldautomaten an der S-Bahn-Station Alexanderplatz hat rekonstruieren können. Er erinnert sich an das verängstigte Antlitz des tapferen Archivars, dessen Mut ihm nun zum Verhängnis geworden ist. *** Seine Trüb-Sahl-Recherche muss, da in Unschuld begonnen, Spuren auf den Servern der Polizei hinterlassen haben, die er nicht mehr hat verwischen können. Miriam hätte das wahrscheinlich gekonnt, aber Miriam hat er nicht einweihen wollen, nicht einweihen können. Ihr Schutz ist sein höchstes Gebot, das ehern wird, als er Paula verliert, für die er nichts hat tun können, nichts, nichts, nicht einmal ihre Hand hat er halten können, als sie kotzt, als sie weint, als sie stirbt. Ob Miriam schon Besuch hatte? Mit Sicherheit. Weswegen es gut ist, dass sie nichts weiß, dass sie ihn nur für verrückt geworden hält, dass sie einfach wird sagen können, hören Sie, mein Mann hat das alles nicht verkraftet, und dann hab ich ihn auch noch verlassen, was hat er schon tun können, außer sich zu verziehen, um sich vielleicht irgendwann einmal zu verzeihen. Und vielleicht kann ich das später auch mal tun, ihm verzeihen, dem Vater meiner Tochter, der nicht für sie da war, als es ihr schlecht ging, als es mit ihr zu Ende ging, als sie am Strand gestorben ist. Miriam ist sicher, solange sie an seinen Irrsinn glaubt. Er versucht sich vorzustellen, was sie über seine Recherchen wirklich wissen können. Bislang hat er immer nur Angst davor gehabt, dass sie irgendetwas wissen und beschließen, dass er weg muss, und zwar weit weg diesmal, nicht einfach zu einem neuen Präsidium oder einer neuen Soko für Parkdelikte, sondern direkt zur Himmelspolizei, aufmüpfige Engel jagen. Hat es sechs Monate gedauert, bis sie seinen Arbeitsplatz durchforstet haben und Spuren der Kopien aus dem Handelsregister gefunden haben, die er laienhaft versucht hat, von seiner Harddisk zu radieren? Und ist Zuses Tod tatsächlich nur Zufall? Körperverletzung mit Todesfolge? Ersteres vielleicht ja, letzteres sicher nicht. Zuse ist ermordet worden. Ermordet wie Stanz. Jeweils hübsch getarnt, im selben Geist, Unfälle, die eben passieren auf Autobahnen und dysfunktionalen Innenstadtplätzen, da kann keiner was für, das ist wie der Herzinfarkt eines Spatzen auf dem Kieferast, plopp macht‘s, und es ist vorbei, so gut wie von vier Vermummten überfallen werden. Also, bitte, nochmal, aufwachen aus der Stasis, alle Ratio zusammen, was passiert gerade und warum jetzt. Erstens, sie sind ihm auf der Spur, also wissen sie zumindest von einem Teil seiner Ermittlungen, was ihn nicht überraschen darf, schließlich ist er schon vor einem halben Jahr abgetaucht, eben weil er immer geahnt hat, dass es so lange nicht wird dauern können, bis sie eins und eins zusammenzählen. Zweitens, wäre er sich selbst gegenüber ehrlich gewesen und weniger ins Wachsen seines Barts vertieft, hätte er schon längst wissen müssen, dass die Idee, er könne womöglich bis an die zwei Jahre auf Martin in Rerik warten, absurd war, seine Budgetberechnungen in Geld und Zeit der reine Wahnwitz. Und bei der Formulierung des Gedankens schwant ihm, dass ihm das vor einem halben Jahr ursprünglich auch einmal klar gewesen ist, dass er niemals wirklich geplant hat, solange in Rerik zu bleiben, nur dass sich mit jedem Tag, dem er seine neue Routine gewidmet hat – denken, lesen, spazieren, trauern, 4cl Vodka trinken – sein Horizont um eben genau denselben einen Tag nach vorne verschoben hat. Drittens, ist es am Ende dann doch nicht so überraschend, dass es so lange gedauert hat, die forensischen Untersuchungen von Festplatten ziehen sich, und in Potsdam haben Zuse und er größte Sorgfalt darauf verwandt, unbeobachtet zu bleiben. Alles hat Sinn, nur sein Sinn für Zeit ist verrückt. *** Am nächsten Morgen packt Peter Thorbald seine sieben Sachen, eine Reisetasche reicht, dazu ein Rucksack noch, und ruft ein Taxi nach Neubukow, ein Luxus, er weiß, aber besser nicht auf der Landstraße spazieren. In Neubukow steigt er in einen Bus nach Wismar, er ist davon überzeugt, dass ihm niemand folgt, das Schönwetter hält an. Am Bahnhof in Wismar reiht er sich in die Ticketschlange, die nur sehr langsam vorwärtsgeht, was ihm Zeit schenkt, über mögliche Destinationen nachzudenken. Er denkt an Frankreich, weil einerseits nahe und andererseits nicht vollkommen absurd für einen Asylantrag … und wie es die Götter wollen, erwähnt die Schalterbeamtin, als er endlich dran ist und sie nach billigen Auslandstarifen fragt, als erstes Paris, die Bahn habe da gerade ein Frühlings-Special im Angebot. Ob es denselben Tarif auch nach Reims gäbe, fragt er und die Dame nickt mit feistem Doppelkinn. Er bucht eine einfache Fahrt für unfassbar billige 38 Euro. Jetzt muss er freilich doch eine Schnitzeljagd für Martin basteln, aber immerhin eine, an deren Ende Champagner auf ihn wartet. Kapitel 7 Blüter entpuppt sich als Goldgrube für Oberammergauer Familienklatsch. Die Eltern der Trübbrüder sind Cousin und Cousine zweiten Grades und mit der Hälfte der Dorfoberen verwandt oder verschwägert. Sie führen ein Sägewerk und eines der besseren Hotels der Stadt, ihre Tochter, Sarah, die Schwester zwischen Bernd, dem ältesten und Mischa, dem jüngsten, sei in den späten Achtzigern einem Sexualverbrechen zum Opfer gefallen, alles sehr Twin Peaks, nur mit mehr Passion. Bernd sei immer ein rechter Taugenichts gewesen, Mischa dafür schon von Kindesbeinen ein echter Star, zielstrebig und gewitzt. Oberammergau habe ihn trotz seiner Abtrünnigkeit gen Norden, als er zum Studium der Rechtswissenschaften nach Hamburg gezogen sei, immer als echten ‚Dorfbua‘ betrachtet, als einen der ihren, selbst dann noch als klar wird, dass er in der CDU Karriere macht anstatt bei den Christlich Sozialen, ein Verrat im Prinzip schlimmer als der Studienplatz bei den Fischköppen, aber sie haben ihn nun mal in ihre großen Herzen geschlossen. Auch von Franz-Heiner Sahl, dem Geschäftspartner Bernds, weiß Blüter zu berichten. Der habe sich vor ein paar Jahr zu seinem Ruhestand eine protzige Villa am Stadtrand gebaut, in einer Art bajuwarischem Neobarock, samt Portico und Türmchen, eine ‚Geschmacklosigkeit erster Ordnung‘, wie Blüter sagt, und gäbe sich als großer Mäzen der Passionsspiele, die Rede sei von einem kleineren sechsstelligen Betrag, für den er sich, so hieße es, ein Mitspracherecht bei der Vergabe aller weiblichen Hauptrollen ausbedungen habe. „Der ist ne kleine Sau mit Frau im Rollstuhl“, sagt Blüter, und erzählt noch eine Geschichte von Franz-Heiners Unterkinnbart. „Die Mädels kriegen beim Vorsprechen vor allem eines eingeflößt: ‚Schaut bloß nicht auf den Bart!‘ Wohin stattdessen, spricht aber keiner aus, hallelujah.“ Von der Trüb-Sahl KG hat der an und für sich zartbesaitete Wolfgang Blüter noch nichts gehört, sagt aber, dass ihn kein ‚sauisches Geschäft‘ zwischen ‚Dumbo und Strizzi‘ überraschen würde. *** Am nächsten Morgen fährt Kramer von Berwang ein paar Kilometer nach Norden, um an einer Tankstelle in Reutte, in Deutschland wieder, ein billiges Handy mit einer mit 20 Euro aufgeladenen SIM-Karte zu kaufen. Er geht in ein kleines Cafe in Reutte, bestellt einen Cappuccino und ein Stück Apfelkuchen und wählt die Nummer der Trüb-Sahl KG, die er im Internet recherchiert hat. Es klingelt ein dutzend Mal und noch ein dutzend Mal, keiner hebt ab und kein AB. Kaffee und Kuchen kommen, beides leider ungenießbar, er legt zwei Zehner auf den Tisch und geht. Das Wetter ist so herrlich, dass er sich kurzerhand entscheidet, Boxster Luise ein paar Pässe zu gönnen, es ist noch früh am Tag, und es gibt verblüffend wenig Verkehr, man könnte meinen, alle säßen noch immer vorm Fernsehen, um Shirins Kopf rollen zu sehen. Jedenfalls ist er schon kurz nach elf am Timmerjoch, endlich mal Sport plus, Luise so hart wie lustvoll, klingt wie Porno und fast wünschte er, es gäbe eine Kamera, die ihn mit seiner nachtblauen Geliebten filmte. Um fünf ist er zurück im Sporthotel, wo er einen Blick in seine Email wirft. Unter ziemlich viel Quatsch findet er einen Brief des Aufsichtsratsvorsitzenden des S Verlags, auf Englisch, die Mitglieder des Boards des anglo-amerikanischen Mutterschiffs, zu dem der S Verlag gehört, im cc: „Dear Martin, while I am happy to acknowledge the receipt of your letter I cannot accept your resignation. I have conferred with New York (in cc) and we all agree that these are difficult times in Berlin which is precisely why we cannot afford to lose you. We suggest to read your email as a request for four weeks of ‘special leave’ which we are happy to grant you. In the meantime, Muck will serve as your deputy but has been instructed to take no final decisions with regard to any pending projects. I trust you are well and remain Yours as ever, Freddy.” Okay then, denkt Kramer, auch gut. Wäre ja auch idiotisch, eine kostenlose Rückfahrkarte abzulehnen. *** Zum Abendessen – Flädlesuppe, geräucherte Forelle, Filet vom Milchkalb – bestellt er eine Flasche Cristal Rose 2002, die die Weinliste des Hauses zu einem Preis listet, der vor zwanzig Jahren vielleicht einmal richtig war. Und besser als guter Schampus ist nur guter Schampus zum Schnäppchenpreis! Die Flasche hat leider einen kleinen Defekt, einen Hauch von Blauschimmelkäse, der die Citrus- und Beerenaromen des Getränks durchmischt, brettanomyces bruxellensis, ein Hefepilz, nicht ideal, aber keineswegs schlimm genug, um die Flasche zurückgehen zu lassen. Zum Käse, der aufs Kalb folgt, und den man sich von einer Theke selbst auftut, wird er besonders gut passen, also langsam trinken. Zum Dessert, einem Schokoladenkuchen, bestellt er noch ein Gläschen Port, hat er seit Jahren nicht getrunken, das letzte Glas wahrscheinlich in Gordon’s Wine Bar in London, in der schon Dickens und Kipling getrunken haben sollen, Spinnweben überall, so dick, dass man es glauben mag, der Hausport kommt in Wassergläsern, ziemlich gefährlich vor dem Abendessen, zu dem es meistens nicht mehr kommt, wenn man vorher zu Gordon’s geht. Er bestellt noch ein zweites Glas, „einen doppelten“, sagt er, und fügt hinzu, „in einem kleinen Wasserglas, wenn’s geht, was immer da rein passt“, das Glas kommt und sieht tatsächlich aus wie ein beaker bei Gordon’s, er legt einen Fünfziger Trinkgeld auf den Tisch und nimmt es mit nach oben in die Loreakopf Suite, um es auf seinem Balkon zu leeren, mit einer Zigarette versteht sich und einer zweiten noch. Die Gartnerwand bleckt ihn im Mondlicht an, massiv und humorlos. Er beschließt, am nächsten Tag, wenn er telefonisch wieder nicht durchkommen sollte, nach Oberammergau zu fahren, um bei Trüb-Sahl zu klingeln. Darauf noch einen Whiskey aus der Minibar, auch wenn er sich dabei wie ein Alkoholiker vorkommt. Himmel, vielleicht ist er einer. Jedenfalls beschwert sich Monsieur Bleu trotz ausgiebigstem Zähneputzen über Kramers Fahne, als er sich zu dem kleinen Elefanten ins Bett gesellt. Kapitel 8 Miriam hat schlecht geschlafen, und dann zeigt der Bildschirm ihres Rechners auch noch dutzende von Fehlern an, seit 4 Uhr morgens fast alles rot, nur vereinzelt vermeldet ihr Programm, das noch immer läuft, Erfolge an. Irgendetwas muss sich böse verhakt haben, und sie hofft, der Fehler liegt nur in der Simulation und nicht im Kern des Programms selbst. Am frühen Nachmittag Erleichterung, sie hatte einen Bug in der dynamischen Berechnung der Kontrollziffern – heißt aber leider nicht, dass alles okay ist, nur dass nicht alles falsch sein muss, und dummerweise hat sie die Daten, die die Simulation ausgespuckt hat, nicht selbst abgespeichert, also nochmal alles von vorne laufen lassen, wenigstens den letzten Teil, drei Stunden, in denen sie zur Untätigkeit verdammt ist, aber better safe than sorry, und während das Programm wieder läuft, läuft auch sie, zum Maschsee, zweimal rum und zurück, 18 Kilometer, ganz locker, sechser Schnitt, um fünf ist sie wieder zuhause, der Bildschirm grünt, sie duscht. Sie bestellt sich Pizza und Salat, trinkt dazu ein Glas Wein aus der offenen Flasche von gestern und schreibt eine lange Email an die Kollegen von Mahoney, in der sie ihre Idee skizziert, das Programm im Attachment, die Simulation lässt sie weg, besser die Kollegen testen es selbst nochmal. Im selben Moment, in dem sie auf Send drückt, hat sie noch eine neue Idee, wie man die zwei Schleifen in ihrem Programm eleganter verbinden kann, und schickt noch ein PS: „Speed can probably be optimized, perhaps combine ThroughXL & QuestFT? Let me know what you think, M.“ Die zweite Email ist im elektronischen Äther, und es befällt sie eine plötzliche Leere, so tief, dass sie nicht weiß, woher sie stammt, sie sehnt sich nach Schlaf und wünscht, sie wäre müde. Sie steht auf, und sieht den Zettel auf dem Tisch, Anruf PHK Thünen, und plötzlich weiß sie, warum sie in der Nacht nicht hat schlafen können, und warum sie sich jetzt nur verkriechen will. Es sind nicht die Unstimmigkeiten, die sie beunruhigen, es sind die Stimmigkeiten. *** Die Verbindung nach Reims entpuppt sich als kompliziert, viermal muss er umsteigen, dreimal in Deutschland – Schwerin, Kassel, Offenburg – das dauert, aber alles läuft glatt und ereignislos, er liest Balzac, wollte er schon immer mal, eine seiner großen Lücken, also wann, wenn nicht jetzt, Pere Goriot, auf dem Kindle in der englischen Übersetzung von Marion Ayton Crawford, der er nach einem kleinen Test den Vorzug vor der deutschen von Franz Hessel gibt, die ihm vergleichsweise schwerfällig vorkommt und in der ganze Sätze zu fehlen scheinen. Sei es wie es sei, schon in Schwerin hat er die eigenen Sorgen nahezu vergessen, in Kassel fühlt er sich höchst amüsiert, in Offenburg liest er im Stehen am Bahnsteig. Die Fahrt von Offenburg nach Strasbourg, seinem letzten Umsteigebahnhof, dauert nur 35 Minuten beinhaltet aber den einen Moment, in dem er zurück ins Hier und Jetzt findet. Die neue Bundesregierung hat in einer ihrer ersten Amtshandlungen das Abkommen von Schengen außer Kraft gesetzt, und das heißt Passkontrolle im Zug, und bis dato hat noch kein echter Profi seinen gefälschten Personalausweis kontrolliert, er hält den Atem an und hofft, dass sich seine Gesichtsfarbe nicht ändert, er weiß ja zu genüge, wie oft er auf der anderen Seite Schlussfolgerungen aus plötzlicher Blässe oder plötzlichem Erröten gezogen hat, auch seinen Namen muss er verinnerlichen, das hat er in Rerik nicht genug geübt – „Gestatten, Paul Jakobi“; „Mein Name ist Paul Jakobi“, den Kopf drehen, wenn jemand ‚Paul‘ ruft. Der deutsche Grenzbeamte, ein schlaksiger Zwanzigjähriger mit Bürstenhaarschnitt und schlimmer Akne schaut zweimal von seinem Foto in sein Gesicht und fragt ihn, welche Pläne er für Frankreich hege. Peter sagt: „Ich fahre weiter nach Reims, Freunde treffen.“ „Und Champagner trinken“, sagt der Grenzer. „Genau“, sagt Peter. „Dann eine gute Reise, Ihnen, Herr Jakobi“, sagt der Grenzer. „Und Prost.“ Die französischen Beamten kontrollieren nicht einmal. *** Wie verarbeitet man neue Informationen? Das klassische Herangehen des Statistikers sieht den Hypothesentest vor. Man formuliert eine Nullhypothese darüber, wie die Welt beschaffen ist, und verwirft sie erst dann, wenn es ausreichend viele Datenpunkte gibt, die einem sagen, dass das, was man beobachtet hat, unter der Nullhypothese eher selten passiert. Eher selten – das ist das ‚Signifikanzniveau‘, mit dem man die Hypothese verwirft. Beobachtet man etwas, was unter der Nullhypothese nur in einem Prozent aller Fälle auftritt, sagt man, bah, das ist zu unwahrscheinlich, daran glaub ich nicht, das kann nicht sein, meine Hypothese muss wohl falsch sein, weg damit, Signifikanz 1%. In den verschiedenen Zweigen der Wissenschaften haben sich bei dieser klassischen Herangehensweise sehr verschiedene Standards etabliert hinsichtlich dessen, was man von einem Signifikanzniveau verlangt, in der Physik gilt 1% als nicht besonders verlässlich, in der Medizin schon, in den Sozialwissenschaften gibt man sich auch gerne mal mit zehn zufrieden. Diese unterschiedlichen Standards liegen am Machbaren. Zwei Elementarteilchen kann man im Beschleuniger leicht zig Millionen Mal aufeinanderprallen lassen, bei der Verabreichung neuer Medikamente an Testgruppen kann man sich solche Zahlen schon abschminken, bei der Beobachtung menschlichen Handelns in freier Natur darf man erst gar nicht an sie denken. Aber in allen Disziplinen gilt: eine einzelne Beobachtung sagt gar nichts. An welcher Stelle der gesunde Menschenverstand einwirft, dass etwas nicht ganz stimmt mit dem klassischen Hypothesentest, nehmen wir doch nur mal einen frisch verliebten Jüngling, der die Auserwählte zu einem Eis nach der Schule eingeladen hat, sie ist mitgekommen, das Herz pocht, sie plaudern und schlecken, dann ist auch die Waffel verspeist und es heißt nachhause gehen. Es ist Mittwochabend. Am Donnerstag sehen sich die beiden in der Schule, aber von ferne nur, dann ist Freitag, das Wochenende steht vor der Tür, die Schule ist um Mittag aus, die Kinder gehen heim, unser Jüngling starrt auf sein Handy. Drei Uhr und kein Anruf, vier Uhr und kein Anruf, fünf Uhr und kein Anruf, Samstagmorgen und kein Anruf und nicht einmal eine SMS. Eine Beobachtung, eine einzige winzige Beobachtung, Hypothesen können nicht verworfen werden, und doch ist unser Jüngling traurig am Abend, als auch um halb elf, als ihn seine Eltern ins Bett schicken, noch keine Nachricht der Angebeteten da ist. Betrübt wälzt sich unser kleiner Held im Bett, findet kaum Schlaf, ist den Tränen nahe, dann hat Hypnos ein Einsehen mit ihm, im Morgengrauen sackt er weg und wacht erst auf, als seine Mutter vorsichtig mit Fingerspitzen am Sonntag um zehn an seine Tür klopft. Er schreckt hoch, alles fällt ihm wieder ein, Mist Mist Mist, aber jetzt muss er raus, Zähneputzen, sonst wird geschimpft am Frühstückstisch. Bürsten links oben, links unten und dasselbe rechts, zurück ins Zimmer, anziehen, aber erst noch mal schnell ein Blick aufs Telefon, und siehe da, sie hat geschrieben! Und fragt ihn, ob er am Nachmittag mit ihr ins Kino gehen will. Eine neue Beobachtung. Und die Welt sieht für unseren kleinen Helden, der sich noch im Schlafanzug befindet, wieder ganz anders aus. Klarerweise hat er nichts von Hypothesentests verstanden. Und zwar zu seinem Glück, denn natürlich sagt er ja, und natürlich halten sie irgendwann Händchen im Kinosaal, und ein paar Wochen später folgt fröhliches Fummeln, seine Hand unter ihrem T-Shirt, viel ist da noch nicht, mehr schon hinter seinem Reißverschluss, toll das alles, und sie werden ein Paar für ein Dreivierteljahr, was sich reimt, aber Zufall ist. Eine neue Beobachtung, und die Welt sieht anders aus, wir kennen das alle, und es gibt auch einen, der weiß warum. Thomas Bayes, geboren 1701 in London, gestorben sechzig Jahre später in Turnbridge Wells und begraben in Bunhill Fields am Rand der Londoner City, einem Friedhof, durch den ein kleiner Pfad führt, den Kramer vier Jahre lang fast jeden Tag auf dem Weg von seinem Zimmer im East End zu seinem Verlag in Bloomsbury gegangen ist. Bayes hat in einem Aufsatz, der erst zwei Jahre nach seinem Tod veröffentlicht wird, eine am Ende recht einfache Beobachtung über die Gesetze der Wahrscheinlichkeit formuliert, die die Intuition unseres Jünglings, der bevor er schlafen geht, am Boden zerstört und am nächsten Morgen himmelhoch jauchzend ist, in eine simple Formel gießt, Prob(A|x) = [Prob(x|A) * Prob (A)] / Prob(x), eine Formel über bedingte Wahrscheinlichkeiten, die einem sagt, wie wahrscheinlich es ist, dass sie in einen verliebt ist, gegeben, dass sie sich meldet … Sie gleicht der Wahrscheinlichkeit, dass sie sich meldet, wenn sie verliebt ist, geteilt durch die gesamte Wahrscheinlichkeit, dass sie sich meldet, egal ob verliebt oder nicht. Miriam hat den Satz in einer Erstsemestervorlesung zur Einführung in die Statistik einst in all seinen Verallgemeinerungen gepaukt, für Ereignisse auch, die keinem diskreten Raum entspringen, sondern fluid einem Kontinuum, das ändert ein wenig die Mathematik aber nicht die Logik: wenn sie verliebt ist, meldet sie sich mit so viel größerer Wahrscheinlichkeit, als wenn sie es nicht ist, weswegen eine einzige kleine SMS begründeter Anlass zum Jubel ist, hey, auch sie muss verknallt sein, sonst hätte sie doch nicht geschrieben! So einfach, so fundamental. Und so gegen alle klassischen Hypothesentests. *** Der Gare de Reims, den Peter Thorbald in den frühen Morgenstunden des 17. Aprils erreicht, entstammt dem vorvergangenem Jahrhundert mit einem putzigen Hauptgebäude, das seiner Fassade nach einen mittelwichtigen regionalen Weinhändler beherbergen könnte, wären da nicht die langstreckten Flanken, die sich links und rechts an die Fassade schließen und an deren Enden sich Miniaturen des Haupthauses fügen, so würde dann doch niemand privat bauen, es sei denn, er/sie habe zwei Familien, die zwar in einem Gebäude unterzubringen sind, sich aber nicht zu nahe kommen dürfen. Zehn Gleise, Thorbald kommt auf Nummer 5 an, direkt in der Mitte, nur ein paar Meter nach draußen vor den Haupteingang. Hotels in Reims sind für westeuropäische Verhältnisse sehr billig, er hat das im Zug schon auf seinem iPhone gesehen und sich gefragt, ob er das irgendwie gewusst hat, von wer-weiß-wo-und-wann, früher halt mal, aber tief eingegraben ins fast=gusseiserne Gedächtnis, aber, nein, er kann sich nicht erinnern, je die Hotelszene in der Champagne recherchiert zu haben, es ist ein Glücksfall einfach. Einmal, endlich. Er mietet sich in einem auf Handlungsreisende ausgerichteten Hotel unweit des Bahnhofs ein, für zwei Wochen bietet ihm die Blondine am Empfang einen Discount von 20% auf die best rate, 48 Euro die Nacht inklusive Frühstück und Wifi, statt 60. Kramer schlägt ein und zahlt für die erste Woche mit der EC-Karte Paul Jakobis. *** Als Paula krank wird und Peter sich immer tiefer in seine Arbeit versenkt, um sich irgendwann gänzlich in ihr zu verlieren, geht Miriam davon aus, dass das eine Flucht ist, Peters Art mit Paulas Leid umzugehen. Er hat nie besonders gut über Gefühle sprechen können, klar, irgendwann hat er ‚Ich lieb Dich‘ gesagt, sie weiß noch genau, wann zum ersten Mal, ein Montagmorgen nach einem besonders schönen Wochenende, Spaziergänge, Museum, Kochen, Kamin, er sagt es, die Haustür schon in der Hand, und ohne e natürlich. Sie ruft ihm ein ‚Ich dich‘ nach, ob er’s noch hört, weiß sie nicht. Auch im Bett ist er schweigsam, sie muss selbst herausfinden, was ihm gefällt, und das Experimentieren ist aufregend, sie stört es nicht, dass er nichts sagt, und sie lernt, auch selber nichts zu sagen, sondern ihn stattdessen zu dirigieren, ihre Hand auf der seinen, sie langsam führend, seinen Kopf auch. Natürlich versucht sie, mit ihm über Paula zu reden, versucht, ihn aus seiner Einigelung zu locken, aber es ist vergebens. Er will nicht, er kann nicht. Und so sehr sie darunter leidet, so gut passt es ins Bild, auch dann noch als Peters figurativer Flucht in die Arbeit seine wörtliche folgt, plötzlich ist er weg, sie kriegt einen kleinen Schreianfall, als sie sieht, dass er 20.000 Euro abgehoben hat, praktisch ihre komplette Reserve, er ist verrückt geworden, etwas ist gerissen in ihm, und als sie sich wieder ein wenig beruhigt, nachdem das Haus vermietet ist, hofft sie, dass ihm die Einsamkeit Heilung verschafft, sie hofft, dass er zurückkommt, jeden Tag hofft sie, ihn plötzlich vor der Tür zu finden, und sie weiß, dass sie ihm verzeihen wird, nein, sie hat ihm schon verziehen. Sie blickt noch einmal auf die kleine Liste, die sie nach Thünens Anruf verfertigt hat, vier Fragen, vier Ungereimtheiten. Vier Ungereimtheiten, wenn man davon ausgeht, dass Peter den Plot verloren hat, die ‚Recherche‘, von der er immer wieder spricht, eine Schimäre, die ihm hilft, das Sterben Paulas zu verdrängen … Miriam kennt natürlich Peters Geschichten von der Soko und aus Salzgitter, seinen Hang, Verschwörungen zu sehen und zu verfolgen auch; was an den alten Stories dran ist, weiß keiner so recht, sie glaubt ihm natürlich, weitestgehend jedenfalls, ein wenig Restunsicherheit bleibt, aber das ist okay, sie findet es nicht ohne Charme, einen Jäger des Bösen geheiratet zu haben, der, wenn im Zweifel, lieber einer Sache zu viel nachgeht. Vier Ungereimtheiten … die sich alle auflösen, wenn man bereit ist, sich vorzustellen, dass Peters ‚Recherche’ einen Grund außerhalb von Paula hat, dass Peter einer Spur nachgeht, die zu einer tatsächlichen Verschwörung führt, und zwar zu einer, die mit allen Mitteln verdeckt werden muss. Eine neue Beobachtung, der Satz von Thomas Bayes, und Miriam hat Angst. Kapitel 9 Martin Kramer zieht seinen Anzug an und fährt nach Oberammergau. Die Trüb-Sahl KG residiert in einem Mehrfunktionsgebäude der 70er Jahre, kleiner Supermarkt, ein paar Büroeinheiten, in den beiden oberen Geschossen sechs Wohnungen, gemütlich tiefe Decken, Balkon, fehlt nur noch der Müllschlucker, der den Bewohnern durch einen Zufall erspart geblieben ist, das ausführende Bauunternehmen hat den Schacht schlichtweg vergessen, Maria sei’s gelobt. Kramer drückt den Klingelknopf und schaut festen Blicks in das kleine Fischauge über der Gegensprechanlage. Er wartet eine halbe Minute, klingelt erneut, dann summt die Tür, im Innern des Eingangsbereichs ein Schild, das ihm verrät, dass sich die Trüb-Sahl KG im zweiten Stock befindet, er nimmt die Treppe, die Tür zu den Büroräumen steht auf, er tritt ein und sieht sich einer etwas verhärmten brünetten Dame in den Mitvierzigern gegenüber, die den vereinzelten grauen Strähnen in ihrem Bob zuletzt vor einem Monat den Kampf angesagt hat. Kramer denkt, sie sieht ein wenig aus, wie eine Verwaltungsangestellte im öffentlichen Dienst, die die Spesenabrechnungen der neuen öffentlichen Henker, die die Republik eingestellt hat, aufs sorgfältigste prüft, bevor sie Zahlungen anweist. Was ein Taxi? Für die Fahrt zum Krematorium? Da kann man doch auch den Bus nehmen. Er stellt sich als Dr. Karl Richter vor, Eigentürmer eines Import-Export-Unternehmens, er sei hier erschienen, da ihm Geschäftsfreunde die Trüb-Sahl für diskrete und effiziente Transportdienste empfohlen hätten, er habe so um die hundert Fässer, die gerade in Polen lagerten und die dringend bewegt werden müssten. „Nach Afrika“, sagt er, „am allerbesten nach Afrika.“ Ist die Dame, die ein Schild auf ihrem aufgeräumten Schreibtisch stehen hat, auf dem in serifenloser weißer Schrift vor schwarzem Hintergrund ‚Irene Kalter‘ steht, ein wenig verdaddert? Hat Irene gar gerade gezuckt? Wenn, dann nur für Millisekunden, hinterher ist das immer schwer zu sagen, aber Kramer macht sich eine gedankliche Notiz. „Setzen Sie sich doch erstmal, Herr –?“ „Richter, Dr. Richter.“ „Herr Dr. Richter.“ Kramer nimmt Platz, in einer eleganten Bewegung sein Jackett aufknöpfend, fasst sich kurz an die blaugrün gestreifte Krawatte, die er über dem weißen Hemd trägt, und sagt: „Frau Kalter, danke schön.“ „Da nicht für“, sagt Frau Kalter, die es offensichtlich aus dem Norden in das Passionsspieldorf verschlagen hat, und fügt hinzu: „Und bei den Fässern handelt es sich um welcher Art Inhalt?“ „Gute Frage, Frau Kalter“, sagt Kramer, „um einen Inhalt, der absolute Verlässlichkeit verlangt, um einen Inhalt, der einen gewissen Preis wird rechtfertigen können.“ „Und hundert Fässer, macht wie viele Lademeter?“ „In diesem Fall, da wir nicht stapeln können, reden wir von drei oder vier Standardsattelauflegern.“ (Kramer hat das alles gegoogelt und beherrscht das Einmaleins der Lademeter seit gestern Abend aus dem Effefff.) „Und wir müssten auch verschiffen?“ fragt Frau Kalter. „Womöglich“, antwortet Kramer, „es sei denn, wir finden eine Art Afrika in unserer Nähe.“ „Afrika ist überall“, sagt Frau Kalter. Sie reden noch über den etwaigen Preis, mit und ohne Endlagerung, mit ist etwa zehn Mal so teuer wie ohne, aber Kramer sagt, „gerne mit“, worauf ihm Irene Kalter vorschlägt, er solle sich doch die Tage mit einem der beiden Seniorchefs treffen, ob er denn noch ein wenig länger in Oberammergau sei, worauf Kramer sagt, ja, drei vier Tage noch, die Gegend habe ja einiges zu bieten, auf die Zugspitze wolle er auch noch. „Gut dann“, sagt Frau Kramer und fragt, wie sie ihn erreichen kann, und Kramer gibt ihr die neue Mobilfunknummer, die er auswendig gelernt hat. Ob er denn auch eine Karte habe, fragt Irene, und Kramer tritt sich in den Hintern, wie hat er das vergessen können, er ist ein blutiger Amateur, auweia und oh jemine, aber er behält seine Fassung und greift in sein Jackett – „Menno, hab ich nicht dabei, Verzeihung, Frau Kalter.“ „Überhaupt kein Problem“, sagt die Sekretärin der Trüb-Sahl KG. Zurück im Sporthotel fühlt er sich ein wenig schwindlig, halb gut, halb schlecht, aus dem Häuschen jedenfalls, OMG, what have I done, ich bin sowas von unvorbereitet, aber Himmel macht das Spaß, wenn’s nur nicht so ernst wär, worauf hab ich mich eingelassen, warum hab ich nicht ein wenig mehr nachgedacht, Dr. Richter ohne Visitenkarten, shitty shit, aber sie hat doch angebissen, oder? Oder alles nur Show und Bernd ruft gerade seinen Bruder Mischa an, du ahnst ja nicht, was heute Morgen passiert ist, da ist uns einer auf der Spur, schick deine Chargen, er wohnt im Sporthotel …. Wobei, wenigstens das kann nicht sein, das Sporthotel hat er nicht erwähnt, was ihm vielleicht einen kleinen Vorsprung gibt, also los mit Luise, nach Italien erstmal, von da nach Slowenien, irgendwie gen Osten jedenfalls, da ist leichter unterzutauchen, oder nach Frankreich, ja nach Frankreich, der einzigen Quelle von einem Hauch von Gegenwind für von Guthügel, da kriegt er vielleicht Asyl … Mensch, erstmal was trinken, er bestellt sich eine Flasche Dom aufs Zimmer, ein wenig zu jung im Prinzip, aber der Uhrzeit nicht unangemessen, eins zwei Gläser, und, hey, was für ein Quatsch, Asyl, soweit kommt’s noch, Frau Kalter hat das alles geschluckt, er hat die Dollarzeichen in ihren Augen gesehen, vielleicht ist sie ja gewinnbeteiligt, morgen wird sie anrufen und einen Termin mit einem der beiden Chefs vorschlagen, also am besten gleich in der Früh Visitenkarten drucken lassen, was für ein Spaß! *** Peter Thorbald macht an seinem ersten Tag in Reims auf Tourist: Kathedrale, Palais du Tau, Musee des baux-arts, ein Snack im Cafe Manon, Abendessen im Aux Petits des Oignons, samt einer Flasche Hauschampagner für 60 Euro, eigentlich ein Wahnsinn, aber er hat seinen Zeitplan revidiert, alles wird viel schneller zu Ende gehen, als er gedacht hat, und das hat sein Gutes, er muss nicht mehr jeden Cent umdrehen, als wäre es der letzte, er kann auf die Pauke hauen, er muss nur einen Weg finden, mit Martin Kontakt aufzunehmen, der einzige, dem er vertrauen kann. Ein Kapitel für sich, dass man, wenn’s hart auf hart kommt, so wenige hat, auf die man sich wirklich verlassen kann. Und Miriam will er nach wie vor nicht einbeziehen, Miriam ist sicher in ihrem Glauben an seinen Irrsinn, so soll es bleiben, was immer passiert. Martin kann Entscheidungen treffen, und wenn Martin mit der Sache nichts zu tun haben will, so sei es dann, ist sein gutes Recht, man kann seine Lasten nicht einfach einem anderen aufschultern, so als wäre nichts, nicht, wenn es freien Willen gibt, an den er seit ein paar Jahren glaubt, an den er seit seiner Hochzeit und Miriams Schwangerschaft glaubt, ein Schock damals, denn wo soll der freie Wille herkommen in einer völlig materialistischen Welt, in der nur die Gesetze der Physik herrschen? In eine solche will er Paula nicht setzen, also muss er seinen Kernglauben revidieren und entscheidet sich für Paulas Taufe. Martin hat er das nie erklären können, vielleicht hätte er es versuchen sollen, damals, anstatt ihn einfach wieder auszuladen, und wahrscheinlich hätte er es auch versucht, wäre da nicht die Uhr gewesen, eine Form protziger Herablassung irgendwie, ein semiotisches Zeichen der Überlegenheit, die Zeit auf seiner Seite, die Mechanik, das Ticken, die reine Physik. Wäre irgendwas anders gekommen, hätte er die Uhr nicht in den falschen Hals bekommen? Paula wäre noch immer tot. Und Stanz auch. Aber vielleicht hätte er sich früher an den besten Freund gewandt – vor der verräterischen Entscheidung zur Flucht, vielleicht würde er noch immer von innen agieren, kühler, geplanter, erfolgversprechender. Wieder zuhause (wie rasch der Begriff doch relativ wird) im trist=sauberen Handlungsreisenden-Hotel, geht er über eine VPN Verbindung auf die Seiten von Google, um dort unter dem Benutzernamen Walter.Eggers.1954 ein Emailkonto einzurichten. Der VPN Service kommt von HMA, kurz für ‚Hide My Ass‘, und er denkt, ja, bitte, tut das, rettet meinen Arsch wenigstens für ein paar Wochen noch. Eingeloggt in den neuen Gmail Account, schreibt er einen Einzeiler an Martin: „Walter Eggers sagt: No Krug, no thanks.“ *** Für jemanden wie Franz-Heiner Sahl, mit dem sich Kramer am folgenden Nachmittag trifft – ausstaffiert mit Visitenkarten, versteht sich, auf denen sein Name mit der Unterzeile ‚Import Export‘ steht, dazu die Handynummer und eine Yahoo-Adresse – für jemanden wie Sahl haben die Engländer den Begriff sleaze bag erfunden, das ist schwer zu übersetzen, wörtlich sowas wie ‚Schleimbeutel‘, aber in sleaze bag schwingt noch das Widerliche des Luden mit, eine unfreiwillig zur Schau getragen Amoralität, kombiniert mit der Eitelkeit des Stenz. Die Pflege des Unterkinnbarts muss jeden Morgen eine Viertelstunde in Anspruch nehmen, seine blauen Augen strahlen in unverhohlener Selbstverliebtheit. Sie sitzen in Sahls Büro mit Blick auf die Ammer, vierzig lichtdurchflutete Quadratmeter, Chefschreibtisch mit Time Life Lobby Chair in abgewetztem braunen Leder, ein echtes Sammlerstück, zur Seite eine Sitzecke in schwarzem Leder und Stahl, zwei Zweisitzer, zwei Sessel. Sahl bietet Kramer alias Dr. Richter einen der Sessel an und nimmt selbst auf einem der beiden Sofas Platz, Frau Kalter bringt Kaffee und Kekse. Ein wenig Palaver, der plötzliche Frühling, das Anschwellen der Flüsse durchs Tauwetter, an Wandern ist nicht zu denken, aber es gäbe ja noch anderes zu tun in der Gegend, ob er, Dr. Richter, schon mal im Reptilienhaus gewesen sei? Vermute man ja nicht in Oberammergau, ergänze das Angebot der Stadt aber auf ganz eigene Weise, ihn hätten Reptilien jedenfalls schon immer fasziniert, gerade Schlangen auch, nicht dass er sich vor denen nicht auch fürchte, aber es sei doch beeindruckend, wie sie aus ihrem Nachteil, sich nur schlängeln zu können in so vielen Situationen einen Vorteil gemacht hätten. Gift helfe natürlich. Womit der Übergang zu den Fässern auf nahtlose Weise geschaffen ist. Ob er fragen dürfe, worum es sich bei dem Inhalt der Fässer genau handele. Kramer sagt, dürfe er gerne, aber zum augenblicklichen Zeitpunkt bevorzuge sein Kunde, das vage zu lassen, die Substanz werde auf dem Markt eher selten angeboten, da könne man leicht eins und eins zusammenzählen, und Diskretion sei nun mal alles in diesem Gewerbe. „Absolument“, sagt Sahl. „Und spielt auch nicht wirklich eine Rolle, so lange wir die verlangte Sicherheitsstufe kennen.“ Kramer lächelt und sagt: „Max.“ Worauf Sahl kurz die Stirn in Falten lägt, um darauf in langsamer Nachdenklichkeit zu sagen: „Maximal, immer lieber auf Nummer sicher gehen, das ist löblich, Herr Dr. Richter, ja gerade auch der Umwelt zuliebe, aber ich muss“, er räuspert sich, „doch kurz eine Frage noch stellen, wir reden nicht, hoffe ich, von radioaktivem Material? Weil wir dafür nicht wirklich, ähm, ausgerüstet sind, nicht zur Zeit jedenfalls.“ Kramer sagt mit Pokerface: „Wer ist das schon“, legt eine Kunstpause ein und fügt an: „Wir auch nicht.“ „Ist auch politisch zu prekär“, sagt Sahl, „ein paar Fässer dioxinhaltige Soße, sowas kann immer ein Fehler gewesen sein, eine kleine Unachtsamkeit, da kriegt man ein hübsches kleines Bußgeld aufgebrummt, das ja längst in alles eingepreist ist, wissen Sie ja selbst, und gut ist, aber strahlender Müll, da drehen alle durch.“ „Dafür braucht es bessere Verbindungen“, sagt Kramer. „Ha“, sagt Sahl, „wir haben ja die allerbesten Verbindungen, wissen Sie ja wahrscheinlich, dass mein Kompagnon der Bruder des Ministers ist, der durch ein Wunder die Bombe im Roten Rathaus überlebt hat, Mischa Trüb … Aber selbst wenn wir das ausnutzen wollten und wenn Mischa mitmachen würde – würde er nicht, würde er niemals – aber sei‘s mal dahingestellt, selbst mit Mischa Trüb an Bord, wär‘s mir zu gefährlich.“ „Man muss wissen, wo seine Grenzen liegen“, sagt Kramer, dem es ein wenig schummerig wird. „Genau“, sagt Franz-Heiner Sahl, „das Geheimnis des Erfolgs.“ Sahl befragt ihn darauf nach näheren Details, und Kramer gibt bereitwillig Auskunft, dem Skript folgend, das er sich am Abend zuvor zurechtgelegt hat: die Fässer lagern auf einem Autofriedhof in der Nähe von Lublin, sie sind nicht ganz leicht zugänglich, da eingemauert von Autowracks, aber man habe höchste Acht darauf gegeben, sie nicht zu beschädigen, der Abtransport müsse bei Nacht stattfinden, eine lokale Truppe von bis zu zwanzig Mann würde helfen, trotzdem brauche man pro Sattelaufleger mindestens zwei Mann von der Spedition für einen reibungslosen Ablauf, und zwar zwei Mann, die mit anpacken können, dann sollte alles in vier, maximal fünf Stunden geborgen und verladen sein. Er könne jeweils einen zusätzlichen Mann pro LKW für die Reise zur Verfügung stellen. „Weil Sie uns nicht trauen?“ fragt Sahl. „Nein, nein“, sagt Kramer, „dafür reicht einer, der den Konvoi in einem PKW begleitet.“ „Sie haben Humor“, sagt Sahl, „das gefällt mir.“ Danach reden sie ein wenig über Kosten und Zahlungsmodalitäten, ein Drittel vorab, ein Drittel nach der Beladung der LKWs in Lublin, ein Drittel nach der Komplettierung des Auftrags, jeweils in bar, in Lublin vor Ort, erste und letzte Zahlung gern hier in Oberammergau, aber da sei man flexibel. „Klingt gut“, sagt Dr. Richter. „Das denk ich mir“, sagt Franz-Heiner. „Darauf einen Cognac?“ „Gern“, sagt Dr. Richter. Irene Kalter bringt eine Flasche Remy Martin Louis XIII und zwei Schwenker, die Sahl schwungvoll befüllt. Sie stoßen an, nippen, Sahl sagt, „Ah“, und lehnt sich im Sofa zurück, gen Decke blickend, Kramer den Unterkinnbart in seiner vollen grau melierten Gloriosität zur Schau zu reckend. „Es geht doch nichts über gute Geschäfte.“ Er nimmt einen weiteren Schluck, noch immer rückwärts gelehnt, dann setzt er sich wieder aufrecht und sagt: „Jetzt muss ich aber doch noch eines noch fragen, Herr Dr. Richter, wie genau sind Sie nochmal auf uns gekommen?“ Die Frage schnürt Kramer kurz den Hals zu, alles war so einfach bis hierher, Sahl so leicht zu spielen, aber vielleicht hat er ihn unterschätzt, in seiner Stimme liegt plötzlich ein Hauch von Drohung, so als wäre alles bislang nur ein kleines Spiel gewesen, das jetzt zu einem Ende kommt, das ihn jetzt entlarvt. Er sagt: „Ein alter Geschäftspartner von uns beiden.“ „Mit dem wir was gemacht haben?“ fragt Sahl mit plötzlich schneidender Schärfe. „Osteuropatransporte“, sagt Kramer, der hofft, dass Sahl nicht sieht, dass ihm der Schweiß ausbricht. „Machen wir viele“, sagt Sahl, „aber nicht unter unserem Namen. Es gibt keine Trüb-Sahl Laster.“ „Ich weiß“, sagt Kramer, der jetzt vor allem weiß, dass er improvisieren muss. Aber viel Material für Improvisationen hat er nicht, genau genommen hat nur noch einen Namen, den Namen einer gewissen Tochter der Trüb-Sahl KG, und Kramer, der keine Zeit zum Nachdenken hat, entscheidet sich dazu, ihn einzusetzen. „Die Glückauf“, sagt er. Sahl lehnt sich nach vorn, er hält den Cognacschwenker noch immer in der Hand, es ist nur noch ein letztes kleines Schlückchen drin, mit dem er ihm noch einmal zuprostet, bevor er den Rest runterkippt. „Na denn Glückauf!“ sagt er. *** Peter Thorbald verbringt den Tag im Hotel, den Blick auf sein Laptop geheftet, das die Inbox seines neuen Gmail Accounts zeigt, nur ein Eingang bislang, der Willkommensgruß von Google, nichts sonst, und was auch sonst außer einer Antwort Kramers? Er weiß, dass es unrealistisch ist, gleich eine Antwort zu bekommen, vielleicht auch, je eine Antwort zu bekommen, nicht umsonst hat er sich für die sybillinische Nachricht entschieden, die Kramer seinen Aufenthaltsort zwar verraten, ihn jedoch nicht in womöglich überwachte Korrespondenz ziehen soll; es ist vollkommener Quatsch, hier jetzt zu sitzen und zu starren, aber das kann er sich tausendmal sagen, es hilft nichts, er bleibt sitzen. Um kurz nach 9 ist er am Morgen aufgewacht, jetzt ist es kurz vor elf am Abend, er kann sich kaum an längere 14 Stunden in seinem Leben erinnern. *** Vor dem Abendessen geht Kramer eine Stunde durch Berwang spazieren, die Luft ist frisch, die untergehende Sonne malt Berge und Himmel bunt. Optimistischer kann eine Abendszenerie in den Alpen kaum sein, aber er hat Mühe, die Stimmung der Natur zu teilen. Er fragt sich, ob er, wenn er seine Gespräche mit Frau Kalter und Herrn Sahl mitgeschnitten hätte (was mit dem iPhone ein leichtes gewesen wäre) genug Material hätte, um die Trüb-Sahl ihrer kriminellen Machenschaften zu überführen? Die Idee mit den polnischen Fässern war ja nur ein kleiner Probeballon, nicht wirklich durchdacht, einfach der Intuition folgend, dass wenn die Trüb-Sahl in den Mord an Stanz verwickelt ist, sie wahrscheinlich auch sonst genug Dreck am Stecken hat, und was liegt bei einer kriminellen Spedition schon näher als illegaler Müll? Eine Intuition, die sich bestätigt zu haben scheint. Aber ob die Mitschnitte, die er nicht hat, reichen würden, die Trüb-Sahl zu überführen? Sicher nicht. Zu leicht wäre es für Franz-Heiner Sahl zu sagen, er habe den offensichtlich kriminellen Kunden, Dr. Richter, nur einlullen, ihn zu Geständnissen animieren wollen … Ist aber auch egal, schließlich ist er nicht auf der Suche nach dem nächsten Ökoskandal, auch wenn in diesen der Bruder eines Ministers aus von Guthügels Kabinett verwickelt ist … Vielleicht sollte er die Sache Hajo Sonnens von RTL stecken, ein Team von zwei drei Reportern könnte der Trüb-Sahl binnen Wochen den Garaus machen, da wettet er drauf, erstaunlich eigentlich, dass es solche Fälle überhaupt gibt, sowas von leicht zu pflückendes Obst, nicht mal halb muss man den Arm ausstrecken, und schon liegt der feiste Pfirsich in der Faust, jetzt kann man überlegen, ob man reinbeißen oder ihn einfach nur zerquetschen will … Aber so groß die Versuchung auch ist, die Sache Sonnens zu stecken, er muss sich konzentrieren, er muss daran denken, worum es eigentlich geht, sich daran erinnern, warum er überhaupt hierhergefahren ist und sein Berliner Leben in einen Pausezustand versetzt hat … Und mit Dioxinfässern hat das nichts zu tun, er ist hier nur aus einem einzigen Grund, nämlich dem, herauszufinden, ob es plausibel ist, dass der Fahrer des LKW, der vor Stanz‘ A8 plötzlich in die Eisen gegangen ist, im Auftrag gehandelt hat, im Auftrag, Johannes Stanz zu töten. Die Antwort darauf hat er sich noch in Sahls Büro gegeben. *** Peter überlegt, ob er Martin noch eine zweite Nachricht schicken soll, überzeugt sich dann aber davon, dass das Blödsinn ist, Martin wird die Nachricht verstehen, wird genau wissen, was Absender und Inhalt bedeuten, und wird aus dem bloßen Erhalt der Nachricht den richtigen Schluss ziehen, dass er, Peter, in Reims auf ihn wartet. *** Kramer isst mit wenig Appetit und hat auch keine rechte Lust auf Alkohol, der Sommelier ist einigermaßen enttäuscht, hat er doch für Kramer eine ganz spezielle Flasche aus dem Keller gefischt, eine Flasche Salon 1990, die nicht auf der Karte steht, Kramer fragt nach dem Preis, 350 Euro, sagt der Sommelier, was nicht mal die Hälfte vom Ladenpreis ist, irre, aber ihm ist einfach nicht danach. Als der Sommelier gesenkten Kopfs von dannen zieht, ruft er ihm hinterher: „Warten Sie. Kann ich sie auch ungeöffnet nehmen?“ Kapitel 10 Die frisch aufgrund des Gesetzes zur Änderung von Strafmaßen angeordneten Hinrichtungen werden diesmal – man muss ja auch ans Budget denken – weitestgehend unter Ausschluss der Öffentlichkeit vollzogen, in Berlin, Frankfurt und München durch Erschießen, in Hamburg probiert man eine Gaskammer aus, in Dortmund und Köln gibt es Experimente mit einem von Siemens gefertigten elektrischen Stuhl, dreizehn Hinrichtungen privatissime, nur in Magdeburg, der selbst gewählten politischen Heimat Kurt von Guthügels, kommt die von Thyssen-Krupp gefertigte Guillotine zu einem neuen Einsatz vor Publikum, wieder bedient von Professor Dr. Karl Bastei, der Glitch in der Software ist behoben, diesmal reicht ein einziges Berühren des iPhone Bildschirms. (Dass es sich bei Basteis Gerät in der Tat um ein iPhone 14 handelt, hat die Presse inzwischen bestätigt, der Konzern in Cupertino hüllt sich zu Anfragen zur neuen App freilich in Schweigen, die Bildzeitung verrät immerhin, sie hieße Exe.exe.) Tala Kleineisen, die ehemalige Kommilitonin Miriams, stirbt in Köln auf dem elektrischen Stuhl von Siemens, das Gerät stelle gegenüber den in den USA verwendeten Apparaturen einen ‚Quantensprung an Fortschritt‘ dar, deutlich zuverlässiger und ‚vor allem auch bequemer‘, erklärt ein Nachrichtensprecher. Millisekunden nach dem Knopfdruck (ausgeführt von Professor Basteis Kollegen, Dr. Josef Falk, einem Oberarzt des Kölner Universitätsklinikums) ist jedes Leben aus Talas Körper verscheucht. Unschön nur die Schmauchspuren an ihren Schläfen, schreibt Dr. Falk in einem Memo an Siemens am darauffolgenden Tag, von dem die Bildzeitung wenige Tage später zu berichten weiß. Miriam schaut den Brennpunkt auf ARD, der die Schlächtereien des Tages zusammenfasst, alles neutral und desinfiziert, kein Blut diesmal, selbst aus Magdeburg nur Bilder von den Vorbereitungen, die isolierten Köpfe der Brüder Anwar und Arif Zadeh, beschuldigt der Planung eines terroristischen Anschlags, den Beobachtern vor Ort vorbehalten. Von Tala nur dasselbe verschwommene Schwarzweiß-Foto wie vor Tagen. Miriam hat seit 24 Stunden nichts gegessen, und es kommt nur Galle, als sie sich übergibt. *** Kramer liest über die 15 Hinrichtungen auf Spiegel Online am nächsten Morgen, sechs Uhr früh, er ist gerade aufgewacht und liegt noch im Bett, Monsieur Bleu sitzt auf seinem Bauch, und er wähnt sich in einer Parallelwelt, in der man sich nur nochmal umdrehen muss, um alles Böse zu verscheuchen, einer Frottierwelt, in der Monsieur Bleu nur einen Alptraum hat, von dem er ihn beschützen muss. Er schläft noch einmal ein, Elefant unterm Kinn, den Schweiß aufsaugend, den sein Körper ab sieben produziert. Um halb neun erneutes Wachen, irreversibel diesmal, so sehr er sich auch das Gegenteil wünscht. Duschen, Nespresso aus der Maschine im Zimmer, und – er ist nach seiner abgelehnten Kündigung ja noch immer Vorstand des S Verlags – ein Blick auf die Dienstemail: langweiliges Zeug von der Personalabteilung, noch langweiligeres von Muck, der nichts weniger will als die neue Verantwortung, die ihm plötzlich zuteil geworden ist, diverse Angebote von Agenten, ein wenig Spam, den der Filter des Verlagsservers nicht ausgebremst hat, und irgendwo mittendrin – eine Nachricht von Walter.Eggers.1954. *** Miriam fährt mit ihrer Giuletta gen Langenhagen, wo auf einem einsamen Industriegebiet der Stahlcontainer in einer Lagerhalle ruht, der das Inventar ihres und Peters Zuhauses birgt. Als sie eintrifft, ist der schmutzig=gelbe Container schon aus der Halle herausgeholt, alles bestens organisiert, man kann sich nicht beschweren, und die Lagerarbeiter entpuppen sich als so höflich wie hilfreich. „Ich brauch die Kiste mit dem Computer“, sagt sie. „Das steht doch hoffentlich drauf?“ „Aber immer“, sagt der überaus wohlgeformte Arbeiter, der ihre Suchexpedition leitet. Sie öffnen den Container, Miriam wird es schwach, als sie das Chaos sieht, Ordnung nur nach Größe, nach Passendem, Inhalt spielt keine Rolle, das kann dauern, zum Glück kann sie sich das Suchen leisten, vollkommen egal, ob es zwei Stunden werden oder zwölf, was für ein Privileg – ein Alptraum, die Vorstellung, man müsse im Container das Geld finden, mit dem die Suche zu bezahlen wäre. Es geht freilich alles schneller, als sie denkt, nach einer halben Stunde schon haben sich die Arbeiter ins Tiefste des Containers gegraben, in der Ecke hinten links befindet sich die Mehrzahl der Kartons, und alle sind sie professionell an den Seiten beschriftet und nicht etwa oben, wie es Anfänger gern tun, ein Fehler, der einem erst aufgeht, wenn‘s ans Auspacken geht und man die Kisten plötzlich alle nebeneinander stellen muss, um zu sehen, was drin ist, ungünstig, zumal in einer kleinen neuen Wohnung, sie erinnert sich an diverse Umzüge aus Studententagen, bei denen sie mitangepackt hat. Nach keinen weiteren zehn Minuten grinst der Wohlgeformte sie an: „PC?“ Sie nickt, er stellt die Kiste vor ihre Füße, sie klappt sie auf und nickt nochmal. „Absolut, danke, toll!“ Sie geht noch rasch mit ins Büro, zahlt die 150 Euro, die für die Aktion veranschlagt werden, und gibt voll Freude einen Fuffi Trinkgeld dazu. *** Walter Eggers ist der Ich-Erzähler des ersten großen deutschen Nachkriegsromans, der sich mit der Teilung Deutschlands beschäftigt, Das steinerne Herz, von keinem anderen verfasst als dem Schriftstellerhelden ihrer Adoleszenz, dem großen Arno. Kramer weiß also schon, als er den Absender in seiner Inbox sieht, wer ihm da schreibt, und als er die Email anklickt, weiß er auch, wo Peter sich befindet. *** Miriam stellt Peters Rechner auf ihren Esstisch, verbindet ihn mit dem Strom und verharrt einen Moment – alles, was sie jetzt tun wird, ist ein Eindringen in die innerste Privatsphäre Peters, ein Tun, auf das unter normalen Bedingungen zurecht Scheidung steht, ein Vertrauensbruch ersten Rangs. Sie legt den Zeigefinger ihrer rechten Hand auf den Einschalter und spielt ein wenig mit dem Druckpunkt, dann drückt sie fester. Der Rechner fährt hoch und fragt sie nach dem Benutzerpasswort. Und wieder zögert sie, soll sie versuchen, Peters Passwort zu erraten oder soll sie so verfahren, als handele sich um den Rechner eines Fremden? Beides fühlt sich als Verrat an, ersteres als der schlimmere von beiden. Aber ‚paula‘ auszuprobieren oder ‚paula2012‘ (oder beides mit Großschrift) kann der ungleich schnellere Weg sein, und Zeit mag sich noch als wertvoll erweisen. Also tippt sie ‚paula‘. Falsch. Und auch ‚Paula‘ ist falsch und ebenso ‚paula2021‘. Dann also ‚Paula2021‘, aber auch das ist falsch. Dann müssen wohl doch die herkömmlichen Methoden ran. Miriam holt sich den Memory Stick, auf dem sie die üblichen Hackerroutinen zum Knacken von Passwörtern abgespeichert hat, verbindet ihn mit einem der USB Ports von Peters Rechner, hält dann aber nochmal ein, um zurück zur Passworteingabe zu gehen. Sie tippt ‚m‘, sie tippt ‚i‘, sie tippt ‚r‘ und ‚i‘ und ‚a‘ und ‚m‘. Und sie ist drin. *** Kramer packt und checkt aus, dringende Familienangelegenheiten zitierend, um seine vorzeitige Abreise zu erklären, die Dame an der Rezeption erweist sich als verständnisvoll und bietet ihm großzügigerweise an, die schon geleistete Anzahlung auf die verbleibenden Nächte mit seinen Restaurant- und Room-Service-Ausgaben zu verrechnen. Er bedankt sich und erhält zum Abschied noch ein kleines Fläschchen hausgemachten Limoncello. Es ist wieder kühler geworden und windig, auf dem Himmel eilen die Wolken nach West-Nordwest, das ist auch seine Richtung. Kurz hinter der deutschen Grenze (die nach Österreich ist die einzige, die die deutschen Grenzbeamten nach der Kündigung von Schengen weiterhin unkontrolliert lassen) fährt er auf die A7, die sich nach dem Hopfensee in einer langgestreckten Linkskurve gen Frankreich biegt, und als er den Kempter Wald erreicht, wo sich die Autobahn wieder nach Norden dreht, überlegt er, abzufahren, um gemütlich über Allgäuer Landstraßen zum Bodensee zu fahren, vielleicht eine Nacht in Konstanz und dann die Schwarzwaldhochstraße, die müsste Luise gefallen, entscheidet sich dann aber doch, dem Navi zu folgen, also weiter nach Norden jetzt bis zum Autobahnkreuz Ulm/Elchingen, dort links ab und immer nach Westen an Stuttgart vorbei bis Pforzheim, wo er tanken muss. Aus Gewohnheit zahlt er an der Tankstelle mit seiner üblichen Kreditkarte, erst als er wieder im Auto sitzt, fällt ihm ein, dass er das eigentlich hat vermeiden wollen, leichtsinnig auch, die Tasche mit dem ganzen Bargeld beim Bezahlen im Auto gelassen zu haben. Er fährt auf den Parkplatz der Raststätte, die sich hinter der Tankstelle befindet und raucht zur Cola, die er sich gekauft hat, zwei Zigaretten. Die erste beschwingt ihn ein wenig, läuft doch alles gut, er hat Fortschritte gemacht, die Fahrt hat sich gelohnt, er wird Peter was zu erzählen haben, die Trüb-Sahl ist reif, die Glückauf so gut wie überführt! Die Glückauf … er zündet sich die zweite Zigarette an, inhaliert und bläst einen Rauchring, den der Wind gleich wieder zerstiebt … die Glückauf, da war doch was, er spürt sein Unbehagen vom gestrigen Spaziergang und seine Appetitlosigkeit beim Abendessen zurückkommen, alles der Aufregung geschuldet, der Verwirrung ob der Tatsache, ohne viel Mühe, eine organisierte Ökoverbrecherbande aufgedeckt zu haben, da muss es einem ja flau werden, und die Erinnerung an Sahls vorgereckten Bart führt auch kein Wohlbefinden herbei, natürlich hat er auch in seinem Beruf oft mit unangenehmen Typen zu tun, aber mit keinem bislang, soweit er weiß jedenfalls, der auch vor Mord nicht zurückschreckt, sein Unbehagen die spontane Reaktion auf den Kontakt mit dem Bösen … hat er gedacht, hat er bis eben noch gedacht, aber da war noch etwas anderes, und jetzt fällt es ihm wieder ein … die Glückauf … Niemals hätte er die Glückauf erwähnen dürfen! Peter muss Wochen gebraucht haben, um herauszufinden, dass die Trüb-Sahl ihr letztlicher Eigentümer ist, seine Unterlagen dokumentieren das elaborierte Geflecht von Zwischenfirmen, die die Verbindung zwischen Glückauf und Trüb-Sahl gekonnt verschleiern, und als Peter den Zusammenhang herstellt, sieht er sich zur Flucht gezwungen …. Und er spaziert an einem hellichten Nachmittag in das Büro Franz-Heiner Sahls und erzählt, er kennt die Trüb-Sahl über die Glückauf …. Erst denken, dann sprechen, hat seine Mutter immer zu ihm gesagt. Ihm wird heiß und kalt, sein Puls klopft ihm im Hals. Hat er, der ausgezogen ist, um Peter zu helfen, um anbetrachts der riesigen Scheiße, die gerade passiert, irgendetwas zu tun, um sich auf die richtige Seite zu stellen, durch simple Planlosigkeit und Idiotie sich schon nach drei Tagen selber in die Scheiße geritten? Im Prinzip hätten ihm doch Blüters pointierte Ausführungen zu Franz-Heiner Sahl und den Trübbrüdern reichen können, wirklich mehr hat er durch seinen dämlichen Auftritt als Dr. Richter auch nicht erfahren, jedenfalls nicht in der Sache Stanz, das war Laientheater der ganz schlechten Art, er steht zitternd hinter dem Vorhang, das Publikum buht, die lautesten Schreihälse fordern seinen Kopf. Er checkt den Emailaccount von Dr. Richter, vielleicht ist er ja nur übernervös und findet einen freundlichen Gruß von seinem neuen Geschäftsfreund, eine praktische Nachfrage noch, irgendwas, was ihn beruhigen kann, aber nichts da, die Inbox ist leer, sein Puls legt nochmal einen Zahn zu, an Weiterfahren ist erstmal nicht zu denken. Trotzdem setzt er sich wieder ins Auto, draußen wird es zu kalt, er wirft Motor und Heizung an, und versucht, sich aufs Atmen zu konzentrieren. *** Peter hat sämtliche Dokumente auf seinem Rechner gelöscht, auch der Papierkorb ist leer, aber wirklich gesäubert hat er seine Platte nicht. Der Delete-Befehl streicht nur Verweise auf das Inhaltsverzeichnis, selbst bei einer normalen Formatierung bleibt der eigentliche Inhalt weitestgehend unbeschadet, man sieht ihn nur nicht mehr, jedenfalls nicht, wenn man nicht über die Programme verfügt, die ihn wieder sichtbar machen. Miriam braucht keine halbe Stunde, dann sind die Files wieder da, selbst die Ordnerstruktur lässt sich wiederherstellen. Sie sucht nach den Files, an denen Peter zuletzt gearbeitet hat und stößt dabei nach kurzer Zeit auf das Index-File, das auch Kramer durch Peters Recherchen geleitet hat. Drei Stunden später weiß sie, dass die Angst, die sie nach Thünens Anruf überfallen hat, ihre Berechtigung hat, und sie wundert sich ein wenig über sich selbst, wie kühl sie die Erkenntnis lässt, vielleicht hilft ihr die Erleichterung dabei, dass Peter sie nicht einfach verlassen hat, dass seine Flucht ihrem Schutz hat dienen sollen, er hat das alles auf sich nehmen müssen, hat nicht reden können, und jetzt verbirgt er sich irgendwo und wartet auf Thünens Häscher. Sie spürt ihre Liebe zu Peter wie einen harten unzerstörbaren Kern, der ihr eine Gelassenheit schenkt, die der Situation eigentlich nicht angemessen ist. Sie holt einen frischen Memory Stick und kopiert auf ihn Peters Recherche, danach löscht sie die Files wieder von seinem PC und lässt ein kleines Programm zufällige Nullen und Einsen über den leeren Platz auf der Festplatte schreiben, nicht einmal sondern sieben Mal, danach ist selbst mit den allerneusten forensischen Methoden nichts mehr zu holen. Sie packt den PC wieder in die Umzugskiste und verstaut die Kiste in ihrer kleinen Waschküche. Anschließend zieht sie das Material von dem Stick auf ihren Laptop, löscht den Inhalt auf dem Stick demselben Prozedere wie bei Peters Rechner folgend. Dann loggt sie sich auf den Server von Mahoney ein und lädt ein Verschlüsselungsprogramm herunter, das die Gruppe unlängst entwickelt hat, das Dateien nicht nur mit gleich drei interagierenden 1024-Bit-Schlüsseln verscramblet sondern sie außerdem in Bilddateien tarnt, danach hat man nur noch ein Fotoalbum auf dem Rechner. Das ihre lädt sie auf ihre Google-Cloud. *** Nach einer Stunde Warmlufttherapie, in der sich sein Herzrhythmus wieder einigermaßen normalisiert, klingelt Kramers neues Handy. Er kramt es aus seiner Jacke und meldet sich mit einem „Ja?“ „Herr Dr. Richter? Hier ist Frau Kalter von der Trüb-Sahl. Ich wollte Ihnen nur kurz sagen, dass Herr Sahl heute mit Herrn Trüb gesprochen hat, und wir haben unsere Disponierung geprüft, und könnten Ihnen für Ihren Transport, wenn es schnell gehen muss, entweder die 20. oder die 22. Kalenderwoche anbieten, das wird dann allerdings etwas teurer, Sie müssten nochmal mit 15% extra rechnen, die würden entfallen, wenn Sie sich etwas mehr Zeit lassen könnten, dann ginge bei uns die 26. oder 27. KW.“ „Ah“, sagt Kramer ein wenig taumelig. „Das ist … das ist sehr gut zu wissen. Ich werde mich, äh, mit meinem Kunden besprechen und mich bei Ihnen wieder melden.“ „Bis wann können Sie uns denn Bescheid sagen, Herr Dr. Richter.“ „Bis, also, bis Ende nächster Woche spätestens. Können Sie die Termine so lange halten?“ „Die späteren ja, 26., 27. KW ist kein Problem, aber für die früheren müssten Sie uns bis spätestens Montag Bescheid geben, in welchem Fall dann auch Ihre Anzahlung fällig würde.“ „Verstehe, Frau Kalter. Ich kläre das. Und melde mich.“ „Gut und einen schönen Tag Ihnen noch.“ „Danke, Frau Kalter, Ihnen auch.“ *** Miriam, die noch immer das seltsamste Gefühl innerer Ruhe in sich verspürt, überlegt, ob sie PHK Thünen anrufen soll, um ihre Kooperationsbereitschaft zu signalisieren, aber dafür braucht sie einen Plan, und zwar besser einen guten, einen, an den sie sich halten kann, auch wenn Thünen sie irgendwie überrascht. Und einen, der sie zu Peter führt, ohne Thünen auf ihrer Spur zu haben, oder der Peter jedenfalls hilft. Die Schwierigkeit dabei: sie hat absolut keine Ahnung, wo Peter sein könnte, und keine, wie sie mit ihm in Kontakt treten könnte. Was natürlich auch seine Vorteile hat, kann sie dadurch doch Peter auch nicht verraten. Immerhin. Die allernüchternste Analyse ist die: wenn Peter ein Verbrechen aufgedeckt hat, das ein Mitglied der neuen Bundesregierung belastet, einer Regierung, die offensichtlich vor nichts aber auch gar nichts zurückschreckt, dann kann das Verbrechen nur mit einem Schlag aufgedeckt werden, alles muss tutti completti morgens in der Zeitung stehen, so dass es kein Zurück mehr gibt. Die Frage ist freilich, ob sich eine deutsche Zeitung trauen würde, Peter hätte das ja auch probieren können, das File anonym an, sagen wir, die Bildzeitung zu schicken, am nächsten Morgen ein Paukenschlag und die Strafverfolgungsbehörden übernehmen, vielleicht hat Peter das ja sogar versucht … Ein frustrierender Gedanke, der bedeutet, dass man die Sache über das Ausland spielen muss. Vielleicht sollte sie nach Dublin fliegen? Der Pferdefuß daran ist ihrer Einschätzung nach aber der: dass es nach dem letzten Stand von Peters Ermittlungen einfach nicht genug Beweise gibt, das Material insinuiert nur, es fehlt das letzte Stück im Puzzle, das klar belegt, dass Stanz‘ Tod kein unglücklicher Unfall war, und sie hat leider nicht die geringste Ahnung, wo und wie dieses letzte Puzzlestück zu finden wäre. Wie soll sie auch, selbst Peter scheint es ja trotz monatelanger Obsession und polizeilicher Professionalität nicht gelungen zu sein, einen Fall zu konstruieren, der wasserdicht wäre. Bleibt nur Thünen. Thünen, der weiß, was Sache ist. Thünen, der ergo überführbar ist. Kapitel 11 Es ist ein paar Tage später, Dienstag, 25. April 2028, acht Uhr abends. Kramer schaut die Tagesschau, der blonde Sprecher, Axel von Stockenberg, ein Mann wie gemacht für die Nachrichten aus dem neuen Deutschland, schlank und glatt, eine kleine kreisrunde Brille auf dem ovalen Gesicht, das einen Hauch von Religiosität versprüht, berichtet, die Berliner Staatsanwaltschaft habe ein Verfahren gegen 29 führende Mitglieder der SPD eröffnet, darunter nahezu der gesamte Bundesvorstand der Partei, ebenso der Partner des verstorbenen vormaligen Justizministers Johannes Stanz, der Anwalt Matthias Blau, die Staatsanwaltschaft prüfe den Vorwurf der Gründung einer terroristischen Vereinigung und der Planung eines terroristischen Akts. Alle 29 Verdächtigen seien in Gewahrsam genommen, Büros und Wohnungen der Verdächtigen seien in einem Polizeieinsatz, an dem über 600 Beamte beteiligt gewesen seien, durchsucht worden, mehrere Tonnen Material beschlagnahmt. Der Bundeskanzler selbst hat ein Statement dazu am Abend abgegeben, ihn hätten die Entwicklungen ‚zutiefst betroffen‘, die Geschichte der Bundesrepublik habe der SPD ‚sehr vieles zu verdanken‘, aber die Staatsanwaltschaft habe ihn vor ihrer Aktion persönlich unterrichtet, und es gäbe ‚traurigerweise die ernstesten Hinweise‘ auf eine Verwicklung der 29 Verdächtigen in das Attentat vom Roten Rathaus, man müsse nun abwarten, was die Untersuchungen ergäben, die Behörden hätten das absolute Vertrauen der Bundesregierung, aber es gälte natürlich wie immer ‚in dubio pro reo‘, einer Vorverurteilung der Beschuldigten dürfe kein Raum gewährt werden, auch wenn die erste Evidenz ‚Schlimmstes‘ befürchten lasse. Die Rechtsabteilung des S Verlags hat Kramer just am Vortag noch geschrieben, dass man nach eingehender Prüfung in der Tat glaube, der Vertrag mit Stanz gäbe ihnen ein Recht auf die Verwertung von Stanz‘ Aufzeichnungen, auch wenn sie sich nun im Besitz von Matthias Blau befänden, müsste man in der Lage sein, diesen auf Herausgabe etwaiger existierender Materialen, die die Grundlage des Buchs dargestellt hätten, zu verklagen. Eine frohe Botschaft, aber keine 24 Stunden später dahin – sollte es solche Aufzeichnungen gegeben haben, lagern sie jetzt in den Verliesen der Berliner Staatsanwaltschaft. Kramer ist nach der furchtbaren Angstepisode auf der Raststätte bei Pforzheim nach Baden-Baden gefahren, wo er sich ohne jeden Versuch von Vertuschung seiner wahren Existenz im Brenners Park-Hotel & Spa eingemietet hat, im Gegenteil, nach seinem verpfuschten Amateurauftritt incognito macht er jetzt einen Punkt daraus, gesehen und erfasst zu werden, benutzt seine Kreditkarte, spricht mit der Rezeptionistin, die ihn erkennt und sich als Fan des S Verlags outet, vom neuen Programm, das sie vorbereiten, und signiert in einer Buchhandlung gar ein paar Exemplare seiner Bücher, die sie vorrätig haben. Eine Einladung zu einem Leseabend lehnt er allerdings ab. Er verbringt den Tag nach seiner Ankunft im Friedrichsbad mit seinen siebzehn Stationen von verschiedener Trockenwärme über Bürstenmassage zu den Dampfsaunen und Thermalbecken, ein Ort an dem man versteht, dass Nacktheit mitunter vor allem der Hygiene dient. Abends Dinner im Medici, dem fröhlichsten Restaurant, das er kennt, Sushi, Grill, Zigarrenbar, alles durcheinander aber alles von erster Qualität ohne auch nur den kleinsten Anflug von Snobbismus, dazu eine breite und, gegeben das Klientel der Stadt, überaus fair bepreiste Weinkarte. Ihm ist nach Steak zumute, und er bestellt ein Simmentaler Entrecote, auch auf Wein hat er wieder Lust, wenn auch ausnahmsweise auf keine bubbles, also eine Flasche Pavillon Rouge, in der Nacht schläft er wie ein Baby, selbst der morgendliche Schweißausbruch fällt aus, was Monsieur Bleu ein wenig verwirrt. Was, nicht waschen heute? Hat er dem Elefanten nämlich so erklärt, als der ihn unlängst gefragt, warum er morgens eigentlich immer so feucht gemacht wird. Am zweiten Tag in der Stadt ein Besuch in der Caracalla-Therme, wo ihm gefällt, wie sich keiner seines Körpers schämt, ein Mix von Jung und Alt, von Dick und Dünn, von Stark und Gebeugt, ein Modell fürs Miteinander, danach ein wenig Shoppen, ein Paar Autofahrerschuhe aus schwarzem Wildleder, zwei Poloshirts, eine Jeans, ein schwarzes Leinenjackett und eine neue kleine Reisetasche, für die gerade noch Platz in Luise ist. Im Nachhinein ist er einigermaßen froh über seine Angstattacke (zumal sie sich, wenn die Trüb-Sahl nicht arg hoch pokert, als unberechtigt erwiesen hat), hatte er bei seinem Aufbruch gen Reims doch völlig die neuen Grenzkontrollen vergessen … Zwar hat er keine Ahnung, wie scharf die Kontrollen wirklich sind, aber im Zweifel wäre es sicher eher nicht so gut gewesen, wenn die Grenzer die Tasche mit dem Bargeld bei ihm gefunden hätten. Wer mehr als zehntausend Euro mit sich führt, muss das deklarieren, das galt selbst schon unter Schengen, und Anmelden heißt womöglich Fragen beantworten, auf die er keine guten Antworten hat. Am Vorabend hat er eine kurze Email an die Adresse Walter Eggers‘ geschickt: „Bitte gut kühlen!“ *** Als Peter die Nachricht liest, könnte er fast heulen vor Erleichterung, er hat nicht mehr damit gerechnet, von Martin noch zu hören, hat gehofft, Martin habe sich nur ein für allemal von ihm abgewandt, und gefürchtet, er könne eine Leichtsinnigkeit mit dem Memory Stick begangen haben … zur Polizei gegangen, befragt, gleich dabehalten … Die Nachrichten vermelden zwar nichts, aber was heißt das schon. Er schreibt zurück: „Zehn Grad okay?“ und nimmt am nächsten Morgen wieder seine Touristenroutine auf. *** Kramer sucht eine Filiale der Löwenbank auf, bei der er seit Jahren in Berlin Kunde ist und erkundigt sich nach Schließfächern. Die junge adrette Angestellte, blonder Pony, Nickelbrille, identifiziert ihn nach kurzer Befragung ihres Computers als ‚Platinumkunden‘. „Ach, bin ich?“ sagt er. Sie schenkt ihm Lächeln, bei dem man sich gleich klischeehaft vorstellt, wie es ohne Brille aussehen würde, und nickt: „Sind Sie, Herr Kramer, und deshalb kann ich Ihnen auch tatsächlich ein Fach anbieten. Eigentlich haben wir ja fast keine mehr, und es gibt eine lange Warteliste, aber Sie haben Glück, es sind letzte Woche zwei frei geworden, ein ganz kleines, 5 Zentimeter hoch und ein ziemlich großes, zwanzig Zentimeter.“ Sie spreizt ihre langen Finger, an deren Ende frisch lackierte naturfarbene Nägel leuchten. Kramer entscheidet sich für das große, deponiert das Geld, als Schlüssel dient sein Fingerabdruck. Was es nicht alles gibt, Platinumkunden, Fingerabdrucksysteme, von beidem hat er keine Ahnung gehabt, er fürchtet manchmal, den Anschluss zu verlieren, nein: ihn technologisch schon lange verloren zu haben; und wer weiß wo sonst noch – die Alptraumvorstellung seiner Jugend: nicht einmal mehr auf dem Radar zu haben, dass man nicht mehr alles auf dem Radar hat … Nächster Halt Europcar. *** Miriam schreibt eine SMS an PHK Thünen. „Hallo, Herr Thünen“, schreibt sie, „ich habe etwas gefunden, das ich Ihnen gerne emailen würde. MfG, Miriam Thorbald.“ Keine zehn Minuten später klingelt ihr Handy. *** Peter Thorbald geht nach einem frühen Abendessen im Aux Petits des Oignons wieder Richtung Hotel, als er ein Liebespaar auf der gegenüberliegenden Straßenseite bemerkt, das sich für seinen Geschmack ein wenig zu heftig zu küssen scheint. Er biegt um die nächste Ecke nach links, nach einem Block wieder links, dann beschleunigt er seine Schritte, um nach dreißig Metern nach rechts zu biegen und hinter der Hauswand zu verharren. Er hört die Sohlen auf dem Pflaster, trippelditrippel, trapptrapp, das sind zwei paar Füße, und zwar Füße, die sich eilen. *** Kramer hat sich ein Club Sandwich aufs Zimmer bestellt, im Fernsehen läuft ein Brennpunkt, der das neueste von den Ermittlungen gegen die 29 inhaftierten Mitglieder der Sozialdemokratischen Partei zusammenfasst. Eine erste Sichtung des sichergestellten Materials habe Hinweise zutage gefördert, die andeuteten, dass Mohammed Al-Rashid nicht alleine gehandelt habe, insbesondere würden sich die Ermittlungen nun auf Stefan Beier, den neuen SPD Bundesvorsitzenden, sowie auf Johannes Stanz‘ Lebensgefährten, Matthias Blau, konzentrieren, die beide in direktem Kontakt mit Mitgliedern des Islamischen Dschihads in Palästina gestanden hätten. Kramer komponiert derweil eine Email an Frau Kalter von der Trüb-Sahl. „Sehr geehrte Frau Kalter, ich schulde Ihnen eine Nachricht. Leider ist es bei meinem Kunden zu gewissen Verzögerungen gekommen, die einen – ich will ganz offen mit Ihnen sein – Liquiditätsengpass bei ihm zur Folge habe, so dass er erwägt, die Zwischenlagerung zu verlängern. Ich melde mich bei Ihnen, sobald es Neuigkeiten gibt. Mit besten Grüßen, auch an Herrn Sahl und (unbekannterweise) an Herrn Trüb Ihr Dr. Richter.“ *** „Hallo, Frau Thorbald“, hört Miriam PHK Thünen sie auf ihrem Band begrüßen, „Danke für Ihre Nachricht. Wir können uns gerne treffen. Ich könnte zum Beispiel morgen Vormittag so gegen elf bei Ihnen vorbeikommen? Sagen Sie doch kurz Bescheid. Wirklich kein Problem.“ Miriam ist hin und hergerissen. Alles wäre einfacher, wenn sie Thünens Emailadresse hätte, dann hätte sie einen shot, den Account einfach zu knacken, andererseits wäre es vielleicht komisch, wenn sie sich einem Treffen verweigern würde. Sie bräuchte dann nur einen guten Grund, ihm das versprochene Material nicht persönlich zu überreichen. Vielleicht könnte sie ihm ein paar der vorbereiteten Files direkt übergeben, um sich danach nochmal mit einer Anschlusslieferung zu melden? Aber dann würde sich das Spiel wahrscheinlich nur von vorne wiederholen. Nein, sie muss ihn zu einer Email zwingen. Sie schreibt eine neue SMS. *** Peter Thorbald hat das Liebespaar abgeschüttelt. Glaubt er jedenfalls. Was tun jetzt? Zurück ins Hotel ist keine Option, sie müssen noch in Rerik in seine Wohnung eingedrungen sein, um einen Gegenstand zu taggen, den er im Gepäck mitgenommen hat und anhand dessen Signal sie ihn haben verfolgen können … so eine gottverdammte Scheiße … Komisch nur, dass sie so lange gebraucht haben, nach Reims zu kommen. Oder war er die letzten Tage einfach blind? Oder ist seine falsche Identität aufgeflogen? Vielleicht haben sie Andrej, den Fälscher dingfest gemacht … fuck fuck fuck … Alles wirklich Wichtige hat er im Rucksack, die gefälschten Papiere, seine Karte, sein Bargeld, aber vielleicht eben auch den Chip, den sie irgendwo platziert haben. Er schaut auf die Uhr, es ist kurz vor sieben, noch haben ein paar Läden auf …. Er ist nicht weit von der FNAC-Filiale in der Innenstadt, die selbst nicht weit ist vom Bahnhof … *** Der Brennpunkt schließt mit einem kleinen Clip über die Geschichte der SPD, Widerstand gegen die Nazis, Neuaufbau der BRD, Willy Brandt, Kniefall, Helmut Schmidt, Nato-Doppelbeschluss, Gerhard Schröder, Agenda 2010, alles sehr emotional, alles seltsam gülden – alles, geht Kramer auf, wie bei einem Abschiedsgesang … Sein Verlagshandy klingelt, das Display sagt, es ist sein Cheflektor, Philipp Muck. „Ja“, sagt Kramer. „Philipp hier“, sagt Philipp. „Ich weiß“, sagt Kramer. „Was gibt’s?“ „Wir hatten hier gerade einen Anruf“, sagt Muck. „Ja“, sagt Kramer. „Von Matthias Blaus Anwalt“, sagt Muck. „Ah“, sagt Kramer. *** Peter marschiert durch die Herrenabteilung im Kaufhaus, einen Satz Garderobe einsammelnd, sucht sich danach noch eine kleine Umhängetasche aus, geht zur Kasse, zahlt in bar und begibt sich mit seinen Einkäufen in eine Umkleidekabine, in der er alles, was er am Leib hat, gegen die neuen Sachen tauscht. Danach setzt er sich auf den kleinen Hocker in der Ecke der Kabine und geht Stück für Stück seine übrigen Utensilien durch – Kindle, Pistole, Brieftasche … zu guter Letzt sein Portemonnaie … in welchem er am Boden des Geldfachs, dort, wo sich das Leder teilt, einen kleinen kaugummiartigen Fleck findet, den er herauskratzt, um die kleine schwarze Masse zwischen seinen Fingern zu zerreiben. Es bleibt: ein kleiner silberner Blob, ein Kubikmillimeter groß, der Sender. Er schnickt ihn in die Ecke der Kabine und hastet heraus. *** „Hallo, Herr Thünen“, schreibt Miriam, „ich muss morgen leider verreisen. Kann aber jetzt noch emailen. Danke! M.T.“ *** Muck berichtet, der Anwalt Blaus habe gesagt, Blau habe ihm letzte Woche einen Umzugskarton mit diversen Ordnern und Aufzeichnungen von Johannes Stanz übereignet. Blau habe seinen Anwalt explizit darum gebeten, im Falle einer etwaigen Verhaftung, er habe tatsächlich eine Verhaftung vorhergesehen, mit dem S Verlag Kontakt aufzunehmen, spezifisch: mit dem Vorsitzenden des Verlags, Martin Kramer, dem die Box zu überreichen sei. *** Peter ist am Bahnhof in Reims, sein Vorsprung scheint gereicht zu haben. Er löst ein Ticket nach Paris, die Destination des nächsten Schnellzugs, Abfahrt in 15 Minuten schon, Zeit gerade noch schnell, aufs Klo zu gehen, denn er muss dringend, schon im Kaufhaus wäre er glatt versucht gewesen, in die Ecke der Kabine zu pinkeln, wenn er es nur nicht so eilig gehabt hätte. Er geht in eine der Kabinen, um dort auch nochmal seine neue Tasche zu sichten, alles ist vor Ort, alles unter Kontrolle, er zieht die Spülung mit den Fingern unter dem neuen Pulli und öffnet die Tür, um von dem sich gerade noch um sieben Häuserecken küssenden jungen Liebhaber mit einem „Bonsoir, Monsieur Thorbald“ begrüßt zu werden. *** Miriam sitzt in ihrer Giuletta, als Thünen antwortet – diesmal ebenfalls per SMS. „Kein Problem“, schreibt Thünen, „dann komm ich gern am frühen Morgen!“ „Gerne morgen früh! Sollen wir gleich acht Uhr sagen?“, schreibt Miriam zurück dreht den Zündschlüssel des Alfas. *** Kramer lässt sich von Muck die Telefonnummer von Blaus Anwalt geben, Dr. Rainer Brecht, legt auf und wählt (immer noch mit dem Diensthandy) die notierte Nummer. „Brecht.“ „Martin Kramer.“ „Herr Kramer, gut, dass Sie mich zurückrufen.“ „Gerne.“ „Herr Muck hat Sie informiert?“ „Hat er.“ „Und Sie wissen, dass wir vielleicht abgehört werden?“ „Jetzt schon.“ „Man kann sich dieser Tage nichts mehr sicher sein.“ „Ich weiß.“ „Ich habe die Kiste deshalb sicher verschlossen.“ „Das freut mich zu hören.“ „Sind Sie denn in Berlin?“ „Leider nicht.“ „Kein Problem. Wobei … die Zeit drängt womöglich. Und es wäre im Interesse meines Mandanten, wenn Sie möglichst bald – … wenn Sie sich möglichst bald der Kiste widmen könnten.“ „Gemeinsam mit Ihnen?“ „Gerne gemeinsam mit mir.“ „Dann melde mich ich bei Ihnen, sobald ich wieder in der Stadt bin, Herr Dr. Brecht.“ „Das wäre ausgezeichnet. Und besser früher als später, mein Mandant befindet sich in einer überaus gefährlichen Situation.“ „Wie wir uns, falls wir abgehört werden, nehme ich an.“ „Falls. Wobei diese Nummer halbwegs sicher sein sollte, ich wollte nur auch sicherstellen, dass Sie wissen, was Sie tun.“ „Weiß ich, danke.“ „Gut, sehr gut, Herr Kramer. Dann warte ich auf Ihren Anruf. Unter dieser Nummer.“ „Abgemacht.“ „Danke, Herr Kramer. Und einen guten Abend Ihnen.“ „Ihnen auch“, sagt Kramer und legt auf. *** Und „Bonsoir“ sagt Peter Thorbald, bevor er mit seinem rechten Knie in das Gemacht seines Gegenübers kickt, in seine Tasche greift, die Pistole zückt und ohne jedes Zögern dem gefällten Liebhaber eine Kugel in den Kopf schießt. Niemand sonst hier, gut, nur: wo ist die Geliebte? Er geht zur Tür, sperrt die Ohren auf, nur die üblichen Bahnhofsgeräusche, er wartet einen Moment, das Ohr fest an der Tür, und da ist es, das trippelditrippel, wie eine Signatur, und die Absätze kommen vor der Tür zum Stehen. Er geht zur Seite, die linke Hand am Türknauf, wartet, lauscht, da ist ein Atmen wie ein Schleier vor der Geräuschkulisse, er zieht die Tür auf, langsam, langsam, in der rechten noch immer die Dienstwaffe, er im immer enger werdenden Raum hinter der Tür, die Tür jetzt ein Viertel schon auf, nicht weit genug, um von außen die Leiche am Boden zu sehen, das Atmen der Liebhaberin sehr deutlich jetzt, er lässt die Tür los, damit sie ein wenig im Luftzug flattern kann, „Alex?“ hört er sie sagen, „Alex?“ Im nächsten Moment schlägt sie die Tür mit ihrer Linken auf, was Thorbald antizipiert hat, sie prallt an seinem Unterarm ab, und da steht sie nun, die gerade Alex noch Küssende, sie muss den Leichnam jetzt sehen, denkt Peter, der nur ihren Hinterkopf sieht, an dem ein Zopf baumelt aus braunem Haar. „Alex“, sagt sie noch einmal und begeht den Fehler, sich zu bücken anstatt sich zu wenden, was Peter alle Zeit der Welt gibt, in Ruhe zu zielen. Er drückt ab, ihr Hinterkopf zersplittert und färbt ihren Zopf in leuchtendes Scharlachrot. TEIL 3 Kapitel 1 Kramer schläft gut ein, wacht aber schon eine Stunde später wieder auf, um sich zu strecken und zu wälzen, er liest zur Vorbereitung auf Frankreich ein paar Seiten in Maupassants Bel Ami, schläft noch einmal ein und ist um vier wieder glockenhellwach, ohne jedoch neue Konzentration auf seine Lektüre aufbringen zu können, weswegen er nach einer Weile den Fernseher einschaltet. Auf der ARD läuft ein Western, auf ZDF Rosamunde Pilcher, auf SAT1 ein Gerichtsdrama, auf RTL eine Romantic Comedy mit Drew Barrymore, auf den Dritten laufen Hitlerdokus, er zappt und zappt, irgendwann kommt er zu den Nachrichtensendern, CNN, BBC World, France 24, Al-Jazeera, und schließlich N24 – und auf N24 gibt es Breaking News. Mischa Trüb, der Minister für Besondere Aufgaben im Kabinett Kurt von Guthügels ist in seiner Wohnung in Berlin-Charlottenburg tot aufgefunden worden. *** Es ist halb acht, und Miriam Thorbald trinkt einen Espresso. Sie ist dann doch wieder aus ihrem Auto ausgestiegen, um in ihre Wohnung zu gehen, den PC zu starten und ein PDF zu erstellen, das das Material, das zu Peters Zweifeln geführt hat, ausführlich illustriert – der fehlende Baumstamm auf der Autobahn, die fehlende Evidenz für irgendein Hindernis … Nur die Hinweise auf die mögliche Verstrickung Mischa Trübs in die Affäre lässt sie aus. Dass Trüb tot ist, weiß sie noch nicht. *** Viertel vor acht und Martin Kramer steht unter der Dusche und verpasst so die allerneueste Nachricht auf N24 – dass nicht nur Mischa sondern auch Bernd Trüb tot aufgefunden worden ist. Man gehe von einem Selbstmordpakt aus, die Brüder seien sehr eng verbandelt gewesen, und Bernd sei kürzlich mit einem nicht operablen Gehirntumor diagnostiziert worden. Beide hätten sich erhängt, eine erste Untersuchung ihrer Mobiltelefone belege, dass sie kurz vor (oder gar noch während) dem Sprung vom jeweiligen Hocker miteinander gesprochen hätten. Die Szenerie in den beiden Wohnung gleiche sich: Wohnzimmer, Kronleuchter, dänischer Hocker, Hanfseil. *** Acht Uhr und noch immer kein PHK Thünen. Miriam überlegt, was ‚früher Morgen‘ für einen Polizeihauptkommissar bedeuten kann. Um zwanzig nach erreicht sie eine SMS: „Liebe Frau Thorbald, es tut mir sehr leid, aber hier ist gerade der Teufel los, und ich schaffe es nicht. Schicken Sie mir dann doch am besten eine Email an thuenen@polizei.niedersachsen.de. Danke und Verzeihung für die Umstände, Ihr Thünen.“ Miriam jubiliert und fügt ihrem PDF ein kleines Extra hinzu, ein paar dutzend Zeilen Code feinster neuer Spyware, die sie gerade bei Mahoney entwickelt haben und die ihr helfen werden, nicht nur Thünens Emailaccount zu knacken, wenn er das PDF öffnet. *** Kramer wartet schon an der Rezeption, um auszuchecken, als er aus Langeweile in der Schlange einen Blick auf sein iPhone wirft. Erster Halt wie immer Spiegel Online, dort die erste Nachricht die vom Doppelselbstmord der Trüb-Brüder. Als er fünf Minuten später an der Rezeption an der Reihe ist, fragt Kramer, ob er seinen Aufenthalt um drei Nächte verlängern kann, am besten natürlich im gleichen Zimmer, was sich zunächst als Problem herausstellt, aber nach einigem Hin und Her kann der junge Hipster, der sich irgendwie ins klassische Ambiente des Brenners verirrt hat, ihm doch anbieten zu bleiben – im selben Zimmer, zum selben Preis. „Bestens“, sagt Kramer und kehrt in sein Zimmer mit Blick auf den hauseigenen Park zurück. *** Miriam geht Brötchen kaufen. Auf dem Rückweg von der Bäckerei sieht sie, als sie in ihre Straße einbiegt, wie vier Männer einem schwarzen Mercedes entsteigen, der auf der gegenüberliegenden Seite ihrer Wohnung geparkt ist. Instinktiv bleibt sie stehen, die Männer überqueren die Straße und klingeln an ihrer Haustür. Ihr Herz macht einen Sprung, dann schlägt es so fest, dass es in ihren Schläfen pocht. Sie geht einen Schritt zurück, hinter die Hausecke und schaut in ihre Handtasche. Geldbörse, Papiere, Autoschlüssel, alles da, und zum Glück hat sie gestern keinen guten Parkplatz für die Giuletta gefunden. Nach zweimal Kreisen um den Block hat sie ihren Radius erst einmal und dann noch einmal erweitern müssen, was sie hat fluchen lassen, aber jetzt dankt sie dem Herrn. Fünf Minuten später ist sie auf der B6, die hier Westschnellweg heißt, und gibt Gas. *** Kramer sitzt gebannt vor dem Fernseher, auf N24 gibt es nur das eine Thema, irgendwann spricht der Bundeskanzler vom ‚Verlust einer tragenden Figur der deutschen Politik‘ und dem ‚Verlust eines Freundes‘. Er bestellt sich einen Imbiss aufs Zimmer, zu sehen jetzt Bilder aus Oberammergau, er erkennt das Mehrzweckgebäude, in dem die Trüb-Sahl sitzt, seltsam gerade noch dagewesen zu sein, der Reporter spricht von den unternehmerischen Aktivitäten des Ministerbruders, plötzlich ist Frau Kalter im Bild, die mit verheulten Augen sagt, sie sei fassungslos, der Chef habe nie von seiner Krankheit gesprochen, es sei ein unendlicher trauriger Tag für die Firma. Neben Frau Kalter steht der Bürgermeister und fügt hinzu: „Für ganz Oberammergau.“ Kramer erwartet, demnächst auch Franz-Heiner Sahl zu sehen, wird aber enttäuscht. Irgendwann heißt es, der Geschäftspartner Bernd Trübs sei verreist, man wisse nicht, ob ihn die schlimme Nachricht schon erreicht habe. Beim Stichwort „verreist“ fällt Kramer der Skoda ein, den er für heute bei Europcar bestellt an. Er ruft die Filiale an und cancelt. Er wisse schon, dass die Miete für die erste Woche nicht zurückerstattet werden kann, sagt dieselbe Dame, mit der er gestern am Schalter gesprochen hat. Er ärgert sich ein wenig über das „kann“ – nicht zurückerstattet wird, weil es Europcar so will, wäre korrekt, aber er schluckt den Ärger und sagt nur: „Kein Problem.“ Ist es ja auch nicht. *** Miriam erfährt vom Tod der Trübbrüder, als sie die A2 erreicht und ihr Radio einschaltet. Kurz danach biegt sie auf die A352, die sie zum Flughafen führt. Sie parkt die Giuletta auf dem Langzeitparkplatz, da darf man sich gar nicht ausrechnen, was das kosten wird, aber sie hat keine Zeit zu verlieren. Im Hauptgebäude sucht sie den Aer Lingus Ticketschalter, ein Segen, dass es seit einem Jahr direkte Flüge nach Dublin gibt, und sie hat Glück, es gibt noch freie Plätze für die Maschine um 11.25. Sie erwirbt ein Returnticket, das ist ironischerweise einen Ticken billiger als der Hinflug alleine, weiß der Geier warum, aber 730 Euro sind natürlich auch so Halsabschneiderei. An der Passkontrolle spürt sie wieder das Pochen in der Schläfe, aber der Grenzbeamte winkt sie nach einem flüchtigen Blick auf ihren Personalausweis einfach durch. Noch eine gute Stunde bis zum Boarding. *** Irgendwann hat Kramer genug und schaltet aus. Die Sonne scheint, er geht Spazieren, die Oos entlang, eine Entenmutter schwimmt ihm mit einem halben Dutzend flaumiger Küken, die gerade Sprechen lernen, entgegen, schade, dass er kein trockenes Brot dabeihat. Am Dahliengarten macht er kehrt und flaniert über die Lichtentaler Allee zurück, biegt dann aber nicht nach rechts zum Hotel sondern geht noch die paar Schritte weiter bis zum Museum Frieder Burda, das gerade einmal wieder Gerhard Richter zeigt. Er löst ein Ticket und staunt einmal mehr, welche Schätze der Verleger anzuhäufen in der Lage war. Nach der Ausstellung geht er noch auf einen Drink zum Medici, es ist so warm, dass man auf der Terrasse sitzen kann, und er bestellt zur Feier des Tages, wie er denkt, einen Prince of Wales. Trüb ist tot, der Spuk zu ende. Zeit fürs Aufatmen, auch für seinen Freund Peter. Denn wen interessieren schon noch die üblen Machenschaften eines Toten. Selbst wenn Peter die Sache noch aufdecken würde, gekoppelt mit einem letzten Beweisstück, die Bundesregierung ist nicht mehr betroffen, sie kann sich distanzieren, allgemeines Kopfschütteln und ab in die Schatulle des Vergessens. Kapitel 2 In all seinen Dienstjahren hat Peter Thorbald seine Waffe kein einziges Mal außerhalb des Schießstands benutzt. Nicht einmal auf den Reifen eines fliehenden PKWs hat er geschossen und auch keinen Warnschuss in die Luft gefeuert. Aber am Schießstand war er immer erste Sahne, schnell und zielsicher, mit ruhiger fester Hand. Jetzt hat er bewiesen, dass er es auch in der freien Wildbahn kann. Nicht dass die Schüsse besonders schwierig gewesen wären, die Targets waren unglaublich nahe, aber sie waren lebendig und haben sich bewegt, und wer weiß, was passiert wäre, wenn er mehr als einen Schuss pro Körper gebraucht hätte. So ein Schuss ist ja laut genug, um Leute in hundert Metern Entfernung noch zu schrecken, und er hat zwei abgeben müssen. Kein Wunder also, dass keine Minute nach dem zweiten ein Wärter mit drei Passanten im Tau todesmutig das WC gestürmt hat, aber da ist er schon längst wieder draußen gewesen. Klar, dass ihn beim Verlassen des WCs niemand gesehen hat, ist ein wenig Dusel gewesen, aber er ist auch geistesgegenwärtig genug gewesen, um vollkommen gelassen durch die Tür zu spazieren, um jegliche Aufmerksamkeit der leicht verwirrten Menge in der Bahnhofshalle zu vermeiden. Keine fünf Sekunden später, und er ist selbst Teil der Menge. Er geht zum Bahnsteig, der Zug fährt ein, er sucht sich seinen Platz am Fenster, der neben ihm bleibt frei. Als der Zug Reims verlässt, fühlt er, wie ihn eine Welle reines Glück überspült. Die Euphorie hält auch noch an, als er sich in ein schäbiges Bahnhofshotel um die Ecke des Gare Saint-Lazare einmietet. Ein wenig fühlt er sich selbst wie der Heilige Lazarus, vom Tod geheilt, nur dass er selbst die Heilung vollbracht hat, so als hätte er das Leben seiner beiden Opfer in sich aufgesogen. Er spürt einen Optimismus in sich wie zuletzt nur, als Paula auf die Welt gekommen ist, einen Hauch von Unsterblichkeit durch die Gewissheit, dass es weitergeht. Er schläft wie ein Baby. Am nächsten Morgen liest er auf den Internetseiten verschiedener französischer Tageszeitungen über den Doppelmord von Reims an einem deutschen Touristenpaar und grinst vor sich hin, als er nirgends ein Fahndungsfoto von sich finden kann. Hätte er aber auch drauf gewettet. In Reims hat ihn niemand gesehen, und die deutschen Behörden werden einen Teufel tun, ihn in die Hände französischer Ermittler fallen zu lassen. Jetzt muss er sich nur dringend bei Martin melden. Und vielleicht sogar bei Miriam. *** Miriam nimmt vom Flughafen in Dublin ein Taxi zum Hauptquartier der Mahoney Gruppe, das sich in einem kantigen Bürogebäude in unmittelbarer Nähe von St. Stephen’s Green befindet, ein Gebäude, das auf clevere Weise die in den 50er bis 70er Jahren populäre Stilrichtung des Brutalismus re-interpretiert: Beton, Repetition, ein klares wir sind drinnen, ihr seid draußen, aber einladend genug, um gerne drinnen sein zu wollen. Sie lässt sich einen Schreibtisch geben und ein Laptop. Vor ein paar Jahren noch wäre es tragisch gewesen, dass sie ihr eigenes in ihrer Wohnung hat zurücklassen müssen, dank cloud computing ist aber alles halb so schlimm. Thünen & Co können es gerne beschlagnahmen und mit NSA Methoden auseinandernehmen, es wird nichts aber auch gar nichts darauf zu finden sein. Bei dem Gedanken daran, freut sie fast darüber, dass sie es nicht hat mitnehmen können. Am Schreibtisch angekommen, ruft sie Brian Wallace an, einen der Kollegen, mit dem sie an dem aktuellen Firewallprojekt arbeitet. Wallace ist von Hause aus Mathematiker und einer der wenigen Briten, die für Mahoney arbeiten. Er gehört jener Sorte Engländer an, die ihrem Gegenüber nicht in die Augen schauen können, das ist zu nah, zu intim, einfach nur falsch, man begrapscht sein Gegenüber ja auch nicht. Umso verblüffender ist die Ekstase, mit der er Miriam entgegnet. „How very wonderful that you are here!“ Es stellt sich heraus, dass ein kleines Team ihr Postskriptum von neulich aufgegriffen hat. „Miriam, what a genius idea“, sagt Wallace, „to combine ThroughXL and QuestFT. None of us had thought about this but it is doing sheer wonders!” Er fragt sie, ob sie ein wenig Zeit hat, er würde ihr das gerne zeigen, sie sagt ja, Ablenkung ist gut, und im Fahrstuhl in den vierten Stock verinnerlicht sie sich wieder die Logik ihrer Idee. Der Rest des Nachmittags vergeht wie im Flug. *** Ein paar Stunden vor Miriams Arbeitssession mit Brian Wallace wird die Nachricht des Selbstmords des Deutschen Ministers für Besondere Aufgaben auch von den französischen Medien aufgegriffen. Um genau zu sein, ist es exakt 13.04 Uhr, als auf der Internetseite von Le Monde die Nachricht erscheint, und zwar eine gute halbe Stunde lang an oberster Stelle (um 13.41 werden die Trübbrüder von einem Bestechungsskandal im französischen Fußball auf die zweite Stelle relegiert, und am späteren Nachmittag finden sie sich nur noch auf der unteren Hälfte der Webseite). Peter Thorbald sieht die Nachricht über die Trübs um zwanzig nach eins, als er nach einem kleinen Mittagessen in einem Bistro in der Nähe seines Hotels zum Kaffee danach sein iPhone checkt. Im Unterschied zu seinem Freund Martin ist es Peter nicht ganz klar, ob es sich bei dem Doppelselbstmord um good news oder bad news handelt. Aber immerhin weiß er, wie Martin die Nachricht lesen wird: Martin wird denken, die Sache ist vorbei. Er wird sehr genau überlegen müssen, was er in der fälligen Email an Martin verrät. Und was nicht. *** Am frühen Abend geht Miriam mit Brian Wallace und zwei weiteren Kollegen, die an der Firewall arbeiten, auf ein Bier zu einem Pub um die Ecke. Als sie die zweite Runde bestellen, gesellt sich auch Andrea Marino zu ihnen, der junge Superstar aus dem Valley, den Mahoney für ein Millionengehalt eingekauft hat, ein schlaksiger Italiener knapp unter dreißig, schätzt Miriam, mit hohen Geheimratsecken und einem überaus sympathischen Dauergrinsen, ein Hacker, der selbst Miriams Stereotypen gegen die ihren rasch widerlegt, als er nämlich von seinem wahren Lebensziel erzählt anstatt von seinem letzten Code. Kunstflieger will er werden! Nach zwei weiteren Runden Bier schlägt Andrea vor, in ein neues Steakhaus um die Ecke zu gehen, in Irland grasende Wagyu-Hybride, Freiland, bio, und kein Fleisch von einem Tier, das nicht mindestens fünf Jahre geweidet hat. Wallace und die beiden anderen Firewall-Kollegen sagen, sie müssen leider nachhause, Familie, Kinder und so weiter. Miriam sagt „Well, Andrea, then it’s just you and I.“ Sie bestellen ein Chateubriand für zwei, medium to well done, ordert Andrea, damit das fein gemaserte Fett mit dem Fleisch verschmelzen kann. Dazu eine gut gereifte Flasche Vega Sicilia Unico und dann noch eine, und als es gegen halb elf geht und der letzte Bissen verspeist ist, hat Miriam für einen Moment PHK Thünen und die Trübbrüder vergessen … Und ebenso die Frage, wo sie eigentlich nächtigen soll. *** Peter Thorbald alias walter.eggers.1954 schreibt an Martin Kramer: „Krug passé.“ Es hat den ganzen Nachmittag und Abend darüber nachgedacht, welche Art der Hilfe er jetzt noch brauchen kann, und ist trotz schmerzverursachendem Kopfzerbrechen zu keinem Ergebnis gekommen. Seine Vermutungen über das, was wirklich am 22. Februar vor zwei Jahren geschehen ist, sind zu haarsträubend, um sie auch nur andeuten zu können. Seine Evidenz für den Mord an Stanz war ein Köder, der Martin zu ihm hat locken sollen. Der Martin hat überzeugen sollen, dass er, Peter, nicht einfach nur durchgedreht ist, so sehr Paulas Tod auch Anlass zum Durchdrehen war. Und ist. Seine Hochgefühle sind verflogen, die Trauer zurück. Er hat noch eine zweite Nacht im ekligen Bahnhofshotel gebucht. Sie wird vorübergehen. *** Mitternacht und Miriam findet sich in Andreas Wohnung. Andrea serviert Grappa, und Miriam erahnt Andreas Bett. Sie weiß gar nicht mehr genau, wann sie das letzte Mal Sex gehabt hat. Sicher ist nur, dass sie inzwischen in Jahren zählen kann. Andrea ist attraktiv und hat die Ausstrahlung eines Mannes, der geben will. Sie weiß von manchen ihrer Freundinnen, dass es Frauen gibt, die das gar nicht so toll finden, dass ihnen jemand geben will, anstatt nur zu nehmen, aber verstanden hat sie das nie. Zum Grappa eine seltene Zigarette … Und als sie ausgedrückt ist, zeigt ihr Andrea – das Gästeschlafzimmer. Miriam ist in gleichen Massen enttäuscht wie erleichtert. *** Martin Kramer liest Peters Email am späten Abend und sieht seine Überlegungen auf der Medici Terrasse am Nachmittag bestätigt, die Sache ist vorbei, morgen kann er die Heimreise antreten und sich wieder auf den Verlag konzentrieren, der vielleicht doch noch eine Rolle zu spielen hat im Widerstand gegen das neofaschistische Regime von Guthügels. Zeit für eine Stimme für die SPD, Zeit für den Nachlass von Johannes Stanz, der bei Dr. Rainer Brecht auf ihn wartet. Er wird morgen ausschlafen und gen Mittag in Luise steigen, um die Heimreise nach Berlin anzutreten und sich dort wieder seinem eigentlichen Job zu widmen, einem Job, für den er ausgebildet ist und in dem er sich Peinlichkeiten wie in Oberammergau ersparen kann. Let’s be a pro again, zuckt es ihm durch den Kopf, wofür er sich gleich bestraft, ach, die Anglizismen … Also, lass mich wieder ein Profi sein – klingt aber ziemlich blöd. Nach Zähneputzen und Flossen und abendlicher Gesichtshygiene schaltet Kramer noch einmal den Fernseher an, um vor Bel Ami für ein paar Minuten zu zappen. Wie es der Zufall will, landet er dabei just dann auf France 24, als der Sender vom Doppelmord in Reims berichtet. *** Andrea bereitet ein exzellentes Frühstück: auf den Punkt gegartes Rührei, wunderbar reife Avocado, genau ein Streifen (very) crispy bacon, eine Handvoll sonnengetrocknete Tomaten und eine kleine Portion baked beans … Beim letzten Happen verschränken sich ihre Augen, und Miriam ertappt sich dabei, wie sie ihre rechte Hand auf Andreas Linke legt, als ob alles ganz einfach sei, ist es aber nicht, und sie zieht ihre Hand wieder zurück, ihre Augen noch immer in den seinen. „It’s not so easy“, sagt sie. „I wouldn’t have thought so”, sagt er. *** Zufall? Ein deutsches Touristenpaar, wie es heißt, erschossen in Reims – auf dem Männerklo in der Bahnhofshaupthalle. Auch Kramer kennt den Satz von Thomas Bayes, dank der Londoner Doppelreihe, in der er einst ein Werk von George Berkeley veröffentlicht hat, das Newtons Idee der Absolutheit eines dreidimensionalen Raums in Frage stellt. Bayes war einer der wichtigen Kritiker Berkeleys, weswegen er in seiner Recherche – Wikipedia sei Dank – auch auf Bayes‘ Essay towards solving a Problem in the Doctrine of Chances gestossen ist. Wahnsinnig einleuchtend auch für einen Unstudierten wie ihn und seltsam bewegend für einen, der wie er tagein tagaus an Bayes‘ Grab auf dem Weg zum und vom Büro vorbeispaziert, Bunhill Fields, gleich bei Old Street, inmitten von Hipster Central dieser Tage. Prob(A|x) = [Prob(x|A) * Prob (A)] / Prob(x). In Worte übersetzt sagt ihm der Satz von Bayes, dass (seien die absoluten Wahrscheinlichkeiten auch noch so klein) gegeben, dass just zu diesem Zeitpunkt zwei Deutsche, über die man nichts näher weiß, in Reims erschossen worden sind, er davon ausgehen darf, dass Peter etwas damit zu tun gehabt hat … *** Miriam und Andrea spazieren zusammen zu St. Stephen’s Green. Im Aufzug sind sie alleine, und kurz bevor sich die Tür auf Miriams Stockwerk öffnet, drückt sie ihm einen Kuss auf die Wange, in dem eine seltsam tief gefühlte Freundschaft liegt. Wieder an ihrem temporären Schreibtisch checkt Miriam ihre Email. PHK Thünen bedankt sich für ihr PDF – kein Wort, das andeutet, das er mit seinen Chargen in ihrer Wohnung war. Aber die Spyware, die sie installiert hat, meldet Erfolg: Thünen hat das PDF geöffnet und damit seinen PC für ihre Inspektion. *** Kramer öffnet Thorbalds Email: „Krug passé.“ Ergo ist Reims passé. Was er sich ja schon gedacht hat, Europcar pp. Aber „Krug passé“ sagt eben auch nicht over and out. Er hat sich geirrt auf der Terrasse des Medici. Es gilt der Satz von Bayes. Das Abenteuer ist noch nicht vorbei. Kapitel 3 Mit deutlich erhöhter Herzfrequenz, knapp unter Schläfenpochen, loggt sich Miriam in PHK Thünens Emailaccount ein. Dass sein Vorname Dieter lautet, ist das erste, was sie lernt, und sie denkt Thomas Heck und Bohlen, Cheri, cheri Lady … Dann fällt ihr noch Hallervorden ein, dessen Spätwerk sie nicht ohne Bewunderung gesehen hat. Honig im Kopf hat sie irgendwann kurz vor dem Ende mit Paula angeschaut, um gemeinsam Tränen zu verdrücken, zur Abwechslung einmal ob anderer (und sei es fiktiver). Thünen erweist sich als Ordnungsfanatiker, was Miriams Suche wunderbar einfach macht. Alle Emails sind hübsch in Ordner gepackt, und sie muss nur ein wenig runterscrollen, um einen zu finden, der Thorbald heißt. Da kommt dann aber auch gleich das Pochen zurück. In dem Ordner befindet sich eine Korrespondenz zwischen Thünen und einem Mitarbeiter des Bundesinnenministeriums namens Lothar Matuscheck, den eine rasche Google-Recherche als Büroleiter des Ministers und langjährigen Vertrauten Karl Bründlmayrs identifiziert. Die Korrespondenz beginnt am 15. April, einen Tag vor Thünens Anruf bei ihr. Matuschek und Thünen sind per du. *** [15.4.2028, 14.12 Uhr] Lieber Dieter, Danke zunächst noch einmal für Deinen Besuch in Berlin und Deine Bereitschaft, uns auszuhelfen. Wie gesagt, die Sache ist von erster Wichtigkeit, und die Untersuchung wird vom Minister selbst geleitet. Oberste Priorität hat die Sicherstellung des Dokuments, das Zuse wahrscheinlich Thorbald zugespielt hat. Ich kann immer noch nicht glauben, was für ein Glücksfall es war, dass wir auf die Sache gestoßen sind. Für einmal war das asoziale Pack mal für was gut! Man hätte Zuse sonst selbst in die Mangel nehmen müssen. Nur dass wir keine Ahnung hatten, was für ein Verräterschwein er war. Mag er in der Hölle brutzeln! Wenn wir bei der Sicherstellung des Materials Thorbald verhaften können, umso besser. Ihm die Daumenschrauben anzulegen, kann nicht schaden, aber kein allzu großer Verlust, wenn es dazu nicht mehr kommen kann. In freudiger Erwartung baldiger Nachrichten! Dein Lothar. [16.4.2028, 11.35 Uhr] Lieber Lothar, Habe gerade mit Miriam T. gesprochen, aalglatt, aber keine Sorge, ich kenne den Typ. Man muss sie etwas schmoren lassen, dann plötzlich zupacken. Ich melde mich! Grüße nach Berlin, auch an Claudia Dein Dieter. [17.4.2028, 16.22 Uhr] Lieber Dieter Wir haben Thorbald gesichtet! Am Grab seiner Tochter, wie hübsch sentimental. Aber die Idioten vom BKA haben ihn entwischen lassen. Naja, waren auch nur zwei Mann, wir haben ja auch anderen Orten gesucht. Ich halte Dich auf dem Laufenden. Herzlich, Lothar. [19.4.2028, 18.45 Uhr] Lieber Lothar, Auch von hier Neuigkeiten! Miriam T. hat sich aus dem eingelagerten ehelichen Hausrat den Computer ihres Mannes besorgt. Gegeben das Timing mit Zuse, kann das Dokument aber weder auf dem Rechner sein noch im Container, in dem er gelagert hat. Also noch etwas Geduld. Sie schmort jetzt, und ich möchte wetten, sie meldet sich in den nächsten paar Tagen. Viele Grüße Dieter. PS: Gerade im Fernsehen den Bericht über die Hinrichtungen heute gesehen. Scheint ja alles fantastisch organisiert gewesen zu sein. Dir und Deinem Chef Gratulation dazu! Gut, dass es vorangeht! PPS: Noch nichts Neues von Thorbald selbst, nehme ich an? [22.4.2028, 15.06 Uhr] Lieber Dieter, Endlich eine Spur! Thorbald scheint ein Bahnticket nach Reims gekauft zu haben. Schlauer Hund, in Frankreich können wir nur u.c. operieren und das auch besser nur höchst vorsichtig. Wäre alles einfacher, wir hätten das Dokument schon, dann könnten wir ihn einfach diskret ausknipsen. Wäre natürlich schade ums Verhör, ha ha. Ich habe Alex und Lilo losgeschickt, die kennst Du doch, oder? Und Frau Thorbald hüllt sich noch immer in Schweigen? Vielleicht weiß sie ja wirklich nichts … Herzlich Lothar. [22.4.2028, 16.11 Uhr] Lieber Lothar, nein, immer noch nichts. Ich gebe ihr noch diese Woche. Reicht Euch das? Herzlich Dein Dieter. PS: Lilo und Alex! Müssen die beiden sich immer noch ständig befummeln? LOL! Sind aber wirklich erstklassig, ich hab ja mit den beiden damals diese dumme Affäre in Salzgitter erledigt. [22.4.2028, 16.27 Uhr] Lieber Dieter, kein Problem. Es gibt keine Anzeichen für übertriebene Hast. Hauptsache, wir machen den Sack dann richtig zu. Viele Grüße, auch von Claudia Lothar. [25.4.2028, 19.30 Uhr] Lieber Lothar, Heute hat mir Miriam T. eine SMS geschickt. Bin für morgen früh mit ihr verabredet … Melde mich, D. [26.4.2028, 1.12 Uhr] Lieber Dieter, leider muss ich Deinen guten Nachrichten überaus schlechte folgen lassen. Alex und Lilo sind tot. Auf einem Bahnhofsklo in Reims erschossen. Wir haben Thorbald unterschätzt. Und wenn er jetzt Amok läuft, wird die Sache womöglich unberechenbar. Du MUSST Frau Thorbald festsetzen, sie wird unser bestes Pfand sein. Gleichzeitig hat der Minister soeben Operation GLASKLAR veranlasst. Viele Grüße, Lothar. [26.4.2028, 8.03 Uhr] Lieber Lothar, Lilo und Alex tot! Was für ein Verlust! So etwas wie die beiden, wirst Du nicht wieder finden. Und tot auf dem Bahnhofsklo, man wünschte sich in einer Kabine bei einem letzten Fick … aber ich nehme an, dazu kam‘s nicht mehr. Wie bedauerlich. Hier gleich Aufbruch zu Frau T. Die Utensilien fürs Verhör liegen bereit. Ach, endlich mal wieder in die schöne Garage … Gespannt darauf, mehr von GLASKLAR zu hören. Werde die Nachrichten verfolgen. Toi toi toi Dein Dieter (in Trauer). [26.4.2028, 8.07 Uhr] Lieber Dieter, Ha ha … Hatten sie leider wirklich keine Gelegenheit mehr für. Schlechtes Timing. Die Nacht kein Auge zugetan. GLASKLAR vollzogen. Ist ein kleines Kunstwerk geworden. Du wirst die Details zu schätzen wissen. Viel Erfolg mit Frau Thorbald! Lothar (der sich jetzt mal aufs Sofa legt). [26.4.2028, 15.15 Uhr] Lieber Lothar, leider SEHR schlechte Nachrichten, sehe meinen eigenen Kopf schon rollen. Frau T. ist uns entwischt! Als wir in ihre Wohnung kamen, sah es so aus, als sei sie gerade nur mal rausgegangen, um Brötchen zu kaufen. Wir also ganz entspannt. Jedenfalls eine halbe Stunde lang … Haben bis eben auf sie gewartet, schreibe aus ihrer Wohnung … War ein grober Fehler, niemanden vor ihrem Haus abzustellen. Übernehme die volle Verantwortung dafür. Fühle mich wie der letzte Pfuscher, zumal wenn ich in den Nachrichten von der Eleganz von GLASKLAR höre. Sehr zerknirscht, Dein Dieter. [26.4.2028, 15.17 Uhr] So eine Scheiße!!!! Aber nicht Deine Schuld. Jemanden vor ihrer Tür lauern zu lassen, wäre zu auffällig gewesen. Dafür hättest du ein halbes Dutzend Leute gebraucht, und die hast Du nicht. Also keine Sorge. Ich werde es dem Minister erklären. Und dank GLASKLAR ist jetzt eh ein wenig Luft aus der Sache. Aber das vermaledeite Dokument müssen wir finden. Musst DU finden, Ressourcen stehen bereit. Auch wenn ich nicht mehr mit Alex und Lilo dienen kann. Gott hab sie selig. L. [26.4.2028, 23.58 Uhr] Lieber Lothar, sie hat sich nach Dublin abgesetzt. Sie arbeitet da ja für ein Softwareunternehmen, Mahoney. Amtshilfe ja leider keine Option, aber ich habe ganz gute Kontakte dort zu zwei ehemaligen V-Leuten aus Nordirland. Bürgerkriegserfahrene Recken. Die werden sie stellen. Sie sind schon auf dem Weg … Ansonsten großen Dank für Dein Verständnis, das KB hoffentlich teilt? Herzliche Grüße Dieter. [27.4.2028, 7.51 Uhr] Lieber Dieter, keine Sorge, KB ist entspannt. Ganz im Nachglühen über GLASKLAR. Viel Glück in Dublin L. [27.4.2028, 10.52 Uhr] Lieber Lothar, gerade Nachricht von meinen Iren. Miriam T. ist im Hauptgebäude von Mahoney. Sobald sie da rauskommt, greifen wir zu. Uff, Dein Dieter. *** Miriam schaut auf die Uhr. Es ist 10.24. Da stimmt doch was nicht? Ach, ja, klar, eine Stunde Zeitverschiebung. Seltsamerweise ist ihr Puls fast normal. Ihr Körper scheint zu wissen, dass er Reserven braucht. Kapitel 4 Kramer hat die ganze Nacht über den Doppelmord von Reims nachgedacht. Die Idee, dass Peter etwas damit zu tun haben könnte, die sich am Tag in seinem Kopf eingenistet hat, bedeutet ja nichts anderes als die Idee, dass Peter die beiden erschossen haben könnte, was eine Form der Eskalation mit sich bringt, auf die er, so sinister die ganze Affäre um Johannes Stanz und die Trüb-Brüder auch schon ist (oder war), sich nicht vorbereitet findet. Peter, mit dem er Murmeln gespielt hat …. Und der, soweit er weiß, seine gesamte Polizeikarriere einen großzügigen Schritt hinter der Front verbracht hat, an der die Schüsse fallen … Natürlich wäre er nie nach Oberammergau gefahren, wenn er nicht gedacht hätte, dass Peter irgendwie in Gefahr ist. Aber dass die Gefahr so akut würde werden können, dass Peter zwei Menschen erschießt, hat er sich nicht vorstellen können. In den Zwölfuhrnachrichten – Kramer sitzt, nachdem er das Frühstück verpasst hat, in seinem Hotelzimmer mit einem Clubsandwich – platzt die nächste Bombe. In der Wohnung Mischa Trübs habe man Hinweise gefunden, heißt es, die darauf hindeuteten, dass der Unfall des ehemaligen Bundesinnenministers, Johannes Stanz, womöglich ‚absichtlich herbeigeführt‘ worden sei. Der LKW, der vor Stanz‘ A8 plötzlich habe bremsen müssen, gehöre einer Spedition, deren Eigentümer Mischa Trübs Bruder, Bernd, sei. Man prüfe nun einen möglichen Zusammenhang zum Suizid der Brüder. Paff! Die gesamte Recherche Peters ist mit einem Mal in den Nachrichten, die ganze Agonie, die Furcht, das Versteckspiel umsonst … Der Rechtsstaat funktioniert noch, so sehr ihn von Guthügel und Konsorten auch aushebeln wollen. Also doch over and out. Wenn da nicht der Doppelmord wäre. Aber Kramer beschließt nach neuerlichem Nachdenken, dass es sich bei Zeit und Ort desselben doch um einen Zufall handeln muss, und fühlt sich erleichtert. Puh. Nochmal auf zu einem Prince of Wales! Und morgen los gen Heimat! *** Eines ist Miriam sofort klar: aus dem Gebäude einfach rausspazieren ist keine Option. Auch nicht zu kriechen oder zu rennen und auch nicht, sich darin zu verschanzen. Aber es gibt ja eine Tiefgarage. Und die zwei Gefolgsleute Thünens werden vor der Tür stehen und nicht vor der Ein- und Ausfahrt, die sich auf der Rückseite des Gebäudes befindet. Sie wissen ja auch nicht, dass sie etwas ahnt. Der Unterschied, den ein kleines Stück Wissensvorsprung machen kann. Ein schneller Hack. Sie denkt an Tala Kleineisen. Und Talas Witwer, Prof. Dr. Jochen Kleineisen, der die Grundlagen für ihr heutiges Überleben gelegt hat. Wenn sie es denn schafft. *** Als Peter Thorbald die Nachricht von Mischa Trübs möglicher Rolle am Tod von Johannes Stanz auf tagesschau.de liest, sind auch ihm zwei Dinge sofort klar: erstens, ist die Sache ist ein Gambit, zweitens war der Selbstmord mit Sicherheit nicht gänzlich freiwillig. Aus dem Innenfach seiner Reisetaschen holt er die acht kopierten Seiten, die Lorenz Zuse ihm in Potsdam gegeben hat, die die Überschrift Meeting KKK tragen – auf Seite 4 eine Liste mit Namen, auf der sich auch der Tala Kleineisens befindet. Es existiert nur noch eine weitere Kopie von dem Dokument, von der er weiß. Er hat sie selbst gemacht. Sie lagert im Schließfach der Bremischen Volksbank, bei der er auch das Konto mit dem falschen Perso eröffnet hat. *** Miriam ruft Andrea Morino an. „Andrea“, sagt sie, „do you have a car?” „Several. You wanna go for a ride?” „I do.” „Great. Me, too.” „Andrea”, sagt sie und stockt einen Moment, „is any of your cars parked here? In the downstairs garage?” „Does it matter?” fragt Andrea. „It does.” „So, it’s urgent?” „Not necessarily, but it does matter.” „You’re wonderfully mysterious”, sagt Andrea. „I am”, sagt Miriam. „I can give you the choice of two. There is an Audi hatchback in bright orange, perfect if you want to go to Ikea. And a grey Aston Martin DB14.” „Let’s take the Aston.” „I would have thought so.” „And I would have thought that you thought so.” „It’s common knowledge then”, sagt Andrea. „Just between the two of us”, sagt Miriam. „When do you want to leave?” fragt Andrea. „Doesn’t matter”, sagt Miriam. Und fügt hinzu: „But the ride might be a long one.” *** Peter Thorbald weiß, was immer die Optionen sind, eine Rückkehr nach Deutschland beinhalten sie nach dem Vorfall auf der Bahnhofstoilette in Reims nicht mehr. Und in Frankreich zu bleiben birgt aufgrund desselben auch seine Risiken. Nicht dass sich plötzlich doch noch ein altes Väterchen aus der Bahnhofshalle an sein Antlitz erinnert. Also weg. Aber wohin? Er denkt über Dublin nach. Da hat Miriam ihre Kontakte zu Mahoney, die nützlich sein könnten, andererseits will er nach wie vor Miriam aus allem raushalten, besser sie machen ihn dingfest und lassen Miriam in Ruhe als irgendein Risiko für ihr Leib und Leben eizugehen. Aber dann vielleicht Richtung Irland? Paris ist mit dem Eurostar ja quasi ein Vorort von London … Noch am frühen Abend trifft er in King’s Cross ein und schickt eine Email vom Konto Walter Eggers‘ an Martin: „Back to the publishing roots?“ *** Kramer ist einigermaßen besäuselt, als er Peters Email liest. Er ist gerade zurück im Hotel nach einem sehr entspannten Abend im Medici – was für ein wunderbarer Ort aber auch! Heute hat er das Sushi probiert, mit Abstand das beste, das er je außerhalb von Tokyo und London gekostet hat. Sake dazu. Die Email versetzt ihm einen Schlag. Wie oft wird er noch glauben können, dass sich der verdammte Spuk in Luft aufgelöst hat, und wie oft werden ihn irgendwelche scheiß Nachrichten zurück in diesen beschissenen faschistischen Sumpf führen? „Fuck you!“ möchte er am liebsten schreien, er ist müde, er ist erschöpft, er will zurück, zurück zu einem friedvollen Leben, zurück zum Miteinander, zweieinhalb Jahre zurück, zurück zu Angela Merkel …. Kapitel 5 „Where we’re going?“ fragt Andrea, als sie aus der Tiefgarage fahren und sich die Schranke zur Straße öffnet. „London“, sagt Miriam. „London, it is“, sagt Andrea. *** Kramer schaut derweil einmal mehr Fernsehen, und einmal mehr gibt es Nachrichten, die drastisch sind: Fünf der inhaftierten SPD-Mitglieder haben sich in ihren Zellen erhängt, darunter der Bundesvorsitzende Stefan Beier sowie der Lebensgefährte des ehemaligen Innenministers Johannes Stanz, der Rechtsanwalt Matthias Blau. Die Ermittlungsbehörden sähen in der Zeitgleichheit der Suizide einen Beleg für die gemeinsame Mitschuld der Inhaftierten an dem Bombenattentat im Roten Rathaus. Kramer ruft umgehend Dr. Rainer Brecht an, den Anwalt Blaus. „Brecht.“ „Kramer hier. Mein Beileid.“ „Danke, Herr Kramer. Ich war ein Freund von Herrn Blau und auch von Herrn Stanz. Das ist alles …“ „Furchtbar“, sagt Kramer und wiederholt, „einfach nur furchtbar.“ „Sind Sie denn demnächst in Berlin? Wegen der Unterlagen? Es scheint mir dringend geboten –“ „Ich weiß“, unterbricht Kramer, „aber ich muss nach London, weswegen ich Sie fragen wollte –“ „Oh, das ist bedauerlich“, sagt Dr. Brecht. „Ich weiß“, sagt Kramer, „aber nicht leicht zu ändern. Weswegen ich Sie fragen wollte –“ „Ob ich die Unterlagen alleine öffnen kann“, vervollständigt Dr. Brecht Kramers Satz. „Genau“, sagt Kramer. „Streng genommen –“, setzt Brecht an. „Ich weiß, ich weiß“, unterbricht Kramer entgegen seiner guten Kinderstube, die das eigentlich strikt untersagt, erneut. „Und ich bitte um Verzeihung. Aber Sie sehen ja selbst, was gerade los ist. Wir befinden uns in einer Zeit des Notstands, und es ist der Notstand, der mich nach London ruft. Nichts hätte ich lieber, als den Karton morgen in London zu haben.“ „Das lässt sich aber kaum einrichten“, sagt Dr. Brecht. „Wäre auch zu riskant“, sagt Kramer. „Weswegen Sie vorschlagen?“ fragt Dr. Brecht. „Dass ich mein Recht, den Inhalt der Kiste ansehen zu dürfen, irgendwie auf Sie übertrage.“ „Das geht nicht. Nicht einmal mit notarieller Beglaubigung Ihrer Willenserklärung.“ „Himmelherrgott“, sagt Kramer, „wir befinden uns in einem Notstand.“ „Ich könnte meine Lizenz verlieren.“ „Ich weiß, Herr Brecht, aber Sie haben gerade einen Freund verloren, um dessen Willen es hier geht.“ „Der besagt“, sagt Dr. Brecht, „dass Sie die Materialien sichten sollen, die im Übrigen ja nicht von Herrn Blau stammen.“ „Himmel!“ entfährt es Kramer, „jetzt seien Sie doch mal keine Pussy. Und öffnen die verdammte Kiste, um zu schauen, ob da irgendwas drin ist, was relevant ist.“ „Sie meinen irgendetwas, was toxisch ist“, sagt Dr. Brecht. „Absolut“, sagt Kramer. „Um mich selbst auf die Todesliste zu setzen“, sagt Dr. Brecht. „Ach, darum geht es Ihnen“, sagt Kramer, „um Ihren eigenen Arsch!? Wo Sie gerade noch den Tod Ihrer persönlichen Freunde lamentiert haben.“ „Man muss genau wissen, wann man den Helden spielen kann, und wann nicht, Herr Kramer“, sagt Dr. Brecht. „Ah, und das Öffnen einen vermaleideten Kiste mit Papierkram ist eine Heldentat, die Ihnen zu riskant ist, oder was?“ Kramers Stimme ist jetzt eine Terz höher. „Die Kiste ist versiegelt.“ „Was aber doch keiner weiß. Herr Brecht, ich bitte Sie inständig“ – Kramer hat seine Stimme jetzt wieder unter Kontrolle – „mir hier zu helfen. Sie wollten beim Öffnen doch eh dabei sein, stellen Sie sich doch einfach vor, ich stehe daneben, oder wir machen es einfach jetzt, so gut wie zusammen, so wie einmal besprochen und ganz im Geiste von Herrn Blau.“ „Schöne Idee, aber ich will die Kiste nicht mehr anfassen“, sagt Dr. Brecht. „Sie haben Angst“, sagt Kramer. „Das ist Ihre Interpretation. Ich sehe mich nur den Regeln Folge leisten.“ „Fuck you“, sagt Kramer, ganz leise jetzt, verdoppelt es aber nochmal, diesmal lauter: „Fuck you, Herr Dr. Brecht.“ „Gleichfalls und einen schönen Abend Ihnen, Herr Kramer. Die Kiste wartet auf Sie.“ Kramer hört ein Klicken in der Leitung. *** Andrea steuert den Aston an der National Gallery vorbei Richtung City Quay, vor der Samuel Beckett Bridge staut sich der Verkehr, zu Fuß ginge es schneller, aber Miriam sagt sich im Stillen macht nix, macht, macht nix, ein Mantra zur Beruhigung, es ist halb vier am Nachmittag, mit Sicherheit warten Thünens Schergen noch immer vor der Tür, nix besonderes, dass sie sie noch nicht gesichtet haben, kein Grund, auf Ideen zu kommen. Zumal sie nicht wissen, dass sie weiß … Macht also nix, der Stau, macht nix, macht nix …. Irgendwann schaffen sie es dann doch über den River Liffey, und von dort sind es nur noch ein paar Blocks bis zur Fähre, ein Ticket haben sie schon im Internet gebucht und ausgedruckt. Keine halbe Stunde später, und sie sind an Bord, der Aston im Bauch der Ulysses, die sie nach Holyhead führen wird. Die Überfahrt dauert gut drei Stunden, sie gönnen sich einen Gin & Tonic in der James Joyce Balcony Lounge auf Deck 10 der Ulysses, dann flanieren sie ein wenig über die Sandycove Promenade auf Deck 11, wo Andrea sie irgendwann leise fragt: „You don’t want me to ask, do you?” „No, I don’t”, sagt Miriam. Sie schauen einer Möwe zu, die dreist ein paar Kinder mit Fritten attackiert. *** Nach Berlin oder London, zu Stanz‘ Nachlass oder zu Martin? Kramer kann sich nicht entscheiden. Er ist sich inzwischen einigermaßen sicher, dass Peters Recherche nicht bei Stanz‘ Unfall aufgehört hat. Oder jedenfalls nicht bei Mischa Trübs Verstrickung in denselben. Sonst wäre jetzt alles vorbei und Peter könnte nachhause gehen, zu Miriam, anstatt nach London zu fliehen. Oder flieht Peter einfach nur, weil er es war, der im Bahnhof von Reims den Abzug gedrückt hat? Und schreibt ihm nur als Mörder auf der Flucht, der Hilfe braucht, um sich zu abzusetzen? Weg aus Europa, nach Afrika, Ostasien oder Papua-Neuguinea? Ausgeschlossen. So tickt Peter nicht. Niemals würde er um Kramers Beistand für ein vollkommen egoistisches Ansinnen bitten, auch wenn es bei dem Ansinnen um Leib und Leben geht. Peter braucht ihn noch für etwas anderes, für ein höheres Ziel … Ob echt oder eingebildet, ist eine andere Frage. Falls echt, hat Trüb nicht alleine gehandelt. Dann hat er Hintermänner. Aber wer steht denn noch hinter einem wie Trüb, hinter einem, der Bundesminister ist? Da bliebe ja nur der Kanzler oder die Bundespräsidentin. Oder natürlich die Großindustrie, das Kapital … In Form eines Wirtschaftslenkers mit Dreck am Stecken. Eine eher nicht so schwer zu besetzende Rolle, denkt Kramer. Einer, der vielleicht auch Geschäfte mit der Trüb-Sahl gemacht hat. Und dem das dem Innenminister unterstellte Bundeskriminalamt auf der Spur gewesen ist. Kramer sieht die Glühbirne über seinem Kopf, wie im Cartoon. Trübs Motiv – der einzige sein zu wollen, der aus der Nacht im Roten Rathaus von vor zwei Jahren berichten kann, der einzige lebende Zeuge des Berlin Blast zu sein, wie die Terrorattacke im Ausland üblicherweise bezeichnet wird – war doch, wenn man ehrlich sein will, immer das schwächste Glied in Peters Beweiskette. Als Bundesminister mit zweihunderttausend Euro im Jahr einen Politikerkollegen ermorden, um ein paar Tausend Bücher mehr zu verkaufen? Absurd. Um die Erzählungshoheit zu haben? Schon eher. Aber nichts verglichen mit den Anreizen eines, sagen wir, DAX-Unternehmens, das in großem Maß Giftmüll mit der Trüb-Sahl hat verschwinden lassen … Oberammergau. Vielleicht lag er mit seiner Reise doch viel richtiger, als er gedacht hat. Und apropos: wo ist eigentlich Franz-Heiner Sahl? *** In Holyhead fahren sie zu einem kleinen Bed & Breakfast direkt an der Küste, das ihnen Tripadvisor empfohlen hat, es gibt noch ein Zimmer, Andrea füllt das Anmeldeformular aus. Er schreibt ,Mr und Mrs Marino‘ und füllt in das Feld darunter die Nummer seines italienischen Reisepass. Sie schauen sich kurz das Zimmer an, Möbel aus verschiedenen Jahrhunderten, Plüsch und Himmelbett, dann gehen sie auf einen Spaziergang zum weiß getünchten Leuchtturm auf der kleinen Felseninsel South Stack, um dort die Sonne über der Irish Sea versinken zu sehen. Sehr romantisch, das alles, und es gibt zwei oder drei klitzekleine Momente, in denen Miriam sich vorstellt, dass alles gut werden kann, wenn sie jetzt nur Andreas Hand hält und alles andere vergisst. Auf dem Weg zurück ist es dunkel, nur ein wenig Licht von einem gerade aufgegangen Mond, das den Felsen etwas Bedrohliches verleiht … Schaut nur, fast sieht man uns nicht mehr, aber wir sind da und wach und bereit Eure Schädel zu zertrümmern, wenn ihr vom Wege irrt, kommt doch, kommt doch … Sie schaffen es freilich zurück, ohne zu stolpern, die Wirtin empfiehlt ihnen Gastro Pub nicht weit entfernt und hat für später sogar zwei Zahnbürsten für sie und eine Tube Zahnpasta und verkneift sich aufs anständigste die Frage, wie man solches denn habe vergessen können, beziehungsweise wieso die Gäste überhaupt ohne jegliches Gepäck eingecheckt hätten. Bei Shepherd’s Pie und Irish Stout ist Miriam versucht, Andrea die ganze Geschichte zu erzählen, aber dann erinnert sie sich an den Ernst der Lage, und ihr wird klar, dass sie Andrea damit nicht belasten will. Und auch, dass sie die weitere Reise nicht gemeinsam mit ihm wird machen können. Sie mag Andrea, vielleicht ist sogar ein wenig verknallt, aber genau deshalb darf sie ihn nicht in eine Geschichte reinziehen, in der seit Neuestem Menschen erschossen werden. Einer wie Andrea übersieht natürlich nicht, dass sich ihre Stirn irgendwann verfinstert. Er sagt „Cheers“, und sie stoßen an. Und dann sagt er: „You don’t want me to take you all the way, do you?” Miriam hat Gänsehaut, als er das sagt, seine samtbraunen Augen in den ihren. „I wished I would“, sagt sie. *** Wenn man den Teufel ruft … Kramers Wegwerfhandy klingelt, fast hat er die Existenz des Telefons schon vergessen, und es muss einen Moment suchen, bis er es in einer Jackentasche findet, der Anrufer ist geduldig, bestimmt hat es schon zwanzig Mal geläutet, bevor er abhebt. „Hallo“, sagt er (im letzten Moment daran denkend, dass das Telefon einem gewissen Dr. Richter gehört). „Hallo, Herr Dr. Richter. Oder sollte ich lieber sagen, hallo, Herr Kramer?“ Kramer erkennt die Stimme Franz-Heiner Sahls noch während der ersten Silben, aber interessanterweise hat sie eine neue Farbe, eine Farbe der Exaltierheit und Angst. Vor seinem geistigen Auge sieht er, wie sich Schweißperlen in Sahls Unterkinnbart verfangen, um dort nach einer Weile zu platzen und die Barthaare aufzuweichen. „Herr Sahl?“ „Wer sonst, Sie Arschloch.“ Sahl macht eine kleine Pause, vielleicht um die Wirkung seiner Invektive zu prüfen, aber Kramer verweigert ihm die Freude. Also fährt Sahl fort: „Ich hab mir doch gleich gedacht, die Fresse kenn ich, und für wie blöd halten Sie mich eigentlich? Ihr Gesicht ist doch überall im Internet, man muss nur draufkommen, Sie mediengeiler Hund.“ Beleidigung Nummer 2. Kramers Interesse wächst, aber er schweigt weiter. „Sie sind jetzt wahrscheinlich außer sich vor Freude. Treffer, versenkt. Aber ich sage Ihnen, Sie haben in ein Wespennest gestochen, und die Wespen, die Wespen machen auch nicht vor einem der Ihren halt. Hören Sie es schon summen?“ Kramer zwingt sich dazu, weiter zu schweigen. Es ist zu interessant, einfach nur zu lauschen. „Sperren Sie mal die Ohren auf, Herr Kramer. Summ summ summ. Und Sie sehen ja, was passiert, wenn man gestochen wird.“ Jetzt formen sich doch Entgegnungen nicht nur in Kramers Hirn sondern auch schon in seinem Mund, aber, come on, Martin, noch eine letzte Runde Schweigen (die sich besonders lohnt) … „Dann hat man mit einem Mal einen Gehirntumor gehabt, von dem man gar nichts weiß, und baumelt an einem Strick neben dem Aalto Hocker. Haben Sie doch sicher auch einen bei sich zuhause. Das weiß ich doch genau, wie’s in Ihrer Wohnung aussieht. Da gibt es wahrscheinlich tatsächlich einen Aalto. Tolle Ironie, toll toll, denn Bernd hat keinen gehabt und Mischa auch nicht, das waren nur die finishing touches für die traurige Geschichte der sich liebenden Brüder. Wie lustig. Wo die beiden sich doch aufs Messer gehasst haben, Mischa das Arsch, der Bernd immer rumkommandiert hat, was ja auch zu dieser ganzen Scheiße geführt hat, in die Sie jetzt Ihre verfickte Nase reingesteckt haben. Wenn Sie es schon nicht summen hören, dann nehme ich an, können Sie sie wenigstens riechen, die braune Scheiße an ihrer Nase, das heißt, wenn Sie denn noch Luft bekommen und die Scheiße Ihre Nase nicht verstopft.“ An dieser Stelle ist Sahl etwas außer Atem, nach einem tiefen Zug Luft, hat er aber doch noch die Kraft, ein weiteres „Sie Arschloch“ anzufügen. „Herr Sahl“, sagt Kramer schließlich, „ich gehe davon aus, dass Sie mich anrufen, weil Sie denken, dass wir im selben Boot sitzen und anbetrachts der Umstände besser in dieselbe Richtung rudern. Weswegen ich vorschlage, dass wir zu einem Maß von Höflichkeit zurückkehren, die gemeinsames Rudern erleichtert.“ „Bla bla“, sagt Sahl. „Soll ich auflegen?“ fragt Kramer. Er hört jetzt das Atmen Franz-Heiner Sahls. „Natürlich nicht“, sagt Sahl mit einem Hauch mehr Ruhe in der Stimme. „Gut“, sagt Kramer. „Dann lassen Sie uns doch mal in aller Vernunft gemeinsam nachdenken.“ *** Nach einem full Welsh breakfast (samt cockles und laverbread) fährt Andrea Miriam noch zum Bahnhof nach Liverpool. Zum Abschied sagt er nur: „You know can call me anytime. You can explain or not. I’ll be there.” „I know”, sagt Miriam und gibt ihm noch einmal einen Kuss auf die Wange, bevor sie in den Zug steigt. Kapitel 6 Peter Thorbald ist nach seiner Ankunft an King’s Cross mit der Londoner U-Bahn nach Bethnal Green gefahren, der erste Halt der Central Line, in die er von der Circle Line an Liverpool Street Station umgestiegen ist. Bethnal Green liegt im Londoner East End, und das war einstmals ziemlich rottelig, und Peter hat ein Problem, das eine rottelige Gegend braucht. Er ist schon in der Schlange zum Security Check am Gare du Nord, als ihm aufgeht, dass sich die Sicherheitsmaßnahmen für den Eurostar kaum von denen für den Flugverkehr unterscheiden. Verdammter Mist! Da ist seine Pistole, die ihm gerade das Leben gerettet hat, wohl kaum durchzukriegen. Einen Moment überlegt er, es darauf ankommen zu lassen, vielleicht kann er die Waffe ja in seine Unterhose schieben und, wenn es piept, sagen, er habe nun einmal ein eisernes Gemächt. Oder eine Kugel in der Hüfte, aber er weiß, dafür braucht man Zertifikate, und die hat er nicht. Zu dumm. Also via Calais die Fähre nach Dover nehmen? Noch immer in der Schlange googelt er ‚security checks calais‘ mit seinem iPhone – dasselbe dort … Also raus aus der Schlange, die Waffe entsorgen. Er wirft sie in den nächsten Papierkorb. Vielleicht findet sie ja einer der sich auf Mindestlohn befindenden Mitarbeiter der Stadtreinigung, für den sich sein Leben mit der Knarre zum Besseren wendet, wenn er sie benutzt, so wie das seine ... Die Gegend um Bethnal Green hat sich jedoch arg verwandelt seit seinem letzten Londonbesuch in 2005, damals als er mit seiner Freundin Charlotte Martin besucht hat (um statt das Courtauld Top Shop zu besuchen). Betnal Green, stellt sich heraus, ist gentrification in over drive. Keine Chance, hier irgendwo in eine Kneipe zu gehen, um einen Typen mit Narben im Gesicht zu fragen, ob er wohl weiß, wo man hier eine Knarre bekäme. Von der Tube Station schlendert er ein wenig nach Norden, vorbei am Museum of Childhood, und stößt einen Block später auf das Town Hall Hotel. Hat das Martin nicht einmal erwähnt? Er glaubt schon, begibt sich in die Empfangshalle und fragt nach einem freien Zimmer. Ja, haben sie, eine kleine Suite im ersten Obergeschoß, er fragt nach dem Preis, eigentlich weit über seinem Budget, aber egal, wir sind im Endspiel. *** Der Zug von Liverpool nach London hat frappierend gutes Internet, was Miriam dazu nutzt, um zu schauen, was es Neues in Thünens Thorbald-Ordner gibt. [27.4.2028, 23.34] Lieber Lothar, kurze Zwischenmeldung. Miriam T. scheint Überstunden zu machen. Meine Mannen schwören, dass sie sie nicht übersehen haben können. Gut so! Wenn sie müde ist, wenn wir sie abgreifen, geht alles sicher schneller. Viele Grüße Dieter. [28.4.2028, 3.37] Lieber Lothar, langsam werde ich nervös. Noch immer keine Sichtung. Bleibe aber optimistisch, Dein Dieter. [28.4.2028, 6.00] Lieber Dieter, wenn Ihr um 8.00 Eurer Zeit kein Resultat habt, müsst Ihr reingehen, um herauszufinden, was verdammt nochmal Sache ist. Danke, L. [28.4.2028, 9.22] Lieber Lothar, einer meiner Männer war gerade am Empfang. Mit einem irischen Polizeiausweis. Er sagt, die Empfangsdame sagt, MT habe gestern Nachmittag kurz vor halb vier automatisch ausgecheckt. Alle Badges hätten kleine Sender, so dass alles Kommen und Gehen automatisch geloggt werde. Meine Jungs schören aber, dass sie sie nicht übersehen haben können. Etwas ratlos. Viele Grüße Dein Dieter. [28.4.2028, 9.29] WTF, Dieter!??! Diesmal ist Dein Arsch wirklich in Gefahr, da kann ich dann auch nichts mehr machen. L. [28.4.2028, 11.37] Lieber Dieter, ich verstehe Deine Unruhe, aber sie muss einfach die Nacht durchgearbeitet haben. Nicht unüblich in der Branche, denke ich. Herzlich Dieter. [28.4.2028, 11.41] Und Hinterhauseingang oder Tiefgarageneinfahrt auch unter Kontrolle? L. Miriam kann ein Schmunzeln nicht unterdrücken und freut sich schon heimlich auf ihren nächsten Besuch auf dem Server auf der Niedersächsischen Polizei. Sie hat ja auch noch gar nicht versucht, in Thünens Rechner selbst einzudringen oder seine womöglich im Polizeinetz abgespeicherten Dateien anzuschauen … Jetzt schaut sie aber erst einmal, welche Hotelempfehlungen das Internet für London bereithält. Nach ein wenig Stöbern stößt sie auf ein Hotel, das ihr gut gefällt – ein restauriertes Edwardianisches Gebäude mit erstaunlich großzügigen Zimmern und überraschenderweise nicht vollkommen überteuert. Dazu liegt es in einem Teil von London, den sie nicht kennt, ostwärts, jenseits der City, die sie, als sie bei Mahoney noch fest angestellt war, immer mal wieder für Stippvisiten bei Kunden besucht hat. Das Hotel befindet sich in einem ehemaligen Gemeindehaus. Der Town Hall von Bethnal Green. *** Der Rest von Kramers Telefonat mit Franz-Heiner Sahl hat bestätigt, was er geahnt hat. Die Trüb-Sahl hat für mehr als ein bedeutendes Großunternehmen Dreck entsorgt, und zwar in großem Stil. Sahl ist zuerst noch zurückhaltend, die Wahrheit kommt zunächst nur in homöopathischen Dosen, dann bricht sich aber die Kombination aus Urangst und der Hoffnung auf einen Verbündeten Bahn, und Sahl gesteht wie ein Wasserfall im Beichtstuhl (schräges Bild, denkt er, und stellt sich die nassen Füße des Priesters vor). Das Problem, das sich aus Sahls Beichte ergibt ist freilich, dass es mehr als nur als einen Verdächtigen gibt, weit mehr. Fünf DAX-Unternehmen sind impliziert, dazu nochmal ein gutes Dutzend nicht viel kleinerer Unternehmen – mit allen Formen von Müll, chemischem, biologischem, und auch radioaktivem. Als Kramer auflegt, weiß er, wie sich die Oberammergauer Passionsspiele finanzieren. Was er jedoch immer noch nicht weiß, ist wohin er fahren soll. Berlin oder London, zur Kiste oder zu Martin. Am Ende entscheidet er, dass sich beides nicht ausschließen muss, wenn er am frühen Morgen losfährt und Glück mit dem Verkehr hat, kann er am frühen Nachmittag bei der feigen Bratze Dr. Brecht sein und am Abend noch nach London fliegen. Er geht sich die Zähne putzen, wirft eine Schlaftablette ein, stellt den Wecker auf 5 Uhr und gesellt sich zu Monsieur Bleu. Kapitel 7 30. April 2028 und Peter, Miriam und Martin sind alle in London versammelt, und wie es das Schicksal launisch will, sind alle drei im selben Hotel – einmal sollen sie sich noch gemeinsam sehen, bevor die Geschichte zu Ende geht, scheint es fügen zu wollen. Peter hat inzwischen wieder eine Waffe. Martin hat Johannes Stanz‘ Kiste durchforstet. Und Miriam hat in Thünens Email gelesen, dass Lothar Matuschek eine neue Spur hat. Aber durchatmen bitte und eines nach dem anderen. *** Peter Thorbald hat Google benutzt, um nach gun crimes UK zu suchen. Dabei stellt sich heraus, dass alle Wege nach Nottingham führen. Hätte er auch nicht gedacht. Andererseits Robin Hood, etc. Er zieht alles Cash, das ihm die Automaten geben, die irgendwie gnädig sind, und fährt mit 1100 Pfund in der Tasche mit dem Zug nach Nottingham, um einen Abend in Kneipen zu verbringen, die auf die genau richtige Art verlaust sind. Um in Stimmung zu kommen, hat er sich auch wieder Zigaretten gekauft, unfassbar teuer in England, aber was soll’s, und als er vor der Tür der zweiten Kneipe ein Pint Ale in der Hand, den ersten Zug seit Monaten wieder nimmt, spürt er jene glitzernde Elektrisierung, die nur erste Zigaretten nach ein paar Tagen Pause bereiten können und die er fast vergessen hat. In der dritten Kneipe trifft er auf Tony, dessen Wange – als hätte er es nicht immer gewusst – eine Narbe ziert. „Oy, mate, that was a fooking knife but the bastard ’ad to regret it”, sagt Tony nach dem xten Bier und führt ihn zu Harry, der das ganze Sortiment, von Damenpistölchen bis zu Bazookas feilhält. „Ee’s a friend of mine“, sagt Tony alkoholschwang, als es zu Preisverhandlungen kommt. Sie einigen sich auf eine Glock Automatik für 500 Pfund, das ist äußerst günstig, aber wie Harry sagt „That one‘s been used if you get my drift“, was übersetzt heißt, mit der Waffe wurde schon mal ein Verbrechen begangen, sie ist registriert, die Polizei hat sie auf dem Radar, aber das ist Peter zu diesem Zeitpunkt jenseits von egal. „You also have munition?“ fragt Peter. „’Av I? Five packs of ten for fifty?” bietet Harry an. “Throw’em in”, sagt Tony. “Ee‘s my friend.“ Und Harry gibt sie als kostenloses Extra dazu. Am Ende des Abends – sie haben den Deal noch mit einem Pint und einem Whiskey gefeiert (in einem Pub, der erstaunlicherweise noch heruntergekommener ist als die ersten drei des Abends) – drückt Peter Tony fünf Zwanziger in die Hand, aber Tony lehnt ab und sagt „Man, that’s what friends are for. Look after you!” und gibt ihm einen bear hug. *** Kramer trifft Dr. Brecht in dessen Büro am Leipziger Platz, die Begrüßung fällt nicht besonders herzlich aus, Brecht stellt die Kiste auf einen Tisch in einem der Besucherbüros seiner Kanzlei und lässt Kramer alleine damit. Der Karton, der relativ schwer ist, enthält nur zwei Objekte: einen weiteren kleineren Karton und darunter einen Folder mit einem Packen Papier. Der Karton im Karton ist mit Plastikstroh ausstaffiert, der eine Flasche Champagner beinhaltet, eine Flasche Clos du Ambonnay von Jacques Selosse, degorgiert 2008, auf dem Etikett ein gelber Klebezettel, auf dem steht: „Mein lieber MK, ich weiß um Ihre Leidenschaft! Die ich selbst nicht teile, weswegen ich Ihnen nur allzu gerne diese Flasche übereigne, die mir Mohammed Al-Rashid einst zum Geburtstag geschenkt hat. In großer Verbundenheit, Ihr JS.“ Kramer tritt ein kleines Tränchen aus der linken Augendrüse, dann fasst er sich und nimmt sich den Manila Folder vor. Zu seiner Überraschung enthält der Folder nichts anderes als das Manuskript, für das der S Verlag 150.000 Euro gezahlt hat – es sind die Erinnerungen Stanz‘ an seine Zeit mit Al-Rashid. Kramer beginnt zu lesen und ist begeistert von der ersten Seite an. Es ist die Prosa eines Autors, der nie zuvor geschrieben hat und so schreibt, als er hätte er auch nie zuvor gelesen, eine Prosa ohne jede Kunstgriffe, jedoch mit Reflektionen, die ans Eingemachte gehen, die Grundgedanken über die menschliche Existenz und ihre Inkarnation in den Gesellschaften des frühen 21. Jahrhunderts mit einem Klarblick und einer Einfachheit formulieren, die sich direkt in Herz und Hirn bohrt, es ist eine Prosa mit Sätzen (für einmal tatsächlich) gemeißelt wie aus Stein, wie er sie in seiner gesamten Verlagskarriere von lebenden Autoren nie gesehen hat. Zu sagen, es wäre ein Meisterwerk, wäre untertrieben, weil zum einen zu abgelutscht, und weil zum anderen kein Manuskript, für das die Kritiker in den letzten Jahrzehnten am Meisterwerkslolli gelutscht haben, dieselbe Reinheit gehabt hätte, dieselbe sprachgewordene Luzidität, in der die Gedanken von Autor und Leser eins werden …. Und dazu ein Manuskript über das, wie sich alle einig sind, ‚schlimmste Verbrechen des frühen 21. Jahrhunderts‘, zugänglich für jeden, der lesen kann, und für alle, die schon alles gelesen haben, auf eine Weise befriedigend, die zeigt, dass auch fünf Generationen nach Joyce noch Innovation möglich ist, wenn auch auf komplett andere Weise, Komplexität nicht spiegelnd sondern quasi-traditionell in eine Linearität zwingend, deren Sog man sich als selbst als hartgesottener Profi nicht entziehen kann. Er fragt sich, warum Stanz ihm damals das existierende Manuskript nicht einfach gegeben hat, und kennt sofort die Antwort – weil er es hier mit einem zu tun hat, der nicht nur politisch integer war sondern aufrecht vis-a-vis sich selbst, einem, der seinem ersten Instinkt – Stanz hat das Manuskript in der Reha verfasst – nicht traut, einem, der noch einmal alles durchleuchten will, bevor er sich mitteilt, obwohl er es schon auf eine Weise getan hat, wie es sich nur die allerwenigsten je trauen. Am späten Nachmittag gibt er die Kiste schweren Herzen an Rechtsanwalt Dr. Brecht zurück, bittet ihn um Verwahrung und nimmt ein Taxi nach Tegel. Einerseits verspürt er ein Glück wie vielleicht nicht mehr seit dem Erscheinen seines ersten Doppelbands, eine veritable Ekstase ob des literarischen Funds in Stanz‘ Kiste, andererseits ist er schlimm down, haben sich seine Vermutungen ob möglicher Ermittlungen, die Stanz gegen die Umweltverbrecher im Land geführt haben könnte, doch im Nichts zerstoben … Sein Hotelzimmer im Town Hall hat er schon am Mittag gebucht. *** Als Miriam im Town Hall ankommt, macht sie erstmal Gebrauch von der Waschmaschine in ihrem Zimmer. Seit über 48 Stunden steckt sie in denselben Klamotten, und da kann man den Körper zwischendurch noch so oft reinigen, gegen den Geruch hilft es nicht, der steckt nämlich in der Kleidung, eine Erkenntnis, die, wie sie in Studententagen schon erfahren musste, nicht alle Erwachsenen teilen. Das Hotel stellt zum Glück Reinigungstabs zur Verfügung. Nachdem sie ihre Klamotten auch getrocknet hat, geht sie auf einen Imbiss in den Corner Room, das informellere der beiden Restaurants, die das Hotel zu bieten hat. Nach einem leichten Mahl in drei Gängen – allesamt witzige Interpretationen englischer Klassiker (von Sardinen auf Toast über Lamm mit Minze zu Bread and Butter Pudding) – checkt sie in ihrem Zimmer noch einmal Thünens Email. PHK Thünen und seine Mannen haben noch immer nicht aufgegeben, scheint es, jedenfalls hat Thünen seit dem Vormittag nicht mehr an den Büroleiter Karl Bründlmayrs, Lothar Matuscheck, geschrieben. Aber Matuscheck hat an Thünen geschrieben, eine Email, die natürlich noch nicht im Thorbald Ordner abgelegt ist, aber Miriam muss nur kurz in die Inbox schauen, da ist die gleich ganz oben … [28.4.2028, 22.12] Lieber Dieter Dein Arsch sollte Dir auf Grundeis gehen, das sag ich Dir. KB ist sehr ungehalten, seine gute Laune ob GLASKLAR verflogen … Zumal sich neue Fakten ergeben. Anscheinend hat noch ein Verleger seine Finger im Spiel, Martin Kramer, Geschäftsführer des S Verlags, Du kennst diese blauen Bände, die uns seit unserer Kindheit mit sozialistischem Gedankengut malträtieren. Wie ich die hasse … Jedenfalls stellt sich heraus, dass es Martin Kramer war, der in Oberammergau die Trübs aufgescheucht hat. Eine (informelle) Fahndung ist raus. Und hier kommt’s. Kramer ist ein Schulfreund von Thorbald! Also alles kein Zufall! Wenn Du was über Kramer weiß, kannst Du Deinen Arsch vielleicht sogar noch retten, wenn Dir Frau Thorbald entwischt ist (wovon ich inzwischen ausgehe). Mit besten Grüßen Lothar. Kapitel 8 Eröffnet vier Jahr vor dem Ausbruch des ersten Weltkriegs und erweitert in den letzten drei Jahren vor dem Ausbruch des zweiten, liegt das Gemeindehaus von Bethnal Green im Londoner East End wie ein großes weißes Schiff am Patriot Square, eine Art Deco Ikone, die ein Investor aus Singapur zu Beginn des neuen Jahrtausends vor dem Verfall gerettet und in ein Hotel verwandelt hat, das die wieder auferstandene Art Deco Pracht mit minimalistischen Suiten und dänischen Mid Century Möbeln elegant kontrastiert. Als das Hotel 2010 eröffnet, erscheint es noch als Fremdkörper in der traditionell verarmten und einigermaßen verwahrlosten Gegend, aber die Londoner Gentrifizierung schreitet unnachgiebig voran, und das Hotel, das rasch bei A Listern aus Film und Mode populär wird, leistet seinen ganz eigenen Beitrag zum Neuaufbruch in Bethnal Green. Keine vier Jahre später und man kann kaum einen Steinwurf vom Hotel entfernt in den Eisenbahnbögen von Paradise Row Champagner von Jacques Selosse trinken – weswegen Kramer das Hotel kennt. Einer seiner besser verdienenden Londoner Autoren hat ihn vor einem guten Jahrzehnt einmal dorthin ausgeführt und ihm bei der Gelegenheit auch gleich empfohlen, sich im Hotel am Patriot Square einzumieten. Seitdem hat Kramer bei fast jeder Londonreise dort gewohnt. Nur einmal musste er ausweichen, da war Fashion Week und das Hotel komplett ausgebucht. Kramer wohnt in Zimmer 103, einem Zimmer mit fast 80 Quadratmetern und vier Metern hohen Decken, vorn am Bug des Schiffs rechts, das Bett auf einer lustigen Empore in der Mitte des Zimmers, in die auch die Badewanne eingelassen ist, Ein- und Ausstieg kein ungefährliches Unterfangen, zumal mit nassen Füssen. Er hat in dem Zimmer schon die letzten beiden Male gewohnt, und offensichtlich gab es eine Notiz in seinem Datensatz, die sein Gefallen an dem Raum festgehalten hat. „We reserved 103 for you“, sagt die Empfangsdame mit einem herzigen Lächeln, „I understand you like this room.” „I do”, sagt Kramer. *** Während Martin Kramer seine Siebensachen auspackt und in den Schränken seines Zimmers verstaut, sitzt Peter Thorbald keine zehn Meter von ihm entfernt auf einem kleinen Sofa in Zimmer 106, schräg gegenüber von 103, einem Zimmer, das, wie die Fotos an den Wänden verraten, einstmals das Herrenklo des Gemeindehauses barg, zwischen den beiden Zimmern eine quadratische Vorhalle überdacht von einer runden Glaskuppel, in der in einem Aquarium ein großer gelber Fisch aus Pappmache flotiert. Thorbald übt das Nachladen seiner Glock. Denn irgendetwas sagt ihm, dass es beim nächsten Mal nicht bei zwei Schüssen bleiben wird. Inzwischen ist er bei unter zwei Sekunden. *** Miriam verbringt den Tag mit einer Einkaufstour auf Oxford Street. Es ist zwar Sonntag, aber das macht keinen Unterschied in London, im Gegenteil, es ist der Tag der Woche, an dem die großen Läden den größten Umsatz machen. Sie erwirbt ein paar Basics bei Top Shop und gönnt sich danach noch eine Runde durch Selfridges, zwei Blusen, ein Jackett, eine Hose, eine Reisetasche erleichtern sie um einen Wochenlohn. Gegen fünf am Nachmittag kommt sie zurück nach Bethnal Green (direkt mit der Central Line von Bond Street Station) und verpasst die eine Chance, die sich ihr an diesem Tag noch geboten hätte, den Lauf der Ereignisse abzuändern. Einen Moment lang überlegt sie, ihren Laptop anzuwerfen und bei PHK Thünen vorbeizuschauen oder wenigstens kurz die Nachrichten zu checken, entscheidet sich dann aber für ein Bad. Zur Reinigung und Entspannung, zum Durchatmen und sich Selbst-Fühlen. Und so liest sie weder auf der Seite des Guardian, der ihr guardian angel hätte sein wollen, von der Leiche des ‚Starprogrammierers‘, die man in Dublin gefunden habe (Verletzungen aufweisend, die auf mehrstündige Folter hindeuteten), noch von Lothar Matuscheks Bericht, dass man am Pariser Gare du Nord, unweit des Check-ins zum Eurostar die Mordwaffe von Reims aus einem Mülleimer gefischt habe … Und sie lässt das Laptop auch noch Laptop sein, als sie, dem Bad entstiegen, sich abgetrocknet und angekleidet hat, denn plötzlich übermannt sie ein gewaltiger Hunger. Sie ruft die Rezeption an, um zu fragen, ob sie einen Tisch für eine Person im Starboard Room für sie hätten, dem zweiten Restaurant des Hotels, etwas aufwendigerer Küche verschrieben als der Corner Room und nach vorne im Bug des weißen Tankers gelegen, steuerbord, genau unter Martin Kramers Zimmer. Für wann? Für jetzt. Einen Moment. Kein Problem, sie könne jederzeit kommen. Miriam schlendert die beiden eher schmucklosen Treppen im hinteren Teil des Hotels nach unten, die sie vom dritten Stock, in dem ihr Zimmer liegt, zur Prachttreppe führen, die sich von der Empfangshalle in zwei großzügigen Bogen in den ersten Stock auffaltet. Sie lässt die große Treppe links liegen und folgt den Schildern, die die Richtung gen Zimmer 117 bis 101 weisen. Nach zwei gläsernen Brandschutztüren beschreibt der Gang einen S-förmigen Knick, hier sind die Wände plötzlich holzvertäfelt und Miriam hält kurz an, um die kleinen erotischen Intarsienarbeiten zu bewundern, die sich in die Holzpanele fügen. Sehr dezent und im Schummerlicht des Ganges leicht zu übersehen, aber wenn man genau hinschaut, geht es lustig zur Sache, es wird Hand angelegt und geleckt und gestrullert auch, am Ende ganz links unten, ein unschuldig dreinblickender Hund. Dann vorbei an Zimmer 107, dem letzten vor einen kleinen Halle, in der ein großer gelber Fisch in einem Aquarium schwebt. *** Wer sieht wen wann? Die Frage lässt sich durchaus beantworten, obwohl alles in Sekundenschnelle geht. Zuerst sieht Martin Miriam. Er sitzt in einem der Sessel in der kleinen Halle, um deren feierliche Stimmung vor seinem Abendessen einen Moment zu kosten, sein Blick pendelt zwischen Glaskuppel und Fisch, als sich plötzlich die ihm gegenüberliegende Glastür zum Gang Richtung Heck des Schiffes öffnet und wie durch ein Wunder Miriam erscheint. Aber noch bevor er staunen oder gar etwas sagen kann, sieht Miriam Peter, der just, als sie schwungvoll durch die Tür marschiert, aus seinem Zimmer tritt. Sie stoßen aneinander, und als Peter „Sorry!“ sagt, erkennt Martin auch ihn. Erst daraufhin sieht Peter, dass die Frau, die ihn gerade angerempelt hat, Miriam ist … Martin, der sich plötzlich wie ein Protagonist in einer absurden Verwechslungskomödie fühlt und nicht mehr an sich halten kann, springt auf, und ruft: „Miriam, Peter!“, was die beiden in einer halb begonnenen Umarmung erstarren lässt. Gleichzeitig wenden sie ihre Köpfe, um ihren Freund zu sehen, was den Reigen der überraschten Blicke vollendet. Jubel, Trubel, Surrealität. Sie liegen sich in den Armen, sie küssen sich, sie drücken sich. Keiner kann es fassen. Und wie auch? *** Sie beschließen, ihre jeweiligen Reservierungen zu canceln und stattdessen gemeinsam in Martins Zimmer aus dem Room Service Menü zu bestellen. Es ist so viel zu erzählen … Und so wenig davon ist für fremde Ohren geeignet. Es gibt Salate und Suppen und Burger und Bier und Champagner. Sie sind aufgekratzt, sie freuen sich, sie giggeln, und das Giggeln bricht sich in Lachen, einer der komischen Höhepunkte ist Martins Erzählung von seinem Treffen mit Franz-Heiner Sahl, das er mit einer genauen Beschreibung dessen Kinnbarts verziert, aber so richtig hysterisch wird ihr Lachen vor allem dann, wenn es wirklich ernst wird in den Geschichten, die sie miteinander teilen. Immer wieder müssen sie sich die Augen trocknen, immer wieder stoßen sie miteinander an. Sie bestellen noch eine Flasche und noch eine, sie fühlen Liebe füreinander, sie sind lebendig und hier – an einem Ort – drei Fragezeichen gegen den Rest der Welt, und sie verteilen die Rollen, Peter ist Justus, Miriam ist Peter und Martin ist Bob, fehlen nur die Hints von Alfred Hitchcock, sagt Miriam und wieder folgt ein Lachanfall, aber diesmal ist es der letzte, denn plötzlich, plötzlich verstehen sie, dass sie hier wirklich versammelt sind, dass sie nicht träumen, und dass die grellen Geschichten, die sie sich erzählen, wahr sind, und so gesellt sich als vierter Gast mit einmal die Angst zu ihnen, und sie verfallen in Schweigen. Es ist Kramer, der das Schweigen bricht. „Peter“, sagt er, „es gibt doch noch was, was Du uns nicht verrätst. Sonst wäre doch schon alles vorbei. Klar wollen sie dich schnappen, aber uns?“ „Vielleicht weil ihr sie zu mir führen könnt.“ „Vielleicht“, sagt Kramer, „aber ich seh’s dir doch auch an.“ „Ich auch“, sagt Miriam. Peter Thorbald leert sein Schampusglas und wischt sich den Mund mit dem Handrücken ab. „Ich kann wohl nix verbergen vor euch“, sagt er. „Wie auch“, sagt Miriam. „OK“, sagt Peter, „hier ist die Kurzfassung.“ *** Es sei zu der Zeit gewesen, als er seine Ermittlungen im Fall Stanz in Richtung Mischa Trüb ausgedehnt habe, alles natürlich im Verborgenen, soweit das in einer Behörde möglich sei, also nur sehr begrenzt, und so müsse sein Interesse an Trüb irgendwie im Innenministerium bekannt geworden sein, wahrscheinlich, denke er jetzt nach Miriams Bericht, über Dieter Thünen, das sei ihm aber damals nicht klar gewesen. Vielleicht habe Thünen seinen PC überwacht, wer weiß. Jedenfalls habe ihn irgendwann ein Anruf aus dem Ministerium erreicht, von einem gewissen Lorenz Zuse. Zuse habe irgendwann ein Gespräch überhört, in dem sein Name fiel – ein Gespräch zwischen Minister Bründlmayr und dessen Büroleiter, Matuscheck, von dem sie ja jetzt wüssten, dass er ein Spezi von Thünen sei. Aus den überhörten Gesprächsfetzen habe Zuse jedenfalls schließen können, dass er Ermittlungen in der Sache Stanz führe, und zwar Ermittlungen, die nach Berlin führten. Zuse sei ein Mitarbeiter in Matuschecks Stab gewesen, Jobtitel ‚Referent für Informationsbereitstellung und Informationssicherung‘, „letztlich eine Art glorifizierter Archivar“, sagt Peter. Ein paar Wochen, vielleicht auch ein paar Monate vor jenem Gespräch zwischen Bründlmayr und Matuscheck, genau wisse er das nicht, sagt Peter, sei Zuse im Hochsicherheitsbereich des ministerialen Archivs im Keller des Ministeriumsgebäudes eine Kiste mit Unterlagen, die ihm Matuscheck zur Ablage gegeben habe, heruntergefallen. Dabei sei einem Aktendeckel ein Protokoll entwischt, überschrieben mit „Meeting KKK“ und datiert auf den 10. November 2025. Zuse habe das Protokoll gelesen und spontan beschlossen, es einzustecken anstatt es den Verliesen des Ministeriums anzuvertrauen. Zuse sei sich lange unsicher gewesen, was er mit dem Dokument machen solle, er habe es in einem ausgehölten Dachbalken seiner Dachgeschoßwohnung aufbewahrt. Nach dem überhörten Gespräch, in dem er, „ich zitiere“, sagt Peter, „von der Unerschrockenheit des Leiters des Niedersächsischen Autobahnpolizei“ erfahren habe, habe er beschlossen sich mit selbigem in Verbindung zu setzen. Hundertprozentig koscher, sagt Peter, sei ihm die Sache nicht vorgekommen, aber seine Neugier sei aufs höchste gereizt gewesen, also hätten sie ein konspiratives Treffen vereinbart, in Potsdam. Bei einem kurzen Spaziergang, bei dem sich vor allem Zuse immer wieder in beinahe paranoider Manier vergewissert habe, dass ihnen niemand folge, habe ihm Zuse das Dokument irgendwann in seine Jackentasche gesteckt, so elegant, dass er es nicht bemerkt habe. Als Zuse sich kurz darauf von ihm verabschiedet habe, hätte er noch rasch gefragt, „Und das Dokument?“, worauf Zuse nur gelächelt habe. Im Zug zurück nach Hannover sei er einigermaßen frustriert gewesen, erst zuhause habe er in seine Jackentasche gegriffen und das zusammengefaltete Dokument gefunden. Ihm sei schlecht geworden bei der Lektüre. Das Protokoll beschreibe Diskussionen um eine „Operation Jungfrau“, sagt Peter und kommt danach ins Stocken. Martin und Miriam schauen ihn gebannt an, Peter schenkt sich noch einen Schluck Champagner ein und leert das Glas in einem Zug. Dann fährt er fort: „In dem Dokument befindet sich zum Beispiel eine Liste mit Namen, auf der unter anderem der Name“ – er schaut jetzt Miriam in die Augen – „deiner Kommilitonin, Tala Kleineisen steht … sowie die Namen“, er räuspert sich, „fast aller Hingerichteten, ganz oben natürlich der von Shirin Fakhoury …“ Miriam und Martin sind beide zu baff, um etwas zu sagen, und Peter nimmt noch einmal einen Schluck, bevor er fortfährt: „Kinder“, sagt er, „ich weiß, dass ihr alle immer glaubt, ich würde zu oft auf Feuer schließen nur wegen ein bisschen Rauch. Und ich weiß“, sagt er, diesmal zu Martin gewandt, „dass du bestimmt immer an JFK und den Warren Report gedacht hast, wenn ich dir von meinen Ermittlungen bei der Soko oder in Salzgitter erzählt habe. Und kann ja auch sein, dass ich ab und zu zu misstrauisch war, ist vielleicht auch ne Neurose, denn mir ist schon klar, dass es Zufall gibt, ist immer klar gewesen, und manchmal ist der begründetste Verdacht einfach nur falsch.“ Er schaut jetzt wieder zu Miriam. „Und es war ja auch gut, dass ihr alle gedacht habt, ich sei endgültig gaga geworden, als ich mich, als Paula krank war, in mein Zimmer eingeschlossen habe, um Trüb-Sahl was zu blasen, und ich bin“ – er muss schlucken – „unendlich traurig, dass ich dich alleingelassen habe damals. Wenn ich an Paula denke –“ Ihm rinnen jetzt zu seiner Überraschung Tränen die Wangen herunter, die ersten seit er weiß nicht mehr wann, er wischt sie mit einer zerknüllten Serviette weg, um darauf alle verbleibende Kraft in die Festigkeit seiner Stimme zu investieren. „Ich weiß“, sagt er, „dass ich das nie wieder gut machen kann … Aber mit euch zusammen kann ich vielleicht den einen kleinen Beitrag noch leisten für eine Welt, in der Paula gerne gelebt hätte, denn –“, er schluckt nochmal, „was da gerade läuft ist, ist …“ – er dreht sich wieder zu Martin, um darauf den Gedanken zu komplettieren: „Wenn du nicht gleich lachen würdest, Martin, um danach eine philosophische Diskussion anzustrengen, würd ich sagen, es ist vom Teufel. Aber der existiert natürlich nur in den schlimmsten Verschwörungstheorien …“ Die Anspielung auf ihren einstmaligen Zwist löst spontan die Spannung und, Alkohol sei Dank, effektiver, als man sich’s beim Lesen eines reinen Sprachprotokolls vorstellen könnte: Miriam wiederholt „… vom Teufel“ und fängt an zu kichern, was eine neue Kaskade hysterischen Gelächters auslöst … Als sie sich wieder beruhigen, sagt Peter: „Das Ding kann die Arschlöcher jedenfalls direkt in den Tartaros schicken. Denke ich. Aber ich, meine Lieben, hab den Teufel schon immer gesehen, auch wenn ich’s damals nicht wusste, Martin, als wir gemeinsam gelesen haben. Weswegen ich auch vorschlage, dass wir die Sache hier und jetzt beenden, denn ihr müsst euch das Teil nüchtern durchlesen und in Ruhe und getrennt, und dann können wir weitersehen.“ *** Es ist kurz nach elf, und sie läuten das Ende des Abends ein, es mag zwar Walpurgisnacht sein, aber sie brauchen jetzt Schlaf statt Schabernack, morgen wollen sie alle wieder fit sein, Frühstück um 8 Uhr, danach Lektüre und ausführliche Lagebesprechung. Und danach: nach vorne schauen. Zum Abschied greift Peter in sein Jackett, um die zusammengefalteten Seiten über ‚Operation Jungfrau‘, die ihm Lorenz Zuse in Potsdam gegeben hat, herauszufischen und Martin in die Hand zu drücken. „Vielleicht magst du das ja morgen früh gleich lesen, vorausgesetzt dein Schädel brummt nicht zu laut. Aber pass gut drauf auf, gibt nur eine Kopie noch, und die ist in fucking Bremen.“ „Klar, mach ich, Danke, Peter“, sagt Martin und umarmt Peter noch einmal. „Ich bin so froh, dass ihr hier seid“, sagt er, als er Peters Brust an seine drückt. Danach noch eine Umarmung mit Miriam, und sie sagen sich gute Nacht. Kurz bevor die Tür zu seinem Zimmer wieder ins Schloss fällt, hört Martin noch Miriam zu Peter sagen: „Dein Zimmer oder meins?“ Peters Antwort hört er nicht mehr. Kapitel 9 „Meins, das ist näher“, sagt Peter und schlingt seinen rechten Arm um Miriams Hüfte, fasst sie fest, und sie legt ihren linken um die seine, ganz eng, so eng, dass sie nur ganz langsam gehen können, aber macht nix, sie gehen ohnehin nur drei Schritte, dann stehen sie unter der gläsernen Kuppel in der kleinen stillen Halle und küssen sich, küssen sich richtig, küssen sich wie sie sich zuletzt nur geküsst haben, als Paula, als ihre Tochter, Paula, noch gesund war. Sie lösen sich erst aus ihrer Verschlungenheit, ihrer Versunkenheit, als sie vom Erdgeschoß unter ihnen plötzlich Stimmen hören. Andere Gäste, die aus dem Starboard Room zurück in Richtung ihrer Zimmer taumeln. Das Taumeln können sie hören, nicht nur in den Stimmen, auch im Rhythmus der Schritte, die nach oben schallen, vielleicht auch weil sie selber taumeln, die einzige Fortbewegungsweise, die diesen Zeiten angemessen scheint, jetzt – am gelben Fisch vorbei – in Peters Zimmer hinein. *** Martin Kramer denkt kurz darüber nach, nochmal nach draußen zu gehen, um eine Zigarette zu rauchen, entscheidet sich dann aber fürs Zähneputzen. Was ihm Monsieur Bleu freundlich dankt. *** Miriam und Peter haben alle Distanz zwischen sich verloren, es ist, als sei es das erste Mal, als begegneten sich zwei Körper, die sich gerade noch vollkommen fremd waren aber plötzlich alle Schranken vergessen, sich verlieren, aneinander, ineinander, ohne Vergangenheit, nur im Jetzt, einig, einzig. Es verbleiben noch 25 Minuten, bis es an der Tür klopfen wird. *** Martin hat Peters Dokument gemeinsam mit der ungelesenen Ausgabe des Guardians vom Morgen mit ins Bett genommen, verschiebt sämtliche Lektüre dann aber, da die Zeilen zu verschwimmen scheinen, auf den Morgen, und als Monsieur Blue eine Schlummelwelle sendet, versinkt er auf Anhieb in jenen ersten Tiefschlaf, der einem nur nach ordentlich viel Aufregung am Tag oder ordentlich viel Alkohol am Abend vergönnt ist. Und heute hat er beides gehabt. *** „Hast du Zigaretten?“ fragt Miriam, die selbst nur überaus selten in ihrem Leben geraucht hat, immer nur zu special occasions, und zwar nur freudiger Natur, und eine bessere, findet sie gerade, hat sie seit der Geburt Paulas sicher nicht mehr gehabt. „Hab ich“, sagt Peter, „aber willst du wirklich rausgehen?“ „Quatsch“, sagt Miriam, „wir machen das Fenster auf und steigen raus. Ist doch Walvernacht!“ Auf seiner südlichen Langseite ist die Fassade des Gemeindehauses schon immer eher schmucklos gewesen, was die Architekten des Investors aus Singapur dazu bewogen hat, die komplette Südseite des Hotels hinter einer Art stählernem Vorhang zu verbergen, einer Fassade vor der Fassade, mit sich immer wiederholenden geometrischen Mustern, die Blicke und Luft durchlassen. Zwischen äußerer Stahlhaut und inneren Mauern ein Gerüst von Stahlträgern und Planken. Auf die man locker aus den Fenstern steigen kann. „Ernsthaft?“ fragt Peter. „Wir wollen doch wohl kaum nen Feueralarm auslösen“, antwortet Miriam. *** Kramer träumt. Wofür sich sein Gehirn die Szenerie der Fernsehserie borgt, die er vor Wochen zu schauen angefangen hat. A Creek and Fall. Herbst, raschelnde Ähren, eine schon am Nachmittag tiefstehende Sonne, die langen Schatten schwitzender Farmer, die ein Lied singen, dessen Melodie er später nicht mehr erinnern kann, er weiß nur, dass sie schön war, verführerisch, nachmittäglich leuchtend … irgendwo ein Baum, und dann Pferde, ganz sicher sieht er Pferde … die einen Mähdrescher ziehen … *** „Hey“, sagt Miriam, „ist das die Knarre aus Nottingham?“ „Ja“, sagt Peter, denn natürlich hat er sein Zimmer nicht ohne seine neue Waffe verlassen. Schließlich hat nicht ahnen können, dass ihn seine Frau und sein bester Freund vor der Tür begrüßen würden, dass er sicher war … Die Glock liegt auf Peters Jackett, und das Jackett liegt dort, wo er es hat fallen lassen, einen Meter vom Bett. „Cooles Teil“, sagt Miriam, „so viel direkter als Code.“ „Allerdings“, sagt Peter. Miriam wiegt die Waffe in ihren Händen. „Ich muss mal kurz pischern“, sagt Peter. *** Nichts niemand nirgends nie … Martin Kramer ist nach seinem ersten Tief- und Traumschlaf plötzlich wieder hellwach. Und sieht seine Traumbilder langsam unschärfer werden und sucht verzweifelt nach dem kleinen Stück maritimen Tau, an das er sich beim Aufwachen erinnert, lose in eine Schlinge geknotet … ah, da ist sie wieder, die Schlinge, sie war in der Peripherie, sie hing an einem Baum, wo auch sonst … Er sackt noch einmal weg und sieht diesmal Nana, die Mexikanerin aus Folge 1, die allerdings Sekunden später aussieht wie Anna, die Frau, mit der einst verheiratet war, die Frau, die er hat Blut spucken sehen, und Blut spuckt sie auch jetzt – nein, falsch – nachdem ihr einer der Gringos in den Bauch tritt, spukt sie nicht Blut, sie speit es … *** Miriam und Peter sind durchs Fenster und von dort von einem Quer- auf einen Längsträger gestiegen, auf dem man bequem stehen und sich von innen an die stählerne Außenhaut des Hotels mit Blick auf den Wohnbereich von Peters Suite anlehnen kann. Peter hat das Päckchen Indian Spirit mit nach draußen genommen, Miriam noch immer die Glock in der Hand. Er hält ihr die Schachtel hin und schüttelt sie ein wenig, damit ein paar Zigaretten aus der Schachtel zum einfacheren Greifen hervorlugen. Miriam bedient sich, dann nimmt sich Peter eine und zückt sein Feuerzeug. Er gibt Miriam Feuer, dann zündet er sich selbst eine an. Sie nehmen beide einen Zug und schauen sich an, wie sich sonst nur frisch Verliebte anschauen können. Sie stehen nebeneinander und halten Händchen. „Auf Walpurgisnacht“, sagt Peter. „Auf Walpurgisnacht“, sagt Miriam. Danach rauchen sie schweigend weiter, das Gerüst auf dem sie stehen, bestaunend und, als sie sich beide kurz wenden, die quadratischen Muster, die in den Stahl gestanzt sind. „Nicht klar, ob wir drin sind oder draußen“, sagt Peter. „Und kein Maschendraht, den man eben mal lüpfen kann“, sagt Miriam. Sie schnippen die ausgerauchten Kippen weg und Peter sagt: „Noch eine?“ „Aber immer“, sagt Miriam. Sie nehmen einen Zug von der neuen Zigarette und auch noch einen zweiten. Dann hören sie es laut klopfen an der Tür zu 106. „Das muss Martin sein“, sagt Peter. „Ich geh, bleib du hier. Wenn einer noch eine mit uns hier drinnen=draußen rauchen will, dann Martin.“ Peter klettert zurück auf den Querträger unter dem Fenster und steigt durch den Rahmen zurück ins Zimmer. Er dreht sich noch einmal um. Und sagt: „Ich liebe Dich, Miriam.“ (Und zwar genau so, also mit dem verflixten e – kein ich ‚ich lieb dich‘, keine sonstige Wendung, die vor Allertiefstem zurückscheut.) „Ich liebe dich, Peter“, sagt Miriam. Auch mit e – hat sie, wenn man ganz genau zählt, nur elfmal zuvor zu Peter so gesagt. Jetzt ist das dutzend voll. Kapitel 10 Miriam hört, wie Peter die Tür aufmacht. Und dann hört sie ein Ploppen, das ein wenig so klingt wie der sanfte Knall eines Champagnerkorkens, der spontan der Flasche entweicht. Nur dass sie keine Flasche mehr bestellt haben … Also Martin, der vor Aufregung nicht schlafen kann und weiter trinken will? Dann ploppt es noch einmal und auch noch ein drittes Mal. Instinktiv schnippt Miriam ihre Zigarette weg und fasst die Glock in ihrer rechten Hand. *** Der Schwall von Blut aus Nanas Rachen weckt Kramer auf. Monsieur Blau schaut verdutzt. Champagnerkorken klingen. *** Blindem Instinkt folgend ist Miriam das Gerüst zwischen Mauer und Stahl ein Stockwerk nach oben geklettert. Es pocht in ihrem Kopf so sehr, dass sie fürchtet, er könne explodieren. Und soll er doch, dann ist es vorbei. Denn sie weiß, was gerade passiert ist, auch wenn sie es nicht gesehen hat. Peter ist tot. Erschossen. Mit Schalldämpfer. *** Martin ist aufgestanden, ist in seine Jeans geschlüpft und hat sich ein T-Shirt übergeworfen. Irgendwie weiß er, dass das Ploppen nicht Teil seines Traums gewesen ist. Er lugt aus seiner Tür heraus und sieht, dass die Tür zu Peters Zimmer offensteht. Ohne nachzudenken, überquert er die kleine Halle und steht neben dem gelben Fisch, als er zwei Männer miteinander reden hört. „Ok, let’s find the bloody papers”, sagt der eine. „Ok”, sagt der andere. Die Stimmen kommen aus den Tiefen des Zimmers, weswegen sich Martin noch einen Schritt vorwagt – nur um zurückzuscheuen, als er Peters leblosen Körper im Korridor liegen sieht. *** Miriam schaut nach rechts, links, oben und unten, und überall sieht es so aus, als sei die metallene Außenhaut des Hotels, so viele quadratische Löcher sie auch hat, für jemanden, der menschgroß ist, hermetisch geschlossen. Sie überlegt exakt zwei Sekunden lang und entscheidet sich dann für eine der ältesten Maximen strategischer Kriegsführung: Angriff ist die beste Verteidigung. Und als sie hört, wie einer der beiden Killer von Papieren spricht, weiß sie, dass sie auch den Vorteil der Überraschung auf ihrer Seite hat. Sie suchen nicht nach ihr, sie suchen nach dem Material von Lorenz Zuse. *** Martin will eigentlich einfach nur weg, sich verkriechen, seinetwegen beten selbst, er weiß nicht, was er tun soll, das hier ist Handlung und nicht Dialog, alles ist echt, auch die Leiche Peters – dessen Gesicht er kurz sieht, als er sich von der einen Seite der Tür auf die andere verdrückt. Ist das ein Lächeln auf Peters totem Antlitz oder ein Strahlen gar? Oder ein sardonisches Grinsen? And where the fuck is Miriam? *** Sie ist keine vier Meter entfernt. Sie hat sich eine halbe Etage heruntergehangelt. Und hat einen der beiden Killer im Visier. Das Problem ist nur, wenn sie jetzt abdrückt, ist sie Toast für den anderen. *** Martin steht links von der Tür und ist gelähmt. Vielleicht sollte er die Polizei rufen? Aber bis die da ist … Und wie das alles erklären? Die Gedanken überschlagen sich in seinem Kopf, führen aber nirgendwo hin. Genauso könnte er an nichts denken. *** Miriam wartet. Und zählt: einundzwanzig zweiundzwanzig dreiundzwanzig … Bei dreiundvierzig kommt der zweite Mann ins Bild. Die beiden durchsuchen jetzt die Schränke im Wohnbereich der Suite. Ihre einzige Bewegung, die ihrer sich zunehmend bückenden Oberkörper, um die tieferen Regionen der beiden Einbauschränke zu durchstöbern. Eine bessere Chance wird sich Miriam nicht bieten. Und so drückt sie ab, einmal zweimal, und der erste Mann fällt, dreimal viermal fünfmal, und der zweite ist am Boden. *** Entgegen allem, was die Vernunft gebietet, wenn man Schüsse in einem Zimmer hört, rennt Martin nicht weg sondern rein, vielleicht folgt er dabei einem Freudschen Todestrieb, vielleicht will er sich zu Peter und Miriam ins Jenseits gesellen – er denkt darüber später des Öfteren nach und kann es nie ganz klären – aber es ist auch egal, denn, als er über den winzigen Flur an Peters Leiche vorbei in den Wohnraum von 106 stolpert, stehen ihm keine feindlichen Mörder gegenüber sondern stattdessen nur Miriam, die sich zurück durchs Fenster gehangelt hat, um ihre beiden Opfer zu bestaunen und darauf, als sie den Kopf hebt, ihn – Martin Kramer – Publikum statt Akteur. *** Miriam ist auf Autopilot, keine Ahnung, woher das kommt, warum sie das kann. Sie bückt sich, um die beiden Häscher, die sie erschossen hat, zu entwaffnen, prüft dabei kurz den Puls an ihren Hälsen, nichts da, nicht mal ein Echo mehr, gut, die stehen nicht mehr auf, aber die Waffen nimmt sie trotzdem. Martin steht derweil wie zur Salzsäule erstarrt und schaut ihr zu, bis Miriam ihn anschnauzt: „Such Peters Sachen zusammen, nimm seinen Rucksack, und mach vor allem die Tür mal zu!“ Martin gehorcht, Peters Rucksack liegt auf einem Stuhl am kleinen Esstisch vor der Küchenzeile, er schaut schnell hinein und befühlt die Innentaschen mit seinen Fingern, Brieftasche, Munition, Schlüsselbund – warum hat er die Sachen nicht in seinem Safe verstaut? Vielleicht weil er gedacht hat, dass es irgendwann ganz plötzlich gehen muss, so wie jetzt … „Er scheint alles Wichtige im Rucksack zu haben“, sagt Martin, so als würde Peter noch leben und nicht mit einem Loch in der Stirn im Flur liegen, um ihn herum inzwischen ein kleiner See von frischem Blut. „Gut“, sagt Miriam, die sich jetzt über den Leichnam ihres Ehemanns bückt. Martin sieht, wie sie ihm zärtlich über die linke Wange streicht, an der sich verblüffenderweise kein einziger Spritzer befindet. Oder hat Miriam die jetzt an ihrem Handrücken? „Adieu, mein Lieber“, sagt Miriam. Dann steht sie auf, steigt über Peters Beine hinweg zur Tür, und lauscht an ihr. „Alles still“, sagt sie. „Dann mach mal den Rucksack auf.“ Martin öffnet den Reißverschluss, und Miriam wirft die beiden Pistolen und Ersatzmagazine hinein, die sie Peters Mördern abgenommen hat. „Mach ihn wieder zu“, sagt Miriam. Sie geht zurück zur Tür, lauscht wieder, immer noch kein Mucks. „Scheint, Schüsse beunruhigen hier niemanden. Aber vielleicht traut sich auch nur keiner hoch und die Polizei ist schon auf dem Weg. Weißt du, ob’s hier Kameras gibt?“ „Keine Ahnung“, sagt Martin, „aber wir sind in London. In der kleinen Halle wird es mit Sicherheit eine geben.“ „Shit“, sagt Miriam. „Dann müssen wir aus dem Fenster. Dann irgendwie zurück auf die Straße und durch den Vordereingang wieder rein. Du hast Deine Karte?“ „Für mein Zimmer?“ Martin Kramer ist so langsam im Kopf wie sonst nicht mal im Vollrausch. „Für was sonst“, sagt Miriam. „Los, komm! Aber vergiss den Rucksack nicht!“ „Ja, hab ich“, sagt Martin. Miriam geht zurück zum Fenster und ist mit einem beherzten Sprung auf dem breiten Stahlträger, der parallel zur Außenwand verläuft. Martin setzt sich den Rucksack auf und macht es ihr einfach nach. Sie klettern nach unten, an einer Stelle müssen sie sich dafür verdammt dünn machen und Kramer muss den Rucksack absetzen, sonst passt er nicht durch. Er schiebt erst sich selbst zwischen den beiden Stahlpfeilern durch, will dann den Rucksack nachziehen, aber er entgleitet ihm. Mit einem dumpfen Plong landet er auf dem Boden. „Scheiße“, sagt Martin. Und fügt hinzu: „Sorry.“ „Kein Problem“, sagt Miriam, da müssen wir ja eh hin, und keine zwei Minuten später sind sie am Fuß des Gerüsts und lesen den Rucksack auf, diesmal hängt ihn sich Miriam über. Sie tasten sich an der Wand entlang Richtung Hotelbug, dann tasten sie die stählerne Umhüllung ab auf der Suche nach einer Öffnung, einem Griff, es kann doch nicht sein, dass man hier gefangen ist, das hat doch auch aus feuerpolizeilichen Aspekten keinen Sinn, es muss eine Tür geben, und zwar eine, die man ohne Schlüssel öffnen kann. Aber sie sind jetzt ganz am Ende des schmalen Gangs und haben nichts gefunden. Plötzlich hören sie eine Sirene. „Himmel“, sagt Miriam. Sie stehen still, rühren sich nicht, atmen kaum, die Sirene kommt näher und näher, es wird infernalisch laut, dann wird es wieder leiser und immer weiter leiser, als das Polizeiauto das Hotel passiert hat und Cambridge Heath Road folgend gen Norden verschwindet. „Nochmal Glück gehabt“, sagt Miriam. „Jetzt müssen wir nur noch einen Weg aus diesem Käfig finden.“ Aber das Glück hat sie verlassen. Vielleicht finden sie es am hinteren Ende des Innenhofs. Um dorthin zu gelangen, müssen sie an einer Stelle erst nochmal nach oben klettern, an einem Zimmer vorbei, in dem noch Licht brennt. Sie halten ein, starren auf den illuminierten Vorhang, nichts rührt sich, auch kein Fernsehflackern, vielleicht ist hier einfach jemand lesend eingeschlafen. „Langsam und geduckt, oder aufrecht und schnell?“ fragt Martin, froh, dass er zur Abwechslung wenigstens einmal die Optionen, die sich ihnen bieten, benennen kann. „Schnell“, sagt Miriam, dann sind wir durch die Vorhänge, selbst wenn da einer wach liegt und dummerweise gerade guckt, nur ein huschender Schatten.“ „Okay“, sagt Martin, und gesagt, getan, mit dreivier großen Schritten sind sie an dem Zimmer vorbei, danach wieder runter auf die Erdoberfläche. Wieder tasten sich an der Stahlverkleidung entlang, wieder prüfen sie jedes Loch, das aussieht, als könnte es ein Griff sein, wieder haben sie kein Glück. Also muss der Ausgang ganz am Ende sein. Und vielleicht ist er da ja auch. Nur dass sie ihn nicht finden, dass sie den Trick nicht finden. Jetzt bleibt nur noch ein Weg, der zurück durch 106 … *** Frustriert tritt Martin mit voller Wucht gegen die kurze Seite der Stahlhaut am Ende des Gangs, so dass sie erzittert und gongt. „Bist du verrückt geworden?“ zischt Miriam ihn an. „Sorry“, sagt Martin und will sich aufmachen, zurück gen 106. Ihm graut schon vor dem Zimmer, in dem noch Licht brennt, das sie wieder werden passieren müssen. Dann spürt er eine Hand auf seiner Schulter und erschrickt. Aber es ist nur Miriam, wer auch sonst. „Warte mal“, sagt Miriam und: „Schau mal da!“ Sie deutet auf eine Stelle im Metall knapp neben der, gegen die er getreten hat. Ist da ein kleiner Spalt im Stahl oder was? Ja, absolut, und der war vorher nicht da, da sind sich beide sicher. Martin lehnt sich gegen die Stahlverkleidung, und es knarzt ein wenig, er erhöht den Druck, noch ein Knarzen, er kann jetzt spüren, dass der Stahl ein wenig nachgibt, dass muss eine Tür sein, nur dass sie anscheinend schon verdammt lange nicht mehr bewegt wurde oder doch am Ende abgeschlossen ist … Er drückt jetzt mit aller Kraft, aber vergeblich, der Stahl beugt sich keinen Millimeter mehr. „Lass mich mal“, sagt Miriam. Martin tritt zur Seite, und Miriam geht einen Schritt zurück. Sie hat die Stelle identifiziert, an der es klemmt, die Stelle, die sich nicht rühren will. Sie sitzt genau auf Hüfthöhe, dort wo man bei einer normalen Tür die Klinke hat. Sie holt tief Luft, dann kickt sie in einer karateartigen Bewegung mit der vollen Unterseite ihrer Stiefel gegen den Stahl, und trifft exakt dort, wo sie hat treffen wollen. Es kracht, die Tür schwingt auf. „Okay, darüber zu den Autos, schnell!“ Miriam fürchtet, dass man sie, als sie die paar Meter über den Hof rennen, auf den Sicherheitskameras des Hotels sehen kann, aber bei den Autos sind sie sicher, die Autos bieten Sichtschutz und man kann sich zwischen ihnen nach vorne gen Straße schlängeln und so womöglich entkommen, selbst wenn sie durch das Öffnen der verborgenen Tür einen Alarm ausgelöst haben sollten. Sie warten. Fünf Minuten, zehn Minuten, es fahren immer wieder ein paar Autos über Cambridge Heath Road, sonst ist alles ruhig. Kramer denkt, es muss eine Stunde verstrichen sein, ihm ist vollkommen unklar, worauf sie warten, warum nicht einfach zum Eingang gehen und die Polizei rufen und sich schlafen legen. Morgen alles erklären, war doch nur Notwehr, die Polizisten werden das verstehen, und bei der Gelegenheit können sie auch gleich Peters Material in sichere Hände übergeben, und Scotland Yard kann die Unterlagen an Prime Minister Johnson weiterleiten, und der kann den internationalen Gerichtshof anrufen, und alles wird gut. Das ist doch ein eins-a Plan! Nach einer Viertelstunde, die sie hinter einem Vierer BMW ducken, hören sie auf einmal Schritte, aber es sind nur Passanten, die Cambridge Heath Road entlang zu Bethnal Green Tube Station laufen. „Ich denke, wir sind jetzt einigermaßen sicher“, flüstert Miriam in Martins rechtes Ohr und drückt kurz seine rechte Hand, als er nicht reagiert. Martin schaut sie an, und Miriam sieht die Verwirrung, die in Martins Gesicht geschrieben ist, und zwar in Großbuchstaben. Sie gibt ihm einen kleinen Klapps auf die Wange und sagt: „Aufwachen, Herr Kramer.“ Zu Miriams nicht ungroßer Erleichterung fokussieren Martins Augen wieder, und sie erklärt ihm, was sie vorhat. „Wir gehen jetzt ganz entspannt über den Hof auf den Gehweg, und von dort ganz entspannt zum Haupteingang, am besten wir halten Händchen, okay? Und wenn wir an der Rezeption vorbeigehen, nicken wir dem Nachtportier zu und du legst deinen Arm und mich und schaust ein wenig lüstern. Dann gehen wir die große Treppe hoch, geben uns oben einen Kuss und sagen laut genug, damit die’s unten hören, sowas wie „See you in a minute“. Von dort gehst durch den langen Gang nach vorn, durch die Tür durch und an 106 vorbei, wo du bitte weder stehenbleibst, noch nach links oder rechts schaust, sondern schnurstracks am Fisch vorbei, quer durch die Halle und in dein Zimmer, wo du die die Unterlagen holst, die dir Peter gegeben hat –“ „Zu Operation Jungfrau“, murmelt Kramer, dem das langsam alles ziemlich viel Information wird. „Genau“, sagt Miriam. „Und dann packst du deine allernötigsten Sachen und gehst auf demselben Weg zurück zur großen Treppe und von dort über die Seitentreppe nach oben in den dritten Stock. Ich bin in 314. Wo du klopfst, zweimal kurz, dann nochmal zweimal kurz. Kannst du dir das merken, Martin?“ fragt Miriam, die es etwas beunruhigt, wie Martin plötzlich wieder ins Unendliche zu schauen scheint. „Zweimal kurz und nochmal zweimal kurz“, sagt Martin. „Genau“, sagt Miriam, „zweimal zweimal. Alles klar? Dann los!“ Sie richten sich auf, Miriam nimmt Martins Hand in die ihre, es sind nur ein paar Schritte bis zum Gehweg, sie biegen nach rechts, gehen an der Kurzseite des Hotels vorbei, in dem sich der Starboard Room befindet, auf der Straße zwei Autos aber keine Fußgänger weit und breit, nach zehn, zwölf Schritten biegen sie wieder nach rechts in Patriot Square, früher vielleicht tatsächlich mal ein Platz, heute nur noch eine schmale Straße, die an der prächtigen nördlichen Langseite des Hotels entlang führt. Martin will gerade den nächsten Schritt Richtung Hoteleingang gehen, als Miriam an seiner Hand ruckt und ihn stattdessen, über die Straße zerrt, weiter nach Norden, weg vom Hotel, wieder Cambridge Heath Road entlang. Er ist verdutzt, folgt ihr aber mit Gottvertrauen. Miriam wird sich einen neuen noch besseren Plan ausgedacht haben. Aber Martin irrt. Miriam hat nur gesehen, was er nicht gesehen hat – eine Gruppe Polizisten, zum Teil in Uniform, zum Teil in Zivil, die über die Treppe ins Hotel marschieren. Sie müssen ohne Blaulicht gekommen sein. Dafür tragen sie Maschinenpistolen. TEIL 4 Kapitel 1 Sie erwachen vom Schrei einer Möwe, sie muss gleich vor ihrem Fenster sitzen, vielleicht hat sie etwas Aufregendes gesehen, vielleicht will sie einen Freund anlocken. Sie erschrecken ein wenig, auch als sie sich sehen und ihre Hände sehen, die sich ineinandergeschoben haben, aber sie ziehen sie nicht zurück, sie halten sich weiter, so wie sie es im Schlaf begonnen haben. Sie wissen, dass sie jetzt nur noch einander haben. Sie schauen sich an und sagen nichts, verstehen sich aber trotzdem in ihrer gemeinsamen Zerschlagenheit, verworfen, verloren. Es ist Dienstag, der 2. Mai 2028, kurz vor fünf Uhr morgens, englische Sommerzeit in Margate, Kent. Eine Stunde später sitzen sie auf dem durchgelegenen Doppelbett, ihre Rücken an das wacklige mahagonigebeizte Kopfende gelehnt, das ihre Kissen von der fleckigen Wand trennt. Sie haben den kleinen Fernseher eingeschaltet, der links von ihrem Bett neben dem Fenster steht, es ist der erste Röhrenfernseher, den Kramer seit über zwanzig Jahren gesehen hat. Ein Museumsstück, vielleicht gar wertvoll inzwischen, Kramer wäre nicht überrascht. Sie schauen BBC, und warten auf die Frühnachrichten. Die erste Nachricht kommt aus der Türkei: Kaiser Recep I ist im Alter von 74 Jahren einem Herzinfarkt erlegen. Die Krönung seines achtundvierzigjährigen Sohns, Ahmet Burak, befinde sich schon in Vorbereitung. Schnitt auf Prime Minister Johnson, der das Werk Receps des Ersten mit großer Emphase würdigt – von Receps ‚ökonomischer Vision‘, durch nichts besser veranschaulicht als den vor einem Jahrzehnt eröffneten Istanbul Grand Airport, der nach wie vor der größte der Welt ist, bis zur ‚Festigung des türkischen Staatswesens in nicht immer leichten Zeiten‘ – eine Anspielung auf den Putschversuch 2016, von dem viele glauben, dass er inszeniert war, und ein entscheidender Schritt auf dem Weg zur Kaiserkrönung. Gegen Ende der zweiminütigen Rede erwähnt Boris seine eigenen türkischen Wurzeln noch. Die zweite Nachricht kommt aus Rom, dem Sitz der Maritimen Allianz zur Bewachung der EU-Grenzen. In der Nacht habe man ein ehemaliges Kreuzfahrschiff südlich vor Malta aufgebracht, die SS Argonaut, an Bord über zweitausend Flüchtlinge aus Afrika. Nachdem eine Gruppe von Inspekteuren der Allianz die Argonaut bestiegen hätten, sei es auf selbiger zu Feuergefechten gekommen, worauf die Inspekteure die Argonaut fluchtartig hätten verlassen müssen. Einer der Offizier sei bei dieser Flucht ums Leben gekommen. Der Kapitän der Fregatte Lübeck, von der aus die Aktion geleitet worden sei, der deutsche Vizeadmiral, Maximilian Schleiermacher hätte daraufhin, Torpedofeuer befohlen. Die SS Argonaut sei gesunken, mit Überlebenden sei nicht zu rechnen. Die dritte Nachricht ist die erste aus GB und bleibt beim maritimen Thema. Finanzminister, Hymes Sterling, habe sich zu dem überraschenden Haushaltsüberschuss im Land geäußert, das Kabinett sei sich einig, sämtliche zusätzliche Mittel in den Verteidigungshaushalt zu investieren. Insbesondere in die Auffrischung des nuklearen Arsenals wolle man investieren, das sei lange überfällig, vierzehn neue U-Boote, die mit nuklearen Raketen auszurüsten seien, werde man in Auftrag geben. An dieser Stelle ein weiterer Clip mit Prime Minister Johnson, der sagt, man müsse wieder anknüpfen an die glorreichen Zeiten der Britischen Marine und Lord Horatio Nelson paraphrasiert: „While we cannot command winds and weather, we can command our own strengths.“ Die vierte Nachricht kommt aus Deutschland. Im Gefängnis von Berlin-Moabit habe es am Vortag einen Aufstand mehrerer Gefangenen gegeben, angezettelt von sieben Insassen, die alle führende Mitglieder der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands gewesen seien. Besagte Insassen seien mit Messern bewaffnet gewesen und hätten beim täglichen Ausgang im Hof des Gefängnisses versucht, die vier Wärter, die den Ausgang beaufsichtigten, zu erstechen. Einer der Wärter sei schwer verletzt worden, ein anderer leicht, von den sieben Gefangen seien sechs erschossen worden. Die fünfte Nachricht kommt ebenfalls aus Deutschland. Der Sprecher der Bundesregierung, Falk Greiffer, den man auch kurz auf dem Bildschirm reden sieht, habe weitere neun Hinrichtungen auf Antrag der Bundesregierung bekanntgegeben. Diesmal handele es sich aber nicht, sagt der Berlinkorrespondent der BBC, um Personen, die in den Berlin Blast verwickelt seien, sondern vornehmlich um Mörder und Sexualstraftäter. Auch die sechste Nachricht kommt aus Deutschland, diesmal aus Hamburg, wo eine nicht genehmigte Großdemonstration gegen die Bundesregierung zu gewalttätigen Ausschreitungen geführt habe. Die Bilder verraten, dass es den Demonstranten vor allem um die Todesstrafe geht, fast alle Plakate, die auf den Aufnahmen zu sehen sind, drehen sich um das Gesetz zur Änderung von Strafmaßen auf Antrag, was der Sprecher der BBC aber nicht näher erläutert. Zur Zerschlagung der Demonstration sei auch Militär eingesetzt worden, man sieht Panzer auf St. Pauli, eine Flak, die schießt. Es habe Tote und Verletzte gegeben, die genaue Zahl sei nicht bekannt, jedenfalls herrsche seit dem Morgen wieder Ruhe in der Hansestadt. Die siebte Nachricht kehrt zurück nach England. Der FC Chelsea habe einen neuen Eigentümer. Roman Abramovich habe in einer Pressekonferenz überraschend kundgetan, den Club verkauft zu haben, den Käufer habe er nicht benannt, aber Gerüchten zufolge handele es sich um einen deutschen Milliardär aus der Supermarktbranche. Die achte Nachricht bleibt beim Sport. Der Bürgermeister von London verkündet, die Stadt wolle sich um ein Formel 1 Rennen bewerben, Start und Ziel auf der Mall. Die neunte Nachricht ist schließlich die, auf die sie gewartet haben. Bezüglich der Murders of Bethnal Green gäbe es keine neuen Hinweise. Die Identität zweier der Toten, die man in dem zu einem Hotel umfunktionierten Gemeindehaus von Bethnal Green gestern gefunden habe, sei geklärt: es handele sich dabei um Ian Humphreys und Oscar Wilde. („What!“ entfleucht es Kramer bei der zweiten Namensnennung und schaut zu Miriam: „You killed Oscar Wilde!“ Sie müssen beide giggeln.) Beide hätten als undercover agents in den ‚nordirischen Kalamitäten‘ eine Rolle gespielt. Der dritte Tote sei noch nicht identifiziert, man gehe aber davon aus, dass es sich um einen deutschen Staatsbürger handele. Zu Motiven der Tat wisse man noch genauso wenig wie zur Identität der Täter. *** Margate ist einer jener Orte, die die englische Mittelklasse komplett verlassen hat. Kramer ist Mitte der Zehner Jahre schon einmal dort gewesen, um das neue Turner Contemporary Museum anzusehen – aus der Feder David Chipperfields, der auch für Wiederaufbau und Umgestaltung der Berliner Museumsinsel in den Merkeljahren verantwortlich gezeichnet hat. Kein schlechter Bau und keine schlechte Sammlung, wenn man denn eine Schwäche hat für die Young British Artists der Neunziger Jahre des vergangen Jahrhunderts, zumal für Tracey Emin, ohne die der Irrsinn, in einem heruntergekommenen Seaside Resort ein Weltklassemuseum zu errichten, wahrscheinlich nicht stattgefunden hätte, Emin, die 1999 den Turner Prize mit der Rekreation ihres versifften Betts gewonnen hat; Himmel, denkt Kramer, damals schon bei seinem ersten Besuch in Margate, was waren wir mal alle jung. Auch er hat sich einst in der Tate nicht dem Sog von Traceys Bett entziehen können, gelbliche Flecken auf den Laken, Zigarettenkippen überall, gebrauchte Kondome, einstmals gefüllt, jetzt vertrocknet, man steht davor und kann das Leben förmlich riechen, das Leben abseits der gepflegten Heimstätten derer, durch deren Kunstkäufe Tracey in den folgenden Jahren zu Weltruhm und erheblichem Reichtum gelangt. Einmal hat er sie in seinen Londoner Jahren persönlich getroffen, auf einer Party in Fournier Street, der schönsten aller Londoner Straßen, in die Gilbert und George, das legendäre Künstlerpaar, schon in den Siebzigern gezogen sind, als man im East End noch leicht eins auf die Fresse bekam, wenn man sich nicht als Asozialer unter Asozialen einreihte, aber damals war es billig … – jedenfalls erinnert er sich an die Party noch sehr genau, alles wunderbar gediegen in einem Haus, das in London kein Gleiches findet, mit Blick auf Nicholas Hawksmoors Kirche am Eingang der Straße, die er schon vor seinem Umzug nach London aus dem wunderbaren Roman Hawksmoor von Peter Ackroyd kennt, 6 Fournier Street, gleich neben der Rectory mit einem skulpturierten Garten hinter dem Haus, den man von außen nicht erahnen kann und in dem er die meiste Zeit an diesem Abend verbringt, weil er dort rauchen kann. Erst sehr spät am Abend stellt er fest, dass die Gastgeberin, die in der Tradition des Viertels, das einst von hugenottischen Webern gegründet wurde, ihr Geld mit Textilien gemacht hat, selbst drinnen raucht … und, schwupp, befindet er sich neben Tracey, dem Star des Abends, Tracey, die unter schwerster Legasthenie leidet, die durchaus einen Teil des Charmes ihres Werks ausmacht, das ausgiebigen Gebrauch von schlecht hingekritzelten Textzeilen macht. Vielleicht hat sie auch einfach nie richtig schreiben gelernt, who can tell, authentisch fühlt sich das allemal an. Jedenfalls ist die Pointe des Abends, dass Tracey irgendwann erzählt, sie würde gerne eine Doktorarbeit schreiben, und zwar: über sich selbst … Als er kurz nach der Eröffnung des neuen Chipperfield-Baus nach Margate reist, erwartet ihn dort eine Stadt, wie er keine zuvor gesehen hat. Es gibt hier niemanden mehr, den er bereit ist, als normal zu klassifizieren, und ihm kommen fast die Tränen, als er durch eine kleine Gasse in der Innenstadt marschiert, an der sich vor prächtig erhaltenen Tudorhäusern aus dem frühen 16. Jahrhundert achtlos hingeworfener Müll türmt. Seitdem hat sich in Margate nichts zum Besseren gewendet, Museum und Regeneration Plan hin oder her, es ist der abgerockteste Ort, den er je in Europa gesehen hat, und sie wohnen in einem jener Hotels, das vom Niedergang lebendig erzählt – grandiose Fassade, einstmals vermutlich weiß, heute schmutzig grau mit zufällig gesetzten Möwenschiss-Akzenten, innen eine Zeitreise tief ins vergangene Jahrhundert offerierend – die Fernseher vielleicht nur zwanzig, dreißig Jahre alt, die Teppiche mindestens fünfzig und ihre Matratze wahrscheinlich noch älter. Ein Hotel also, in dem beim Einchecken niemand nach dem Ausweis fragt. Perfekt für sie. *** „Wenn sie uns wirklich nicht auf CCTV haben, müssen wir zurück“, sagt Miriam. „Bis wann hattest du gebucht?“ „Bis morgen“, sagt Martin. „Ich auch“, sagt Miriam. „Was heißt, dass wir nix groß erklären müssen, wenn wir heute Abend zurückkommen.“ „Wenn’s kein Trick ist“, sagt Martin. „Aber wieso?“ fragt Miriam, „wieso sollte es ein Trick sein? Die Vorteile, unsere Bilder on national TV zu zeigen, sind doch riesig, und es gibt keinen wirklich Grund, warum sie uns in Sicherheit würden wägen wollen.“ „Nein?“ „Nein“, sagt Miriam firm. „Aber vielleicht haben sie die Kameraaufzeichnungen einfach noch nicht ausgewertet“, sagt Martin Kramer. „Guter Punkt“, sagt Miriam, „das wissen wir nicht, und du hast recht, das kann dauern. Aber was machen wir dann mit unseren Reservierungen. Einfach nicht aufzukreuzen zum Check-out ist vielleicht nicht so cool.“ „Anrufen?“ schlägt Kramer vor. „Aber mit welcher Story?“ fragt Miriam. Kramer, dessen Gehirn inzwischen wieder eingeschaltet ist, schlägt vor: „Wir sagen einfach, wir haben Freunde in Edinburgh besucht und sind da hängen geblieben. Das tut uns nix. Wir sollten nur mit einem Wegwerfhandy anrufen und sicherstellen, dass sie uns nicht orten können, falls die Polizei was vermutet.“ „Klingt gut“, sagt Miriam, die wieder in battle mode ist, keine Sekunde widmet sie mehr der Trauer und verschwendet auch keinen Gedanken an die Verdrängungsarbeit, die das alles für sie leistet. Es ist Krieg. Ihr Körper pumpt Adrenalin. „Wär schon gut, wieder meinen Pass zu haben“, sagt sie. „Wenn er denn noch was wert ist“, sagt Martin. „Hast du auch wieder recht“, sagt Miriam. „Aber lass es uns probieren.“ *** Sie verlassen das Hotel, spazieren ein wenig den Strand entlang, um nach zwanzig Minuten, in denen sie die ein oder andere Muschel aufheben und über den Tod des türkischen Kaisers reden, wieder stadteinwärts zu biegen, um beim nächsten Carphone Warhouse ein Prepaid Handy zu erwerben. Danach gehen sie zu einem Starbucks an der Strandpromenade, bestellen sich Espresso, setzen sich an einen Tisch draußen mit Blick aufs Meer, den seit Jahrzehnten von dieser Stelle niemand mehr in ihrer Einkommensklasse genossen hat, sehr schön eigentlich mit dem gelben Sand, der dem blauen Wasser Schranken zu versetzen sucht. Sie werfen eine Münze, es kommt Zahl. Martin muss im Town Hall anrufen. „Town Hall Hotel“, meldet sich eine weibliche Stimme mit spanischem Akzent. „Hello“, sagt Martin, „this is Martin Kramer. I’m in 103. Booked until tomorrow. And I was wondering whether I can stay for two more nights?” „Let me check this”, sagt die Spanierin. „I also have a friend, Miriam Thorbald, who is in 314 and who is, like myself, caught up in Edinburgh and would also need a couple more nights.” „Sure”, sagt die Spanierin, „let me have a look. Would you mind if I put you on hold while I check our system?” „No problem”, sagt Martin, um daraufhin den neusten Song von Coldplay im Ohr zu haben. Er erkennt die Stimme von Chris Martin sofort. Dass es die noch gibt, müssen doch alte Knacker sein inzwischen, genau gerechnet, etwa so alt wie er selbst. Er hat den Song zuvor noch nicht gehört, aber der Refrain verrät seinen Titel – „Orange“ … Mit achtzig dann also „Brown“ denkt Kramer, wenn Chris und ich es bis dahin schaffen … Chris Martin erreicht gerade den dritten Refrain, als sich die spanische Mitarbeiterin des Town Halls wieder meldet. „We can confirm both extensions, Mr Kramer“, sagt sie. „Wonderful”, sagt Kramer. „You have both our credit card details at hand?” „I do”, sagt die Spanierin. Kapitel 2 Sie schlendern gen Hotel. Als sie das Schaufenster eines Elektronikladens passieren, fragt Miriam: „Hast du noch Bargeld?“ „Nicht mehr besonders viel“, sagt Kramer. „Ein paar hundert Pfund vielleicht.“ „Das reicht“, sagt Miriam. „Wofür?“ fragt Kramer. Miriam bleibt stehen, wendet sich, um ihn anzuschauen, und deutet auf das Schaufenster, das jetzt ein paar Meter hinter ihnen liegt. „Um ein billiges Laptop zu kaufen und zu schauen, was es Neues von Thünen und Matuscheck gibt.“ „Gute Idee“, sagt Kramer und denkt, dass er immer noch nicht so schnell denkt wie Miriam. Aber vielleicht kann er das auch nicht einmal in Topform … „Ich kann natürlich auch mit Kreditkarte zahlen“, sagt er. „Nee“, sagt Miriam, „lieber nicht, wenn’s bar geht, sicher ist sicher.“ „Ok“, sagt Kramer, der sich seltsam wohl fühlt in der Rolle des einfachen Soldaten, der eine Befehlshaberin hat. Sie gehen in den Laden, der auch gebrauchte Ware feilhält und finden ein zehn Jahre altes Laptop, das Miriam für ausreichend hält und gerade mal 50 Pfund kosten soll. Sie handelt es auf 35 runter. Kramer zahlt und zählt dabei schnell sein Restgeld. Nach dem Erwerb des Laptops hat er noch 350 Pfund und 500 Euro in der Tasche. Kurz denkt er an die all die Scheine im Schließfach in Baden-Baden. Warum ist er nur so ängstlich gewesen? Warum hat er nicht wenigstens die erlaubten zehntausend mitgenommen? Ah, da fällt es ihm wieder ein – der Fall Cornelius Gurlitt … dem es zum Strick wurde, dass er die exakt erlaubte Summe Bares im Zug mit sich trug … Man darf einfach nicht davon ausgehen, dass vollkommen legales Verhalten keine Ermittlungen nach sich führt. Rauch und vermutetes Feuer … Mit idealem Rechtsstaat hat das nichts zu tun, mit der Praxis sehr viel … Trotzdem hätte er mutiger sein können, denn wie oft ist er denn in seinem Leben schon kontrolliert worden an der Grenze? Einmal lautet die Antwort, und selbst bei diesem einem Mal hätte er Drogen oder Bares in den inneren Fächern seiner Taschen versteckt haben können, denn so genau haben sie nicht geguckt … Aber verschüttete Milch, die Scheine sind bei der Löwenbank in Baden-Baden und nicht in seinem Portemonnaie. *** Zurück im Hotel setzt sich Miriam sogleich an den neuen kleinen Rechner. „Wird ein wenig dauern“, sagt sie, „hol du uns doch vielleicht noch eine Flasche Wein.“ Kramer gehorcht. Unweit ihres Hotels gibt es einen Tesco, und der hält tatsächlich einen gekühlten Weißen aus Chile feil, der erträglich sein sollte und einen Schraubverschluss hat, so dass er nicht noch nach einem Korkenzieher suchen muss. Er nimmt zwei und fragt an der Kasse auch noch nach einem Päckchen Zigaretten, und sie haben tatsächlich die gesunden Winston, sehr gut. Als er ins Zimmer zurückkommt, sagt Miriam: „Super Timing, gleich bin ich drin. Mach doch schon mal die Flasche auf.“ Kramer gehorcht mit einer Drehung des rechten Handgelenks und füllt zwei der Plastikbecher, die das Grand Sea View Hotel seinen Gästen in den Zimmern zur Verfügung stellt. Als er einen der Becher neben Miriam stellen will, entweicht dieser ein spitzer Schrei, gefolgt von einem kaum minder lauten Fluch, der Kramer zusammenzucken lässt, so dass der Plastikbecher ein Viertel seiner Flüssigkeit verliert, die sich auf sehr natürliche Weise im Teppichboden ihres Zimmers verliert. „Die Arschficker haben mich entdeckt!“ sagt Miriam. Unter anderen Umständen wäre Kramer ob der Formulierung Miriams konsterniert gewesen, aber jetzt verkörpert ihre Wortwahl für ihn nur reine Präzision. „Ich komm nicht mehr rein“, sagt Miriam, und Kramer hört unfassbare Enttäuschung in ihrer Stimme. „Aber wenigstens haben sie meine IP nicht. Bin über den Mahoney Server gegangen.“ Ganz genau weiß Kramer nicht, was das bedeutet, nur soviel: Thünen weiß jetzt, dass Miriam ihn gehackt hat, weiß aber nicht, dass sie jetzt in Margate sind. Sie brauchen für die erste Flasche Wein kaum mehr als zwanzig Minuten. *** „Wollen wir denn jetzt noch London fahren?“ fragt Kramer. „Nein“, sagt Miriam, „lass uns noch eine Nacht warten. Wenn sie uns dann immer noch nicht suchen, auf dem schnellsten Weg hin, und rein und raus und weg.“ „Wohin weg?“ fragt Kramer. „Können wir dann sehen“ sagt Miriam. „Kommt drauf an, was in Zuses Dokument wirklich steht.“ Kramer hat ihr irgendwann auf ihrer Flucht aus London berichten müssen, dass es noch auf seinem Nachttisch liegt. Sie haben die zweite Flasche halb ausgetrunken, als sie der Hunger überkommt, also nochmal raus, die Strandpromenade entlang und zu einem Fish & Chips Shop. Sie sind begeistert von der Frische des Kabeljaus und der Feinheit der Panade, die den Kabeljau umhüllt, letzteres überraschender als ersteres, aber vielleicht ist es auch einfach nur der Hunger, der Kramer sagen lässt, dass er in London noch nie eine so gute Portion Fish & Chips gehabt habe, das hier sei wirklich Poseidon’s Paradise, so der Name des Shops. Noch ein kleiner Strandspaziergang, in dessen Verlauf sich irgendwann wieder ihre Hände ineinander schließen, was beider Bewusstsein nicht wirklich registriert, kurz die Schuhe aus, um das Meer an den Füßen zu spüren, danach durch den Sand, um selbigen wieder los zu werden, und als die Sonne versinkt, wieder Richtung Grand Sea View, jedoch nicht ohne den Erwerb einer Flasche Vodka auf dem Weg dorthin, denn viel ist nicht mehr übrig in der zweiten Weinflasche und bestimmt ist sie eh zu warm jetzt. *** In den Abendnachrichten neue Bilder aus der Türkei, Staatstrauer, Flaggen auf Halbmast, die Straßen, in denen sich die Autos sonst Stoßstange an Stoßstange reihen, verlassen und leer, aber auf den Plätzen Ansammlungen von Menschen, die schwarze Armbinden tragen und türkische Flaggen schwenken, alle Frauen im Hidschab, der seit der Krönung Kaiser Receps des Erstens per Gesetz verbindlich vorgeschrieben ist. Aus Deutschland nur ein kurzer Bericht, der vermeldet, dass Spezialeinheiten der deutschen Polizei in Folge des Gefängnisaufstands von Berlin-Moabit 34 weitere SPD-Mitglieder verhaftet hätten sowie 14 Mitglieder anderer Oppositionsparteien, darunter die Vorsitzenden der Grünen, der Linken und der FDP, denen allen Landesverrat vorgeworfen sei. Die Morde von Bethnal Green kommen nicht vor in den Nachrichten. Danach eine Sondersendung zur SS Argonaut. Sowohl Präsidentin Obama als auch der neu gewählte Präsident der Volksrepublik China, Hu Zhou, sind zu sehen – beide protestieren gegen das ‚unmenschliche‘ Vorgehen der Europäer und kündigen Resolutionen im UN-Sicherheitsrat an. Für die Maritime Allianz zur Bewachung der EU-Grenzen spricht die Vorsitzende ihres Exekutivrats, die Deutsche Außenministerin, Kathrin Henkel, schwarze Hosen, weiße Bluse, meerblaues Jackett. Sie drückt ihr Bedauern über die ‚Vielzahl der Toten‘ aus (der BBC-Sprecher hat zuvor deren Zahl von zwei- auf dreitausend nach oben korrigiert), erklärt aber dann, dass Vizeadmiral Schleiermacher ‚keine Wahl‘ gehabt habe, seine Entscheidung, die SS Argonaut zu torpedieren, sei vollkommen vom Regelwerk der Allianz gedeckt, und sie hoffe, dass ‚so furchtbar‘ die Ereignisse auch seien, sie künftiger Abschreckung und ‚damit schlussendlich‘ einem besseren Leben auf beiden Seiten des Mittelmeers dienen würden. Mit den Regierungen der USA und China habe man gesprochen und die Allianz gehe davon aus, dass der UN-Sicherheitsrat die Aktion nach gründlicher Beratung decken müsse. Premier Johnson hält sich bedeckt, lässt aber seinen Außenminister, Sam Burlough-Brodwick zu Wort kommen, der erklärt, dass das Vereinigte Königreich, obwohl es ja nicht Teil der Maritimen Allianz sei, durchaus Verständnis habe für das ‚rigorose Vorgehen‘, wozu habe man schon Regeln, wenn man sie nicht durchzusetzen bereit sei, könne man sie sich gleich sparen – womöglich, und hier verstehe er sowohl Präsidentin Obama wie Präsidenten Zhou, böte sich aber im ‚Licht dieser Tragödie‘ an, die Regeln zu überprüfen. Erschöpft lassen sie den Röhrenfernseher danach noch ein wenig flimmern – einer Talentshow folgt eine Tierdoku –dann schlafen sie ein. Kramer wacht kurz vor halb zwölf noch einmal auf, geht pinkeln, schaltet den Fernseher aus und versinkt keine fünf Minuten später wieder in Schlaf. Knapp drei Stunden später fordert die durchgelegene Matratze ihrer beider Zoll, zwar wachen sie nicht auf, aber sie drehen und wälzen sich und ruckeln ihre schlafenden Körper von rechts nach links und links nach rechts, bis sie sich irgendwann berühren, was die Dynamik ihrer Bewegungen von Grund auf ändert. Um kurz nach drei liegen sie in Löffelchenstellung, Miriam außen, Kramer innen. *** Wieder ist es eine Möwe, die sie aufweckt. Sie sind sich beide sicher, dass es dieselbe ist. Eine halbe Stunde vor dem Möwenschrei haben sich ihre Körper aus der Umschlungenheit befreit, so dass ihnen diesmal nichts seltsam vorkommt, als der Schlaf aus ihren Köpfen schwindet, keine Peinlichkeit, kein Wundern, alles gut zwischen ihnen, zwei Freunde im Asyl, auf engen Raum gezwungen aber auch nicht mehr, weder fehlgeleitete Hoffnung noch Verrat. „Ich putz mir mal die Zähne“, sagt Kramer, „pelzige Tiere verscheuchen.“ Er steht auf und geht ins Bad. Miriam schaltet den Fernseher ein, die BBC Breakfast Show läuft, auf dem roten Sofa im Studio hat das Moderatorenpaar einen jungen amerikanischen Fernsehmacher zu Gast, dessen neueste Serie heute auf dem Streaming Kanal des Staatssenders freigeschaltet wird, A Creek and Fall. Kramer hört nur den Namen ‚Nana‘ und eilt mit Zahnpastaschaum vor seinem Mund zurück ins Zimmer, um auf dem Bildschirm ein Kornfeld zu sehen, dem sich ein Mähdrescher nähert. Der Macher der Serie heißt Gordon Smith, ist etwa Mitte vierzig und hat eine lustige Art, sämtliche Fragen des Moderatorenpaars über Bande zu parieren, um sie schlussendlich im Nichts verhallen zu lassen. „Hab ich die ersten paar Folgen von schon gesehen“, sagt Kramer. „Verknallt in Nana?“ antwortet Miriam. *** Zehn Minuten später und Miriam und Kramer haben die Plätze getauscht, er in Unterhose und T-Shirt gegen das Kopfende des Betts gelehnt, Miriam im Schlüpfer mit Zahnbürste im Mund daneben stehend. Die Avisierung von ‚breaking news in the case of the Bethnal Green murders‘ hat sie aus dem Bad gelockt. Sie sehen Fotos ihrer eigenen Gesichter auf dem Bildschirm. Was die Stimme der Reporterin genau sagt, können sie beide nicht hören. Zu sehr rauscht es in ihren Ohren. Kapitel 3 Kurz nach acht, die ersten Geschäfte haben gerade aufgemacht, und Miriam steht an der Kasse einer kleinen Drogerie. Sie reicht der Verkäuferin einen Ladyrasierer von Braun, dessen Scheren sich auch für Novizinnen der Achsel- und Schamhaarrasur eignen, sowie einen Packen billigster no name Rasierklingen ohne Vergitterung vor den Schneiden, den sie, kurz bevor sie schon hat aufgeben wollen, in einer Ecke des untersten Regals unter dem Braun gefunden hat. Dazu eine Schachtel Papiertücher sowie ein Päckchen großer Hefpflaster. Macht 38 Pfund 78. Miriam zahlt mit zweien der Zwanziger, die ihr Kramer gegeben hat. *** Zuerst rasiert Miriam Kramers Kopf. Das geht noch einigermaßen schnell, trägt Kramer doch einen klassischen Kurzhaarschnitt, nur das vordere Drittel ein wenig länger, so dass die Haare seine Stirn bedecken. Umgekehrt ist es eine Mühe, da sich der kleine Rasierer immer wieder in Miriams langem braunen Haar verfängt. Irgendwann muss ihn Kramer ausschalten und Miriams Haare aus den Klingen ziehen, bevor es weitergeht. Aber kurz nach zehn ist es geschafft. Sie sind beide Skinheads jetzt und erkennen sich selbst kaum mehr im Spiegel über dem kleinen Waschbecken im Bad. „Dann los jetzt“, sagt Kramer. „Nee, nee“, sagt Miriam und zeigt ihm die Klingen, die sie erworben hat. Und fragt dann: „Willst du Stirn oder Wange?“ *** Es dauert einen Moment, bis Kramer versteht, dann sagt er: „Was immer du nicht willst.“ „Ok“, sagt Miriam, „dann deine Wange und meine Stirn.“ Sie fuddelt eine der Klingen aus dem Päckchen, reicht Kramer drei Papiertücher und sagt: „Vielleicht am besten den Kopf zur Seite lehnen? Vielleicht nach links?“ Kramer tut wie geheißen und spürt im nächsten Moment einen kleinen Schmerz, gefolgt von erheblicher Wärme auf der rechten Wange. Er greift nach den Tissues, aber Miriam ist schneller, sie tupft den Schnitt, den sie ihm appliziert hat, ab, wechselt das Tuch, tupft erneut, dann greift sie zu den Pflastern und bedeckt Kramers frische Wunde. „Jetzt du“, sagt Miriam (und Kramer denkt, wie interessant es ist, dass sie nicht „Jetzt ich“ gesagt hat, wie er es in vertauschten Rollen sicher getan hätte. Miriams Perspektive ist die des Handelns, die eines Ichs, das bestimmt und tut …). Seine Hände zittern ein wenig, als er das erste Mal ansetzt, was Miriam entweder sieht oder zumindest spürt. „Hey, Martin, massakrier mich nicht!“ sagt sie. „Einfach nur ein schneller Ritz.“ Kramer atmet durch, vergisst sich selbst und schneidet in Miriams Stirn. In einem längeren Schwung und tiefer auch als nötig … Kramer braucht die halbe Packung der Tissues, um Miriams Stirnblutung auch nur halbwegs zu stoppen und muss dann das allergrößte Pflaster finden, um die Wunde zu bedecken. „Danke, Mr. Dexter“, sagt Miriam. *** Packen geht schnell, sie haben ja fast nichts mehr bei sich. Als alles zusammen ist, schauen sie beide noch einmal in den Spiegel. So groß ihr Erschrecken ist, so groß ist ihre Erleichterung. Sie sehen aus, wie ehemalige Punks, die in der Gosse gelandet sind. Jegliche Ähnlichkeit mit dem Paar auf den Fahndungsfotos ist höchstens noch für Genies der Gesichtererkennung möglich, das soll es geben, umgekehrte Prosopagnosie. Ihr Zimmer ist im Voraus bezahlt, wie auch sonst in einem Etablissement, in dem niemand mehr wohnt, dem die Schufa grünes Licht geben würde. Sie nicken dem Mann an der Rezeption noch einmal kurz zu, murmeln beide ein ‚Adios‘,und Kramer wird es kurz schwindlig, als ihm klar wird, dass sie kein vereinbartes Ziel haben. Aber Miriam scheint zu wissen, wohin es geht. Auf der Straße winkt sie ein Taxi und sagt, als der Fahrer die Scheibe herunterkurbelt (und zwar tatsächlich manuell): „To Dover.“ „Sure, love“, sagt der Fahrer. *** Die Fahrt über die A256, vorbei an Sandwich Bay, dauert keine Stunde. Im Radio, das ihr Fahrer laut aufgedreht hat, läuft eine Diskussion über die SS Argonaut mit Anrufen von Zuhörern, die alle Vizeadmiral Schleiermacher gratulieren. Einer sagt: „Yes, let the monkeys die.“ Der Fahrer lässt sie an Pencester Gardens in der Innenstadt von Dover aussteigen, Kramer gibt ihm die hundert Pfund, die sie als flat fee für die Fahrt vereinbart haben, und wie Geschichte es üblicherweise tut, wiederholt sie sich – und so suchen sie wie nach ihrer ersten Flucht erneut ein schäbiges Hotel, in dem sie niemand nach ihren Pässen fragen wird, und wie in Margate werden sie nahe des Strands erneut in einem Hotel fündig, das einstmals Ambitionen hatte, Edwardianisch wie das Town Hall, nur ohne Rettung durch asiatisches Geld, da hilft auch die Fähre nichts, durch Dover wollen alle nur durch, niemand will verweilen, die berühmten white cliffs hin oder her, für die wenigen, die in ihrer Nähe nächtigen wollen, reicht die Kapazität der paar B&Bs, die entlang der Bucht verstreut sind. Das Grand Ferry Hotel, in dem sie als Mr. und Mrs. Smith ein Doppelzimmer für zwei Nächte mieten (diesmal erstaunlicherweise, ohne dafür im Voraus bezahlen zu müssen), hat ein angeschlossenes Cafe, auf dessen Terrasse sie ein spätes Frühstück nehmen. Kramer zündet sich eine Zigarette an und gibt sie, als Miriam fragend schaut, an sie weiter. Während sie inhaliert, zündet er eine neue an. „Willkommen in Dover“, sagt Kramer nach dem ersten Exhalieren. Sie rauchen in Frieden, erst die erste dann die zweite. Während der dritten durchbricht Miriam ihr Schweigen mit einer elementaren Frage. „Wissen wir eigentlich, was wir tun?“ fragt sie. „Ich nicht“, sagt Kramer. Kapitel 4 Sie sitzen in ihrem Zimmer mit Blick auf die Fähre. Sie schauen sich an und warten auf Eingebungen. Irgendwann sagt Miriam: „Wir können doch nicht einfach nur hier sitzen und auf Eingebungen warten.“ Well put, denkt Kramer. *** Sie schweigen sich jetzt seit einer halben Stunde an. Anfangs hat sich das gar nicht so schlecht angefühlt, sie teilen ja dieselbe Verdammnis, ein wenig ist das wie auf einem Segelboot bei schlimmer Flaute, was hilft es da, den Wind anzuflehen, da muss man durch, egal wie wenig Süßwasser noch an Bord ist, da ist Quatschen nur nervig und Schweigen der Schlüssel zum Überleben, weil man sich sonst vielleicht gegenseitig zu würgen beginnt. Dann sagt Miriam in die Stille hinein: „Wollen wir mal versuchen zu rekonstruieren, wo wir sind?“ „Gern“, sagt Kramer. *** Mehr Schweigen, sie gehen beide in sich, keiner weiß zunächst, wie anfangen. Schließlich sagt Miriam: „Stanz verunglückt auf der A2.“ Und Kramer ergänzt: „Und Peter ermittelt. Und irgendetwas stimmt nicht.“ „Der Fahrer des LKWs, der vor Stanz‘ Audi bremst, sagt, da war was auf der Fahrbahn.“ „Aber es war nix auf der Fahrbahn. Er lügt“, sagt Kramer. „Was Peter herausfindet“, sagt Miriam. „Genau“, sagt Kramer, „was ihn über die Eigentümerstruktur der Spedition auf die Trüb-Sahl bringt.“ „Und damit auf den Minister für Besondere Aufgaben.“ „Mischa“. „Genau, Mischa“, sagt Miriam, „der Bösewicht unserer Geschichte.“ „Zusammen mit seinem Bruder Bernd und Franz-Heiner Sahl.“ „Die sich aber wahrscheinlich auf einem Nebengleis der Story befinden“, sagt Miriam. „Meinst du?“ fragt Kramer. „Na, klar“, sagt Miriam, „haben wir im Town Hall doch gerade noch gesagt, wenn’s bei den Trübs aufhört, hätt‘s schon aufgehört.“ „Also geht es um mehr als um den Unfall auf der A2.“ „Ja“, sagt Miriam, „und der Schlüssel dazu befindet sich in den Papieren von Lorenz Zuse.“ „Dem KKK Protokoll.“ „Dem KKK Protokoll“, wiederholt Miriam. „Aus den Unterlagen Karl Bründlmayrs“, sagt Martin. „Unserem ersten K“, sagt Miriam. „Meinst du?“ fragt Martin. „Klar, was sonst“, sagt Miriam. „Und wer sind dann die beiden anderen Ks?“ fragt Martin Kramer. „Keine Ahnung“, sagt Miriam, „aber lass uns doch mal raten. Handelt sich ja offensichtlich um Vornamen. Wen gibt’s denn da jetzt noch?“ „Kurt von Gutügel, Bundeskanzler“, sagt Kramer, „Kai Borchert, Landwirtschaft, Klara Gans, Familie.“ „Hey“, sagt Miriam, „das kommt ja wie aus der Pistole geschossen. Aber du vergisst noch jemand.“ „Tu ich?“ fragt Kramer und denkt nach. „Ka ka ka, Kamm Kamm Kamm ….Karl, Klara, Kai, Kurt …. Himmel, wer noch …“ „Mensch, Martin“, sagt Miriam, „Kathrin!“ „Puh“, sagt Kramer, „die ist für mich irgendwie immer nur die Henkel.“ „An Ks gibt es jedenfalls kein Mangel“ sagt Miriam. „Ja“, sagt Kramer, der sich daran erinnert, dass auch er einen Namensteil hat, der mit K anfängt. „Ist aber jetzt erstmal auch egal“, sagt Miriam, „es ist vielleicht wichtiger, wir machen uns klar, was das Protokoll bedeutet.“ „Wo du recht hast, hast du recht“, sagt Kramer. „Operation Jungfrau“, sagt Miriam. „Dazu fällt mir wirklich nix ein“, sagt Kramer. „Die heilige Maria?“ „Menno“, sagt Miriam, „du siehst den Zusammenhang wirklich nicht?“ „Nee“, sagt Kramer, „welchen Zusammenhang?“ „Den Zusammenhang mit dem 22.2.“ „26?“ fragt Kramer. „Dem 22.2.26“ sagt Miriam, „dem Berlin Blast, wie sie hier sagen.“ „Welchen Zusammenhang?“ fragt Kramer. Miriam erklärt es ihm. *** „Und was heißt das jetzt für uns?“ fragt Kramer, als Miriam ihm ihre Theorie dargelegt hat. Miriam schaut ihn mit ihrem kahlen Kopf an, und Kramer findet sie auf einmal außergewöhnlich schön. Nicht, dass er sie nicht schon immer für eine attraktive Frau gehalten hätte, aber er hat sie nie so gesehen, in vollkommener Verletzlichkeit ... „Für uns heißt das“, sagt Miriam, „dass wir dieses scheiß Dokument brauchen, wenn wir noch irgendeine Chance haben wollen.“ „Aber das ist im Town Hall. Und damit verloren“, sagt Kramer. „Dann sind wir es auch“, sagt Miriam. „Dokument weg, Zuse weg …“ Sie zittert plötzlich, als sei ihr ihr nicht nur das wärmende Haar auf ihrem Schädel abhandengekommen. „Peter weg … Peter tot … Bei Paula …“ Es übermannt sie ein Schluchzen, das Kramer dazu verleitet, sich neben sie zu setzen und seinen Arm um sie zu legen. „We’re fucked”, sagt Miriam. „Scheint so”, sagt Kramer. *** In dieser Nacht umfassen sie sich noch, bevor sie einschlafen, vollkommen wach, in schärfstem Bewusstsein ihrer Nähe, sie hören das Klopfen ihrer beider Herzen, die sich bald magisch zu synchronisieren scheinen, und Kramer zählt irgendwann mit, einundzwanzig, zweiundzwanzig … vierundachtzig, fünfundachtzig … Irgendwann in den Neunzigern hat der Schlaf ein Einsehen mit ihm, sie liegen jetzt in der umgekehrten Löffelchenstellung, er außen, und Miriam, die schon bei siebenundvierzig weggedöst ist, innen … Kapitel 5 Sie erwachen mit neuem Mut und gehen mit dem Appetit jener frühstücken, denen die Liebe einen Schutzfilm vom Rest der Welt bereitet, dünn vielleicht aber dennoch nicht permeabel, es ist Philia, die das für sie tut … Als Miriam (sie haben beide das Maritime Breakfast im Ferry Cafe bestellt) den letzten Heringsbissen in ihren Mund führt, fällt ihr etwas ein, etwas Wichtiges womöglich, etwas so Wichtiges, dass sie nicht warten kann, bis der Hering zerkaut und runtergeschluckt ist. Sie sagt mit vollem Mund: „Wir ham noch gar nich Peters Rucksack angeschaut. Also nich von innen.“ „Stimmt“, sagt Kramer und fühlt sich wie ein Viertklässler, dem die Mathematiklehrerin gerade gesagt hat, dass er doch vielleicht mal das Lineal hätte benutzen können für das Ziehen einer geraden Linie. Sie zahlen und eilen zurück in ihr Zimmer. *** Viel finden sie nicht. Peters Kindle, ein Päckchen Zigaretten, Tempotaschentücher, ein Päckchen Kaugummis, ein Paar dicke Wandersocken, ein Schlüsselbund, das ist alles. Nein, nicht ganz, in einer kleinen Innentasche des Rucksacks finden sie noch Peters Portemonnaie, darin der gefälschte Personalausweis (der auf den Namen Paul Jakobi, geboren in Pau, ausgestellt ist), knapp zweihundert Pfund in bar, ein paar Belege und ein Foto von Miriam und Paula, aufgenommen kurz vor dem Ausbruch von Paulas Krankheit. Miriam tritt eine Träne aus den Augen. Dann fasst sie sich wieder und sagt: „Viel ist das nicht. Aber immerhin noch ein wenig Geld. Zweihundert Pfund, das kauft uns zwei extra Tage.“ Kramer wiegt eine der beiden Waffen, die sie den toten Iren abgenommen haben, in seiner Hand. „Wir könnten eine Bank überfallen“, sagt er. „Bonnie und Clyde“, sagt Miriam, und sie lachen beide. *** Kramer wirft einen Blick in Peters Kindle. Seine letzte Lektüre war Pere Goriot, gleich wäre die große Sterbeszene gekommen. Er blättert durch die Bibliothek, Peter hat zuletzt alle möglichen französischen Klassiker heruntergeladen, Dumas, Stendhal, Zola, ungelesen freilich allesamt. Miriam schaut sich derweil die Belege genauer an, die Peter anscheinend für wichtig genug befunden hat, um sie seinem Portemonnaie anzuvertrauen. Bei näherer Betrachtung wirken sie allerdings eher so, als wären sie zufällig darin gelandet, vielleicht weil das Portemonnaie eh gerade offen war, also rein ins Fach statt zerknüllen und weg. Die erste stammt von einer Pizzeria in Rerik, der zweite vom Kino in Kühlungsborn, der dritte vom Lidl in Rerik, der vierte auch, der fünfte von einem Kiosk in Rerik, dann nochmal Lidl, nochmal die Pizzeria, sie will schon aufgeben, das ist doch alles sinnlos, als sie auf den nächsten Beleg von Lidl stößt, diesmal aber nicht von dem in Rerik, stattdessen lautet die aufgedruckte Adresse Langenstraße 25, 28195 Bremen. Auf der Rückseite eine mit Kuli geschriebene neunstellige Zahl … „Guck mal hier“, sagt Miriam. „Bremen?“ fragt Kramer verdutzt. „Bremen“, wiederholt Miriam. „Was uns was sagt?“ fragt Kramer. Miriam dreht den Zettel um und zeigt Kramer die Zahl, die Peter notiert hat. „Das ist ne PIN“, sagt sie. „Wofür?“ fragt Kramer. „Erinnerst du dich nicht?“ „Nein“, sagt Kramer. „Woran?“ „An das letzte, was Peter dir gesagt hat“, sagt Miriam. Und es fällt ihm wie Schuppen von den Augen. *** Sie googlen ein wenig auf Miriams billigem Laptop und identifizieren eine Filiale der Bremischen Volksbank in der Domsheide 14, keine zehn Minuten von der Langenstraße in der Bremer Innenstadt, die über ein voll automatisiertes Schließfachsystem verfügt, zu dem die Kunden zu jeder Tag- und Nachtzeit über eine neunstellige (!) PIN Zugang haben. Zum Öffnen des Fachs braucht es freilich einen Schlüssel und Transponder. „Wäre ja auch zu schön gewesen“, sagt Miriam. *** Sie schalten den Fernseher ein und sehen ein paar Minuten später wieder ihre alten Gesichter. Der Sprecher der BBC berichtet, dass Martin Kramer und Miriam Thorbald auch in Deutschland gesucht seien, es bestünde nun ein internationaler Haftbefehl. Wer die Gesuchten erspähe, werde gebeten, sofort die Polizei zu verständigen. Von einer Kontaktaufnahme mit den Verdächtigen sei dringend abzuraten, die Flüchtigen seien hochgefährlich und bewaffnet. Es sei anzunehmen, dass sie nicht davor zurückschrecken würden, erneut von der Schusswaffe gebraucht zu machen. Es klopft an der Tür. Miriam springt in Panik auf und verstaut die drei Pistolen, die sie achtlos neben dem Rucksack haben liegen lassen. Dann öffnet sie die Tür. Eine Filipina fragt sie in gebrochenem Englisch, ob sie die Minibar nachfüllen könne. „Oh, that’s fine, we didn’t drink anything.” „But must look”, sagt die Filipina und schiebt sich durch die Tür. Instinktiv bückt sich Miriam, um auch die Wandersocken vom Boden aufzuheben. Die Hotelangestellte öffnet einen Schrank unter dem Fernseher, hinter dem sich tatsächlich eine kleine Minibar befindet, war ihnen gar nicht aufgefallen. „All ok“, sagt sie und verabschiedet sich wieder. „Puh, das war knapp“, sagt Miriam, als die Tür ins Schloss fällt. Sie hält noch immer die Wandersocken in der Hand und fängt gedankenlos an, sie hin- und herzudrehen. Dann setzt sie sich wieder neben Kramer, der fasziniert auf die sich in Miriams Händen rotierenden Socken schaut. „Warum hat er denn Wandersocken mitgenommen?“ fragt er schließlich. „Keine Ahnung“, sagt Miriam und wirft ihm die Socken zu. Kramer fängt sie mit festem Griff und spürt etwas, das sich gar nicht so richtig nach Socke anfühlt. Da ist in harter Kern, da ist was drin. „Wait a minute“, sagt er und zieht die beiden Socken auseinander. Ein Schließfachschlüssel fällt ihm in den Schoß. Er hängt an einem Ring, an dem noch ein kleines grünes Plastikteil baumelt. „Der Transponder“, sagt Miriam, als Kramer sie fragend ansieht. Kapitel 6 Ihre Euphorie ist von kurzer Dauer. Klar, wären sie jetzt in Bremen, wäre es ein leichtes, an Peters Schließfach heranzukommen, ein dreifaches Hoch auf die Automatisierung der Firma Safecor. Nur dass sie in Dover sind, ein halbes Meer zwischen ihnen und dem Fach und schlimmer noch diverse Grenzen. Nach Bremen fahren? Ohne Geld und ohne Pässe, dafür mit einem Suchbefehl von Interpol, der auf ihrer beiden Namen lautet? Was bleibt ihnen überhaupt noch, außer sich ein paar Tage noch zu verstecken, so lange ihr Geld halt reicht, um sich dann zu stellen und auf das Beste zu hoffen. Die Wahrheit ist, da können sie sich auch gleich stellen, länger Warten hat keinen Vorteil, im Gegenteil, je länger sie sich verstecken, desto weniger wird man ihnen glauben … Bank ausrauben haben sie schon verworfen, nicht unsexy aber zu gefährlich für unschuldige Dritte, außerdem wissen sie nicht wirklich, wie man das anstellt. Einfach mit vorgehaltener Knarre in die Filiale rein, „Geld her!“ brüllen und der Kassiererin eine Plastiktüte reichen. Die wenn sie mal gut gefüllt ist, nicht durch den dünnen Schlitz im Panzerglas passt? Immerhin, sie sind in einer Hafenstadt, da gibt es Wege raus und weit weit weg, vielleicht können sie sich als blinde Passagiere auf einen Frachter schmuggeln, auf nach Afrika oder Südostasien, und dort einfach neu anfangen. Als Mr. und Mrs. Smith. Sie reden darüber, ganz ernsthaft, es ist ihre beste Idee bislang. Dagegen spricht eigentlich nur eines: dass sie auch eine Verantwortung haben … Kramer muss an die letzte Sitzung der Leitungsebene seines Verlags denken, in der ihm das Wort zu seiner eigenen Überraschung durch den Kopf schoss und er erzählt Miriam davon und von seiner Abstimmungsniederlage, die letztlich schuld daran war, dass er die Klempnerzange wieder angesetzt hat … Verantwortung, klingt hehr. Nur wenn sie beide verhaftet werden und nach Deutschland ausgeliefert, um auf dem Schafott zu enden, hat auch keiner was davon. Dann lieber nach Timbuktu und von dort einen Leserbrief an die FAZ. Haha … die hat ja auch längst die Seite gewechselt … Vielleicht sollten sie mal den Weserkurier anschauen …. Oder den Schlüssel mit Transponder in der Post an jemanden, dem sie vertrauen können. Jemanden, der im Herzen gut ist und ausreichend lebensmüde … Es wird langsam dunkel und Kramer schaut auf die Uhr. „Ich hab’s, ich hab’s!“ entfährt es ihm. *** Er nimmt die Uhr vom Handgelenk, um sie Miriam unter die Nase zu halten und drückt auf den Knopf für die Minutenrepetition. Siebenmal klingt es hell, dreimal erschallt der Doppelklang, achtmal klingt es dunkler. 7 Uhr 53. „Beeindruckend“, sagt Miriam. „Weißt du, was die kostet?“ fragt Kramer. „Keine Ahnung“, sagt Miriam, „ich hab selbst nie mehr als 600 Euronen für ne Uhr ausgegeben. Für die hier.“ Sie streckt ihm ihr Handgelenk entgegen, an dem sie eine Powermatic von Tissot trägt. „Schönes Stück“, sagt Kramer. „Meine hat auch 600 gekostet.“ Miriam schaut ihn fragend an. „Tausend“, ergänzt Kramer. „Sechshunderttausend für eine Uhr? Bist du denn von allen guten Geistern verlassen? Also, das mit der Rolex für Paula, das war ja schon bekloppt, und das hat dir Peter auch nie ganz verzeihen können, aber egal, ich hab irgendwann mal geguckt, was die wohl gekostet haben muss, und da bin ich auch erschrocken, total plemplem, aber Paula hat sich dann schon ganz schön gefreut, in den letzten Wochen hat sie oft schlecht geschlafen, und dann hat sie manchmal um Mitternacht das Licht angemacht, um zu sehen, wie sich die Tagesscheibe noch einmal dreht.“ Ihre Stimme wird etwas brüchig, aber dann reißt sie sich wieder zusammen. „Was hast du für die damals bezahlt? Zwanzigtausend? Aber klar, macht jetzt alles Sinn, ist ja nur ne Swatch neben Deiner, Deiner …“ Sie nimmt ihm die Uhr aus der Hand, um auf das Zifferblatt zu schauen. „Deiner Patek Philippe! Immer nur für die nächste Generation, sehr komisch, du hast sie doch echt nicht alle.“ „Ist ne lange Geschichte“, sagt Kramer. „Aber auch egal. Worauf’s ankommt ist, dass die hier jetzt nicht mehr auf die nächste Generation wird warten müssen, die verkloppen wir, und dann gehen wir zum Hafen und überreden einen Fischer, uns nach Bremen zu schippern.“ *** Sie machen einen kleinen Laden in Dover ausfindig, der mit gebrauchten Uhren handelt. Im Schaufenster liegen zwei Reversos, zwei Submariner, eine Coke und eine Pepsi, eine Explorer II und – zu Kramers Freude – das Foto einer Daytona aus den Siebzigern mit Panda Dial, eine echte Newman, also wechseln hier auch gern mal sechsstellige Beträge die Hände. Sie drücken auf den Klingelknopf, es dauert einen Moment, dann hören sie den Buzzer und treten ein. Es begrüßt sie ein kleines Männchen, an die 70, faltig aber irgendwie drahtig, stahlblaue Augen. „What can I do you for”, begrüßt sie das Männchen scherzend mit einem angenehmen Bass, den man in jemandem seiner Statur nicht vermutet. Kramer, dem bewusst ist, dass sie mit ihren kahl geschorenen Köpfen und den inzwischen verkrusteten Wunden im Gesicht nicht gerade wie die üblichen Uhrensammler aussehen, nimmt seine Uhr vom Handgelenk und legt sie auf den Tresen. „Reference 5374. Very beautiful“, sagt der Händler, hält sich die Uhr vors Ohr und betätigt die Minutenrepetition. „And what a beautiful sound it makes.” „Doesn’t it”, sagt Kramer und wartet darauf, dass der Händler ihn fragt, wo er sie gestohlen habe. Aber der fragt nur: „You have the papers and the box?“ „Back home in Germany”, sagt Kramer. „Of course”, sagt der Händler, „I expected as much.” „Look”, sagt Kramer, „why don’t you call Patek, the owners’ registry, and ask whether it has been reported lost or stolen. They will tell you that it hasn’t been. Then you can ask them whether they can verify that it’s registered under the name of my father, Oskar Kramer, Oskar with a k and Kramer with a K as well. Same spelling as the guy the police is looking for.” „The very same spelling”, wiederholt das Männchen. „I see. What a coincidence.” „Indeed”, sagt Kramer, dem es gehörig mulmig wird. Diesen Dialog hatte er so nicht ganz vorhergesehen. „How much do you want for it?” „Half of the list price”, sagt Kramer. „You’re a funny man”, sagt der Hutzlige. „But you know what? I believe you.” „And why shouldn’t you”, wirft Miriam, die sich bislang, den Atem anhaltend, zurückgehalten hat. „You’re right, milady. Why should I not? When I can make such a good deal. I give you fifty. In cash. Right now. And off you go, and I won’t remember ever to have seen you.” Kramer schaut Miriam an. Das ist kein Zehntel von dem, was er für die Uhr einmal bezahlt hat, ein Sechstel von seinem Angebot, und ein Viertel von dem, wofür er einzuschlagen bereit war. „Cool“, sagt Miriam, „we take it.” *** Eine halbe Stunde später sind sie am Hafen von Dover auf der Suche nach den Piers für die kleineren Boote der lokalen Fischer, gar nicht so leicht zu finden. Schließlich fragen sie einen Passanten, der aussieht, als kenne er sich aus, und tut er auch, sie müssten nur weiter nach Süden, sagt er, der Marine Parade folgend, immer weiter geradeaus, dann würden sie nach einer Weile fündig werden. Es ist Mittag, die Fischer sind seit Stunden zurück, die Fänge vom Morgen sind verkauft, jetzt heißt es Netze flicken und Motoren reparieren. Oder einfach nur noch eine Zigarette mit den Kollegen rauchen, bevor es nachhause geht, zu Frau und Kind, die jedes Mal erleichtert sind, wenn sie zurückkommen … In keinem Beruf gibt es, gemessen an der Zahl derer, die ihn ausüben, so viele Tote jahrein und aus wie in dem ihren. Am Ende der Straße, die sie der freundliche Mann entlang geschickt hat und die jetzt Esplanade heißt, stoßen sie auf die Coker Sea Fishing Charters, wo Boote angetäut liegen, die ihnen für ihren Zweck genau richtig erscheinen. „Suchst du jemanden aus?“ fragt Kramer. „Mach ich“, sagt Miriam und spricht, nachdem sie ein paar Minuten an den Piers entlangflanieren, einen jungen Fischer an, der alleine eine Zigarette raucht. Er sieht aus wie ein Hollywoodstar, der den Fischer nur spielt, mit mehr als nur einem Touch James Dean. Miriam ruft „Hey!“ Und James Dean, der tatsächlich Jamie heißt, Jamie Wilkinson, wie sich ein paar Minuten später herausstellt, ruft ein freundliches „Hey“ zurück. „What’s up?“ fragt er. Miriam erklärt es ihm. *** Sie werden sich noch schneller handelseinig als mit dem Uhrenhändler. Für fünftausend Pfund wird sie Jamie nach Bremerhaven schippern und von dort, die Weser entlang … Jamie erklärt, dass er, bevor sie aufbrechen können, noch Sprit kaufen muss, und zwar etliche Kanister, damit sie die Reise bis nach Deutschland schaffen. Ob es okay sei, wenn sie sich um vier am Nachmittag hier wieder träfen? Ist es. Kapitel 7 Es ist eine Schiffspassage der eher ungemütlichen Art. Sie tuckern gerade an Margate vorbei, als sich der Himmel verdüstert und ein Sturm aufzieht. Jamie sagt „Don’t worry“, und sie versuchen sich auch dann noch an Jamies Anweisung zu halten, als die Royal Charlotte so heftig zu schwanken anfängt, dass sich Kramer übergeben muss. „That’s nothing“, sagt Jamie. Nachdem er das zweite Mal ins Meer kübelt, fragt Kramer Miriam, wann sie eigentlich in Bremen ankommen würden. „In drei Tagen“, sagt Miriam und Kramer kotzt erneut. *** Die erste Nacht ist ein Alptraum. Sie schlafen in der kleinen Kajüte in Schlafsäcken auf Isomatten, die Jamie freundlicherweise für sie besorgt hat. Jamie hält derweil das Steuer, nur abgelenkt von Kramer mitunter, der sich wieder und wieder erbricht. Im Morgengrauen übergibt Jamie das Steuer an Miriam und legt sich selbst für zwei Stunden aufs Ohr. Der Wind hat sich gelegt, es ist plain sailing jetzt, auch im offenen Meer, das still liegt und so tut, als sei nie etwas gewesen. Kramer isst ein paar Kekse, es geht langsam wieder, und die Sonne scheint jetzt auch, die Wärme tut gut, denn er hat auch gefroren die Nacht, sein Körper ausgelaugt, widerstandslos dem Eindringen der Kälte in seine Knochen ausgeliefert. Sie kommen gut voran, und als Jamie wieder das Steuer übernimmt, sagt er: „Maybe we’re there tomorrow night.“ Kramer ist versucht, sich zu bekreuzigen. *** Jamie, stellt sich heraus, ist Fischer in der fünften Generation. Sowohl sein Vater als auch sein Urgroßvater sind irgendwann nicht zurückgekehrt vom Meer. Dreizehn war er, als sein Vater starb. „A tough time for a boy“, sagt er. „But as for the sea and me, it didn’t make a difference. I’m a child of the sea. Can’t live without it.” Fischer und Poet, denkt Kramer. *** Gegen Mittag sagt Jamie „Dunno about you guys, but I’m getting hungry” und wirft ein Netz aus. Keine Viertelstunde später zieht er es wieder ein, zwei Dutzend Fische unterschiedlichster Größe zappeln darin, und Jamie sucht ein mittelgroßes Exemplar aus, fasst es an der Flosse und sticht dem Fisch mit einem Messer in den Kopf. „Totally painless“, sagt er. Danach nimmt er den Fisch aus, filiert ihn und holt einen kleinen Gasgrill aus dem Innern des Boots. „Nothing like a fresh herring”, sagt Jamie, als er ihnen zwei Portionen des frisch gegarten Fischs auf Plastiktellern auftut. „Alosa alosa“, sagt er, was sich in Kramers Ohren wie ein kurzes Tischgebet anhört, in Wahrheit aber nur die Spezies des Herings bezeichnet. *** In der Abenddämmerung halten sie langsam ostwärts. Mitunter erahnt man die Küste. „That’s Holland over there“, sagt Jamie, „where they want to join the Reich.” Weder Kramer noch Miriam verstehen, was Jamie damit meint, im Unterschied zu ihrem Kapitän haben sie die allerneuesten Nachrichten noch nicht gehört. In Amsterdam hat es eine Massendemo gegeben, die den Anschluss an Deutschland fordert oder, wenn den schon nicht, so doch wenigstens eine Politik, die dem gesunden deutschen Vorbild zeugt. ‚Muslime ans Kreuz‘ steht auf etlichen Plakaten, und bei der großen Kundgebung vor dem Königlichen Palast am Dam, spricht Rut Ploopens als Hauptgastrednerin. *** Die zweite Nacht ist deutlich besser als die erste. Zwar schwankt die Royal Charlotte, aber diesmal tut sie es sanft. Kramer schläft geschlagene fünf Stunden. Am Stück. Als er aufwacht, ist Miriam schon bei Jamie und hält das Steuer. „Mornin‘“, sagt Jamie. „You look good.” „I am”, sagt Kramer. „Wanna be captain?” „I do”, sagt Kramer und übernimmt das Steuerrad. „Just straight, straight on”, sagt Jamie und klettert die Stufen zur Kajüte hinab, um sich wie schon am Vortag für ziemlich genau zwei Stunden schlafen zu legen. Das scheint alles an Schlaf zu sein, was er braucht. Das Schiff zu lenken, fühlt sich großartig an, sie gleiten durch das Meer, und die Barkasse gehorcht auf sein kleinstes Wackeln noch. Und wieder scheint die Sonne und glitzert im Meer, als hätte sie sonst nichts zu tun. Miriam hat ein wenig Farbe bekommen. Sie wird immer schöner in Kramers Augen. *** Wenn er ehrlich zu sich ist, muss er sich gestehen, nie viele Freunde gehabt zu haben. Als er ganz klein war, gab es seine Schwester, und er meint sich zu erinnern, dass sie, als seine Erinnerungen einsetzen, mit ungefähr fünf, dass sie damals sein bester Freund war, aber das ist schon lange vorbei, schon lange bevor seine Eltern sterben und sie ihr wahres Gesicht zeigt. Nach seiner Schwester kam Peter Thorbald, sicher sein einziger wahrer Freund, bewiesen auch gerade durch das Auf und Ab, vor allem durch das Auf nach dem Ab … Sein Londoner Verleger war fraglos ein Freund, aber ein väterlicher, und das ist eine ganz andere Kategorie, in die auch sein Anwaltsfreund aus Celle fällt, Dr. Hermann Biedermeyer. In New York gab es dann noch seinen Kollegen Alan Jones, mit dem er eine Weile praktisch alles geteilt hat, dumm nur, dass sie irgendwann dieselbe Frau auch geteilt haben, dann war’s vorbei – mit Alan und mit der Frau. Ist Anna sein Freund gewesen? Sie war kurz seine Freundin, danach fast ebenso kurz seine Frau. Anna, die sich vor nichts fürchtete, was sich in ihrem Spiel auf der Bühne genauso Bann brach wie in ihren knappen Gedichten, alles messerscharf, zum Dahinknien, eine, die sich auf natürlichste Weise wieder und wieder entäußern konnte, alles fühlend, alles gebend, alles teilend. Aber eben auch mit allen, die nur zu bereit waren, ihr Publikum zu sein. Natürlich gab es Dinge, für die er Exklusivrechte hatte, Sex vor allem, wobei sie, wenn er sich recht erinnert, nie wirklich über die möglichen Konsequenzen Verführungen anderer gesprochen haben, darüber wie man sich zu verhalten habe im Angesicht von Avancen anderer. Aber das führt alles auf ein Nebengleis und dient nicht der Beantwortung der anstehenden Frage: Ist Anna sein Freund gewesen? Kramer denkt, sie hätte es werden können. Und in Berlin sonst niemand. Sonst hätte er wohl auch kaum alleine vor dem Fernseher gesessen, als die privaten Sender zu senden aufhörten, um das Spektakel der Hinrichtung Shirin Fakhourys den Öffentlich-rechtlichen zu überlassen. Die Wahrheit ist, denkt Kramer, dass er seit Jahren sehr alleine ist. *** Es ist vier Uhr morgens, als Jamie sie weckt. Die Royal Charlotte befindet sich in der Weser kurz vor Brake. Jamie hat eine Stelle am Ufer ausgemacht, an der sich leicht mit der Barkasse Anker werfen lässt. Alles still, niemand zu sehen. „Messieurs dames“, sagt Jamie, als er sie weckt, „time to get back on land.“ Kramer reibt sich die Augen. „Where are we?“ fragt er. „Just a few miles before Bremen”, sagt Jamie, das erste e in Bremen wie ein ä prononcierend, das zweite schluckend. „Perfect spot. Nobody’s seen us, nobody will.“ Sie verabschieden sich, inklusive engster Umarmungen mit Schulterklopfen. „Take good care”, sagt Miriam. „Will do”, sagt Jamie, „and you look after yourselves. It’s been a pleasure.” *** Sie sind zurück in Deutschland. Kapitel 8 Sie nehmen einen Bus von Brake in die Bremer Innenstadt. Vor dem Rathaus gibt es weitläufige Absperrungen. Vorbereitungen für eine neue Hinrichtung, terminiert auf fünf Uhr nachmittags, wie ihnen ein Bremer Polizist verrät, als sie sich einer in der Konstruktion befindlichen Absperrung nähern, die er sie nicht passieren lassen will. Aber zum Glück stellt sich heraus, dass sich die Domsheide und mit ihr die Filiale der Bremischen Volksbank, in der sie die Kopie von Zuses Protokoll vermuten, außerhalb des Absperrungsbereichs befindet. Kramer fragt den Polizisten noch kurz, wem es an den Kragen geht. „Unserem ehemaligen OB Tammerlein, war ein echter Stadtmusikant, der Mann, aber halt auch einer von den SPD-Schweinen“, sagt der Polizist, „gestern in Berlin verurteilt, jetzt wahrscheinlich schon auf dem Weg hierher. Ziemlich viel Arbeit für uns, aber klasse, dass wir den Zuschlag bekommen haben.“ „Ja, toll“, zwingt sich Kramer zu sagen und nimmt Miriam an die Hand. Schnell weg hier, schnell weg, bevor er sich auf die blank polierten Schuhe des Polizisten übergibt. *** Das neue Regime hat seine Verfahren beschleunigt. Tammerlein ist nicht der einzige der prominenten SPD-Mitglieder, die an diesem Tag exekutiert werden, wie sie später am Abend herausfinden. Die halbe Riege der gerade eben noch Festgenommenen ist in einem Sammelprozess in Berlin am Vortag des Landesverrats schuldig gesprochen worden, allesamt mit Haftstrafen, die es der Bundesregierung erlaubt haben, die Hinrichtung zu beantragen, wovon das Kabinett von Guthügels unmittelbaren Gebrauch gemacht hat. Dass der Sammelprozess womöglich nicht ganz verfassungskonform war, interessiert dabei niemanden. Zwar reichen verschiedene Individuen und Organisationen Verfassungsbeschwerden ein, aber was soll’s, das Rad der Exekutiven rollt, man wartet einfach nicht mehr auf höhere Gerichtsbarkeiten, zumal die Städte Schlange stehen, alle wollen sie eine Hinrichtung organisieren, und zwar am liebsten eine mit der neuen Guillotine von Thyssen-Krupp, ein besseres Spektakel gibt es gerade nicht, nicht einmal der Fußball kann da mithalten – wer jetzt Touristen will mit Übernachtungen und lokalem Fleisch- und Alkoholkonsum, der braucht ein Schafott. *** Die Filiale der Bremischen Volksbank in der Domsheide ist noch geschlossen, als sie kurz vor sechs Uhr am Morgen vor ihr stehen. Bestens. Zu den Schließfächern führt ein kleiner Seiteneingang, neben dessen Tür sich ein Gerät befindet, das zum Eingeben eines PIN-Codes einlädt. Eines neunstelligen, wie sie wissen. Sie tippen die Zahlenkombination ein, und Sesam öffnet sich, in diesem Fall durch das laterale und ziemlich laut rumpelnde Verschieben der Panzerglastür in der Wand links von ihnen. Hinter der Panzertür befindet sich eine steile Treppe, die in das Untergeschoss der Bank führt. Sie passieren eine Lichtschranke, die die Treppe in helles Kunstlicht taucht. Als sie die ersten paar Stufen genommen haben, hören sie, wie sich die Tür wieder in ihre Ausgangsposition schiebt. Miriam dreht sich um und deutet auf einen grünen Knopf an der Wand, der Öffner für den Rückweg, hoffentlich funktioniert der nachher. Am Fuß der Treppe ein schmaler Gang, der nach ein paar Metern rechts abzweigt, ein weiterer Gang, an dessen Ende eine weitere Panzertür, darauf ein Schild, das sagt: „Tür öffnet sich automatisch.“ Und das tut sie auch, Sekunden nachdem das Rumpeln der oberen Tür verhallt. Sie hören ein Summen, die Stahlriegel, die die zweite Tür sichern, schieben sich in das Innere der Tür, dann ein Knacken und die Tür öffnet sich einen kleinen Spalt breit. Kramer drückt gegen die Tür und sie schwingt auf. Sie stehen jetzt im Tresorraum. Miriam hat Schlüssel und Transponder schon aus der Socke geholt. Sie suchen das Fach mit der Nummer 117, das ist die Zahl, die auf dem Schlüssel steht, und finden es in der untersten Reihe der grau glänzenden Fächer. „Wie war das nochmal? Erst Transponder vors Schloss halten, dann Schlüssel rein?“ fragt Kramer. „Genau“, sagt Miriam. Miriam kniet sich, um das Fach zu öffnen, darin eine Metallbox, an der sich ein kleiner Griff befindet. Sie zieht die Box heraus, steht mit ihr auf und legt sie auf den kleinen Tisch, der sich im Tresorraum befindet. Sie nickt Kramer zu, der klappt den Deckel auf, und da liegt es tatsächlich vor ihnen, das Dokument von Lorenz Zuse. Miriam nimmt es in die Hand und liest „Meeting KKK, 10. November 25.“ „Wir ham’s, wir ham’s!“ ruft sie und fällt Kramer um den Hals. Danach nehmen sie sich an den Händen und führen vor Freude einen kleinen Ringeltanz auf, bevor sie sich wieder auf den Weg nach oben machen, das Dokument in Peters Rucksack bei Socke und Pistolen. *** Niemand nimmt Notiz von ihnen, als sie die Bank verlassen, auch wenn die Außentür diesmal noch lauter zu rumpeln scheint, so laut, dass es in Kramers Kopf zu dröhnen beginnt, aber im nächsten Moment sind sie auch schon um die Ecke gebogen, Richtung Balgebrückstrasse, wo jetzt auch Absperrungen errichtet werden. Um die Polizisten zu vermeiden, biegen sie links in die Lange Wieren (wo Kramer sich kurz fragt, ob das nicht ein Typo auf dem Straßenschild ist), von dort ins Schnoorviertel mit seinen putzigen mittelalterlichen Häusern. Schließlich erreichen sie die Flusspromenade, wo sie nach Südosten kehren, weg von der Bremischen Innenstadt, die sich auf das Willkommenheißen ihres ehemaligen Oberbürgermeisters vorbereitet. *** Auf dem Weg entlang der Weser kommen ihnen die ersten mit Campingstühlen ausgerüsteten Schaulustigen entgegen, die noch auf einen guten Platz vor dem Rathaus hoffen, aber so deprimierend das auch sein mag, die Sonne scheint ihnen jetzt und Miriam und Martin grinsen vor sich hin. Sie fühlen sich, als hätten sie soeben die freie Welt gerettet. TEIL 5 Kapitel 1 Ihr sonnenbeschienener Spazierweg endet am Weserstadion, da hätte man die Hinrichtung vielleicht auch hinlegen können, die Logistik wäre sicher leichter gewesen mit all den guten An- und Abfahrtwegen, den Parkplätzen und der prima Anbindung an den ÖPNV, aber das Stadion liegt nicht wirklich in der Mitte des Lebens, und da gehören die öffentlichen Exekutionen nun einmal hin. Sie passieren das Stadion im Norden und marschieren den Osterdeich entlang, bis sie das alte Wehrschloss erreichen, dort überqueren sie den Fluss Richtung Neue Weser und von dort weiter nach Süden, durch Habenhausen bis nach Dreye, wo sich ein größeres Industrie- und Einkaufsviertel befindet. Vor einem großen Aldimarkt machen sie kurz Halt. „Snack gefällig“, fragt Miriam, und Kramer nickt. Sie kaufen ein paar Müsliriegel und zwei gekühlte Kaffeedrinks. Vom Aldi über den Bahnweg und die Gutenbergstraße in den Weideweg zum Flussufer wieder, wo sie ein kleines sonnenbeschienenes Bänkchen finden. Sie mümmeln ihre Riegel auf und schauen den Schiffen zu. „Ob Jamie noch genug Sprit für den Rückweg hat?“ fragt Miriam, „oder muss er nochmal welchen kaufen?“ *** Sie sind kurz versucht, das Dokument aus Peters Rucksack zu fischen, um es endlich einmal in Ruhe zu lesen, aber dann entscheiden sie sich anders, lieber erstmal darüber reden, wie es weitergehen soll. Ihre Pläne von Dover haben genau bis zur Domsheide gereicht, jetzt befinden sie sich auf zeitlich und räumlich undurchdachtem Terrain. „Wo sollen wir hin?“ fragt Miriam. „Auf jeden Fall weg“, sagt Kramer, „hier sind wir nirgends sicher.“ „Nach Frankreich?“ „Klingt gut“, sagt Kramer, „besser vielleicht nur noch die Schweiz.“ „Die Schweiz!“ wiederholt Miriam, „du hast natürlich vollkommen recht, wenn es irgendwo irgendjemanden gibt, der sich für unsere Geschichte interessiert und was aus ihr macht, dann ist das in Zürich –“ „Im Redaktionsgebäude der NZZ“, vervollständigt Kramer Miriams Gedanken. „Falkenstraße 11.“ „Ist aber ein langer Fußmarsch dahin“, sagt Miriam. „Ich schätze mal 700 Kilometer, das sind selbst, wenn man sich die Füße wundläuft und auch mit Blut in den Schuhen nicht langsamer wird, zwei Wochen“, sagt Kramer. „Ich wusste gar nicht, dass du so gut rechnen kannst“, sagt Miriam. „Jedenfalls ist Frankreich auch nicht viel besser, bis nach Metz sind’s sicher auch 500 Kilometer.“ „Aber es gibt ja noch Züge“, sagt Miriam. „Für die man Tickets in bar kaufen kann, ohne Ausweis.“ „Genau“, sagt Miriam. „Aber über die Grenze müssen wir uns anders durchschlagen.“ „Über die Grenze müssen wir zu Fuß.“ „Was wir nicht schaffen werden“, sagt Kramer, „ohne das vorher genau zu planen, was also bedeutet –“ „Dass wir bald mal irgendwo einkehren müssen. Ich bräuchte, ehrlich gesagt, auch mal eine Mütze Schlaf“, sagt Miriam und gähnt, was ansteckend wirkt. „Ich auch“, sagt Kramer und gähnt noch einmal hinterher. *** Sie dösen weg. Nur für zwanzig Minuten, aber als Miriam wieder bei Sinnen ist, wird ihr klar, wie gefährlich das ist, zwei Clochards, die sich nicht fürs große Geschehen in der Stadt interessieren, kann man ignorieren, aber wenn sie Schnittwunden im Gesicht haben, kann man auch auf andere Gedanken kommen. Sie rüttelt Kramer wach und sagt: „Komm, lass uns los.“ Ohne gefestigten Plan wandern sie weiter, der schönen Blicke wegen, immer möglichst nah am Fluss. Mitunter gibt es schön gemachte Spazierwege, dann müssen sie wieder auf eine Straße, die Sonne erreicht ihren Zenit irgendwann, und sie fangen an zu schwitzen. Sie haben seit Tagen dieselben Klamotten an und irgendwann fällt ihnen auf, dass sie beide nicht mehr besonders gut riechen. „Du stinkst“, sagt Miriam. „Du auch“, sagt Kramer. *** Plötzlich hat Kramer eine Idee. „Wir sind doch gar nicht so weit weg von Celle hier“, sagt er. „Du willst zu Peters Eltern?“ „Nein, viel zu riskant“, sagt Kramer, „aber ich habe da einen Anwalt, dem wir vielleicht vertrauen können.“ „Was heißt vielleicht?“ fragt Miriam. „Vielleicht heißt“, antwortet Kramer, „dass ich ihm womöglich selbst ohne anwaltliche Schweigepflicht trauen würde.“ „Das klingt gut“, sagt Miriam. *** Kramer wählt die Nummer von Dr. Biedermeyers privatem Mobilanschluss, die er zu seiner eigenen Überraschung noch auswendig weiß, und hofft, dass sich auf dem Konto ihres englischen Prepaid Handys noch genug Kröten befinden, um noch ein Gespräch im Ausland führen zu können. Es klingelt, ein gutes Zeichen schon Mal, und nach dem sechsten Läuten nimmt Dr. Hermann Biedermeyer ab. „Hallo“, sagt Biedermeyer. „Hallo, Herr Dr. Biedermeyer, hier ist Martin Kramer.“ „Herr Kramer! Wie schön von Ihnen zu hören, ich habe die letzten Tage viel an Sie gedacht. Ein alter Kunde, der dringend einen Anwalt braucht …“ „Können Sie so sagen“, sagt Kramer. „Von wo rufen Sie denn an?“ fragt Biedermeyer. „Aus England? Ich hab das +44 auf meinem Handy gesehen.“ „Nein“, sagt Kramer, „aus Deutschland.“ „Himmel“, sagt Biedermeyer, „Sie sind ein mutiger Mann.“ „Keine Ahnung“, sagt Kramer, „jedenfalls brauche ich eine Freistatt für einszwei Tage.“ „Eine Freistatt“, wiederholt Biedermeyer, „was für ein schönes Wort.“ „Wir sind nicht so weit weg von Celle“, sagt Kramer. „Wir?“ fragt Biedermeyer. „Ja, ich und meine Freundin“, sagt Kramer, ohne näher über seine Wortwahl nachzudenken. „Deren Namen nicht zufällig Thorbald ist“, sagt Biedermeyer. „Treffer, versenkt“, sagt Kramer. „Und Sie brauchen nur einen Ort, um mal kurz durchzuatmen, keinen anwaltlichen Rat.“ „Ja“, sagt Kramer. „Nein“, sagt Biedermeyer, „Sie brauchen auch anwaltlichen Rat, inklusive Schweigepflicht, sonst muss ich doch gleich, nachdem Sie auflegen, die Polizei anrufen.“ „Dann beraten Sie mich“, sagt Kramer. *** „Und ich bin jetzt also deine Freundin“, sagt Miriam, als Kramer aufgelegt hat. „Warst du schon immer“, sagt Kramer und berichtet vom Rest des Telefonats. Biedermeyer hat ein kleines Haus in Eldingen, jener Gemeinde, zu der auch Bargfeld gehört, kein echter Zufall, denn auch Biedermeyer ist Schmidtianer und hat das Haus vor vielen Jahren auch wegen seiner Nähe zum Heiligen Gral erworben. Das Haus verfügt über eine kleine Einliegerwohnung, in der eine Dame wohnt, die für Biedermeyer nach dem Rechten sieht, wenn er nicht da ist und die einen Schlüssel hat für Gäste. Er werde sie dort, als Herr und Frau Wolf ankündigen, sie müssten nur kurz klingeln, dann ließe sie Frau Schwerbrodt ein. Er würde sie auch bitten, die Betten neu zu beziehen und den Kühlschrank zu füllen, das Wifi-Passwort laute „alice1937“, was sich Kramer gut merken kann. „Ich würde vorschlagen, wir gehen zu einer Bank, wechseln ein paar unserer Pfunde und nehmen dann einfach ein Taxi“, sagt Kramer. „Ok“, sagt Miriam, „wenn du dir sicher bist, dass wir ihm vertrauen können.“ „Vollkommen sicher“ sagt Kramer. Kapitel 2 Es ist gegen sieben Uhr am Abend, als sie an der Tür zur Einliegerwohnung klingeln, die sich auf der Rückseite des recht majestätischen Herrenhauses in Eldingen befindet, das Hermann Biedermeyer als grüner Anwalt aber gereifter Leser in den Achtziger Jahren erworben hat. Frau Schwerbrodt ist eine dicklich Fröhliche, sie hat den Schlüssel schon bereit, und sagt, sie hätte den Kühlschrank mit ‚allerlei Leckereien‘ gefüllt. Hat sie auch, und Miriam und Kramer fallen ausgehungert über sie her: Nordseekrabben, Lachspastete, Roast Beef, diverse Salate, Mett und Hähnchenschenkel – selbst von einer Henkersmahlzeit könnte man sich nichts mehr wünschen, zumal Dr. Biedermeyer Frau Schwerbrodt auch angewiesen hat, den Kühlschrank mit einem halben Dutzend Champagnerflaschen aus seinem Eldinger Keller auszustaffieren, darunter zwei P2 von 1996, dasselbe Getränk, das Kramer mit ihm damals zur Feier der Minimierung seiner Schwester getrunken hat. „Lecker“, sagt Miriam beim ersten Schluck. *** Nach der Befriedigung von Hunger und Durst, duschen sie und finden auf den Betten, die Frau Schwerbrodt für sie bereitet hat, auch frische Kleidung, Unterhosen, T-Shirts, Sweater. Biedermeyer hat an alles gedacht. „Du riechst ja wieder wie die Zivilisation“, sagt Miriam zu Kramer, als er sich neben sie aufs Sofa im Wohnzimmer setzt. „Du auch“, sagt Kramer. *** Zeit fürs Dokument. Aber erstmal noch einen Schluck vom P2, dem letzten aus der ersten Flasche. Es umfasst acht Seiten und ist mit Word geschrieben, Times New Roman, denkbar schmucklos und unverziert. Nur auf der letzten Seite befindet sich Farbe, die nicht dem Laserdrucker entstammt – ein Siegel des Innenministeriums in Blau. Darunter in purpurnen Tinte die Unterschrift Karl Bründlmayrs. *** Sie lesen im Sofa aneinander gekuschelt, ihre Nasen auf der Suche nach den animalischeren Tönen, die Wasser und Duschgel weggewaschen haben. Wenn sie sich genau konzentrieren, riechen sie freilich noch einen Hauch des Menschlichen, einen Hauch ihrer Identität, einen Hauch von dem, was sie die letzten Tage nicht nur olfaktorisch aneinandergebunden hat. Das Dokument protokolliert ein Meeting, dessen Teilnehmer als K1, K2, und K3 identifiziert werden. Einziger Tagesordnungspunkt „Operation Jungfrau, Teil 2“. „Teil 2?“ fragt Kramer. „Hat Peter nicht erwähnt“, sagt Miriam, „aber egal, lass uns lesen.“ Sie lesen, die Versammelten seien sich einig, dass man nach dem Anschlag im Roten Rathaus so schnell vorgehen müsse wie irgend möglich. Verfassungsaspekte werden abgewogen. Die Notwendigkeit eines klaren Plans wird hervorgehoben, die Notwendigkeit einer Liste. Die sodann konstruiert wird, erst sehr grob: „1. Al-Rashids Familie (um unsere Entschlossenheit zu zeigen und klar zu signalisieren, dass es sich um keinen Einzeltäter handelt; prime target Al-Rashids Schwester, Shirin Fakhoury) 2. die üblichen Verdächtigen (vor allem Muslime im Umkreis Al-Rashids und solche, die wir ohnehin auf dem Radar haben, siehe unten) 3. die gesamte Führungsriege der SPD 4. Ausweitung auf andere Staatsfeinde“ Es folgen Überlegungen zur Frage, wie man Shirin Fakhoury dingfest machen könne. Darauf eingehendere Gedanken zur Mechanik der Änderungen des Grundgesetzes. Man müsse sich mit der Wiedereinführung der Todesstrafe womöglich mehr Zeit nehmen als ihnen eigentlich lieb sei. Aber besser auf Nummer Sicher, 2028 sei ein vernünftiges Ziel. Danach der Draft einer Liste zu ‚möglichen üblichen Verdächtigen‘, auf dieser Tala Kleineisen. *** Nachdem sie die acht Seiten gelesen haben, geht ihnen auf, dass es nichts in dem Dokument gibt, was nicht schon jeder weiß, nichts worüber man stolpern würde, nichts Verdächtiges. Außer dem Datum gleich in der zweiten Zeile. 10. November 2025. Es ist nur die 5 am Ende, die sagt, dass hier etwas nicht stimmen mag. *** „Damit kommen wir nicht durch“, sagt Miriam, „das kann ein Typo sein. Dasselbe Dokument am 10.11.26, und es ruft auch nicht das geringste Stirnrunzeln hervor.“ „Aber da steht nun mal ne 5“, sagt Kramer. „Und damit willst du an die Öffentlichkeit gehen? Beziehungsweise die NZZ dazu bringen? Schau doch nur aufs Datum auf dem Stempel.“ Das hat Kramer bislang übersehen. Es sagt, 2.12.2026.“ „Shit“, sagt Kramer und zündet sich eine Zigarette an. Miriam will auch eine. *** Der Himmel grollt, aufs Schönwetter des Tags folgt ihre Stimmung pathetisch untermalend ein Gewitter, das ganz nah ist, zwischen Blitz und Donnerhall nur Bruchteile von Sekunden. Sie machen noch eine zweite Flasche auf, Krug 2002, wenn sie gleich untergehen, dann bitte in style. Sie schlafen wieder eng aneinander in dieser Nacht, und im Morgengrauen spielt Amor einen dreisten Schabernack mit Kramers Penis. Als Kramer dessen mit einmal halb wach gewahr wird, schilt er sich und dreht sich auf die andere Seite. Miriams Körper dreht sich freilich mit, zurück ins umgekehrte Löffelchen. *** Um acht verabschiedet sich der Schlaf von Miriam, sie streckt sich und denkt, was für eine herrliche Matratze (später schaut sie nach, es ist eine Tempur, hat sie oft schon von gehört aber nie ausprobiert) – im Strecken jedenfalls durchzuckt sie eine Erinnerung … An ein Detail im KKK Protokoll, das sie gestern übersehen haben. Unter dem Text, vor Amtssiegel und purpurner Unterschrift … Da waren doch noch ganz in klein drei Emailadressen unter einem nicht minder kleinen cc … Sie springt auf und hastet die Treppe nach unten ins Wohnzimmer, wo das Dokument neben der ausgetrunkenen Flasche in aller Unschuld liegt. Sie hat sich das nicht eingebildet. Da steht am Ende in 5-Punkt-Schrift: „cc: ojk1xyz@gmail.com ojk2xyz@gmail.com ojk3xyz@gmail.com“ Sie rennt nach oben und rüttelt Kramer wach. *** Sie verfrühstücken die Reste vom Vorabend mit Kaffee aus Biedermeyers Nespresso-Maschine, dann setzt sich Miriam an den PC des Hausherrn, während sich Kramer auf einen Spaziergang nach Bargfeld macht. Die graue Bretterfassade, der Garten, der auch heute nur mit Sense gemäht werden darf, er erinnert sich an seinen ersten Ausflug ins Heidedorf, gemeinsam mit Peter, als die Zugehfrau der Schmidts, Frau Erika Knop, noch gelebt und ihnen eine private Tour durchs Haus gegeben hat. Sie erzählt ihnen damals etwas, was sie noch nirgends gelesen haben, dass es nämlich im Keller des Hauses noch die Fernsehzeitschriften gäbe, die Arno jede Woche mit sorgfältigen Anstreichungen all jener Sendungen versehen habe, die er habe schauen wollen. Sein Lieblingsprogramm: Eiskunstlauf der Damen. Na klar, Röckchen flattern sehen. *** Als er am frühen Nachmittag zurück zu Biedermeyers Herrenhaus in Eldingen kehrt, hört er, kaum hat er die Haustür aufgeschlossen, Miriam die Treppe herunterpoltern. Sie begrüßt ihn mit hochrotem Gesicht. „Wir ham sie am Arsch!“ ruft sie, „ich hab den K2 bestiegen! Und Teil 1 gefunden …“ Kapitel 3 „Am Ende war’s ganz einfach“, berichtet Miriam, „Bründlmayr hat eine kleine Tochter, Celine, was für ein Quatschname, jedenfalls ist er K2, und Celine2024 das stupide Passwort zu seiner Gmail, man malt’s sich ja nicht aus, wie dumpfbacken die sein könnnen.“ „Das heißt, du bist in Bründlmayrs privater Gmail?“ fragt Kramer halbwegs verdaddert. „Bin ich“, sagt Miriam und strahlt ihn an. In diesem Licht schimmern ihre Augen fast grün, fällt Kramer auf. *** „Und du ahnst, womit sich Teil 1 befasst?“ fragt Miriam, nachdem sie eine neue Flasche Champagner aus Bierdermeyers wunderbarem Kühlschrank geöffnet haben, eine Flasche Dom 1954 (!), dem Geburtsjahr Angela Merkels, die sich in unfassbar frischem Zustand befindet, noch immer strohgelb und mit lebendigster Perlage. Kramer fragt sich kurz, ob er Miriam darauf hinweisen soll, wie besonders die Flasche, die sie gerade geöffnet haben, eigentlich ist, entscheidet sich aber dann dagegen, da es aus Miriam nur so heraussprudelt. „25 war kein Tippfehler“, sagt Miriam, „die Schweine haben die ganze Sache schon seit dem Sommer 24 geplant.“ „Welche Schweine?“ fragt Kramer und nippt noch einmal an dem über siebzigjährigen Champagner, der aus dem Jahr erzählt, in dem Roger Bannister die erste Meile unter vier Minuten läuft, Elisabeth die Zweite, den Thron besteigt und etwa zur Zeit der Traubenernte, William Goldings Lord of the Flies erscheint. „Ka, Ka, und Ka, Karl ist K2, Kathrin K3, und dreimal darfst du raten, wer K1 ist.“ „Kurt“, sagt Kramer, den die Gegenwart wieder einholt. „Wirklich der Kanzler?“ fragt er, sich überaus unbeholfen fühlend. „Der Kanzler“, sagt Miriam. „Der schon ab dem Spätsommer 24 den Februar 26 geplant hat.“ „Nicht ernsthaft“, sagt Kramer. „Allerernsthaftst“, sagt Miriam. „Und ich hab alles auch schon ausgedruckt, jetzt müssen wir noch in die Schweiz mit dem Zeugs.“ *** So sehr er sich schmutzigsten Geschäften seit Wochen auf der Spur fühlt und so sehr er die Regierung Kurt von Guthügels für das Abscheulichste hält, was auf Deutschland seit einem knappen Jahrhundert heruntergesegelt ist, so wenig ist er auf die Tatsache vorbereitet, dass von Guthügel und Freunde die Situation nach dem Berlin Blast nicht nur aufs zynischste ausgenutzt haben, sondern selbst die Drahtzieher des Attentats sein sollen. Aber Miriam zeigt ihm die Seiten, die sie ausgedruckt hat. Sie dokumentieren die verschiedenen Schritte der Planung aufs minutiöseste. Alles fängt im Spätsommer 24 an, in Magdeburg – als Kurt und Kathrin sich nach dem Schluss eines Parteitags dort, auf dem Kathrin Gastrednerin ist, auf ein Bier noch treffen. Kathrin schreibt am nächsten Tag an Bründlmayr – Exhibit 1 in Miriams Dokumenten. „Karl“, schreibt Kathrin, „wir sollten uns mit KvG treffen, der unsere Ansichten über die Kanzlerin zu teilen scheint.“ Zu einem ersten Treffen zu dritt kommt es wenige Wochen später, im frühen Oktober 24. Exhibit 2 ist wieder eine Email Kathrins an Karl. „Lieber Karl“, schreibt Kathrin diesmal, „wir sind uns einig über AM und müssen uns was einfallen lassen. Melde dich, wenn du eine Idee hast. Kurt und ich denken beide, dass es sich am besten um ein Dinner handeln sollte. LG, K.“ Und so weiter und so fort. Im frühen Herbst 2025 steht der Plan, zusammengefasst in einem frappierend kurzen Dokument, das K2 K1 und K3 als Word-Attachment zur Kenntnis schickt, einem Dokument mit dem Titel „Operation Jungfrau, Teil 1“ … Im Januar 2026 bricht die Konversation ab, seitdem ist der Google-Account ungenutzt. *** „OPERATION JUNGFRAU, TEIL 1 Bei erster Gelegenheit eines Lunchs oder Dinners von AM & MA-R auszuführen. Sprengstoff, ausreichend, um die Zahl der Zeugen zu minimieren. So appliziert, dass sich MA-R’s Täterschaft ohne Umstände und Fragen beweisen lässt. (Am besten, wenn sie nebeneinandersitzen, und genug Sprengstoff benutzt wird, dann ist der genaue Ort der Sprengladung irrelevant.) K2 kontrahiert das Fußvolk. Sprengstoffmann muss danach, wie immer man ihm auch vertraut, liquidiert werden. Auch das die Aufgabe von K2. Danach Trauer. Müssen alle ernsthaft bleiben. Und sicherstellen, dass wir die nächste Wahl gewinnen und nicht die NFAD. NFAD als kleiner Koalitionspartner aber perfekt, zumal wenn wir durch sie auf zwei Drittel kommen. TEIL 2 für Folgeaktionen nach der Machtübernahme nächsten Monat zu beraten. KKK.“ *** „Das reicht dann wohl für die Neue Zürcher“, sagt Kramer halbwegs benommen. „Das tut es“, sagt Miriam und schenkt ihnen beiden noch Mal vom 54er nach. Als er das zweite Glas geleert hat und sich plötzlich entspannt und wohlfühlt hier an Miriams Seite, sagt er: „Können wir den ganzen Scheiß nicht emailen und einfach hierbleiben? Ich möchte wetten, dass es, wo das herkommt“, er deutet auf sein Glas, „noch mehr gibt.“ „Mensch, Martin“, sagt Miriam, „das meinst du doch nicht ernst.“ „Doch“, sagt Martin. „So klang es auch“, sagt Miriam, „aber denk doch nur mal selbst, was du gedacht hättest, als Chef des S Verlags, wenn du in deiner Email eines Morgens unser Konvolut gefunden hättest, unterschrieben, sagen, wir mit dem Namen des Chefredakteurs der NZZ.“ „Ok“, sagt Martin, der es einsieht, dass die Sache zu verrückt ist, auf Papier alleine hat sie keine Glaubwürdigkeit, sie müssen mit, sie müssen fahren, sie müssen überzeugen. Er schenkt ihnen nach und gibt eine Runde Zigaretten aus. Zum Rauchen gehen sie aber auf die Terrasse, die auf einen weitläufigen Garten blickt, der im Mondlicht wilde Schatten macht, romantisch, verwunschen. *** In den Spätnachrichten sehen sie Jörg Tammerleins Kopf rollen. Die Distanz der Kameras, die sich die Öffentlich-Rechtlichen noch vor Wochen bei Shirin Fakhoury auf dem Gendarmenmarkt gegönnt haben, ist aufgehoben. Stattdessen gibt es jetzt eine Kamera, die ans Beil fixiert ist. In den Tagesthemen sehen sie deren Aufnahmen in Zeitlupe, gerade schaut die Kamera noch schräg ins versammelte Volk, dann gleitet sie nach unten und schneidet en passant durch den Hals des ehemaligen OBs, die Blutspritzer nur eine kurze Ablenkung auf den hochauflösenden Fernsehschirmen, bevor die Kamera an der Schneide, die nach kurzem Federn in ihrer schlussendlichen Halteposition zur Ruhe kommt, das jubelnde Volk einfängt. Tammerlein ist der Star des Abends, aber nach dem Bericht über die Exekution von Bremen folgt natürlich auch noch eine Zusammenfassung der anderen Hinrichtungen des Tages, mit Bildern aus Krefeld, Braunschweig, Münster, Offenbach, Regensburg und Stuttgart. *** Wir sind eine Arche, denkt Kramer, als er ein paar Stunden später neben Miriam in den Schlaf sinkt. Oder vielleicht auch nur in einem Buch von Karl May … Kapitel 4 In den frühen Morgenstunden ergießt er sich, ohne davon zu erwachen. Seine erste Pollution seit dem Alter von 15 Jahren. Aber er hat auch noch nie so lange weder mit einer Frau geschlafen noch sich selbst befriedigt. Die Sauerei ist ihm peinlich, und er hofft, dass Miriam nichts bemerken wird. Als sie ein wenig später wach wird, sich ausstreckt und die Decke zurückwirft, sagt sie jedoch gleich: „Oh, da hat wohl einer von vierzig Jungfrauen geträumt.“ „Keine Ahnung“, sagt Kramer und geht sich duschen. *** Ihr Frühstück ist karg heute, für Miriam eine Scheibe Knäckbrot mit Honig, für Kramer eine Zigarette. „Ah, die Zigarette danach”, frotzelt Miriam. Lagebesprechung. So schön es in der Villa Biedermeyer auch ist und so nahe sie sich am Heiligen Bargfeld befinden, sie müssen los, die Zeit arbeitet gegen sie. Also mit dem Bus nach Celle und dort in den Zug? „Ein Auto wär besser“, sagt Miriam, „und in der Garage steht auch eins. Wird dir bestimmt gefallen, ein Z8.“ „Ein Z8? Ernsthaft?“ fragt Kramer. „Ernsthaft“, sagt Miriam, die sich eigentlich nicht besonders gut auskennt mit Autos, den seltenen BMW jedoch seit Kindertagen als Objekt der reinen Schönheit abgespeichert hat. Ein Nachbar hatte sich damals einen gekauft, und sie standen als Kinder oft vor dem Wagen, mitunter traute sich einer von ihnen, ihn anzufassen, aber dann ging meistens die Alarmanlage los und sie sind gerannt. Der Nachbar wurde später verhaftet. „Organisiertes Verbrechen“, sagt ihr Vater, ein Begriff, den sie damals zum ersten Mal hört und der sie über Wochen fasziniert. „Papa, gibt es denn auch unorganisiertes Verbrechen“, fragt sie ihren Vater irgendwann. *** Sie gehen gemeinsam in die Garage. Und da steht er. In himmelblau, metallgewordene Eleganz. *** „Ist aber doch eh viel zu auffällig“, sagt Kramer, als sie wieder zurück ins Haus gehen. „Falsch“, sagt Miriam. „Hast du mal ‚Der entwendete Brief‘ von Edgar Allan Poe gelesen?“ Hat er natürlich. Kind, wir sind hier in Bargfeld, will er sagen, verschluckt den Satz aber, als ihm aufgeht, dass er keine Ahnung hat, warum Miriam ihm die Frage stellt. „Ja“, sagt er nur und zuckt fragend mit den Achseln. „Da geht es doch darum, dass einer was verstecken will.“ „Den Brief, den ‚Minister D‘ geklaut hat, wenn ich mich recht erinnere“, sagt Kramer. „Und was ist das beste Versteck?“ „Keines. Lässt er den Brief nicht einfach in einer Art Ablage liegen, für jedermann zu sehen?“ Ganz genau erinnert er sich nicht mehr, auweia, early onset Alzheimer, ihm wird ganz flau. „So oder so ähnlich“, sagt Miriam, „jedenfalls allen normalen Vermutungen genau einen Schritt voraus, in der Computerwissenschaft nennt man das Level k+1, kommt, glaub ich, aus der Verhaltensökonomie, da gibt es ein berühmtes Experiment von einer deutschen Forscherin, glaub ich …“ „Wie auch in Dupins Kindheit“, unterbricht sie Kramer, „wie Poe sie, glaub ich, gleich in den Morden der Rue Morgue schildert. Da spielt der kleine Dupin immer eine Art Murmelspiel mit seinen Schulkameraden, bei dem es darum geht zu raten, ob der andere eine gerade oder ungerade Zahl von Murmeln in der Hand hat, und Dupin gewinnt immer – weil er nämlich jeweils genau voraussagen kann, wie viele Schritte der andere denkt. Mensch, den Zusammenhang zum entwendeten Brief hab ich noch nie gesehen.“ „Ist halt dieselbe mathematische Struktur“, sagt Miriam. „Cool“, sagt Kramer und fragt sich, ob Peter das je verstanden hat. Hat er bestimmt. „Jedenfalls“, fährt Miriam fort, „sind wir nach derselben Logik in keinem Auto so sicher wie einem das derart –“ „Auffällig ist“, ergänzt Kramer ihren Satz. *** Sie gehen ins Haus zurück, und Kramer sucht sein Handy, um Biedermeyer anzurufen, schließlich gehört es sich nicht, das Auto eines anderen einfach zu entwenden, schon gar nicht einen Z8. Als er es findet, vermeldet das Handy auf seinem kleinen Display ‚eine neue Nachricht‘. Es ist eine SMS. Von Biedermeyer. „Sie werden sich fragen, wo der Wagenschlüssel ist. In der mittleren Schublade im Sideboard im Wohnzimmer. Bon Voyage! Ihr HB.“ Er könnte den Mann küssen. *** Sie suchen ihre Sachen zusammen und verabschieden sich von Frau Schwerbrodt, um sich zu bedanken und ihr den Schlüssel zum Haus zurückzugeben. Als Kramer die Fahrertür des Cabrios öffnet, sagt Miriam: „Einen Moment noch.“ Sie nimmt Kramer den Rucksack ab und holt das Protokoll Zuses heraus, an die sie noch die Ausdrucke der Emailkorrespondenz der drei Ks geheftet hat. Sie faltet die Seiten auf ein Viertel und reicht sie Kramer. „Die trägst du besser am Körper“, sagt sie. Kramer steckt sie in die hintere rechte Hosentasche, dann steigt er ein und dreht den Zündschlüssel. Der Z8 bedankt es mit lautem Röhren. *** Erstmal nach Celle zu einer Filiale der Sparkasse, wo Miriam, während Kramer im Wagen auf sie wartet, ein paar Pfund in Euros tauscht, genaugenommen 835, eine Summe, die wie der zufällige Rest einer Urlaubskasse ausschaut, unverdächtig und erst einmal genug. Dann tanken, dann über die B3 Richtung Hannover, am Autobahnkreuz Kirchhorst schließlich nach Süden auf die A7. Via Hildesheim, Kassel und Fulda nach Schweinfurt, wo sie das erste Mal nachtanken und eine Zigarettenpause mit Coke Zero einlegen. Auf der A81, kurz hinter Heilbronn unterbrechen sämtliche Radiosender plötzlich ihr Programm, gleichgeschaltet senden sie eine Ansprache des Kanzlers, der sich bei den Bürgermeistern der Städte bedankt, die ‚die gestrige Aufgabe mit so großer Energie‘ bewältigt hätten, das sei ein Ansporn für alle im Land und die Regierung auch, die sich ‚in diesen Tagen des Aufbruchs‘ glücklich schätze, alle Deutschen hinter sich zu wissen. Nach dieser Einleitung gratuliert er dem neuen Türkischen Kaiser, Ahmet dem Ersten und drückt seiner Hoffnung auf gute Zusammenarbeit aus, die das Werk, das sein verstorbener Vater, der Gründer des neuen Kaiserreichs, begonnen hätten, zielstrebig fortzusetzen wisse. Er lässt aus, worin dieses Werk genau besteht – etwa in der gnadenlosen Bombardierung der Kurden innerhalb und außerhalb des Reichs, der inzwischen mehr als hunderttausend Zivilisten zum Opfer gefallen sind? Stattdessen kommt von Guthügel zurück auf ‚unser eigenes Reich, unser Vaterland, das Land der Dichter, Denker und Erfinder‘ und verkündet, dass er am Abend dem Entwickler der neuen Guillotine, ‚die einen so wertvollen Beitrag zur Reinigung des Vaterlands‘ leiste, höchstpersönlich ein Bundesverdienstkreuz Erster Klasse verleihen würde. Am morgigen Tag würden die deutschen Behörden eine Großlieferung von Thyssen-Krupp in Empfang nehmen, einhundert neue Guillotinen, die ‚gerecht‘ über das Land verteilt würden, damit sich alle ‚in fairer Weise‘ an den Arbeiten beteiligen könnten, die auf das Land zukämen. Er schließt mit der Formel „Auf einen guten Abend und gutes Gelingen!“ Ob er das aus George Clooneys Film genommen hat? Edward R. Murrow würde sich sicher im Grab umdrehen. Good night, and good luck. Zum Kotzen wie es ist, die Formulierung wird tatsächlich zu von Guthügels Signatur in den kommenden Wochen und Monaten. *** Am darauffolgenden Morgen geht es der SPD dann wirklich an den Kragen. Sämtliche Bezirksvorstände und ein Großteil aller Unterbezirksvorstände werden in einer konzertierten Aktion verhaftet, 742 Personen zwischen Flensburg und Passau. Miriam und Kramer hören die Nachricht auf einem Autoabahnparkplatz bei Villingen-Schwenningen, wo sie in einer Ecke, die nicht von Kameras überwacht scheint, den Z8 geparkt haben, um eine Mütze Schlaf zu nehmen. So unbequem es auf den Sitzen des Sportwagens auch ist, sie schlafen so tief wie die letzten Nächte auf Tempur. Als Kramer am frühen Morgen aufwacht, denkt er kurz an seine Tage im nicht weiten Baden-Baden, und er denkt an Monsieur Bleu, seinen treuen Gefährten, den er in London zurückgelassen hat, und es überkommt ihn ein Schwall von Verlust, der ihn fast weinen lässt. Seltsam, was ein Stofftier aus einem herausholen kann, wenn das Leid von Wesen aus Fleisch und Blut so groß geworden ist, dass es nicht mehr fassbar ist. Ein Philosophem zum Morgen. Er nimmt sich wieder zusammen und schaut auf seine Beifahrerin, die, den Kopf zur Seite, mit offenem Mund noch schläft. Als auch Miriam aufwacht, schaltet Kramer das Radio ein, und sie hören die Nachrichten von der SPD. *** „Einfach über die Grenze fahren?“ fragt Kramer, als sie neben dem Auto Zigaretten rauchen, um den letzten Schlaf aus ihren Köpfen zu scheuchen. „Zu gefährlich“, sagt Miriam. „Trotz purloined letter?“ „Dessen Dieb das tolle Versteck auch nicht hilft, wenn bei seiner Ausreise der Pass kontrolliert wird.“ „Stimmt“, sagt Kramer, dem einmal wieder aufgeht, dass er nicht ganz so weit gedacht hat wie Miriam. Einigermaßen sicher sind sie im seltenen Sportwagen nur, solange sie einfach mit ihm durch Deutschland gondeln. Grenzen sind was anderes. „Wir brauchen noch einen weiteren Halt, einen letzten Halt vor der Grenze, irgendwo, wo wir genau planen können, wo und wie wir uns rüberschlagen“, sagt Miriam. „Shit“, sagt Kramer, „hätten wir das nicht schon in Eldingen planen können?“ „Hätten wir“, sagt Miriam, „nutzt aber nix, das zu lamentieren. Und außerdem brauchen wir vielleicht Wanderkarten, und zwar regionale Wanderkarten, und die hätten wir eh nicht in Eldingen bekommen, nicht mal in Hannover. Also alles gut, alles im Plan.“ „Alles im Plan“, wiederholt Kramer, der nicht weiß, was er würde machen sollen, wenn Miriam plötzlich verschwände. Aber dann hat er eine Idee. Einer ist ihm noch eingefallen, der sich genauso in der Scheiße befindet wie sie. Einer, Franz-Heiner. Kapitel 5 „Na endlich, Sie Arschloch“, begrüßt ihn der Geschäftspartner des verstorbenen Bruders des verstobenen Ministers für Besondere Aufgaben am Telefon. “Ich hab doch schon auf Sie gewartet. Sehnsüchtig wie ein kleines verliebtes Mädchen.“ „Wir müssen in die Schweiz“, sagt Kramer. „Ach, wer muss das nicht in diesen Tagen. Und „wir“, das heißt wohl Sie und die Schnecke von Ihrem alten Freund Thorbald.“ „Können wir versuchen, uns einigermaßen zivil zu benehmen?“ fragt Kramer. „Oh, der vornehme Herr Kramer hat wohl was angefangen mit der Frau seines Freunds. Oh oh, da will ich mich aber wirklich mal zusammenreißen, um das Feingefühl unseres Verlagschefs nicht zu verletzen. Also, in die Schweiz soll’s gehen für Monsieur Kramer und Madame Thorbald. Nach Zürich nehme ich, zur NZZ, der Bastion der letzten Hoffnung.“ „In die Falkenstraße, ja“, sagt Kramer. „Ein Glück, dass sie nicht Taubenstraße heißt, nicht, Herr Kramer, denn jetzt brauchen wir Falken, die Täubchen werden aufgefressen vom bösen, bösen Wolf.“ „Ihnen gehen die Tiermetaphern durch“, sagt Kramer. „Und Ihnen läuft der Arsch auf Grundeis“, sagt Sahl. „Das stimmt“, konzidiert Kramer. „Würden Sie mich denn mitnehmen wollen?“ fragt Sahl, aus dessen Stimme plötzlich die Aggressivität gewichen ist. „The more the merrier“, sagt Kramer und glaubt auch fast daran. Vielleicht könnte es nützlich sein, einen weiteren Verbündeten für den Marsch über die grüne Grenze zu haben. „Wie’s der Zufall will“, sagt Sahl, „hab ich genau, was Sie brauchen. Ein kleines Bauernhaus, eingetragen im Grundbuch auf eine junge Aktrice, die noch nichts von ihrem Glück weiß. Wie auch niemand sonst noch. Gleich bei Waldshut-Tiengen, einen Steinwurf von der Grenze.“ „Klingt ausgezeichnet“, sagt Kramer. „Nicht wahr“, sagt Sahl und gibt Kramer die Adresse und genaue Fahreinweisungen. *** Miriam ist einigermaßen skeptisch, als ihr Kramer die neue Destination erklärt. „Der Mann ist doch offensichtlich ein Schwein“, sagt sie, als sie mit offenem Verdeck von der Autobahn abfahren. „Ist er“, sagt Kramer, „aber das sollte uns jetzt helfen. Der steckt genauso tief drin wie wir. Und will im Zweifel mehr noch überleben, als wir es wollen.“ „Weil er noch mehr zu verlieren hat?“ fragt Miriam. „Genau“, sagt Kramer. „Seine vermeintliche Unbescholtenheit. Für ihn gibt es vielleicht noch ein Zurück …“ „Aber wir haben doch noch uns zu verlieren“, sagt Miriam. Das „uns“ in Miriams Satz sticht direkt in Kramers Herz, und einen Moment lang überlegt er, ob der Kosmos nur gerade dabei ist, einen kleinen Fehler in aufwendigster Art zu reparieren. Er gesteht es sich ein. Er ist verliebt. Wie er es noch niemals war. In einen Freund nämlich. Unschuldig und schuldig zugleich. (Ist aber auch gerade alles ziemlich viel, erklärt er sich.) Kapitel 6 Sahls Bauernhaus steht einsam an einem Hang südlich von Ettikon und bietet einen Blick auf den Rhein, der dort in graziler Schmalheit Deutschland von der Schweiz trennt. Eigentlich hat sich Kramer die grüne Grenze anders vorgestellt, nämlich wirklich grün und nicht blau. Und die Idee, den Fluss überqueren zu müssen, ängstigt ihn. Sollen sie des Nachts denn schwimmen? Eher nicht. Aber weiter im Osten macht die Schweiz einen kleinen Buckel nördlich des Rheins, quasi genau über Zürich, wahrscheinlich keine zwanzig Autominuten von Waldshut und Ettingen entfernt. Und wenn Sahl zu irgendwas zunutze sein wird, dann dazu ihnen den besten Weg zu weisen. Vor dem Haus muhen ein paar Kühe, als sie mit dem Z8 den Hang hinauffahren. Das Haus leuchtet ihnen von innen entgegen. Sahl hat in fast allen Zimmern, die hinab auf den Gang schauen, das Licht angemacht, es ist der Schein guter alter Glühlampen, deren Verkauf seit rund zwei Jahrzehnten verboten ist. Es ist ein warmes Licht, das sie mit einem Versprechen von Sicherheit und Wohlgefühl lockt. *** Sahl macht auf charmanten Gastgeber, den seit Jahrzehnten gehegten Kinnbart hat er abrasiert. Das lässt ihn jünger aussehen. Und weniger creepy. Er überrascht sie mit selbstgebackener Pizza. Dazu wohl dekantierter Barolo und unverfängliche Plaudereien. Als Miriam sich irgendwann auf die Toilette verabschiedet, sagt Sahl: „Ich muss gestehen, ich mag Sie.“ Oder meinte er das „sie“ klein geschrieben? Der genaue Bezug bleibt unklar. Nach Miriams Rückkehr sprechen sie dann endlich über das Thema, das sie hier zusammengeführt hat – über ihre Flucht in die Schweiz. „Das ist leider alles ziemlich besiedeltes Gebiet bei Dettinghofen und Wasterkingen, aber ich kenn eine Stelle im Wald, an der man gut rüberkommen sollte“, sagt Sahl. „Die Alternativen sind Basel oder Konstanz. Oder Schwimmen. Kleiner Scherz. Oder hinter dem Bodensee über Österreich. Sicher die einfachsten Grenzen dort, aber dafür zwei. Man müsste hinter Lindau, vielleicht bei Sigmarszell oder Möggers durch den Wald nach Österreich, dann an Bregenz vorbei vielleicht über Lustenau, aber das dauert Tage.“ Kramer ist angetan von Sahls Planungstiefe, und Miriam ist es auch. Bei einem Quittenschnaps von Rochelt zeigt er ihnen noch die verschiedenen Optionen auf der Karte und ist dabei ganz „wir“. Wir könnten hier oder da, dann hätten wir auf diesem Weg noch dieses, auf dem anderen jenes Hindernis. Am Ende einigen sie sich bei Zigaretten im Garten, von dem man den Rhein im Mondlicht leuchten sieht, auf das kleine Schweizer Furunkel bei Dettinghofen, südlich des größeren um Schaffhausen herum. „Freunde, Römer, lasst uns schlafen gehen“, sagt Sahl, nachdem sie sich verabredet haben, und führt sie in ihr Schlafzimmer. *** Als sie sich aneinander anschmiegen, einem unausgesprochenen Einverständnis folgend, nackt diesmal, sagt Miriam: „Und du glaubst, dass das alles gutgeht?“ „Absolut“, sagt Kramer und atmet den Geruch ein, den Miriams Schultern und Haar verströmen. *** Miriam träumt in dieser Nacht von Kühlungsborn, ihren letzten Tagen mit Paula, nur dass Paula im Traum nicht krank ist, sondern ein Kind, das nicht nur eine bange Hoffnung hat, sondern echte Zukunft. Sie spazieren über den Strand und essen ein Eis, sie gehen schwimmen und bauen eine Burg danach. Paula tröpfelt vier Pfeiler, die sie mit einem Kompass exakt nach den Himmelsrichtungen ausrichtet. Kramer träumt zeitgleich von Anna, die sich plötzlich in Mexiko in Nana verwandelt. A Creek and Fall. Sein Traum springt in die Schumannstrasse, er sitzt in seinem Fernsehzimmer, endlich kann er die nächste Folge schauen, er nimmt die Fernbedienung in die Hand und schaut sie an, ohne einen Knopf zu drücken, bis Nana, die sich jetzt in Miriam verwandelt, auf play drückt. Der Fernseher zeigt einen hellblauen Himmel, auf dem sich Banden kleiner Kinderwolken jagen, nur ganz unten am Schirm ein Streifen Land, dort wehen Getreideähren im Wind. *** Gen drei Uhr nachts werden sie beide wach und schauen sich in die Augen. „Wieder von Jungfrauen geträumt“, sagt Miriam. Und fasst ihn an. Und führt ihn in sich ein. Tiefer, traumloser Schlaf danach. Kapitel 7 Das erste was Kramer sieht, als er aufwacht, ist die Mündung einer Pistole. Sie zeigt auf seinen Kopf. *** Miriam befindet sich gefesselt auf einem Stuhl neben dem Bett, einen Streifen industrielles Klebeband auf ihrem Mund. „Mann, sind Sie doof“, sagt Sahl. „Sie haben doch nicht ernsthaft geglaubt, dass ich ein Pfand wie Sie einfach wieder hergebe.“ Kramer riecht Benzin. *** Miriam versucht sich aufzubäumen und zu schreien, beides vergebens, es kommt nur ein dumpfes Krächzen durch das Klebeband. „Ganz ruhig, Kleine“, sagt Sahl, „ist ja gleich alles vorbei. Ich habe mit dem Innenminister persönlich telefoniert, Bernd hatte ja das ganze Kabinett auf Kurzwahl. In einer halben Stunde ist das SEK da, dann gehen Sie beide auf Reise, und ich bin ein freier Mann. Mit voller Amnestie, vom Kanzler persönlich unterzeichnet. Sie sind wirklich begehrt, Anerkennung, wo immer Sie Ihre Nase noch reingehalten haben, da scheint es ordentlich zu stinken. Aber geht mich ja nichts an. Und wenn sich Bründlmayr nicht dran hält –“ Er schnippt sein Zippo auf und zündet eine Flamme an. „Dann gehen wir halt alle drauf.“ Er legt eine kleine Pause ein, dann fügt er hinzu: „Aber jetzt ziehen Sie sich mal an, Kramer, ist ja nicht erträglich, Sie so nackt sehen zu müssen.“ Kramer fällt auf, dass Miriam ein weißes Kleid trägt. Es ist ihr zwei Nummern zu groß ist. Sahl muss er ihr übergezogen haben. Bei genauerem Hinsehen bemerkt Kramer, dass das Kleid vom Saum bis zu den Knien feucht ist. Er steht auf. Sahl hat seine Sachen ordentlich zusammengefaltet aufs Fußende des Betts gelegt. Als er seine Unterhose greift, muss er feststellen, dass auch sie feucht ist, ebenso wie seine Jeans ist sie in Benzin getränkt. Als er in die Hose schlüpfen will, stolpert er und fällt dabei einen Schritt auf Sahl zu. Neues Krächzen von Miriam, lauter diesmal und Sahl ist einen Moment lang abgelenkt. Das ist vielleicht seine Chance jetzt, denkt Kramer. Er rappelt sich wieder auf, lässt die Hose aber liegen und stürzt sich stattdessen in einem Sprung auf den an seinem Zippo spielenden Sahl. Kramer prallt mit voller Wucht gegen Sahls rechte Schulter und stürzt Mann und Stuhl zur Seite. Dabei löst sich ein Schuss direkt neben Kramers Ohr. Es pfeift so laut in seinem Kopf, dass er, als er Sahl mit der Faust ins Gesicht schlägt, nicht hören kann, wie dessen Nase bricht. Sahl, dem die Waffe entglitten ist, versucht nach zu ihr greifen, aber Kramer ist schneller und schnippt sie weg, dann rammt er sein Knie in Sahls Hals, und drückt mit seinen Fingern auf Sahls Augäpfel, der so laut zu schreien beginnt, dass es Kramer selbst über das Pfeifen hört. Instinktiv lässt er von Sahls Augen wieder ab, steht auf und tritt dem noch immer am Boden liegenden Mann in den Bauch. Dann hastet er zur Waffe, hebt sie auf und zielt auf Sahl, der gerade dabei ist, sich wieder aufzurappeln. Kramer schießt, verfehlt Sahl aber, der ihn breit angrinst und einen Schritt auf ihn zu humpelt. „Bleiben Sie stehen!“ brüllt Kramer ihn an, aber Sahl macht den nächsten Schritt. Er zielt auf Sahls rechtes Bein und schießt ein zweites Mal, die Kugel schrammt Sahls Oberschenkel, was sein Grinsen jedoch nur breiter macht. Kramer geht einen Schritt zurück und schaut kurz zu Miriam, die seltsam still in ihrem Stuhl sitzt. Als er das Blut auf ihrem Bauch bemerkt, richtet er die Waffe in die Horizontale und streckt seinen Arm. Sahl ist keine anderthalb Meter mehr von ihm entfernt, eine Distanz, aus der man nicht fehlen kann. Er zielt auf Sahls Herz und drückt ab. Aber nichts passiert, im Magazin der Waffe waren nur drei Schuss. Im nächsten Moment sieht er, dass Sahl noch immer sein Feuerzeug in der Hand hält, und sieht, wie er es aufklappt. Er stürzt auf Sahl zu, rammt ihm das rechte Knie zwischen die Beine und versetzt ihm einen Kinnhaken. Beides ist effektiver, als er es sich hätte vorstellen können. Sahl taumelt und geht in die Knie. Kramer tritt ihm gegen die Schulter, Sahl stürzt, aber er hält noch immer das Feuerzeug fest, und Kramer sieht, wie er am Reibrad dreht. Aber es kommt keine Flamme, und bevor Sahl es ein zweites Mal versuchen kann, ringt ihm Kramer das Zippo aus der Hand. Danach rennt er zum mit Blumen bemalten Bauernschrank zwischen Fenster und Bett, reißt die Tür auf, und, ja, da ist er noch, Peters Rucksack, wo sie ihn gestern versteckt haben, hinter zwei Wolldecken im Regalfach über der Stange. Er reckt sich, greift den Rucksack, öffnet ihn und nimmt eine der drei Pistolen heraus. Sahl krümmt sich noch immer vor Schmerzen am Boden. Als er Kramer mit der neuen Pistole in der Hand sieht, grinst er wieder. Kramer setzt die Mündung der Waffe auf Sahls rechte Kniescheibe und drückt ab. Danach dasselbe noch einmal links. *** Miriam ist bewusstlos, er befreit sie von ihren Klebebändern und ist froh, dass sie doch gar nicht so irre viel Blut verloren zu haben scheint. Er versucht, sie zu wecken. Tätschelt ihre Wangen, sagt „Miriam, aufwachen! Wir müssen wir weg!“ Er sagt: „Miriam, Miriam, komm los! Aber Miriam reagiert nicht. Er sagt: „Miriam, du kannst mich doch nicht alleine lassen.“ Und fühlt ihren Puls. Er sagt: „Wir sind doch ein Team.“ Aber da ist kein Puls. Kein Leben mehr. Er sagt: „Miriam.“ Und küsst sie auf die Wange. Sie ist tot. Kapitel 16 Kramer zieht sich die benzingetränkte Jeans an, T-Shirt, Pulli, Socken, Schuhe, Jacke. Sahl liegt wimmernd am Boden, Blut läuft aus seinen Knien. Kramer setzt sich den Rucksack auf und steckt sich auch das Zippo noch ein, bevor er das Zimmer verlässt. Auf dem Flur macht er noch einmal kehrt, geht zurück zu Sahl, der ihn fragend anschaut, kein Grinsen diesmal mehr, und schießt ihm eine Kugel in den Kopf. *** Der gesamte untere Bereich des Hauses schwimmt in Benzin. Er schaut, ob der Schlüssel für den Z8 noch im Rucksack ist. Ist er. Er lässt den Wagen an und fährt ihn zwanzig Meter vom Haus weg. Er steigt aus, den Motor lässt er laufen, und geht zurück zum Haus, das Zippo in der Hand. Vor der Tür verläuft eine dünne Benzinspur, rund fünf Meter ist sie lang. Er zündet sie an und schaut der kleinen Flamme einen Moment zu, langsam wandert sie gen Haus, lustig flackernd. Als sie die Hälfte des Wegs zurückgelegt und sich von einem Babyflämmchen in einen ungestümen Teenager verwandelt hat, auf den eine große Zukunft wartet, rennt er zum Auto zurück. Er ist noch nicht ganz am Fuß des Hangs, als er den Schlag hört. EPILOG Heiligabend 2028. Kramer ist seit einem halben Jahr tot. Er hat seine eigenen Nachrufe zu lesen bekommen. Sie sind sehr freundlich gewesen, in der Zeit haben sie sogar noch einmal seine Londoner Doppelbuchreihe gerühmt. Die Hintergründe des Feuers von Ettikon bleiben unklar. Und dass kurz nach dem Eintreffen der Feuerwehr auch ein Sondereinsatzkommando der Polizei am Haus Franz-Heiner Sahls angerückt ist, hat keiner gesehen. Kramer hat sich damals am Ende wieder für ein Boot entschieden. Den Z8 hat er in Überlingen geparkt, und als er bei einem Spaziergang am Ufer einen jungen Mann mit einem Schnellboot sieht, der ihn an Jamie erinnert, bietet er ihm tausend Euro für eine Nachtpartie über den Bodensee. Der See wird patrouilliert, aber sie fahren ohne Licht und schalten, wann immer andere Boote in ihre Nähe kommen, den Motor aus. „Du“, sagt Kramer, als sie an einer dunklen Stelle bei Frasnacht ans andere Ufer kommen, „ich hab ganz vergessen, dass ich nur Englische Pfund hab. Die stehen aber 1 für 2, und ich geb dir trotzdem tausend.“ „Cool“, sagt der Jüngling, „mein Vater ist eh Banker, der tauscht mir die um.“ *** Heiligabend. Und Kramer geht in den Gottesdienst. Die Kapelle in Wiesenberg liegt er nur eine knappe Stunde Fußmarsch von seinem Haus in Dallenwil, am Osthang des Stanserhorns, nicht weit vom Vierwaldstättersee. Während dem Gottesdienst muss Kramer an die Pastorentochter Merkel denken. Einmal hat er sie selbst interviewet, im Dezember 2025 war das, für ein Buchprojekt mit dem Titel Romantik & Zukunft, rund zwei Monate nach der Wahl, die ihr die sechste Amtszeit beschert hat, rund zwei Monate vor ihrem Tod. Die Kanzlerin hat ihn in ihrer privaten Wohnung Am Kupfergraben empfangen und serviert selbstgebackene Plätzchen. „Das musste mal wieder sein“, sagt sie und schenkt ihrem Gast eine Tasse Filterkaffee ein. Sie sprechen vor allem über Richard Wagner, und Merkel zitiert eine arkane spieltheoretische Studie über dessen Oper Lohengrin, die sich mit der Frage beschäftigt, warum Elsa, die junge Braut Lohengrins, die verbotene Frage nach dessen Identität stellt. Der Artikel zeige, dass es dabei nicht einfach um Elsas Ungewissheit ginge, sondern um die Ungewissheit der Gewissheit. „Es reicht nicht,“ sagt sie, „dass wir wissen, dass Elsa unschuldig ist, entscheidend ist, dass alle wissen, dass sie wissen, dass sie es ist. Das ist bei allem Guten so, es ist nie genug, dass wir wissen, was richtig ist, wir müssen immer sicherstellen, dass alle es wissen. Es geht um gemeinsames Wissen. Und ich glaube, da sind wir auf einem guten Weg.“ Kramer hört das noch genau, den leicht schnarrenden Klang ihrer Stimme, mit der sie den „guten Weg“ beschwört. Danach kommt sie auf den Ring, in dem sich nicht minder relevante Fragen für unsere Zeit stellten, insbesondere hinsichtlich der Modernisierungsfähigkeit einer Gesellschaft, die durch vielfältige Verbote eingeschnürt sei, dem Hintergrund einer durch unzählige Verträge scheinbar gebundenen Politik, fährt sie fort, deren Vertreter sich haben korrumpieren lassen, die schulden- und schuldbelastet seien. Sie spricht von Wotans Selbstüberschätzung und Siegfrieds Scheitern. „Die Torheit eines Parsifals hilft halt nicht immer“, sagt sie und kommt schließlich auf Brünnhilde zu sprechen, die „modernste aller Frauenfiguren in der Oper des 19. Jahrhunderts“, die sie einmal dargestellt gesehen habe als Selbstmordattentäterin, nicht ganz fair aber auch nicht ganz ohne, es komme eben auf die Perspektive an, aus der man eine Gesellschaft betrachte, und die Hoffnung, die man hege für Wiedergutmachung und Reform. Am Ende sähe sie den Ring als immer noch gültige Warnung vor dem, was passieren könne, wenn man von einmal begangenen Fehlern in Zeiten der Umwälzung nichts mehr wissen wolle. Und man von jenen umringt sei, die nur allzu gerne zündelten. Ihrem Ende eilen sie zu, wisse Loge schon im Rheingold, die so stark im Bestehen sich wähnen. *** Am Abendmahl nimmt er nicht teil, bemerkt aber zu seinem eigenen Erstaunen, dass er mitanfängt zu singen, als die Gemeinde Steht auf, ihr lieben Kinderlein anstimmt. Ihm ist unklar, woher er den Text kennt, aber später fällt es ihm ein, er hat ihn in einem seiner Doppelbände abgedruckt, Liturgie & Pamphlet. Der Morgenstern mit hellem Schein/lässt sich frei sehen wie ein Held/und leuchtet in die ganze Welt … Auf seinem Weg zurück fällt der erste Schnee des Winters, und er denkt, wie er die Flocken landen sieht, an seine beiden Transgressionen in Ettikon, zunächst im Bett mit Miriam, der Frau seines besten Freundes, dessen Leiche mal eben gerade kalt war, ein wenig später davor, der Schuss in die Stirn eines hilflosen Mannes … Waren das Philia und Caritas, wie er sich versucht hat einzureden? Oder doch Eros und Nemesis? Oder womöglich alle vier gemeinsam? Und er fragt sich, ob er die Antwort darauf je finden wird, oder ob sich eine Hülle der Beruhigung, wenn schon nicht des Vergessens über seine Erinnerungen legen wird, so sanft wie der Schnee auf die frisch gemähten Wiesen jetzt? *** Er wohnt in einem Haus, das wie das in Eldingen seinem Anwalt Biedermeyer gehört. Biedermeyer ist der einzige, der weiß, dass er noch am Leben ist. Er hat ihn noch am Morgen aus Frasnacht angerufen, aber zunächst geht nur das Band ran, auch gut. Er sagt, der Z8 stehe unversehrt in Überlingen, die Schlüssel kämen per Post. Keine zwei Minuten später und sein englisches Handy klingelt, dessen Ladung jetzt wirklich bald abtelefoniert sein muss. „Mensch, Kramer, Sie leben!“ begrüßt ihn Biedermeyer. Sie hecken noch gleich am Telefon einen Plan aus. Er werde Kramer an einen alten Freund vermitteln, der eine Zürcher Anwaltskanzlei in der fünften Generation führe und außerdem die Schlüssel zu seinem Bauernhaus in Dallenwil habe. Sein Freund werde ihm auch helfen, eine neue Identität aufzubauen, samt Schweizer Pass, das sei gar kein Problem. Das nennt Kramer mal ein Angebot, und er muss nicht lange zögern, um es anzunehmen. Ein paar Tage später heißt er Stephan Bühl. *** Einen knappen Monat nach seiner Landung in der Schweiz und Biedermeyer ruft ihn in Dallenwil an, wo er sich in dessen Haus eingenistet hat, der Schweizer Pass ist gerade angekommen. Biedermeyer berichtet, Sahl habe noch eine Leiche im Keller gehabt, jedenfalls habe die Polizei neben den Überresten von Herrn Sahl und Frau Thorbald noch Hinweise auf einen dritten menschlichen Körper gefunden, der sich zum Zeitpunkt des Feuers im Keller des Hauses befunden haben müsse, dessen Identität man aber im Gegensatz zu der Miriams und Sahls nicht mehr habe feststellen können. Im Keller sei das Feuer so lange so heiß gewesen, dass selbst der extrem harte Zahnschmelz der dritten Person desintegriert sei, keine Chance mehr zu sagen, um wen es sich dabei gehandelt habe. Was ihn auf eine Idee gebracht habe. Wie es wäre, wenn er, Biedermeyer, sich bei der Polizei meldete, um zu sagen, dass Kramer ihn an jenem Morgen aus Sahls Haus angerufen habe – er sei an dem Tag in einem Moskauer Hotel gewesen, da gäbe es keine Chance, die Wahrheit seiner Behauptung anhand von Telefonverbindungen zu prüfen. Kramer habe ihm gerade von seinem und Miriams Aufenthalt in Sahls Anwesen erzählt und exakt um halb neun sei die Verbindung abgerissen. Er habe sich dabei zunächst nichts gedacht, aber jetzt, da er von Miriam Thorbalds Tod in Ettikon gehört habe und der dritten Leiche, habe er eins und eins zusammenzählen können. Die dritte Leiche müsse wohl die Martin Kramers sein … Außerdem, fährt Biedermeyer fohrt, habe er auch noch einen Plan, der Kramers, oder solle er sagen, Stephan Bühls finanzielle Sicherheit langfristig sicherstellen könne. Er habe einen jungen unbescholtenen Freund, dem absolut zu vertrauen sei, und würde vorschlagen, ein Testament zu produzieren, dass den jungen Mann als Kramers Alleinerben ausweise. Er habe auch schon einmal ganz vorsichtig vorgefühlt, und er glaube, der junge Mann sei mit einem Cut von 10% zu überzeugen, drei vier Millionen, der junge Mann müsse gar nicht so genau wissen, wie viel Kramer wirklich auf der hohen Kante habe, oder besser: gehabt habe – er werde sich einfach selbst zum Verwalter eines Trusts einsetzen, über den das Erbe dann laufe, was ihm erlauben würde, Kramer, nein: Bühl über seinen Zürcher Freund, der ihm auch den Pass besorgt habe, mit regelmäßigen Schecks zu versorgen. Bei jedem anderen hätte das wie der Versuch einer miesen Abzocke geklungen, aber Biedermeyer hat ihm P2 und Dom 54 in den Kühlschrank gelegt und ihm seinen Z8 ausgeliehen. *** Nachdem er sich von Mantel und Stiefeln befreit hat, zündet er den Kamin an und schaltet den Fernseher ein. Es läuft eine Aufzeichnung der Weihnachtsansprache des Deutschen Bundeskanzlers. Man befinde sich in einer ‚Zeit großen Wandels‘, in der es mehr als je zuvor gelte, sich ‚der christlichen Werte‘ zu besinnen, er erinnere sich an ein Weihnachtsfest, bei dem er unter dem Tannenbaum gedacht habe, dass seine Schwester die besseren Geschenke bekommen habe, kurz habe er Neid verspürt, aber dann die Freude seiner Schwester gesehen, die ihm selbst eine Freude bereitet habe wie kein materielles Geschenk, das ihm jemand hätte machen können. Der gesellschaftliche Umbau, dem sich Deutschland verschrieben habe, sei ein solches Geschenk und schreite mit großen Schritten voran. Dass ein derartiges ‚revolutionäres Unterfangen‘ nicht immer unschmerzlich vonstattengehen könne, verstehe sich dabei ‚von selbst‘. Über viertausend Hinrichtungen habe das Land in diesem Jahr mit anschauen müssen, ‚kein schöner Anblick‘, aber bevor es weniger würden, würden es sicher erst noch einmal mehr werden müssen, gewiss über die nächsten beiden Jahre noch, es gäbe schlicht ‚zu viele Feinde des Friedens‘, aber der Frieden locke am Horizont, er sei ‚das Versprechen Jesu‘, an dessen Geburt wir heute alle dächten, und dessen Geburt uns daran erinnere, was es auch heiße ‚deutsch zu sein und aufrecht und friedenliebend‘. „Auf einen guten Heiligabend und gutes Gelingen!“ schließt der Kanzler seine Ansprache. *** Kramer schenkt sich einen Whiskey ein, zu dem er sich noch eine Zigarette gönnt. Sein Abendritual seit Monaten. Tagsüber hat er das Rauchen aufgegeben. Beim dritten Zug fällt ihm das Packet ein, das der Schweizer Postbote am Morgen geliefert hat. Ein Weihnachtsgeschenk von Biedermeyer. Er öffnet die Box, darin eine zweite, 30 x 30 x 30 Zentimeter groß und in Geschenkpapier gewickelt, daran eine Karte in einem Umschlag, auf dem goldene Weihnachtssterne prangen. „Mein lieber Freund“, entziffert Kramer Biedermeyers sehr ebene aber leicht idiosynkratische Handschrift, „ein Gruß aus den Kellerregalen des Town Halls! Wirklich ein formidables Hotel, das ich, auch wenn Ihre Erinnerungen daran sehr traurige sind, einmal besuchen musste. Sie werden gleich sehen warum. Ich wünsche Ihnen von Herzen ein Weihnachten, das der Inhalt dieses Päckchen vielleicht ein wenig froher macht. Fast bin ich davon überzeugt … Ich denke an Sie beide, Ihr HB.“ Kramer löst die Tesastreifen, ganz vorsichtig, wie es ihm einst seine Mutter beigebracht hat, damit man das Papier noch einmal verwenden kann, dann öffnet er den Karton darunter, der mit nur einem Tesastreifen verschlossen ist und klappt ihn auf, um aus der Holzwolle einen kleinen blauen Elefantenrüssel aus Frottierstoff ragen zu sehen. *** Erster Weihnachtsfeiertag 2028. Es hat die Nacht durchgeschneit, und alles ist weiß, und weiß ist auch sein Herz. Monsieur Bleu hat ihm die lange Trennung nach kurzem Schmollen verziehen, und er spürt eine Energie in sich wie zuletzt nur an der Seite Miriams. Außer Monsieur Bleu hat er so ziemlich alles verloren. Auch das Dokument, für das Miriam ihr Leben gelassen hat. Erst nach der Landung des Boots in Frasnacht hat er wieder an Zuses Protokoll gedacht und in seine hintere Hosentasche gefasst. Aber sie ist leer. Sahl muss die Papiere, bevor er die Jeans in Benzin getränkt hat, gefunden und an sich genommen haben. Jetzt sind sie verbrannt. Aber er erinnert sich natürlich an ojk2xyz@gmail.com und an das Passwort Celine2024, nur dass das Konto nicht mehr existiert, als er sich, nachdem er Biedermeyers Haus in Dallenwil bezogen hat, auf dessen Rechner einloggen will. Über VPN versteht sich, das hat er gelernt. Aber es nutzt nichts, denn, klar, Google verschickt Emails über Log-in Versuche von fremden Rechnern, und eine solche muss Bründlmayr erreicht haben, nachdem sich Miriam in sein altes Konto gehackt hat. *** Selbst seinen Namen hat er verloren. Aber nicht seine Sprache. Er bricht mit seiner Regel und raucht eine Morgenzigarette mit einem doppelten Espresso auf der Terrasse vor dem Haus mit Blick zum Berg. Alles weiß, alles frisch. Mit einem schlechten Reim könnte man sagen, sozusagen jungfräulich. *** Er schnippt die Zigarette in den Schnee, wo sie einen kleinen schwarzgelben Fleck hinterlässt, geht zurück ins Haus, macht sich eine Flasche Krug auf und setzt sich an die altmodische Schreibmaschine, die in dem kleinen Eckzimmer steht, das einen Blick auf das 1.898 Meter hohe Stanserhorn gebietet. Er spannt ein Blatt Papier in die Maschine. Und tippt, weil er es Peter und Miriam schuldig ist – „Was zeigen die privaten Fernsehsender, wenn ARD und ZDF eine Hinrichtung übertragen?“